Was ist „altrussische Literatur“

Hans Rothe

Ludolf Müller

in dankbarer Verbundenheit

 

Vorbemerkung

 

 

Die vorliegende Studie schüttelt die Fesseln eines Vortrages nicht völlig ab. Sie will Voraussetzungen und  Grund für eine historisch angemessene Betrachtung des ältesten Schrifttums bei den Ostslaven geben, keine Literaturgeschichte. Ich habe mich deshalb nicht so sehr um Vollständigkeit und  Erklärung der Werke bemüht, die behandelt werden könnten, als um die erkennbaren historischen Grundlagen.

 

Die Literaturgeschichtsschreibung hat selten solche Voraussetzungen und  Grundlagen ihrer Darstellung bibliographisch gesichert und  noch seltener Überlieferung und  Erforschung der Werke dokumentiert. Das macht sie aber, jedenfalls für ältere Zeit, frag-würdig und , wie die Entwicklung zeigt, schon nach kurzer Zeit anfechtbar, ja unglaubwürdig. Das zeigt gerade die großartige und  bis heute lehrreiche Darstellung von Tschižewskij (1948, noch mehr 1960), die für uns alle ein Grundbuch war. Eine solche Sicherung wollte ich daher erreichen, ohne auch hier vollständig sein zu können.

 

Die Literaturgeschichtsschreibung nicht zu berücksichtigen, geht nicht. Sie ist deshalb in die Darstellung einbezogen, und  das ist vielleicht zu breit geraten. Doch wie sollte anders eine Umwertung, wo man sie für nötig hält, einleuchten? Und es zeigt sich dabei, daß es „die altrussische Literatur“ war, die in unsrer geistig unsicheren Zeit in dem so fest und  gläubig mit seiner Literatur lebenden russischen Volk seinen Fachgelehrten zum Schicksal, oft Verhängnis wurde, wie in kaum einem anderen europäischen Kulturvolk. So ist die Arbeit der Gelehrten zum Schicksal der Sache selbst geworden. Aus diesem Grund habe ich Mühe darauf verwandt, auch über die Gelehrten das Nötigste mitzuteilen.

 

Der Mängel der Arbeit bin ich mir bewußt. Zwei will ich nicht verschweigen. Das Thema war die Schriftlichkeit, und  ich möchte nicht dahin mißverstanden werden, daß mündliche Literatur kein Gegenstand für die Literaturgeschichte sei oder gar überhaupt nicht existiert habe. Doch ist das ein anderes Thema. [*]

 

 

*. Zu dem Problem jetzt Angelika-Benedicta Hirsch, Märchen als Quellen für Religionsgeschichte? Ein neuer Versuch der Auseinandersetzung mit den alten Problemen der Kontinuität oraler Tradition und  der Datierung von Märchen (Europäische Hochschul-Schriften III 802), Frankfurt a. M. Berlin u. a. (Lang), 1998; mit ausführlicher Besprechung der Forschungsgeschichte.

 

 

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Es muß auch der Grundsatz unbedingt gelten, daß der sichere Boden für alles die schriftliche Überlieferung ist, auch für die mündliche Volksliteratur, nicht umgekehrt. Es ist daher unendlich viel schwerer, vorschriftliche mündliche Literatur zu erschließen. Das große Vorbild ist das fünfbändige Lexikon „Slavjanskie drevnosti“ (Slavische Altertümer) von Nikita Il’jič Tolstoj (1923-1995), Bd. I, M. 1995. Das konnte hier nicht geleistet werden.

 

Es wäre richtig gewesen und  entspricht meiner Vorstellung einer Literaturgeschichte der ältesten ostslavischen Zeit, in ihr jeweils die Quellen in der griechischen Literatur zu dokumentieren, wo erforderlich auch in der nordischen, lateinischen und  tschechischen. Das konnte nur in Einzelfällen geschehen. Anders hätte es die Sache unförmig gemacht, und  es gehört auch nicht hierher. Wiederum geht es um die Skizzierung der Voraussetzungen. Eine Quellenkunde sollte nicht entstehen; sie muß solche Belege enthalten.

 

Ich sehe voraus, daß Liebhaber der Literatur, und  auch der so eindrucksvollen ältesten Literatur der Ostslaven, Anstoß an Ergebnissen oder an der skeptischen Methode nehmen können. Wem Schriftzitate etwas sagen, der könnte vielleicht an den Apostel Thomas erinnern, der erfahren will, bevor er glaubt (Joh. 20,25). Wer ihn zum Patron der Wissenschaft machen wollte, machte freilich zugleich ihre Grenze deutlich. Und da es kaum jedermanns Sache ist, Sohn des Thomas zu sein, so sagt man einfacher: Natürlich ist nationales Literaturverständnis erforderlich; daß das Besondere anders nicht zu fassen ist, hat die Romantik gelehrt. Doch verlangt es zureichende Gründe. Wo diese die Skepsis widerlegen, sind sie erwünscht.

 

Lür die bibliographische Dokumentation und  bei der Beschaffung der Literatur habe ich vielfältige Hilfe erfahren. Ich nenne besonders: Staatsarchivdirektor Dr. Lriedrich Benninghoven - Berlin, Otec Boris Danilenko - Moskau, Prof. Dr. Günter Jakobs - Bonn, Dr. K. Ju. Lappo-Danilevskij - Sankt Petersburg, Lrau Angelika Lauhus MA - Köln, Lrau M. A. Momina - Sankt Petersburg, Prof. Dr. D. Ludolf Müller - Tübingen, Prof. Dr. Peter Schreiner - Köln, Prof. Dr. Rainer Stichel - Münster sowie die Mitarbeiter der Bonner Arbeitsstelle der Patristischen Kommission. Ihnen allen sowie den Vielen, die mich in Gesprächen förderten, danke ich aufrichtig.

 


 

My objazany monacham našej istorieju,

sledstvenno i prosveščeniem.

Puškin

 

Einführung

 

 

Erste Voraussetzung dafür, daß wir nicht nur von einer Literatur.; sondern auch von ihrer Geschichte sprechen können, ist der Nachweis der Schriftlichkeit in einem Lande über einen genügend langen Zeitraum.

 

Als älteste Schriftregionen unter Slaven können wir Mähren für das späte 9. Jahrhundert annehmen, und  Bulgarien ist für das 10. Jahrhundert belegt. Es folgen Gebiete der Ostslaven im 11. Jahrhundert, und  die russische Literaturgeschichtsschreibung setzte vor 160 Jahren mit der stolzen Feststellung ein, daß in ältester Zeit „nicht ein einziges westslavisches Volk über einen solchen Reichtum an Denkmälern in einer eigenen slavischen Literatursprache verfügt, wie das russische.“ [1]

 

Die unausgesprochene Voraussetzung dieser Feststellung: eigene slavische Literatursprache, ist eine Denkposition der späten Romantik, aus der sich die Auffassung von der Nationalliteratur entwickelte, die bis heute, jedenfalls unter Slaven, gilt. Aber natürlich hat jede westslavisch besiedelte Region, von den Ostseeslaven bis nach Istrien und  Dalmatien, eine lateinische Schriftlichkeit, z. T. auch eine deutsche oder romanische, die dem Alter der ostslavischen gleichkommt oder es übertrifft.

 

Wir können das hier auf sich beruhen lassen und  erwähnen es nur, um festzuhalten, daß es für unsre Zwecke um Schriftlichkeit geht, und  daß es sich auf russischem Boden [2] um südslavische, griechische und  ostslavische Schriftlichkeit handelt; in späterer Zeit in Novgorod und  Smolensk wohl auch um lateinische und  mittelhochdeutsche.

 

 

1. M. A. Maksimovič, Istorija drevnerusskoj slovesnosti, Kiev 1839; 2. Aufl. in ders., Sobr. Soč., Kiev 1880, S. 346-472, hier: 350. Zu ihm vgl. hier Anm. 18.

 

2. Wenn in Zukunft von russischem Boden gesprochen wird, so ist das Siedlungsgebiet der Ostslaven gemeint. Dazu vgl. die Karte 1. Über die Bedeutung des Ausdrucks russkij, Rußland, s. B. 5; S. 29 f.

 

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