Was ist „altrussische Literatur“

Hans Rothe

 

G. Ergebnisse

1. Abhängigkeit und  Eigenes  74

2. Was ist „altrussische Literatur“?  77

 

G. Ergebnisse

 

Was muß man aus all dem für die literarischen Landschaften der Kiever Rus’, für ihre geistige Form schließen?

 

 

1. Abhängigkeit und  Eigenes

 

Anders als alle Literarhistoriker und  Literaturwissenschaftler schrieb der Kirchenhistoriker Golubinskij 1901:

 

 

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„Wir bekamen mit <den (anderen) europäischen Völkern> ein und  dasselbe Christentum <...> Doch das unterscheidende Merkmal und  die allgemeine Zugehörigkeit der Völker <zu Europa> war dies, daß sie geistige Bildung (prosveščenie) hatten. Warum blieben nur wir allein in ihrer Familie ohne diese geistige Bildung? <...> War das unsre Verantwortung oder nicht? Es wäre angenehm und  wünschenswert, mit ruhigem Gewissen entschieden ,nein‘ antworten <zu können>; leider können wir, ohne uns in der Seele zu verbiegen, so zu antworten keine Möglichkeit finden.“

 

Und weiter: Der Westen

 

„wurde Erbe des Weströmischen Imperiums. Herausgefordert, die Verpflichtung auf sich zu nehmen, zum Wiedererwecker und  Fortsetzer dieses Imperiums zu werden, hat er das in der Person Karls des Großen auch wirklich getan, und  er hatte seine Verpflichtung auf sich zu nehmen, sich um das Wichtigste zu kümmern, was ihm von Rom überkommen war, eben die geistige Bildung. <...> Die Griechen aber hatten die Barbaren, die das Christentum von ihnen annahmen, sich nicht <so> verbunden, <wie Rom> <...> Wir waren auf die Übernahme <sc. der Rolle als Fortsetzer der geistigen Bildung auch bei einem früheren Fall Konstantinopels> nicht so vorbereitet, wie der Westen es war. <...> Das östliche Imperium lebte ganz für sich allein <...>. Wir waren Anhang <des östlichen Imperiums>, gänzlich äußerlich und  sozusagen zufällig, waren nur etwas Angefügtes, das gar keinen historischen Sinn und  Bedeutung hatte. Wir haben uns also um geistige Bildung nicht gekümmert und  fanden es möglich, auch ohne sie zu leben.“ [258]

 

Und an anderer Stelle lakonisch: der Grund sei „unsere Trägheit“ (S. 288 kosnost').

 

In dieser seltsam gewagten Beurteilung der Verhältnisse erkennt man sogleich, wie tief sie von der russischen Geschichtstrauer des 19. Jahrhunderts durchdrungen ist. So etwas hatte nach der Revolution freilich keinen Platz mehr. Ungerechte Übertreibung ist auch wirklich leicht zu fassen. Man denke an die Rede des Metropoliten Ilarion, der sein Land als Kind der göttlichen Gnade sah, das nicht mehr nach dem Gesetz, das Barbaren und  Bürger trennt, angesehen wird, sondern eben durch Gnade unter die Erleuchteten aufgenommen ist. Oder an den Bischof Simon von Vladimir, der in sein heimatliches Höhlenkloster schreibt, es sei ihrer aller Heimat, sogar an seiner Schwelle seien sie wie im Paradies, unmittelbar mit Gott verbunden. Man denke auch an die Staunen erregende geistige Kraft russischer Mönche, die in den folgenden Jahrhunderten über die Flüsse und  in die Wälder vordrangen und  das nördliche Rußland erschlossen, das dadurch geistiger Wurzelboden des Landes bis zu Peter d. Gr. wurde.

 

 

258. Golubinskij I 1, 713-719.

 

 

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Und doch war es richtig, was Golubinskij vorbrachte. [259] Entkleidet man seine Gedanken der natürlichen nationalen Emotionalität und  führt sie auf historische Grundgegebenheiten zurück, so wird man sagen dürfen:

 

Vor der Annahme des Christentums hatten Slaven in ihrer Existenz keine eigene Geschichte. Als sie aber in die Geschichte eintraten, lebten sie in einer Welt, die vom römischen Imperium ihre historischen Formen schon hatte, im Westen wie im Osten. Waren sie auf römischem Boden (Südslaven, später Tschechen, Elb- und Ostseeslaven, auch Ungarn), so lebten sie nicht in geschichtsfreien, sondern in vorstrukturierten Verwaltungsräumen, und  ihre Hauptzentren lagen meist außerhalb ihrer Siedlungsgebiete. Lebten sie außerhalb (Polen und  Ostslaven), so waren sie im Vorfeld des Imperiums, wieder im Osten wie im Westen. Und auch sie waren immer abhängig von den beiden Imperien. Geschichte der Slaven im Mittelalter, „das war niemals autonome und  freie Entwicklung nach eigener Art. Sie konnten nie frei sein von den Entwicklungsbedingungen, die von den Imperien vorgegeben wurden.“ [260]

 

Diese Bedingungen können an Stärke oder Schwäche des Imperiums abgelesen werden und  entsprechend an den Fühlern, die Slaven immer nach Westen ausstreckten, um Freiraum zu gewinnen, auch von Kiev und  Novgorod aus. So lernen wir z. B., daß es im 9. Jahrhundert das Großmährische Reich gegeben und  daß im 10. (Russen sagen: im 9.) Jahrhundert ein Kiever Staat oder das Kiever Reich geherrscht habe. Das ist verständlich und  natürlich. Es verschiebt aber den Standpunkt, wie er im Lauf der Geschichte entstanden ist, an ihren Anfangspunkt. Und das geht nicht. Der Standpunkt für den Anfang muß doch wohl da sein, wo die Quellen entstehen und  wo Geschichte sich bildet. Das Großmährische Reich - was war es Anderes als ein Zerfallsprodukt des Fränkischen Reiches? Dessen Wiedererstarkung oder unvorgesehene Katastrophen, Landnahme der Ungarn oder bei den Ostslaven der Mongolen, machten der Sache ein Ende. War auch der erste Staat der Bulgaren etwas Anderes, als ein Schwächeprodukt des byzantinischen Reiches? Als dieses noch einmal erstarkte und  sich auf seine Lage besann, war es für lange Zeit vorbei. Und auch das sog. Kiever Reich - hat es vor dem 15. Jahrhundert sich jemals dazu erheben können, gegenüber der sakralen Würde des Imperiums einen Staat aus eigenem Recht und  eigener Idee zu behaupten?

 

 

259. Die Frage ist aufgenommen von Georges Florovsky, The Problem of Old Russian Culture, in: Slavic Review XXI 1962, S. 1-15, hier 8-10.

 

260. Das Vorstehende vom Vf. zuerst ausgeführt: Slavia Latina in the Middle Ages between Slavia Orthodoxa and the Roman Empire (the Pope and the Emperor), in: Cultura letteraria medievale slava fra Bisanzio e Roma: prospettive di ricerca (Atti del convegno di Castel Ivano 24-25 settembre 1993), Rieh. Slav. Bd. 42, 1995, S. 75-87; Zitat S. 81.

 

 

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War es nach Verfassung und  Gesinnung je etwas Anderes als ein Familienbund, den Handelsinteressen äußerlich zusammenhielten und  Bruderkämpfe von Anfang an und  in steigendem Maße gefährdeten? Und dann kamen die barbarischen Mongolen, und  auch mit diesem Staatswesen war es fast aus. Es blieben freilich im Nordwesten Novgorod und  im Südwesten Galic/Volynien mit ihren Westbindungen, die sich nun verstärkten. Die Parallelen zwischen Mähren und  Kiev sind auffallend.

 

War die Rus', auf seine Schriftkultur hin angesehen, wirklich mehr als eine byzantinische Kirchenprovinz, abhängig in ihrer Bildung von dem Missionswillen und  der geistigen Ausstrahlung in Konstantinopel und  dazu von der Bereitschaft, sich durch diese befruchten zu lassen? Gewiß waren mit einer ostslavischen Schriftkultur die Keime zu einer russischen Literatur gelegt, und  es bildeten sich eigene Institutionen, eine eigene Landesidee. Aber die Stimme, die „Russen“ nun in „eigener Literatursprache“ erhoben, war ihnen von Byzanz und  vom byzantinisierten Bulgarien gegeben.

 

Es scheint, erst wenn man, diesseits des romantischen Nationaldenkens, diesen Standpunkt des Anfangs versucht zu bestimmen, daß beide Fälle, das westslavische Mähren wie die ostslavische Rus’, darüber hinaus lehrreich werden. Ursprünglich liegen beide außerhalb des Reichsbodens, das eine, Mähren, unmittelbar an der Nordgrenze, das andere, die Rus’, weit über sie hinaus. Durch die Christianisierung werden sie einbezogen, werden nicht nur politisch in das Geflecht der Abhängigkeitsbeziehungen des Imperiums einbezogen, sondern geistig an dessen Quellen geführt. Und indem sie Zugang zu den Quellen gewinnen, sehen sie sich auf eigenen Boden gestellt. Es entsteht - paradox genug in Übersetzung und  Nachahmung - etwas Eigenes, das sich jenseits der Grenzen des Imperiums anfängt zu behaupten und  selbständig zu entwickeln. Nur in der angenommenen Tonlage wurde gesungen, fand man seine eigene Stimme.

 

 

2. Was ist „altrussische Literatur“?

 

Was also können wir unter „altrussischer Literatur“ verstehen? Die Ausbildung einer Schriftlichkeit in einigen kirchlichen Zentren, die in einigen Diözesen, Novgorod und  Kiev zuerst, später Galič, Smolensk und  Vladimir-SuzdaP, zu Schriftlandschaften wurden. Ausbildung einer gemeinsamen Kultsprache, die zwar auf der im Lande gesprochenen beruhte, ihre grammatische und  geistige Form aber von den byzantinisch gebildeten Südslaven übernahm. Diese Kultsprache rückte alles Geschriebene in ein Zwielicht, ließ es sakral, zugleich aber fremdartig und  nicht selten unverständlich erscheinen.

 

 

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Durchweg speisten sich die Ostslaven aus fremden Quellen und  waren auf auswärtige Zentren hin orientiert. Alles ruht auf Rechtsdokumenten, d. h. dem Versuch, eine Rechtsgrundlage für einen Staat zu finden, sowie auf der kanonistisch geregelten Liturgie, d. h. auf der schriftlich festgelegten Ordnung eines Gottesdienstes, der als einziges Element einheitlich seit dem Ende des 11. Jahrhunderts das ganze Land verband und  mit dem kirchlichen Recht als einziges auch nach dem Mongolensturm übrig blieb und  wirkte.

 

Diese Quellen, varägisch, griechisch, süd- und westslavisch, wurden slavisiert bzw. ostslavisiert. Eine systematische Entwicklung ist dabei nicht zu erkennen. Die Weiterbildung der Schriftzentren zu Bildungszentren und  geistigen Kraftquellen, vor allem im Kiever Höhlenkloster und  in der Novgoroder Handelsrepublik, ist erkennbar, wurde aber nicht abgeschlossen. Sie blieben, mit Ausnahme des Höhlenklosters, lokale Zentren, auch wenn gemeinsame Kultsprache sie verband. Alles in allem - es ist die Ausbildung der Grundlagen für eine Literatur in verschiedenen Regionen in einheitlicher Sprache, nicht mehr.

 

Das ist freilich nicht wenig.

 

Comment [Assen Tschilingirov]: Обстоятелството, че различните руски народности не използват своя собствен диалект за създаване на литература, а един, макар и чужд, а за тяф дори изкуствен език – старобългарския – аз съвсем не считам за недостатък. Този език е единствената връзка между тъй различните руски етноси, той може да забавя развитието на собствен литературен език и този собствен език ще възникне чак през втората половина на ХVІІІ век, но ща доведе до светкавичното експлодиране на руската художествена литература след 1812 г. до началото на Първата световна война. И това съвсем не е малко!

 

Gegenüber dem Zustand vor der Christianisierung, als Vielsprachigkeit herrschte und  nicht mehr als Stammesleben und  Tributpflichtigkeit unter varägischer Fremdherrschaft erreicht war, als eine Schriftlichkeit, wenn sie denn existiert hat, keine Wurzeln schlug und  keine Spuren hinterließ, als keine Rechtsgrundlage erkennbar war, ging bis zum Zerfall des Kiever Reiches eine ungeheure Veränderung vor sich. Es war, wenn auch vorläufig nicht anders als in kaum verbundenen Einzelzentren, die Idee eines Ganzen entstanden, das diese einzelnen Zentren nicht nur durch eine Sprache in einem Land sich innerlich zu verbinden imstande schien, sondern sie instand setzte, ihre Existenz ins Große zu denken: der christliche Glaube in einem neuen Land, das unter christlichen Völkern vor Gott unmittelbar lebte und  das sich von Anfang an der Gefahr aus dem Osten zu erwehren hatte. Wiederum paradox genug, trat diese Idee ins allgemeine Bewußtsein erst in dem Augenblick, als die Herrschaften in diesem Land im Mongolensturm zusammenbrachen und  nun sämtlich (bis auf Novgorod und  Galic/Volynien) ihrerseits auf zweihundert Jahre tributpflichtig wurden. Von dieser Katastrophe ging eine einigende Kraft aus.

 

Die einzelnen Zentren, in ihrer äußeren Bindung an Konstantinopel, Jerusalem und  den hl. Berg Athos, und  in ihrer entstehenden inneren Verbindung, bildeten den Boden, aus dem im 14. und  15. Jahrhundert das russische Großfürstentum Moskau entstand. Dessen Schriftkultur und  geistige Eigenart waren freilich so reich und  so eingeschränkt wie die Wurzeln, aus denen sie wuchsen.

 

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