Was ist „altrussische Literatur“

Hans Rothe

 

E. Auswärtige Einwirkungen

1. Byzanz  62

2. Bulgarien  65

3. Böhmen  66

F. Ostslavische Zentren der Schriftlichkeit

1. Kanzleien?  68

2. Klöster  68

3. Kiev  70

    a) Das Höhlenkloster  70

    b) Schulen? Mönchtum  71

4. Novgorod; der Südwesten und  der Nordosten  72

5. Konstantinopel, Jerusalem, Sinai; Athos  73

 

E. Auswärtige Einwirkungen

 

Da nun auf allen Feldern der Anfang der Schriftlichkeit bei den Ostslaven mit Übersetzungen begann, d. h. mit Handschriften, die aus Bulgarien oder Griechenland auf ostslavischen Boden verbracht wurden, so hängt viel, wo nicht alles davon ab, sich über diese Vermittlung Klarheit zu verschaffen.

 

 

1. Byzanz

 

Zuerst zu Byzanz selbst. Was war sein Interesse an dem nördlichen Vorland? [201] Gab es eine Mission? Daß byzantinisch getaufte Christen schon lange im Land waren, ist bekannt und  oft behandelt. Vor dem eigentlichen Durchbruch hat es jedenfalls zwei Versuche gegeben, das Land zu christianisieren (867 und  955). [202] Sie blieben aber erfolglos. Über die offizielle Taufe der Rus’ 988 schweigen die griechischen Quellen. Das kann man vielleicht so erklären, daß dieses Barbarenland in Byzanz als getauft schon galt, seit Patriarch Photios in einer Enzyklika 867 verkündet hatte, das Land sei friedlich geworden und  habe einen Bischof bekommen. [203] Aber jedenfalls belegt dies Schweigen, sozusagen beredt, daß von einer griechischen Mission oder auch nur Missionsabsicht bei Slaven keine Rede sein kann, wie in anderen Nebenländern des Reiches [204], oder, wie es der russische Kirchenhistoriker ausdrückte, „für slavische Bücher nährten die Griechen keine Zärtlichkeit“. [205] Die Entsendung eines Bischofs war jedesmal, wenn sie erfolgte, nur politisch bedingt. Sie galt der Sicherung des nördlichen Vorfeldes des Reiches.

 

 

201. Grundsätzlich dazu Fedotov (wie Anm. 3) I 21-41. - Levčenko 1956 (wie Anm. 94). - Dvornik, Ideas, 1956 (wie Anm. 100) S. 75-121. - G. Ostrogorsky, History of the Byzantine State, Oxford 1968. - A. Poppe, The Political Background to the Baptism of Rus’. Byzantine-Russian Relations between 986-89 in: Dumb. Oaks Pap. 30, 1976, S. 197-244.

 

202. Vgl. Migne PG Bd. 102, Nr. 32, 736D-737A. - B. Laourdas, G. L. Westerink (Hrg.), Photii patriarchae Constantinopolitani epistulae et amphilochia, Lzg. 1983, Bd. I Nr. 2, Zeile 293-305. - Poppe (wie vorige Anm.). - Hanak, Political Thought, 1976 (wie Anm. 94) S. 50. - Podskalsky 1982 (wie Anm. 14) S. 14 (Literatur). - Dimitri Obolensky, Ol’ga’s Conversion: The Evidence Reconsidered, in: HUSt XII-XIII 1988/89, S. 145-158 - Peter Schreiner, Miscellanea Byzantino-Russica, in: VizantVrem. 52, 1991, S. 151-160, hier: 154f. - Ders., Zum Bild der Russen in der byzantinischen Literatur, in: The Legacy of SS. Cyril and Methodius to Kiev and Moscow, Thessaloniki 1992, S. 417-425, hier: 418. - Podskalsky, Sakramente, 1993 (wie Anm. 36) S. 219-221. - Fennell 1995 (wie Anm. 40) S. 22f.

 

203. So Poppe 1976 (wie Anm. 201) S. 201.

 

204. Vgl. Ihor Ševčenko, Religious Missions seen from Byzantium, in: HUSt XII-XII 1988/89, S. 7-27.

 

205. Golubinskij I 2, S. 286: „Greki ne pitali ni malejšej nežnosti k slavjanskim knigam.“

 

 

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Weder gingen Missionare voraus, noch folgten sie [206], wie im karolingischen und  ottonischen Reich, nach Osten.

 

Von griechischen Autoren und  Hierarchen in Kiev war schon die Rede. Zwei Ausnahmen auf dem Metropolitenstuhl gab es: Ilarion (Mitte des 11. Jahrhunderts) und  Kliment von Smolensk († 1164). Beide waren wohl ostslavische Autoren von hohem Rang. Aber eine „slavische“ Tradition haben sie nicht begründet, und , so viel darüber auch schon geschrieben wurde, das war auch schwerlich beabsichtigt.

 

Der Fall des Ilarion scheint deswegen schwierig, weil es, außer der Chroniknachricht zu 1051, keine einzige, vor allem keine griechische Quelle gibt. [207] Aber eben dieses Schweigen der Quellen über die Erhebung des Russen zum Metropoliten, verglichen mit dem zweiten Fall, legt die Annahme nahe, „daß dieser Akt im Einvernehmen mit Byzanz vorgenommen worden ist“. [208] Es ist auch zu bedenken, daß Ilarion nach seiner Bildung „selbst Beziehungen zu Griechenland gehabt“ haben wird; „he was deeply Byzantine in his style and ethos.“ [209] Jedenfalls kann von einem kirchenpolitischen Konflikt nicht wohl die Rede sein. [210]

 

Das war im Falle des Kliment von Smolensk anders. Die Patriarchatsakten weisen aus, daß seine Erhebung zum Metropoliten im Jahre 1147 [211] nicht nur beim Patriarchen in Konstantinopel, sondern auch beim Bischof von Novgorod, dem Griechen Nephon, nachhaltigen Widerstand fand, und  1155 war die Sache beendet. Russische Fürsten selbst wünschten die Legalität, d. h. die Bestätigung durch den Patriarchen, und  die wurde offenbar nur für einen Griechen gegeben. Der Patriarch griff in Einzelfällen entschlossen durch und  nutzte dabei die Uneinigkeit der Fürsten und  Bischöfe aus. [212]

 

 

206. Vgl. auch Dietrich Gerhardt, Das Land ohne Apostel und  seine Apostel, in: FS für Dmytro Cyzevs’kyj zum 60. Geburtstag (Slavistische Veröffentlichungen des Osteuropa-Instituts an der FU Berlin), Wiesbaden (Ffarrassowitz) 1954, S. 121-141.

 

207. PSRL I 155, Anfang zu 1051. Die beste Erörterung bei Müller, Ilarion 1962 (wie Anm. 157) S. 1-11.

 

208. Müller 1962 S. 8.

 

209. Müller 1962, S. 2. - G. Florovsky, Reply, in: Slavic Review XXI 1962, S. 38.

 

210. So Podskalsky (wie Anm. 14) S. 37f.

 

211. PSRL I 315, Anfang zu 1147. O. V. Tvorogov in: Slovar’ S. 227. - Ob schon von einem „bedeutenden Schisma“ zwischen Kiev und  Byzanz geredet werden darf, so Podskalsky 1982, S. 47, erscheint doch hoch gegriffen.

 

212. Venance Grumel, Les regestes des actes du patriarcat de Constantinople. Bd. I: Les actes des Patriarques. Fase. I—II: Les regestes de 715 a 1206, Paris 1947; 2. Auflage 1989 revue et corigee parjean Darrouzes, S. 486 Nr. 1027 (zu 1149); S. 497f. Nr. 1040 (zu 1156); S. 511 Nr. 1056 (zu 1164/65). - Poppe, Reich der Rus’, 1980 (wie Anm. 94) S. 343: „Die Bezeichnung der altrussischen Kirche als Reichskirche ist also völlig begründet“ ist kaum begründbar; vgl. auch S. 340: Taufe 988 habe keine Abhängigkeit begründet. - Podskalsky 1982 S. 48f. - Fennell 1995, S. 46f.

 

 

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Als der Großfürst in Suzdal' einen eigenen Metropoliten haben wollte, verweigerte der Patriarch die Zustimmung [213], und  über den Kopf des legal amtierenden Metropoliten hinweg setzte er dort einen griechischen Bischof ein. [214]

 

So bedeutende Männer unter den griechischen Metropoliten in Kiev zuweilen waren, in Konstantinopel standen sie in der Rangfolge an 62., d. h. fast an letzter Stelle. [215] Für das Imperium war die Rus’ eine Kirchenprovinz im nördlichen Vorfeld, die unter Kontrolle gehalten werden mußte. Das war im 10. und  noch im 11. Jahrhundert nur mit Mühe gelungen.

 

Wie gefährlich für das Imperium die Lage war, zeigt das bulgarische Beispiel. Ein Blick auf die Landkarte macht das anschaulich (Karte 3). Der christliche bulgarische Zar hatte wirklich Selbständigkeitsbestrebungen entwickelt. Mit ihm sprang Byzanz anders um. Kaiser Nikephoros Phokas (963-969) schloß mit dem heidnischen Großfürsten Svjatoslav (946-972) in Kiev gegen sie ein Bündnis. Sein Nachfolger, Johannes Tzimiskes (969-976), zerstörte 971 den ostbulgarischen Teilstaat mit der Hauptstadt Preslav. Einer der Regenten wurde entmannt. Kaiser Basileios II. (976-1025) schlug 1014 den westbulgarischen Zaren Samuil (988-1014) und  ließ dessen 15 000 Krieger sämtlich blenden; nur jeder Hundertste behielt ein Auge, um eine Hundertschaft nach Hause zu führen. Samuil starb aus Kummer. Das westbulgarische Patriarchat Ochrid wurde 1018 aufgelöst, der Bischofssitz 1037 mit einem Griechen besetzt; der Gottesdienst des Bischofs wurde griechisch. Die bulgarische Gefahr war beseitigt.

 

Die „russischen“ Varäger hatten diese Gefahr vergrößert. Der griechische Zeitzeuge Leo Diaconus sah in dem Großfürsten Svjatoslav einen bitteren Feind. [216] Als er sich in Bulgarien festsetzen wollte und  seinen Sitz in Perejaslavec südlich der Donaumündung nahm, regte Byzanz die östlichen Petschenegen gegen ihn auf. Er mußte abziehen und  starb im Kampf. Es folgte, nach den üblichen Bruderkämpfen um die Nachfolge, unter dem Sieger, seinem Sohn Vladimir, 988 die „Taufe der Rus’“, und  nun erst schien die Gefahr im Norden gebannt. Eine Metropolie mit kirchlicher Administration konnte aufgebaut werden, die rechtlich dem Patriarchen in Konstantinopel unterstellt war, und  jedenfalls war es leichter, dadurch dieses Vorfeld unter Kontrolle zu halten.

 

 

213. Grumel/Darrouzes (wie vorige Anm.) S. 507-509 Nr. 1052 (zu 1161). - Podskalsky 1982, S. 46f. - Fennell 1995, S. 54.

 

214. Ebd. S. 526 Nr. 1084 (zu 1168/69)

 

215. Ebd. S. 430 Nr. 970 (zu 1101).

 

216. Zu Svjatoslav s. Hanak (wie Anm. 94) S. 51-54. Dort die Quelle in Leos Historia. - Poppe (wie Anm. 201) S. 213-215.

 

 

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2. Bulgarien

 

Wie war das Verhältnis der Ostslaven mit Bulgarien ? Wie bulgarische Handschriften zu den Ostslaven kamen, ist nicht entschieden. Früher stellte man sich das einfach vor. Vladimir und  Jaroslav hätten sich „unmittelbar an die Bulgaren“ gewendet. [217] Es wurde ein komplettes Bild vom „Einfluß des christlichen Bulgarien“ entworfen. [218] Danach sei eine regelrechte Mission, eine Art Entwicklungshilfe durch Priester und  Bücher vor sich gegangen (Speranskij S. 529). Diese sei dann mit dem Untergang Bulgariens zusammengebrochen. Dieses Bild, 1928 in der Prager Zeitschrift Slavia veröffentlicht, trägt das Signum der spätslavophilen Stimmung, die nach dem Kriege Auftrieb hatte. Sein Autor war immerhin so vorsichtig zu sagen, daß es Textzeugen nicht gebe (S. 530). Dennoch erfreute dieses Bild sich lange großen Zuspruchs und  wirkt wohl auch noch weiter. [219] Demgegenüber ist kürzlich festgehalten worden, daß die Sache ein Rätsel bleibe, „for lack of evidence“. [220]

 

Ganz rätselhaft ist sie aber wohl nicht. Die Missionshypothese mindestens kann man ausschließen: Was hätte Bulgaren veranlassen sollen, Kiev im 10. Jahrhundert missionarisch zu unterstützen, dessen Fürst Svjatoslav mit dem griechischen Kaiser gegen sie ein Bündnis geschlossen und  sie 967 mit Krieg überzogen hatte und  der sich anschickte, sich für dauernd im Lande niederzulassen? [221] Einleuchtender bleibt die umgekehrte Annahme: Nicht, als die Bulgaren noch eine staatliche Selbständigkeit hatten und  Kiev ein heidnischer Gegner war, konnten sie sich veranlaßt sehen, nach Norden zu gehen, sondern erst, als ihr Staat zerstört war und  ihnen gar nichts mehr übrig blieb, konnten sie genötigt sein, für eine eigene Schriftlichkeit noch eine Stelle zu finden.

 

Wenn diese Überlegung akzeptiert wird, so ist es in hohem Grade wahrscheinlich, beinah sicher, daß vor 1018/1037 bulgarische Geistliche mit slavischen Büchern in Kiev nicht erschienen sind. Das stimmt auch zu Angaben in der Chronik.

 

 

217. Golubinskij I 2, S. 287-297.

 

218. Speranskij, Otkuda, 1928/29 (wie Anm. 137) S. 525ff.

 

219. Die Bulgarenhypothese zuerst von Prisjolkov, Očerki, 1913, (wie Anm. 35) S. 1-76. - Hans Koch (1894-1959), Byzanz, Ochrid und  Kiev 987-1037. Zur 950. Wiederkehr des angeblichen Taufjahres (988-1938), in: Kyrios Bd. 4, 1938, S. 253-292. - Ders., Ochrid und  Byzanz im Kampf um die Christianisierung Alt-Reussens (Kievs), in: Bulgaria. Jb. d. Dtsch.-Bulg. Ges., Lzg. 1940/41, S. 143-149. - V. Nikolajev, Slavjanob”lgarskijat faktor v christianizacijata na Kievska Rusija, Sofia 1949. - Stökl, Geschichte, 1990 (wie Anm. 69) S. 63. - Podskalsky 1982, S. 21 Anm. 92, 25. - Zuletzt differenzierter A. A. Turilov, Bolgarskie literaturnye pamjatniki epochi Pervogo Carstva v knižnosti Moskovskoj Rusi XV-XVI vv. (Zametki k ocenke javlenija), in: Slavjanovedenie 1995 Nr. 3, S. 31-45. - Kirchengeschichtlich ist die BulgarenHypothese durch Ludolf Müller erledigt: Hierarchischer Status, 1959 (wie Anm. 39), S. 12-17.

 

220. Thomson, Bulgarian Contribution, 1988/89 (wie Anm. 40), S. 241.

 

221. Stökl S. 50-52. - Fennell S. 6-10, 25-31.

 

 

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3. Böhmen

 

Es müssen jedenfalls kurz, auch wenn sie hier nicht erörtert werden können, die Westbeziehungen der Rus’ zur Sprache kommen. Im Zusammenhang sind sie wohl nicht dargestellt worden, da die Süd- und allenfalls die Nordbeziehungen immer im Vordergrund standen. [222] Doch waren politische Verbindungen zum fränkisch-deutschen Reich von Anfang an neben die Handelsbeziehungen nach Süden getreten. Lateinische Quellen geben Auskunft. [223] Motive solcher nach Westen ausgestreckter Fühler werden wohl Versuche gewesen sein, in der Mächtekonstellation Unabhängigkeit zu wahren oder zu gewinnen. Das kann man für die Varäger vermuten, die zuerst 839, von Konstantinopel mit Empfehlung des Kaisers kommend, in Ingelheim erschienen; ähnlich für den Kontakt, den Olga nach ihrer Taufe (955) i. J. 959 mit Otto d. Gr. aufnahm; wie schließlich für die Hilfe, die der verdrängte Jaroslav-Sohn Izjaslav (1024-1078) bei Kaiser Heinrich IV. suchte. Vielfältige dynastische Heiratsbeziehungen kamen im 11. Jahrhundert hinzu, vor allem nach Polen und  Ungarn, aber auch nach Frankreich. Schließlich ist der Missionsversuch des Brun von Querfurt (ca. 974-1009) bei den Petschenegen 1007/8 zu erwähnen, der ihn vorher zu Großfürst Vladimir in Kiev führte. [224] Westbeziehungen müssen für das in der Rus’ ganz singuläre Statuenprogramm an der Demetrius-Kathedrale in Vladimir/Kl. (12. Jahrhundert) angenommen werden. [225]

 

 

222. Vgl. zur allgemeinen Orientierung Stökl (wie Anm. 69) S. 54ff68ff., 87ff., 95f. - Andrzej Poppe, Państwo i kościół na Rusi w XI w., Warschau 1968. - Ders., Rus’, in: Slownik (wie Anm. 113) IV 1970, S. 589-597. - Ders., Background, 1976 (wie Anm. 201). - Edgar Hösch, Kiev, in: Lexikon (wie Anm. 96), V 1991, Sp. 114-118.

 

223. Die wichtigsten: Regino von Prüm (ca. 840-915), Chronikon (nach 813), ed. E Kurze MGH SRG, 1890; lateinisch-deutsch in: Quellen zur deutschen Geschichte des Mittelalters (Frh. v. Stein-Gedächtnis Ausgabe), Darmstadt (Wiss. Buchgemeinschaft), hrg. von R. Rau, 1975, S. 179-319; Lexikon (wie Anm. 96) VII 1995, Sp. 579. - Annales Bertiniani: 741-882, ed. F. Grat u. A., 1964; lat.-dt. von R. Rau, 1972, S. 11-287; Lexikon I 1980, Sp. 661. - Liutprand von Cremona (ca. 920-970/72), Liber Antapodoseos (nach 949), ed. J. Becker MGH SS, 1915; lat.dt. von A. Bauer und  R. Rau, 1977, S. 244-495; Lexikon V 1991, Sp. 2041 f. - Thietmar von Merseburg (975-1018), Chronik, ed. R. Holtzmann MGH SRG NS 9, 1955; lat.-dt. von Werner Trillmich 1970; Lexikon VIII 1997, Sp. 695f. - Wichtigste Gesamtdarstellung von Julius Forssmann (1879-1952), Die Beziehungen altrussischer Fürstengeschlechter zum Westen. Ein Beitrag zur Geschichte Ost- und Nordeuropas, hrg. von Bernhard Forssmann, Bern (Lang) 1970. Zu Forssman dort S. 251-253. - Zu den Gesandtschaften zu Otto d. Gr. 959 und  973 s. auch Poppe, Reich der Rus’, 1980 (wie Anm. 94) S. 338. - A. V. Nazarenko, Rus’ i Germanija v 70-e gody X v., in: Russia mediaevalis, VI 1, 1987, S. 38-89.

 

224. Zur Heidenmission war Brun schon seit 1001 für Polen, 1002 vom Papst als Missonsbischof bestimmt. Er war zunächst in Ungarn. 1009 erlitt er bei Suwalki unter den preußischen Jatwingern den Märtyrertod. Ausgabe seiner Werke von J. Karwasinska in MPH NS IV 2-3, Warschau 1969, 1973. - Poppe, Reich der Rus’, 1980 (wie Anm. 94) S. 353. - Lexikon II 1983, Sp. 755f.

 

225. Vgl. Anna Różycka-Bryzek, Rus’. Sztuka, in: Słownik (wie Anm. 113) Bd. IV 1970; S. 597-617, hier 601 (mit Abb.), Literatur S. 616. „Najprawdopodobniej z księstwa litewskiego“ (S. 601). Wahrscheinlich aber Verbindung zu Friedrich Barbarossa.

 

 

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Literarische Beziehungen sind nur nach Böhmen nachweisbar. Der tschechische Märtyrerfürst Wenzel (908-929) wurde in der Rus’ kultisch im Gottesdienst verehrt. [226] Die alttschechische Wenzelslegende hat auf Nestor, den Verfasser der Viten für Boris und  Gleb, eingewirkt. [227] Eine Legende des hl. Veit ist nachgewiesen. [228] NikoPskij hat 1930 eine Hypothese konstruiert, daß die „Nestor“-Chronik in ihrem ältesten Teil von Böhmen her, ja von dorther die Christianisierung Kievs beeinflußt gewesen sei. Dem wurde mit Gründen widersprochen. [229] Aber ob die Kritiker sich durchgesetzt haben, ist nicht sicher. Eine kirchenslavische Verbindung nach Mähren, vielleicht auch nach Böhmen, muß es gegeben haben. Mehr als eine Nebenlinie war das aber kaum.

 

 

F. Ostslavische Zentren der Schriftlichkeit

 

Weiter ist nun die Frage, wo bei den Ostslaven Zentren der Schriftlichkeit entstanden. Literarhistoriker neigen manchmal dazu, solche Überlegung zu vernachlässigen, und  Literaturwissenschaftler tun überhaupt so, als fiele Literatur vom Himmel und  hinge dann gewissermaßen in der Luft, und  jedermann brauche nur zuzugreifen. Aber Literatur lebt, vor allem in alter Zeit, in Institutionen. Am Wegrand, wie später die Kosaken, oder in Berghütten, wie gelegentlich Goethe, pflegte man in alter Zeit nicht zu schreiben. Wer schrieb, brauchte Bücher.

 

Es ist freilich von Russen ein geradezu großartiges Bild von einer Schriftlichkeit im ganzen Lande entworfen worden.

 

 

226. Verehrung am 28. September. Akoluthie bei Jagić 1886 (wie Anm. 131) S. 0213-0222.

 

227. Dazu vor allem Tschižewskij 1948 (wie Anm. 55) S. 76, 142, 147f., 155. S. 191 Anm. vermutet er sogar, Nestor könne im teschechischen Benediktinerkloster mit slavischer Messe Säzava gewesen sein. Kaum wahrscheinlich. Wichtiger ders., Anklänge an die Gumpoldslegende des hl. Vaclav in der altruss. Legende des hl. Feodosij und  das Problem der „Originalität“ der slavischen mittelalterlichen Werke, in: Wiener Slavist. Jb. I 1950, S. 71-86.

 

228. Dazu Guido Kappel, Die slavische Vituslegende und  ihr lateinisches Original, in: Wiener Slavist. Jb., Bd. XX 1974, S. 73-85.

 

229. Nikol’skij, Povest’, 1930 (wie Anm. 186) S. 45ff. - Rez. von G. A. Il’jinskij in: ByzSl II 1931, S. 432-436. - V. M. Istrin, Moravskaja istorija slavjan i istorija Poljano-Rusi, kak predpolagajemye istočniki russkoj letopisi, ebd. III 1931, S. 308-332. - Besprechung der Frage und  der Literatur bei B. N. Florja, Skazanie o preloženii knig na slavjanskij jazyk. Istočniki, vremja i mesto napisanija, in: ByzSl 46, 1985, S. 121-130. - Neu und  ausführlicher Birnbaum, When, 1988/89 (wie Anm. 139) S. 507-513, 521f.

 

 

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Fand man an einer Stelle Inschriften auf Birkenrinde, so war man geneigt, ganz Rußland für schrift- und  lesekundig zu halten. [230] In wunderbar anmutenden Hochrechnungen wurde für die alte Zeit ein Gesamtbestand von mindestens 85 000 Büchern errechnet [231], und  da das nicht genügte, haben andere Experten diese Zahl alsbald auf 149 300 erhöht. [232]

 

 

1. Kanzleien?

 

Sucht man Institutionen, so denkt man wohl zuerst an Kanzleien am Fürstenhof. Das kommt aber kaum in Frage. Urkunden sind nicht vor Ende des

 

Jahrhunderts erhalten (vgl. D 1; S. 41f.), und  vor Mitte des 13. Jahrhunderts hat man keine Kanzlei ausfindig machen können, und  dann nur in unmittelbarer Nähe zu lateinischen Ländern am Westrand der Rus5. [233]

 

Viel eher und  vor allem muß man an die Metropolie denken. Sie war die einzige zentrale Verwaltungsstelle des Landes; freilich, da sie griechisch war, ohne daß eine Sprachlenkung direkt von ihr ausgehen konnte. Doch allein durch die Existenz der Metropolie wurde auch die Kultsprache für das ganze Land fixiert.

 

 

2. Klöster

 

Bischofskirchen, vor allem aber Klöster sind die einzig denkbaren Institutionen für die Ausbildung einer Schriftlichkeit. Eine frühe Nachricht in der Chronik zu 1037 wird häufig erwähnt. Sie wurde schon zitiert (B 6; S. 32): Großfürst Jaroslav habe die vielen Bücher, die seine Schreiber abschrieben, der von ihm gestifteten Sophienkathedrale übergeben. Aber wenn das stimmt, müssen die Bücher dort Slaven weitgehend entzogen gewesen sein, denn an der Metropolitankathedrale wurde natürlich griechisch zelebriert. [234]

 

Bei dem Versuch, zu einer verläßlichen Grundlage für die Annahme solcher Institutionen zu kommen, ist große Vorsicht geboten, insbesondere bei der Einsetzung bloß archäologischer Befunde in die Rechnung. [235]

 

 

230. M. N. Tichomirov, Gorodskaja pis’mennost’ v drevnej Rusi XI-XIII vekov, in: TODRL IX 1953, S. 51-66.

 

231. B. V. Sapunov, Nekotorye soobraženija o drevnerusskoj knižnosti XI-XIII vekov, in: TODRL XI 1955, S. 314-332.

 

232. L. P. Žukovskaja, Skol’ko knig bylo v drevnej Rusi? in: Russkaja reč’ 1971 Nr. 1, S. 73-80. Eine Berechnung der Anzahl der Lämmer, die dafür jeden Tag geschlachtet werden mußten, ist noch nicht bekannt geworden. Vgl. aber immerhin Sapunov (wie vorige Anm.) S. 331.

 

233. Vgl. Stökl, Kanzler, 1966 (wie Anm. 117).

 

234. Golubinskij I 2, 617. - Fedotov (wie Anm. 3) I 58.

 

 

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Jede Nachricht über Erbauung einer Kirche oder Gründung eines Klosters darf man nicht ungeprüft übernehmen: Wie lange wurde gebaut? Bedeutet ein genanntes Datum die Grundsteinlegung oder die Weihe? Wie lange existierte eine solche Einrichtung? Wir wissen von zu vielen Bränden und  von schnellem Verfall. Holzkirchen vor allem, also besonders frühe Bauten, wird man sich schwerlich als Scriptorium, Bibliothek oder Schule vorstellen dürfen. [236]

 

Nach den sorgfältigen Angaben von Golubinskij, die freilich über hundert Jahre alt sind [237], waren damals insgesamt neun steinerne Diözesanhauptkirchen, einschließlich der eben erwähnten Sophienkathedrale in Kiev, und  zwischen sechzig und  siebzig Klöster für die älteste Zeit nachgewiesen (vgl. Karte 4). [238] Von den neun Kathedralen sollen fünf, und  von den Klöstern siebzehn im späten 11. Jahrhundert gegründet sein; in der ersten Hälfte des 12. noch einmal vierzehn Klöster; und  in der zweiten vier Kathedralen und  zwanzig Klöster; und  dann noch einmal dreizehn Klöster in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts. Die Hälfte dieser Sakralbauten entstand also zwischen 1050 und  1150, und  zwar vor allem in Kiev und  Novgorod, die andere Hälfte im folgenden Jahrhundert, etwas vor dem Schnittpunkt beginnend, in Smolensk und  Polock am Wasserwege zwischen den beiden Hauptstädten (vgl. Karte 2), sowie in Volynien und  Galič im Südwesten und  in Vladimir-Suzdal' und  Rostov im Nordosten.

 

Diese Daten zur äußeren Geschichte von Sakralbauten passen gut zu dem Befund, daß bulgarische Handschriften kaum vor 1037 ins Land gekommen sein werden. Sie verbieten es, im Ernst mit einer nennenswerten Schriftlichkeit bei den Ostslaven vor Mitte des 11. Jahrhunderts zu rechnen, und  dann für ein Jahrhundert auch nur an den Hauptplätzen Kiev und  Novgorod.

 

 

235. Vgl. dazu Rüdiger Schott, Kultur und  Sprache. Franz Boas als Begründer der anthropologischen Linguistik, in: Franz Boas 1858-1942. Ein amerikanischer Anthropologe aus Minden, Bielefeld (Verlag f. Regionalgeschichte) 1994, S. 55-85, hier: 56.

 

236. So überzeugen insbesondere nicht die Zahlen von Sapunov (wie Anm. 231) S. 316 (323 Kirchen), S. 322 (127 Klöster). Vgl. Anm. 238.

 

237. Vgl. Podskalsky, Aspekte des Mönchtums, 1991 (wie Anm. 87) S. 109: bei der Behandlung des Mönchtums sei es immer nur um die spirituelle Seite gegangen, „ohne die Frage der Gründung, Ausbreitung und  Struktur der einzelnen Klöster auch nur anzuschneiden.“ Der Grund: „daß wir seit mehr als 70 Jahren neue archäologische Forschungen und  historische Synthesen zu diesem Thema aus dem Kernland des russischen Mönchtums entbehren müssen.“

 

238. Golubinskij I 2, S. 251-281 (steinerne Kirchen); 626-653 (Klöster). - Nach L. I. Denisov, Pravoslavnye monastyri Rossijskoj Imperii. Polnyj spisok, M. 1908; Nachdruck o.J., waren es vor 1240 insgesamt 51 Klöster. - Makarij/Nazarenko II 1995 (wie Anm. 26) S. 668-71 zählt 73 Klöster und  S. 672-674 weitere 42 Dubia auf.

 

 

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3. Kiev

 

a) Das Höhlenkloster

 

Nur wenige dieser Sakralbauten kommen für ein Scriptorium in Frage. In Kiev war es das Höhlenkloster an erster Stelle [239], unter den spateren vor allem wohl das Michaels-Kloster in Vydubici bei Kiev. [240] Urkundliche Nachrichten haben wir freilich nicht. Aber spätere Berichte der Chronik werden durch andere Quellen gestützt. [241] Das Höhlenkloster hatte von Anfang an eine Sonderstellung. Alle anderen Klöster im Lande waren sämtlich fürstliche Stifterklöster. Ein Fürst wollte in einem Hauskloster seine Grablege haben. Ein Kloster war dadurch abhängig, z. B. in der Abtswahl und  im geistigen Leben. Allein das Höhlenkloster war eine reine Mönchsgründung. Es war begründet und  lebte „durch Tränen, Fasten, Gebet und  Wachen“, wie die Chronik sagt. [242] Ehrfurcht vor Büchern und  Lesen wurden ihm von Anfang an zugeschrieben. [243]

 

Im Laufe der Zeit hat sich das Höhlenkloster dann aus einem lokalen Kloster zu einem geistigen Landeszentrum emporgebildet. In Auseinandersetzungen der Fürsten im Kampf um die Vormacht in Kiev wahrte es Unabhängigkeit. Diese wuchs ihm wohl vermehrt zu, als das Land im 12. Jahrhundert zerfiel und  die Stadt von dem Großfürsten aus dem nordöstlichen Vladimir-Suzdal' mehrfach gebrandschatzt und  geplündert wurde (1169, 1208). Besonders Bücher wurden geraubt, wie Zeitgenossen melden. Gerade da aber pries der Bischof von Vladimir-SuzdaF Simon († 1226), der aus Kiev berufen worden war, das Höhlenkloster als geistige Heimat. [244]

 

 

239. Dazu Makarij (wie Anm. 26) II S. 40-86. - Ikonnikov 1869 (wie Anm. 26) S. 92-95, 225-227. - Zverinskij (wie Anm. 35) II Nr. 871 S. 175-182. - K. L. Goetz, Das Kiever Höhlenkloster als Kulturzentrum der vormongolischen Zeit, Passau 1904, besonders S. 109-112, 145-158. - Smolitsch 1953 (wie Anm. 37) S. 61-65. - Podskalsky 1982, S. 52-56. - Fenneil S. 63-68.

 

240. Makarij II 85. - Zverinskij (wie Anm. 35) I Nr. 147 S. 125f.

 

241. Vor allem die Vita des Feodosij im Uspenskij Sbornik vom Ende des 12. Jahrhunderts.

 

242. PSRL I 159 (zu 1051): ,,sut’ postavleny slezami, poščen’jem’, molitvoju, bden’jem’.“ - Golubinskij I 2, 466.

 

243. Vgl. Ikonnikov 1869 (wie Anm. 26) S. 225f. - Vgl. den Anfang des Izbornik 1076, hrg. von S. I. Kotkov, M. 1965, S. 151: „Dobro jest’, bratije počjetan’je kniž’noje.“

 

244. Im Kiever Paterikon. Vgl. die Ausgabe von D. Abramovič, Kiev 1931; Nachdruck von Tschižewskij (Slav. Propyläen 2), München (Fink) 1963, nach Index.

 

 

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b) Schulen? Mönchtum

 

Es wird gern davon gesprochen, daß es in der Rus’ Schulen und  Bibliotheken gegeben habe. [245] Aber das sind neuzeitliche Begriffe und  Vorstellungen. Viele Klöster werden Buchbestände gehabt haben, aber nur geringe und  zweckgebundene. In der Spätzeit wird man vielleicht annehmen dürfen, daß einige Fürsten literarisch gebildet waren; es wird in der Chronik darüber berichtet. Es wurde nicht ohne Grund gewarnt, in den Klöstern wirkliche Bildungsstätten zu sehen.

 

Aber man wird doch wieder auf sie zurückgeführt, denn es konnte in der Rus’ „das Kloster gar nicht umhin, sich um den Unterricht zu kümmen“, da „weder Fürsten, noch Geistlichkeit sich der Pflicht unterzogen, eine systematische Schulbildung aufrecht zu erhalten oder gar zu organisieren“, und  nur „in den Klosterbibliotheken die überwältigende Mehrheit der literarischen Denkmäler und  ihrer Handschriften bewahrt ist.“ [246]

 

Es scheint wichtiger, auf das Mönchtum als solches als eine Institution hinzuweisen. Gewiß darf man die „Poesie der Klöster“ (Tchorževskij) nicht übertreiben; dort waren, wie anderswo, auch Kleinlichkeit, Eitelkeit und  Intrigen zu Hause. Und doch schloß, wie in den ägyptischen, syrischen und  griechischen Anfängen, der ideelle Entwurf des Mönchtums seinen spirituellen Beruf ein. Die modernen Jahrhunderte seit der Aufklärung haben uns angehalten, den sozialen Sonderstatus von Klöstern und  Mönchen zu sehen, und  der Verfall im späten Mittelalter, der Reformationszeit und  wieder im 17. Jahrhundert lehrten die Berechtigung solcher Kritik. Aber der Sonderstatus im Mittelalter bedeutete etwas Anderes. Ein Mönch war das Urbild eines Christen. Jeder Christ, in christlichen Ländern also jeder Mensch, sollte Mönchszucht als Ideal kennen, im Äußeren in Arbeit und  Enthaltsamkeit, im Geistigen im Gebet. Daß es Klöster mit Mönchen gab, war, modern gesprochen, eine soziale Errungenschaft für alle. Sie waren der Idealtypus einer geistigen Kraftquelle für ein Land. [247]

 

 

245. Makarij II 97f. - Sergej Irineevič Miropol'skij (1843-1907), Očerk istorii cerkovno-prichodskoj skoly ot pervogo eja voznikovenija na Rusi do nastojaščago vremeni. Vyp. I: Ot osnovanija škol pri sv. Vladimire do mongol’skago iga, Pbg. 1894 (überholt). - Golubinskij I 1, 702-727; (skeptisch). - Pypin (wie Anm. 60) I 78-81 (skeptisch). - Fedotov I 377-380. - Sapunov (wie Anm. 231) S. 327f. - M. I. Sluchovskij, Bibliotečnoje delo v Rossii do XVIII veka. Iz istorii knižnogo prosveščenija, M. 1968, S. 44-56 und  besonders die Exkurse S. 154-156 (Warnung vor Übertreibungen und  zu hohen Zahlen). Brückner (wie Anm. 13), S. 8: „keine Schule, kein Unterricht.“

 

246. Speranskij in der Rez. zu Alojzy Wanczura, Szkolnictwo w starej Rusi. Z przedmową prof. A. Brücknera, Lemberg 1923, S. 87-132 (Anfänge und  Wege der Schulbildung im alten Rußland), besonders S. 122 (gegen die Klöster), in: Slavia IV 1925/26, S. 823-829; Zitate S. 826f.

 

247. Darauf hat jetzt Podskalsky eindringlich aufmerksam gemacht, Aspekte des Mönchtums, 1991 (wie Anm. 87) S. 114-121. - Vgl. auch Poppe, Reich der Rus’, 1980 (wie Anm. 94) S. 344-349.

 

 

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4. Novgorod; der Südwesten und  der Nordosten

 

Neben Kiev steht Novgorod. Nach herrschender Lehre in Rußland sei auch in Novgorod ein Bildungszentrum erst nach der Mitte des 12. Jahrhunderts entstanden. [248] Die Quellen widersprechen dieser Auffassung. Novgorod ist unter Kiever Einfluß byzantinisch, aber doch wohl unabhängig von ihm getauft. [249] Im Unterschied zu Kiev ist Novgorod in der ganzen Zeit seiner Selbständigkeit bis zum Ende des 15. Jahrhunderts als eine eigene Schriftlandschaft durch erhaltene Handschriften und  Inschriften lückenlos belegt, einschließlich in der Sprache nachgewiesener Verbindung zu bulgarischen Bildungszentren. Das älteste ostslavische Schriftdenkmal überhaupt, das Aprakos-Evangelium des Ostromir (1056/57), stammt aus Novgorod. Allein dort sind Rechtsdenkmäler in reicher Gliederung belegt. Die Meßbücher stammen fast alle, die Musik-Handschriften sämtlich aus Novgorod. Der erste Homiletiker ist in Novgorod nachgewiesen (Luka Židjata, † 1059/60). Dort - und  selten in den unmittelbar südlich angrenzenden Regionen - wurden aus dem 11. bis 13. Jahrhundert ungefähr zweihundert Inschriften auf Birkenrinden gefunden (neunzehn aus dem 11. Jahrhundert). Sie setzen die Kenntnis des altbulgarischen Kirchenslavischen voraus, aber die Sprache der Inschriften ist überwiegend eine ostslavische Umgangssprache, wie sie anderswo nicht belegt ist. [250]

 

Südwestlich und  nordöstlich der großen Wasserstraße von Novgorod und  Stara Ladoga im Norden über Polock und  Smolensk bis Kiev entwickelten sich die großen Aussiedlungsgebiete in Volynien und  Galizien und  im Fürstentum Vladimir-Suzdal’. Beide hingen natürlich mit den Hauptplätzen Novgorod und  Kiev in dynastischen Verbindungen und  kulturell zusammen. Ihre geographische Lage führte sie aber zu einer zentripetalen Tendenz. Vladimir in Volynien und  Galič lagen an Flußläufen, die das Land auf Ungarn und  Polen zuführte. Die Städte Rostov, Vladimir, Suzdal’, Rjazan’ lagen im Flußsystem zwischen der oberen Volga und  ihrem Nebenfluß Oka, das nach Osten wies (Vgl. Karte 1).

 

 

248. Lichačov in: PLDR <I> 1978 (wie Anm. 51) S. 9; <II> 1980, S. 5. - Vgl. aber V. L. Janin Novgorodskij skriptorij rubeža XI-XII vv. Lazarev monastyr’, in: Archeogr. Ežegodnik za 1981 god, M. 1982, S. 52-63. - T. V. Roždestvenskaja, Razvitie gramotnosti i knižnoj kul’tury v Novgorode (po dannym epigrafiki), in: D. S. Lichačov (Hrg.), Knižnye centry drevnej Rusi XI-XVI vv. Raznye aspekty issledovanija, Pbg. 1991, S. 17-28.

 

249. Konrad Onasch, Gross-Novgorod. Aufstieg und  Niedergang einer russischen Stadtrepublik, Wien München (Schroll) 1969, S. 102-135. - Birnbaum, When, 1988/89 (wie Anm. 139); S. 527-530 reiche Literatur. - Brückner (wie Anm. 13) S. 21.

 

250. A. A. Zaliznjak, Predislovie zu: ders., V. L. Janin, Novgorodskie gramoty na bereste (iz raskopok 1977-1983 gg.), M. 1986, S. 3-10, hier: 8; vgl. auch S. 89-93. - V. L. Janin, Predislovie zu: ders., A. A. Zaliznjak, Novgorodskie gramoty na bereste (iz raskopok 1984-1989 gg.), M. 1993, S. 3-18. - Zaliznjak, K izučeniju jazyka berestjanych gramot, ebd. S. 190-319. Ksl. auf S. 193 Nr. 652, 653, 674 (12./13. Jh.).

 

 

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Dort wird 1147 Moskau zum erstenmal erwähnt, das später zum eigenen Zentrum wird. Großfürst Andrej Bogoljubskij (1111-1174) erwarb zwar in Kiev den Großfürstentitel, verließ es aber und  residierte als Erster nicht mehr dort, sondern eben im Nordosten.

 

Klöster und  Bischofskirchen werden für diese beiden Aussiedlungsgebiete erst ein Jahrhundert nach den Anfängen in Kiev und  Novgorod genannt. [251] Vorher ist dort, so wenig wie in Smolensk [252], Polock und  Pleskau (Pskov), Schriftlichkeit nachzuweisen. Es waren Anfänge. Der Mongolensturm machte sie zunichte.

 

 

5. Konstantinopel, Jerusalem, Sinai; Athos

 

Die Schriftzentren lagen aber nicht nur im Lande. Adaptierungen oder Übersetzungen ins Ostslavische können auch in griechischen Klöstern in Konstantinopel, vor allem dort im Studion-Kloster, in Jerusalem und  im Katharinen-Kloster auf dem Sinai entstanden sein. [253]

 

Eine herausragende Rolle als leitende Zentren haben später griechische und  slavische Klöster des sog. hl. Berges Athos gespielt. Es ist eine ungeklärte Frage, wann diese Rolle des Athos für die Ostslaven begann. Sie ist für die Südslaven ziemlich genau, für die Ostslaven aber nur ungefähr zu belegen. [254] Es war herrschende Meinung, daß der Erstbegründer des Kiever Höhlenklosters, der hl. Antonij aus Ljubeč (982-1073), auf dem Athos war, dort angewiesen wurde, in seiner Heimat ein Kloster zu gründen und  diesem Befehl in Kiev nachkam.

 

 

251. Nach Golubinskij I 2, 629f. in Volynien eines schon im 11. Jh.; S. 630: in Galizien eines im 12., zwei weitere zu Anfang des 13. Jh. und  nach 1240 noch einmal zwei; im Nordosten, S. 629: in Murom eines schon im 11. Jh., S. 638f.: in Vladimir/Kl. fünf im 12., eines im 13. und  ebenfalls im 13. Jh. eines in Suzdal’. Das Christentum fand relativ spät im Nordosten Eingang. Der erste Bischof von Rostov, Leontij († 1080er Jahre), ein Grieche, hatte sich noch nicht durchsetzen können; zu ihm O. V. Tvorogov in Slovar’ S. 29f. - Kathedralkirchen weist Golubinskij nach in Vladimir/Vol. vor 1160 (S. 263); Vladimir/Kl. 1158/60 (S. 277); Rostov 1160/87 (S. 280); Murom vor 1174 (S. 262); Rjazan’ 1195 (ebd.); Galič 1219 (S. 264).

 

252. Vgl. zu Smolensk N. I. Miljutenko, Rasskaz o prozrenii Rostislavičej na Smjadyni (k istorii Smolenskoj literatury XII v.), in: TODRL 48, 1993, S. 121-128. Es handelt sich aber um eine ukrainische Hs. aus dem Ende des 18. Jh.s.

 

253. Vgl. Ivan Dujčev, Centry vizantijsko-slavjanskogo obščenija i sotrudničestva, in: TODRL XIX 1963, S. 107-129. v

 

254. G. A. Il’jinskij, Značenie Afona v istorii slavjanskoj pis’mennosti, in: ŽMNP 1908 Nr. 11, S. 1-39. - Vladimir Alekseevič Mošin, Russkie na Afone i russko-vizantijskie otnošenija v XI-XII vv., in: Byz.Slav. IX 1947/48, S. 35-85; XI 1950, S. 32-60. - A. E. Tachiaos, Mount Athos and the Slavic Literatures, in: Cyrillomethodianum IV 1977, S. 1-35; dort Anm. 2 Literatur. - Podskalsky 1982, S. 51; Literatur Anm. 260. - Jetzt Tachiaos 1999 (wie Anm. 80).

 

 

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Und deshalb meldet die Chronik zu 1051: „Das Höhlenkloser entstand durch den Segen des Heiligen Berges.“ [255] In Verbindung mit der Mitteilung an gleicher Stelle, daß das Höhlenkloster das älteste im Lande sei, besagt die Darstellung der Chronik, daß das russische Mönchtum insgesamt nach dem Vorbild des Athos eingerichtet war und  jedenfalls das Höhlenkloster als das Leitkloster der Stadt und  später des Landes die Stellung in der Rus’ hatte, wie der Athos im byzantinischen Imperium. Das ist jetzt bestritten worden. [256] Sicher bleibt aber, daß der Kompilator Laurentius 1377 den Athos gemeint hat und  mindestens zu diesem Zeitpunkt das russische Mönchtum mit dem hl. Berg in Verbindung gebracht wurde.

 

Seit dem 11. Jahrhundert gab es dort die kleinere ostslavische Einsiedelei (skit) Xylurgu, das größere Kloster Panteleemon seit 1169. Das einzige Inventarverzeichnis für ein ostslavisches Kloster, das wir aus ältester Zeit kennen, stammt aus diesem ostslavischen Athos-Kloster. Das Bücherverzeichnis darin enthält u. a. fünf Apostolos-Handschriften, und  da das für ein Kloster vier zu viel sind, hat man daraus geschlossen, daß dort ein Scriptorium war, das ostslavische Klöster versorgte. [257]

 

 

255. PSRL I 159: „est’ že manastyr’ Pecerskyj ot blagosloven’ja Svjatyja Gory pošel”.“

 

256. R. D. Bosley, A History of St. Theodosij and Antonij of the Kievan Caves Monastery, from the Eleventh to the Fifteenth Century, Yale Univ. (msch.schr.; nach Podskalsky 1991, wie Anm. 87, S. 112 Anm. 8). - Ders., A. A. Šachmatovs These einer verschollenen Vita des hl. Antonij, in: G. Birkfellner (Hrg.), Sprache und  Literatur Altrußlands (Studia Slavica et Baltica 8), Münster 1987, S. 1-5. - Podskalsky, wie o., S. 113: daß die Vita des Antonij „überhaupt nie existiert hat.“ - Thomson, Saint Anthony, 1995 (wie Anm. 188), bes. S. 649-658. Das Hauptbedenken: der „heilige Berg“ bei Vladimir in Volynien, den Thomson vorschlägt, war zwar näher bei Kiev, aber ausgeschlossen werden kann auch der Athos nicht werden.

 

257. Nachricht zuerst: Opisanie Afonskich monastyrej, in: Čtenie Mosk. obščestv. ist. 1846 Nr. 4; dann: Russkie inoki na Afone, in: Christianskoje čtenie 1853 Nr. 10. - Ikonnikov 1869 (wie Anm. 26) S. 59. - Beschreibung des Inventars bei Mošin 1950 (wie Anm. 238) XI 36.

 

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