Was ist „altrussische Literatur“

Hans Rothe

 

C. Der Handschriftenbestand

 

D. Schrifttum bei den Ostslaven (vor 1050 bis nach 1240)

1. Rechtsdokumente  37

2. Liturgische Denkmäler (im engeren Sinne)  43

3. Liturgische Leseliteratur  49

            a) Homiletik  49

            b) Viten  52

4. Dogmatische Literatur: griechische Autoren in der Rus’  53

5. Chronik  55

6. „Erzählungen“  60

 

C. Der Handschriftenbestand

 

Wir sind, um bei der archäologischen Metapher zu bleiben, am unteren Grund unsrer Grabungen und  fragen nach dem erhaltenen Bestand. Er umfaßt 348 Handschriften, davon 26 (vermutlich mehr) in westlichen Bibliotheken. [80] Von ihnen sind 251 (72,1%) Meßbücher, d. h. liturgisch im engeren Sinne, für den täglichen Gottesdienst im Kloster oder den sonntäglichen in Einzelkirchen bestimmt, hauptsächlich wohl in Bischofs- und Fürstenkirchen. Lese- und Gebetstexte sowie Homiletik, d. h. liturgische Texte im weiteren Sinne, machen weitere 87 Handschriften (22,5%) aus. Es sind also von den erhaltenen Handschriften 338, d. i. 94,6% für den Gottesdienst bestimmt.

 

 

80. Die Zahlenangaben auf Grund von L. P. Zukovskaja (Hrg.), Svodnyj katalog slavjano-russkich knig, chranjaščichsja v SSSR XI-XIII vv., M. 1984. Dies ist die umfangreichste und  verläßlichste Beschreibung des ältesten Hss.-Bestandes. Sie hat indessen Mängel. Der wichtigste liegt darin, daß bedenkenlos ost- und südslavische Hss., die sich in Rußland befinden, aber meist erst im 19. Jahrhundert dorthin kamen, aufgeführt werden.

 

Die aksl., bulgarischen und  serbischen Handschriften sind daher hier nicht berücksichtigt. Vgl. Rez. des Vf.s in: Ezik i literatura 1985 Nr. 4, S. 106-113 und  R. Marti in Russian Linguistics X 1986, S. 333-351. - Die westlichen Bestände nach Roland Marti, Handschrift - Text - Textgruppe - Literatur. Untersuchungen zur inneren Gliederung der frühen Literatur aus dem ostslavischen Sprachbereich in den Handschriften des 11. bis 14. Jahrhunderts (Slavistische Veröffentlichungen Bd. 68), Wiesbaden (Harrassowitz) 1989, S. 153-214. - In A. E. Tachiaos, A. A. Turilov, Slavjanskie rukopisi afonskich obitelej, Thessaloniki 1999, kommen nur drei Hss. hinzu, von denen zwei Novgoroder MusikHss. sind; vgl. Anm. 142. - Die Zahlenverhältnisse sind hier präzisiert gegenüber dem ersten Versuch des Vf.s: Über Gattungen in der ältesten Literatur der Ostslaven, in: Sprache - Text - Geschichte. FS für Klaus Dieter Seemann (Specimina Philologiae Slavicae. Suppl. 53), München (Sagner) 1997, S. 253-264.

 

 

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Nur von dem erhaltenen Bestand auszugehen, sei zu simpel, hat man gesagt. [81] Natürlich ist Manches verloren; [82] wir wissen jedoch nicht wieviel, und  ich neige dazu, die Verluste vielleicht in der Menge, aber nicht in ihrer Vielfalt für so bedeutend zu halten. Jedenfalls stellen Quantität und  Vielfalt der noch vorhandenen Handschriften für sich genommen auch einen Beleg dar, der bisher oft übersehen wurde. [83]

 

"С жълто маркирам лъжливите сведения, а със зелено - верните." - А.Ч.

 

Comment [Assen Tschilingirov]: Да се добави цитат от Голубински – липсата на определени листове от месецесловите, къдета са се намирали данни за българските светци, напр. 2 май (св. кн. Борис), 11 май (св. св. Кирил и Методи), свидетелствува за системно извършена цензура. Данни за тези български светци са запазени почти изключително в ръкописи, произлизащи от Македония и Снета Гора, но не и от Русия.

 

Die Zahlen stimmen denn auch zu dem Befund, zu dem man bei der Ermittlung des Gesamtbestandes, also auch nach den nur in jüngeren Handschriften erhaltenen Texten und  nach bloßen Nachrichten über Handschriften [84], gelangt ist. Der Bestand repräsentiert eine Klosterbibliothek, wie es sie auch in griechischen Klöstern der Zeit gab: „Liturgische Erfordernisse steuerten in starkem Maße die Auswahl“. [85]

 

 

D. Schrifttum hei den Ostslaven (vor 1050 bis nach 1240)

 

Den Bestand, wie er erhalten und  wie er zu erschließen ist, kann man in sechs Schichten beschreiben. Sie repräsentieren eine gewisse Hierarchie, sachlich und  chronologisch, auch dann, wenn sie zeitlich nebeneinander auftreten. Dies sind: 1) kanonistische Literatur und  Rechtsdokumente; 2) liturgische Denkmäler im engeren Sinne; 3) kirchliche, teilweise auch liturgische Leseliteratur, d. h. Viten und  Homiletik; 4) dogmatische Literatur; 5) historische Literatur, d. h. Chroniken; und  6) Einzelerzählungen.

 

Man kann diese sechs Schichten grob in zwei Gruppen behandeln. Die ersten beiden Schichten lassen die historische Grundlage für die Entstehung einer Schriftlichkeit erkennen, und  sie sind zugleich die Voraussetzung für die Bildung eines Staates. Diese Grundlage ist in groben Zügen die Fixierung einer rechtlichen Ordnung. Teilweise durch kanonistische Regelung, jedenfalls aber durch eine religiöse Gesamtorientierung sind auch die anderen vier Schichten mit ihnen verbunden.

 

 

81. Trubetzkoy (wie Anm. 55) S. 28. - Francis J. Thomson, The Transmission of Texts and the Byzantine Legacy to Kievan Rus’, in: Australian Slavonic and East European Studies 22,2, 1988, S. 4: „Simplistic approach“. - Ders., The Corpus of Slavonic Translations available in Muscovy, in: California Slavic Studies XVI, 1993, S. 181-214, hier: 181.

 

82. Dazu allgemein Arnold Esch, Überlieferungs-Chance und  Überlieferungs-Zufall als methodisches Problem des Historikers, in: HZ 240, 1985, S. 529-570, wieder abgedruckt in ders., Zeitalter und  Menschenalter. Der Historiker und  die Erfahrung vergangener Gegenwart, München (Beck) 1994, S. 39-69 und  228f. Für den Hinweis danke ich Herrn Rainer Stichel.

 

83. Fedotov (wie Anm. 3) I 42. Auch Marti (wie Anm. 80) S. 66-85. Brückner (wie Anm. 13) S. 21: Verluste „nur quantitativ, nicht qualitativ.“

 

84. Vgl. dazu Marti (wie Anm. 80) S. 89-99.

 

85. Vgl. Francis J. Thomson, The Nature of the Reception of Christian Byzantine Culture in Russia in the Tenth to Thirteenth Centuries and its Implications for Russian Culture, in: Slavica Gandensia 5, 1978, S. 107-139, hier: 117.

 

 

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Naturgemäß finden sich originale ostslavische Werke erst in diesen letzten Gruppen, in denen beobachtet werden kann, wie eine Art Landesidee entsteht.

 

Nichts beginnt ohne Übersetzungen, wir können am Anfang kein einziges originales ostslavisches Werk wirklich zweifelsfrei fassen. Deshalb ist es ein methodischer Grundfehler, übersetzte Werke in einem Sonderkapitel geschlossen zu behandeln, das nur deshalb nicht ein Anhang am Ende ist, weil sie nun mal immer den Anfang gebildet haben. [86] Übersetzungen standen aber in Allem am Anfang, in jeder einzelnen Gattung, kein Originalwerk entstand ohne diesen Vorlauf. Es war auch nicht so, daß zu einem bestimmten Zeitpunkt Übersetzungen aufhörten und  originale Werke einsetzten. Die Grenze war nie scharf, immer fließend. Die wichtigsten Originalwerke enthalten immer, und  nicht nur am Anfang der Gattungsentwicklung, Sätze oder ganze Passagen, die übersetzt waren; so gesehen sind sie Montagen. Übersetzungen sind die Hauptquelle, die Lebensader, durch die, nach der „Taufe“, die Christianisierung das Land erreichte und  allmählich durchdringen konnte.

 

Übersetzungen kommen in der Regel zuerst immer aus dem Bulgarischen, später, schon nach der Kiever Zeit, auch aus Serbien. Übersetzungen direkt aus dem Griechischen sind schwer zu fassen, jedenfalls sind sie spät. [87] Es liegen die Anfänge also immer auf nichtrussischem Boden, von dem Handschriften in ostslavische Regionen verbracht wurden. Wer „altrussische Literatur“ vom Standpunkt der „Originalliteratur“ betrachten will, muß zuerst in aller Klarheit sehen, daß das älteste Schrifttum bei den Ostslaven doppelt nicht original ist: Es war übersetzt und  zwar woanders. Am Anfang übernahm man schon fertige Übersetzungen und  drang in sie erst allmählich mit der eigenen Sprache ein. In der Anverwandlung dieser übernommenen Übersetzungsliteratur hat man das Eigene der Ostslaven zu suchen. [88]

 

 

86. Vgl. hier Anm. 56. - Am originellsten zeigt sich diese methodische Unbedenklichkeit bei Tschižewskij 1948, der sein Buch mit einem „Exkurs“ beginnt. - Aleksej Ivanovič Sobolevskij (1856-1929), Osobennosti russkich perevodov domongol’skogo perioda, zuerst in: Trudy devjatogo archeologičeskogo s”jezda v Vil’ne, M. 1897, S. 53-61; wieder in ders., Materialy i issledovanija v oblasti slavjanskoj filologii i archeologii (Sbornik AN Bd. 88 Nr. 3), Pbg. 1910, S. 162-177; jetzt in ders., Istorija russkogo literaturnogo jazyka, M. 1980. Dazu Thomson, „Made“, 1993 (wie Anm. 76) und  Entgegnung von Alekseev (ebd.). Über ein in Arbeit befindliches neues Gesamtverzeichnis s. Francis J. Thomson, A Guide to Slavonic Translations from Greek down to the End of the XIVth Century, in: Slavjanska paleografija i diplomatika, Sofia 1990, S. 27-36. - S. A. Ivanov, A. A. Turilov, Perevodnaja literatura u južnych i vostocnych slavjan v epochu rannego Srednevekov’ja, in: Očerki istorii kul’tury slavjan, M. (Indrik) 1996, S. 276-298.

 

87. Am besten bis heute Istrin, Očerk, 1922 (wie Anm. 15) S. V-X, 1-117. - Thomson, „Made“, 1993 (wie Anm. 76). - Zuletzt Ivanov/Turilov, 1996 (wie vorige Anm.), S. 276-298. Vgl. Anm. 56.

 

88. Vgl. Fedotov (wie Anm. 3) I 41.

 

 

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Sprachliche Adaptierung und  gedankliche Umbildung der übernommenen Übersetzungen machen einen bedeutenden Teil der geistigen Leistung der Ostslaven in der Entwicklung ihres ältesten Schrifttums aus. Hier kommt es auf die Beachtung des Kleinen und  Geringen an, die in der philologischen Einzelarbeit geleistet wird. Darin sind wir seit Istrin, Il'jinskij und  Durnovo nicht viel weiter fortgeschritten. [89] Z. B. wurde die staatliche Terminologie angepaßt, statt Kaiser heißt es Fürst. Eine liturgische Hymne auf einen russischen Heiligen wird aus griechischen Versen und  slavischen Chroniksätzen kontaminiert. [90] Es wird weggelassen und  erweitert. Die Grenze zwischen kanonisch und  apokryph ist fließend; es wird sogar behauptet, daß der biblische Kanon in Rußland weitgehend unbekannt gewesen sein soll. [91]

 

Die Adaptierung geht vom Sprachlichen aus. Das Bulgarische wird ostslavisiert, bleibt aber, oft auch in seiner mundartlichen Gliederung, erkennbar. Die Entwicklung verläuft nie geradlinig. Mehrere Male, bis hin ins 18. Jahrhundert, folgt auf eine schon weit gediehene Ostslavisierung eine entschiedene Resüdslavisierung. [92] Es gibt eine „eigene Literatursprache“, aber fast nie eine rein ostslavische. Man kann beobachten, daß die übernommenen Gedanken und  Formen als fremde für ostslavische Christen schon in der Frühzeit bald nicht mehr erkennbar waren und  als eigene galten.

 

 

89. Vgl. Anm. 43-46 und  die dort genannten Schriftenverzeichnisse.

Vgl. auch

·       Thomson (wie Anm. 40, 64, 76, 81, 85).

·       Ders., Quotations of Patristic and Byzantine Works by Early Russian Authors as an Indication of the Cultural Level of Kievan Russia, in: Slavica Gandensia 10, 1983, S. 65-102.

·       The Implication of the Absence of Quotations of Untranslated Greek Works in Original Early Russian Literature, together with a Critique of a Distorted Picture of Early Bulgarian Culture, in: ebd. 15, 1988, S. 63-91.

·       Ders., Les cinq traductions slavonnes du libellus de fide orthodoxa de Michel le Syncelle et les mythes de l’arianisme de saint Methode, apôtre des Slaves, ou d’Hilarion, metropolite de Russie, et de l’existence d’une Eglise arienne à Kiev, in: RESI 43, 1991, S. 19-54.

 

90. Vgl. Vf., Kontakien auf russische Heilige im altrussischen Kondakar’, in: Byzantine Studies Bd. 8, 11, 12 (FS für Antonm Dostäl), 1981, 1984/85, S. 333-341.

 

91. Fedotov (wie Anm. 3) I 43:

„In Russia, the notion of the Biblical canon, distinguishing strongly between the inspired Holy Scripture and the works of the fathers, never existed. <...> The Holy Scripture, together with the apocrypha were equally ...“

 

Das mag für den Anfang so gewesen und  für viele Mönche auch später so geblieben sein. Aber mindestens von der Mitte des 14. Jahrhundert an, als der Metropolit Aleksij (um 1300-1378) das NT neu übersetzte, muß die Bedeutung des biblischen Kanons bekannt gewesen sein; s. die Neuausgabe der verlorenen Hs. nach einer alten photographischen Aufnahme von Werner Lehfeldt in Bausteine zur Geschichte der Literatur bei den Slaven 28, Köln (Böhlau) 1989. Zur Bibelrezeption jetzt Thomson, Slavonic Translations, 1998 (wie Anm. 14), S. 882-918 Bibliographie. - Alekseev 1999 (wie Anm. 14), S. 234-249 Bibliographie.

 

92. Die übliche Formel „zweiter südslavischer Einfluß“ für das 14. Jahrhundert läßt unbeachtet, daß der Vorgang schon in Kiever Zeit sich einige Male wiederholte.

 

 

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1. Rechtsdokumente

 

Die älteste Schicht bilden sicher Rechtsdokumente. [93] Ihre Belege sind nicht immer klar. Aber ein Zweifel ist doch nicht gut möglich, daß sie immer am Anfang einer Entwicklung zu finden sind.

 

Seit dem Anfang des 9. Jahrhunderts waren Varäger kriegerisch vor Konstantinopel erschienen. Nach 860 sah es eine Zeitlang so aus, als ob die Hinwendung einiger ihrer Führer zum Christentum die Lage beruhigen könnte. Doch die Züge wiederholten sich, und  Byzanz schloß mit den Varägern im 10. Jahrhundert mehrere Male Verträge. Einzige Quelle ist der ostslavische Text, den die Chronik überliefert. [94] Die Verträge von 912 und  945 enthalten über handelsrechtliche Bestimmungen hinaus eine Reihe von strafrechtlichen Regelungen.

 

 

93. Fehlt in Literaturgeschichten; vgl. aber Anm. 73.

·       Anfänge dargestellt bei Johann Philipp Gustav Ewers (1781-1830), Das älteste Recht der Russen in geschichtlicher Entwicklung dargestellt, Dorpat 1826; russ. Übersetzung 1835.

·       Alexander Magnus Fromhold v. Reutz, Versuch über geschichtliche Ausbildung der russischen Staats- und Rechtsverfassung, Mitau 1828; russ. Übersetzung M. 1836.

·       Dmitrij Jakovlevič Samokvasov (1843-1911), Istorija russkogo prava, Bd. I: Načalo političeskogo byta drevnerusskich slavjan, vyp. 1: Literatura. Istočniki, Metody učenoj razrabotki istočnikov, Warschau 1878.

 

Quellen:

·       Aleksej Stepanovič Pavlov (1832-1898) (Hrg.), Pamjatniki drevne-ruskago kanoničeskago prava, č. 1 (Pamjatniki XI-XV v.) (Russk.Istor.Bibl. VI), Pbg. 1880; 2. Aufl. von Vladimir Nikolajevič Beneševič (1874-1943) 1908;

-        deutsche Übersetzung von Leopold Karl Goetz (1868-1931), Kirchenrechtliche und  kulturgeschichtliche Denkmäler Altrusslands nebst Geschichte des russischen Kirchenrechts [nach A. S. Pavlov, Kurs cerkovnago prava, Sergiev Posad 1902], Stuttgart 1905; Nachdruck Amsterdam (Schippers) 1963. Goetz war Professor für Kirchenrecht am Altkatholischen Seminar der Universität Bonn. Zu ihm Wilh. Levisons Nachruf in: Chronik der Rhein. Fr. W.-Univ. zu Bonn für das akad. Jahr 1930/31, Bonn 1932, S. 15-20.

 

Zuletzt

·       Helmut Keipert, Zur Entwicklung slavistischer Studien an der Universität Bonn, in: Materialien zur Geschichte der Slavistik in Deutschland 1 (Osteuropa-Institut an der FU Berlin, Slavistische Veröffentlichungen 50,1), Wiesbaden (Harrassowitz) 1982, S. 45-80, hier: 59-62. Vgl. auch in dems. Bd. S. 204.

·       Fortsetzung der Pamjatniki, hrg. von Beneševič, č. 2, vyp. 1 (RIB XXXVI) Petrograd 1920.

·       O. I. Čistjakov (Hrg.), Rossijskoje zakonodatel stvo X-XX vekov Bd. I-IX, M. 1984-1994, hier: Bd. I: V. L. Janin (Hrg.), Zakonodatel stvo Drevnej Rusi, M. 1984; dort zu den einzelnen Denkmälern Bibliographie: S. 130-132, 293-298, 387-389.

 

94. Zu 907 (nur bruchstückhaft): PSRL I Sp. 31f., II 22 f.; zu 912:1 32-37, II 23-28; zu 945:1 46-53, II 35-42; zu 972: I 72-74, II 60-62.

 

·       Vasilij Ivanovič Sergejevič († 1910), Lekcii i izsledovanija po drevnej istorii russkogo prava, Pg. 1883; 4. Aufl. 1910, S. 626-666: Priloženie: Grečeskoje i russkoje pravo v dogovorach s grekami X v. - M. V. Levčenko, Očerki po istorii rusko-vizantijskich otnošenij, hrg. von M. N. Tichomirov, M. 1956, S. 91-171.

·       D. Obolensky, The Byzantine Commonwealth, Eastern Europe, N. Y. Washington 1971, S. 185-188.

·       Ja. N. Ščapov, Russkaja letopis’ o političeskich vzaimotnošenijach drevnej Rusi i Vizantii, in: V. T. Pašuto (Hrg.), Feodal’naja Rossija vo vsemirnoistoričeskom processe. FS L. V. Čerepnin, M. 1972, S. 201-208.

·       S. M. Kaštanov, O procedure zaključenija dogovorov meždu Vizantiej i Rus’ju v X v., ebd. S. 209-215.

·       W. K. Hanak, Some Conflicting Aspects of Byzantine and Varangian Political and Religious Thought in Early Kievan Rus, in: ByzSlav 37, 1976, S. 46-55, hier: 50-52.

·       Poppe, Das Reich der Rus’ im 10. und  11. Jahrhundert: Wandel der Ideenwelt, in: Jb. f. Gesch. Osteur., 28, 1980, S. 334-354, hier: 339.

·       Jana Malingoudi, Die russisch-byzantinischen Verträge des 10. Jhd.s aus diplomatischer Sicht. Thessaloniki 1994.

 

 

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Daß sie schriftlich ausgefertigt wurden, wird ausdrücklich gesagt, und  zwar für jede Vertragspartei ein Exemplar, wobei jeder das seine unterschrieb. [95] Es geht aus dem Text nicht hervor, ob die Verträge auch zweisprachig ausgefertigt waren. Wenn aber ja, dann sicher nicht slavisch, sondern varägisch. Vertragspartner war die Rus' die von den Slaven (slovene) unterschieden sind. Das berührt die eigentlich nie aufgeworfene Frage, ob es je eine varägische Schriftlichkeit im Lande gegeben hat. Auszuschließen ist das nicht. [96] Die Verträge werden wohl zunächst im gegenseitigen Verhältnis zwischen Byzanz und  den varägischen Kaufleuten gegolten haben, mittelbar für das slavische Siedlungsgebiet als Ganzes (das Kiever „Staatsgebiet“, wie die Russen sagen). [97]

 

Wir haben Belege für die Übernahme des byzantinischen kanonischen Rechts vom frühen 11. Jahrhundert an. Das älteste slavische Sprachdokument überhaupt war wohl die kanonische Gesetzessammlung des Nomokanon, der, wenn wir der um 900 abgefaßten Vita Methodii vertrauen wollen, noch von Konstantin-Kyrill, d. h. vor 869, als erstes Buch der sog. Slavenmission übersetzt worden sein soll. [98] Er stand wohl auch am Anfang der ostslavischen Schriftlichkeit. Großfürst Vladimir soll ihn nach seiner Taufe für die neue rechtliche Ausgestaltung des christianisierten Staatswesens herangezogen haben. [99] Er ist dann bei den Ostslaven in vier Übersetzungen mit zahlreichen Handschriften reich belegt. Sie stammen ursprünglich alle aus Bulgarien. [100]

 

 

95. PSRL I 37: „napisaniem na dvoju charat’ju.“ I 52: „napisachom na dvoju charat’ju. i edina charat’ja est’ u cesarstva našego na nejže est’ krest i imena naša napisana, a na drugoi posly vaša.“ Die Übersetzung in PLDR <I> 1978 (wie Anm. 51) S. 53 und  67 ist falsch.

 

96. Mošin 1931 (wie Anm. 69) mit ausführlichem Bericht über die gesamte „normannische“ Literatur.

·       D. Obolensky, The Byzantine Sources on the Scandinavians in Eastern Europe, in: Varangian Problems. ScandSlav supp. 1, 1970, S. 149-164.

·       Stökl (wie Anm. 69) S. 43f.

·       Hanak 1976 (wie Anm. 94).

·       Hartmut Rüss, Varäger, in: Lexikon des Mittelalters Bd. VIII 1997, Sp. 2036-2039 mit neuerer Literatur. Die Frage nicht berührt.

 

97. Am ehesten ist varägische Schriftlichkeit in Novgorod zu erwarten. Eine Varägische Kirche wird dort noch 1152 erwähnt, NPL (wie Anm. 66) S. 159; zu 1299 wird noch, ebd. S. 220, eine Varägerstraße erwähnt. Vgl. hier S. 42.

 

98. Uspenskij Sbornik (Ende 12. Jh.), hrg. von S. I. Kotkov, M. 1971, S. 188-198, hier: 197, 108c29dl; zur Quelle SvKat. (wie Anm. 80) Nr. 165. - Gesamtübersicht bei Ludwig Burgmann, Bibliographie zur Rezeption des byzantinischen Kirchenrechtes in der alten Rus’ und  im Kaukasus (Forschungen zur byzantinischen Rechtsgeschichte 18), Frankfurt a. M. 1992. - Josef Vašica, Origine Cyrillo-Methodienne du plus ancien Code Slave dit „Zakon sudnyj ljudem“, in: ByzSlav XII 1951, S. 156-174.

 

99. In dem gleich zu erwähnenden (Anm. 101) Statut Vladimirs Abschnitt 4.

 

100. Text mit dem griech. Original hrg. von Beneševič, Drevne-slavjanskaja kormčaja XIV titulov bez tolkovanij, Bd. I, Pbg. 1906; Nachdruck Lzg. 1974 (Subsidia Byzantina Ilb).

 

Zu den Texten grundlegend

·       Ivan Zužek, Kormčaja kniga. Studies on the Chief Code of Russian Canon Law (Orientalia Christiana Analecta 168), Rom 1964; S. 7-106 Beschreibung und  Kritik der Hss.

·       Speranskij 1921 (wie Anm. 43) S. 222-224.

·       V. Soloviev, Der Einfluß des byzantinischen Rechts auf die Völker Osteuropas, in: Zschr. d. Savigny Stiftung. Rechtsgesch. Romanist. Abt. 76, 1959, S. 432-479.

·       L. N. Ščapov, Vizantijskoje i južnoslavjanskoje pravovoje nasledie na Rusi v XI-XIII vv., M. 1978.

·       Thomson (wie Anm. 76) S. 323-326 Anm. 175. Gültigkeit und  Verbreitung des Nomokanon bei den Ostslaven ist von Literarhistorikern bei Spekulationen über die Unabhängigkeit der „russischen“ Kirche und  der Eigenständigkeit der „altrussischen“ Literatur zu wenig berücksichtigt worden. Vgl. aber Francis Dvornik, Byzantine Political Ideas in Kievan Russia, in: Dumb. Oaks Pap. 9/10,1955/56, S.75-121, hier: 76-91, zum Nomokanon S. 80f., 85-89. - Dazu Abschnitt E 1; S. 62-64.

·       L. Burgmann, Kormčaja kniga, in: Lexikon (wie Anm. 96) V 1991, Sp. 1445f. und : Nomokanon, ebd. VI 1993, Sp. 1229f.

 

 

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Erhalten sind zwei Statute zur Regelung der kirchlichen Gerichtsbarkeit, die mit den Namen Vladimirs [101] und  seines Sohnes und  Nachfolgers Jaroslavs des Weisen [102] verbunden werden. Sie sind zwar spät überliefert (älteste Handschrift 13. Jahrhundert), reichen aber wohl in Teilen wirklich ins 11. Jahrhundert, vielleicht sogar in die Zeit des Vladimir zurück. [103] Die Herkunft aus dem Griechischen ist klar, aber die Zuständigkeit des Klerus geht deutlich über byzantinische Regelungen hinaus [104], und  vielleicht ist das schon eine ostslavische Weiterbildung.

 

Bequemer und  verbreiteter waren zwei Sammlungen von Pandekten, des Antiochos (6. Jahrhundert) [105] und  des Nikon vom Schwarzen Berge (11. Jahrhundert) [106] d. h. Regelsammlungen, die aus Kirchenvätern und  Konzilsbeschlüssen zusammengestellt waren.

 

 

101. Älteste Hss. aus dem 13. und  14. Jh. Text am besten in Beneševič 1920 (wie Anm. 93) S. 1-72. - Auch in RZ I 1984, ebd., S. 137-151. - Deutsch bei Goetz 1905, ebd, S. 8-39. - Ja. N. Ščapov, Pravilo o cerkovnych ljudjach, in: Archeogr. Ezegodnik za 1965 god, M. 1966, S. 72-81. - Ders., Knjažeskie ustavy i cerkov’ v drevnej Rusi XI-XIV vv., M. 1972, S. 12-135.

 

102. Älteste Hss. aus dem Ende des 15. Jhs. Text nur in RZ I 1984, ebd., S. 168-172 und  189-193; deutsch bei Goetz 1905, S. 39-45. - Karl Fritzler, Die sog. Kirchenordnung Jaroslavs. Ein Denkmal russisch-germanischen Rechts, Diss. Berlin, in: ders., Zwei Abhandlungen über altrussisches Recht, 1923, S. 1-120. Zu ihm W. Zeil in: Slawistik in Deutschland, Bautzen 1993, S. 126 f. Ablehnend Mošin 1931 (wie Anm. 69) S. 528f. - Ščapov 1972 (wie vorige Anm.) S. 178-306. Die Tendenz, die kirchliche und  kirchenrechtliche Seite herunterzuspielen, ist deutlich.

 

103. S. V. Juškov, Issledovanija po istorii russkogo prava. Vyp. I: Ustav knjaz’ja Vladimira, Novouzensk 1925; nach Janin in RZ I 1984 S. 137f. und  165 f.

 

104. Vgl. Janin in RZ I 1984 S. 163-168.

 

105. Griechischer Text in Migne PG 89, 1421-1850; kirchenslavische Übersetzung hrg. von Josif Popovski in Polata knigopisnaja Bd. 23/24, Leiden 1989. Von dems. Kommentar: Die Pandekten des Antiochus Monachus. Slavische Übersetung und  Überlieferung. (Akademisch Proefschrift), Amsterdam 1989. - Hans Georg Beck, Kirche und  theologische Literatur im byzantinischen Reich (Byzantinisches Handbuch II 1), München 1959, S. 449f. - Heinrich Kraft in: Lexikon (wie Anm. 96) I 1980, Sp. 719. - V. Pucko, Pandekty Antiocha Černorizca: chudožestvennoje oformlenie kirilličeskoj rukopisi, in: Cyrillomethodianum XI 1987, S. 45-86.

 

106. Taktikon, griechisch nur teilweise ediert von Beneševič, Opisanie grečeskich rukopisej monastyrja svjatoj Ekateriny na Sinaje, Bd. I Pbg. 1911, S. 561-607; ksl. Übersetzung Počaiv 1795. - Vollständige Edition der Pandekten jetzt bei K. A. Maksimovič, Pandekty Nikona Černogorca v drevnerusskom perevode XII v. (Juridičeskie teksty), M. 1998; griechischer und  russischer Text sowie doppeltes Glossar. Älteste Hss. 13. Jh. - Zu ihm Beck (wie vorige Anm.) S. 600. - Rumjana Pavlova, Pandekty Nikona Černogorca v slavjanskoj pis’mennosti, in: Slavjanska filologija, Bd. 19, Sofija 1988, S. 99-116. - Christian Hannick, Nikon de la Montagne Noire et sa reception en Russie avant la redaction des Menees du metropolite Macaire, in: Mille ans de christianisme russe, 1989, S. 123-131. - Ders. in: Lexikon (wie Anm. 96) VI 1993, Sp. 1190. - K. A. Maksimovič, K probleme proischoždenija drevnejšego slavjanskogo perevoda Pandekt Nikona Černogorca, in: Slavjanskoje jazykoznanie. XII Meždunarodnyj s”jezd slavistov, M. 1998, S. 398-412.

 

 

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Beide waren aus dem Bulgarischen übernommen. Schon die griechischen Autoren hatten aus praktischen Erwägungen Vorschriften und  Regeln zusammengestellt, die vielseitig anwendbar waren. Sie drangen auf russischem Boden bald über Klöster hinaus. Ihre Spuren finden sich in fast allen anderen Werken. Sie müssen weithin gegolten haben. [107]

 

Das Verhältnis zwischen dem Patriarchen in Konstantinopel und  dem Metropoliten in Kiev, aber auch zu einzelnen Bischöfen, sowie von diesen zu den Gemeindegeistlichen ist aus einer Reihe von kanonischen Antworten zu erschließen, die auf vorgelegte Fragen gegeben wurden. Erhalten sind sie für die Zeit vom Ende des 11. bis zum Ende des 13. Jahrhunderts. [108] „Den Auftakt der kanonistischen Literatur“ [109] bildeten die kanonischen Antworten des Metropoliten Johannes II. (1080-1089). [110] Bekannter sind Fragen des Novgoroder Klerikers Kirik (Kyrikos; 12. Jahrhundert) und  die kanonischen Antworten seines Bischofs Nifont († 1156), die an die des Johannes anknüpfen. [111] Diese Fragen enthalten Elemente einer Sakramententheologie, die Probleme der konkreten Pastoralarbeit ahnen läßt, am ausführlichsten für die Taufe. Aufschlußreich sind Einzelheiten. Ein Priester soll nach der Trauung die Elochzeitsgesellschaft verlassen, wenn dabei Lieder gesungen werden, d. h. wohl heidnische Lieder. Was soll beim Abendmahl geschehen, wenn ein Priester es betrunken reicht? Oder wenn ein Kommunikant dabei unziemliche Laute hören läßt? Erfrischend sind die Antworten des klugen Novgoroder Bischofs.

 

Solche kanonischen Antworten werden, wenn sie erwähnt sind, als originale Werke angesehen, so besonders die des Novgoroder Kyrikos. Das ist mindestens zweifelhaft. Bischof Nifont, der die Antworten gab, die Kyrikos aufgezeichnet hat, war Grieche (Nephon), und  jedenfalls die Antworten des Metropoliten Johannes II.,

 

 

107. Vgl. D. Bulanin in: Slovar’ 1987 (wie Anm. 54), S. 292-294.

 

108. Texte bei Pavlov/Beneševič 1908 (wie Anm. 93), Nr. 1-13 Sp. 1-142.

 

109. So Podskalsky 1982 (wie Anm. 14) S. 186.

 

110. Russischer Text in Pavlov/Beneševič 1908 (wie Anm. 93) Nr. 1 Sp. 1-20. - Zu Johannes II. s. O. V. Tvorogov in: Slovar’ (wie Anm. 54) S. 210.

 

111. Text bei Pavlov/Beneševič 1908 (wie anm. 93), Sp. 21-62 Nr. 2. Zu Kyrikos Golubinskij I 1901, S. 792f. - Fedotov (wie Anm. 3) S. 180-197. - Podskalsky 1982, S. 187-189. - Ders., Sakramente, 1993 (wie Anm. 36), S. 228-237. - E. K. Piotrovskaja in: Slovar’ (wie Anm. 54) S. 215-217. - Fennell 1995 (wie Anm. 40) S. 74-76.

 

 

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an die er anknüpfte, waren griechisch geschrieben. [112] Als Muster sind die sog. erotapokritischen Mönchsunterweisungen in Frage und  Antwort der frühesten christlichen Zeit erkennbar (vgl. Anm. 155).

 

Wir haben weiter ein Dokument zur weltlichen Gerichtsbarkeit, die Russkaja pravda. Es ist nicht als gesondertes Buch überliefert, sondern nur in einer Handschrift kanonischen Rechts. Diese älteste Abschrift von 1282 ist zugleich die einzige Handschrift dieses Denkmals aus alter Zeit. Der Text wird auf Mitte des 11. Jahrhunderts angesetzt. [113] Der Ausdruck russisches Recht deutet dann nicht auf slavischen, sondern auf germanischen Ursprung. Im Wesentlichen enthält das Buch straf-, weniger zivilrechtliche Bestimmungen, einige (Art. 10; 11) zur Regelung des Verhältnisses der landfremden Varäger und  der Eingesessenen.

 

Ein ausgebildetes Urkundenwesen ist in ältester Zeit nicht zu fassen. Nur seit Ende des 12. Jahrhunderts sind einige Urkunden erhalten und  nur in Regionen, deren westliche Nachbarn lateinische Staaten waren, in Novgorod [114] und  Pskov [115] sowie in Smolensk [116], später auch in Galič. [117]

 

 

112. Hrg. von A. S. Pavlov in: Otryvki grečeskogo teksta kanoničeskich otvetov russkogo mitropolita Ioanna IL, in: Zap.Imp.AN Bd. 22, 1873, Priloženie 5, S. 1-21; wieder im Sbornik AN Bd. 15, 1876, Nr. 3 und  Pamjatniki (wie Anm. 93) Bd. II 1920, S. 321-346. Einzelnes bei Podskalsky 1982, S. 186f.

 

113. In der Kormčaja von 1282, SvKat (wie Anm. 80) Nr. 183, S. 207f., fol. 615v-627v. Text hrg. von E. F. Karskij (1860-1931), Russkaja Pravda po drevnejšemu spisku. Vvedenie, tekst, snimki, Ob”jasnenija, ukazateli avtorov i slovarnogo sostava, L. 1930; Nachdruck o. O. o. J. (1970). Dann in B. D. Grekov (Hrg.), Russkaja pravda. M. Bd. I 1940 (Text), II 1947 (Kommentar), III 1963 (Facsimile). - RZ I 1984, S. 47-49, 64-73. Russisch und  deutsch bei L. K. Goetz, Das russische Recht. 1. Bd.: Die älteste Redaktion des russischen Rechts, Stuttgart 1910, S. 4-65. Die Untersuchung kommt zu dem Schluß: „... kein aus der Fremde übertragenes, sondern wirklich ein Russisches Recht“ (S. 277); 2. Bd.: die zweite Redaktion des russischen Rechtes, Stuttgart 1911; 3. Bd.: Die dritte Redaktion des russischen Rechtes, Stuttgart 1912; 4. Bd.: Die dritte Redaktion des russischen Rechtes als literarisches Denkmal und  als Rechtsurkunde, Stuttgart 1913. - Es ist mir nicht gelungen, das Stichwort in den Nachschlagewerken LE, KLE, Slovar’ I 1987, II 2, 1989 zu finden. Umfangreiche Bibliographien in SvKat S. 208-210 und  RZ I 130-133. - Mošin (wie Anm. 69) S. 369f. - Dort fehlt vor allem: H.-B. Harder, Untersuchungen zur Urfassung der „Russkaja Pravda“, in: Slavistische Studien zum VII. Internationalen Slavistenkongreß in Warschau 1973, München (Trofenik) 1973, S. 126-141, mit kritischer Sichtung der Literatur und  Analyse der Hss. - J. Bardach, in: Slownik starozytnosci slowiaiiskich, IV 1970, S. 582-587. - A. Poppe, in: Lexikon (wie Anm. 96) VII 1995, Sp. 112lf.

 

114. S. N. Valk (Hrg.), Gramoty velikogo Novgoroda i Pskova, M. L. 1949: Novgorod: zu 1147: S. 159-161 Nr. 102, 103; zu 1181/82: S. 284 Nr. 283; zu 1189/90; zu 1192: S. 161f. Nr. 104. - A. A. Zimin, Pamjatniki prava feodal’no-razdroblennoj Rusi XII-XV vekov; M. 1953, S. 101-273. - Ja. P. Ščapov, Drevnerusskie knjažeskie ustavy XI-XV vekov, M. 1976, S. 147-165 (zu 1136/37-1301).

 

115. Zimin (wie vorige Anm.) S. 277-283.

 

116. Zur Gründungsurkunde Ja. N. Ščapov, Smolenskij ustav knjazja Rostislava Mstislaviča, in: Archeogr. Ežegodnik za 1962 god (FS M. N. Tichomirov), M. 1963, S. 37-47. - A. Poppe, Učreditel’naja gramota Smolenskoj Episkopii, ebd. za 1965 god, M. 1966, S. 59-71. - Zimin (wie Anm. 114) S. 37-98 (S. 72-98: Verträge mit Riga). - P. Ščapov (wie Anm. 115) S. 140-146. - R. I. Avanesov (Hrg.), Smolenskie gramoty XII-XV vekov, M. 1963, S. 10-62 (Verträge mit Riga). Vgl. auch Arthur Kijas, Smolensk, in Slownik (wie Anm. 113), V 1975, S. 320-322. - Sčapov 1972 (wie Anm. 101) S. 136-177: Smolenskie i Novgorodskie ustavnye gramoty XII-XIII vv. - Th. M. Bohn, Smolensk, in: Lexikon (wie Anm. 96) VII 1995, Sp. 2013f. Die Verbindung mit Riga und  dem Schwertbrüderorden ist vernachlässigt.

 

 

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Fast ausschließlich handelt es sich um Regelungen von Klosterbesitz, später um Handelsverträge (Smolensk).

 

In Novgorod gab es zu Anfang des 13. Jahrhunderts in der Peterskirche eine sog. „Kaufmannskriche“. [118] Eine ähnliche ist etwas später in Smolensk belegt. [119] Die Lagerung der Waren in diesen Kirchen erforderte genaue Satzungen (Schra) [120]. Sie waren mittelhochdeutsch aufgezeichnet. Ob davon eine Wirkung auf slavische Verhältnisse ausging, kann, denkt man an neuere Verhältnisse fremder Gruppen mit eigenen Satzungen in Rußland, bezweifelt werden. Indessen galt das Recht in Novgorod für Deutsche und  Slaven, und  analoge Bestimmungen finden wir in einer russischen Kaufmannskirche in Schweden. [121]

 

Die Belege lassen eine allmählich wachsende Rechtsordnung auf verschiedenen Gebieten erkennen. Ohne Zweifel ist die Verschriftlichung des Rechts und  damit der Anfang der Schriftlichkeit überhaupt eine Folge der Christianisierung. Das kanonische Recht, byzantinisch und  daher am meisten ausgebildet, ergriff das Land schließlich weitgehend. Das „russische“ Recht war Fürstenrecht und  entwickelte sich langsamer. Neben den byzantinischen Einfluß tritt im Nordwesten und  Südwesten lateinischer. Es bleibt allerdings fraglich, wie weit dieses Recht gegolten hat und  geübt wurde. Von einem eigentlichen Gerichtswesen hören wir fast nichts. „Die stark variierende Terminologie läßt spezialisierte Funktionen selten erkennen.“ [122]

 

 

117. Texte in Zimin (wie Anm. 114) S. 25-33. - Ščapov (wie Anm. 114) S. 166-172. - Dazu Günther Stökl, Kanzler und  Metroplit, in: Studien zur Geschichte Osteuropas. III. Teil. Gedenkband für H. E Schmid (Wiener Archiv für Geschichte des Slaventums und  Osteuropas 5), Graz Köln (Böhlau) 1966, S. 150-175. Wieder in: ders., Der russische Staat in Mittelalter und  früher Neuzeit. Ausgewählte Aufsätze, Wiesbaden (Steiner) 1981, S. 98-123.

 

118. Paul Johansen, Die Kaufmannskirche im Ostseegebiet, in: Studien zur Frühzeit des europäischen Städtewesens. Reichenau-Vorträge 1955-1956. (Vorträge und  Forschungen IV), Konstanz (Thorbecke) 1975, S. 499-525, hier: 499-503. Über Einwände s. Th. Riis, in: Lexikon (wie Anm. 96) V 1991, Sp. 1086. - Ferner Paul Johansen, Novgorod und  die Hanse, in: Gedenkschrift Fritz Rörig, Lübeck 1953, S. 121-148. - Friedrich Benninghoven, Rigas Entstehung und  der frühhansische Kaufmann (Nord- und Osteuropäische Geschichtsstudien 3), Hamburg (Velmede) 1961, S. 149-155 (Herkunft der Russen im alten Riga).

 

119. Vgl. P. A. Rappoport, „Latinskaja cerkov’“ v drevnem Smolenske, in: Novye archivy, M. 1972, S. 283-289. - E. A. Mel’nikova, Russko-skandinavskie vzaimosvjazi v processe christianizacii (IX-XIII vv.), in: Drevnejšie gosudarstva na territorii SSSR. Materialy i issledovanija. 1987 god, M. 1989, S. 260-268, hier: 258. - Vgl. NPL (wie Anm. 66) zu 1217.

 

120. Text bei Wolfgang Schlüter, Die Novgoroder Schra in sieben Fassungen vom XIII bis XVII Jahrhundert, Dorpat 1914; älteste Fassung S. 50-115. Dazu Norbert Angermann, Schra, in: Lexikon (wie Anm. 96) VII 1995, Sp. 1531.

 

121. Johansen (wie Anm. 118) S. 503. - Mel’nikova 1987 (wie Anm. 119).

 

122. L. Burgmann, Recht. Altrußland, in: Lexikon (wie Anm. 96) VII 1995, Sp. 513f.

 

 

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2. Liturgische Denkmäler (im engeren Sinne)

 

In unmittelbarer Verbindung mit kanonistischen Dokumenten steht, sachlich und  zeitlich, die nächste Schicht der liturgischen Denkmäler. [123] Die orthodoxe Liturgie ist in ihrem Aufbau so kompliziert, daß es dafür ein eigenes Regelbuch gibt, das Typikon (Ustav). In vollständiger Ausführung enthält es drei Teile: konkrete Hinweise für den Ablauf der Messe im Kirchenjahr, in der Messe der Fastenzeit sowie kanonistische Bestimmungen für das Klosterleben, darunter auch Disziplinarbestimmungen. Die Messe war kanonisch geordnet.

 

Das Typikon ist in dreizehn Handschriften erhalten. [124] Der hl. Feodosij (Theodosios; um 1036-1074) hat, bald nachdem er 1062 das Höhlenkloster in Kiev gegründet hatte, das Typikon des Studionklosters in Konstantinopel übersetzen lassen [125] und  in Kiev eingeführt. Nach dieser Regel setzte sich das sog. koinobitische Gemeinschaftsleben gegenüber dem ungeregelten Eremitendasein für alle Klöster auf russischem Boden durch. Klöster als geistige Zentren waren damit ebenfalls einheitlich kanonistisch geordnet, jedenfalls für das erste Jahrhundert (vgl. F 2-3; S. 68-71).

 

Grundlage der Liturgie waren Perikopenbücher für die Lesungen aus den Evangelien (belegt mit 83 Handschriften), darunter die älteste Handschrift ostslavischen Schrifttums überhaupt, datiert auf 1056; dem Apostolos (12 Handschriften); dem Psalter (12 Handschriften); und  Einzelschriften des AT (7 Handschriften). Es kommen die Meßbücher mit speziellen liturgischen Hymnen hinzu (117 Handschriften). Sie kommen wohl alle aus Bulgarien, vielleicht in Einzelfällen sogar aus Mähren. [126]

 

 

123. Allgemein Golubinskij I 1, 1881, S. 282-297. - Fedotov I 50-57. - Podskalsky 1982, S. 232-246. Die neueren Nachschlagewerke versagen.

 

124. Alle Belege nach den Angaben wie in Anm. 80. Von einer genaueren Angabe der Hss. sehe ich ab, da ein ausführlicherer Kommentar dazu in Vorbereitung ist. - Weitere 5 Hss. mit einer vollständigen Liturgie (služebnik) kommen hinzu. Teilausgabe von D. S. Isačenko, „Ustav studijskij“ po spisku XII v. (Fragmenty), in: Istočniki po istorii russkogo jazyka, M. 1976, S. 114-130). - Ausführliche Beschreibung der Hss. bei Aleksandr Vasil’jevič Gorskij (1812-1875) und  Kapiton Ivanovič Nevostrujev (1815-1872), Opisanie slavjanskich rukopisej Moskovskoj sinodal’noj biblioteki, Bd. III 1, M. 1869; Nachdruck Wiesbaden 1964, S. 239-270 Nr. 380 (Ende 12./Anfang 13. Jh.); weiter S. 270-314 Nr. 381-387 (14.-15. Jh.). - Zu den Herausgebern Slavjanovedenie (wie Anm. 27) S. 128f. und  248 (A. A. Alekseev). - Golubinskij I 2, 609-615. - Gerhard Podskalsky, Grundzüge der altrussischen Theologie (988-1237). III: Besondere Aspekte des Mönchtums in der Kiever Rus’ (988-1240), in: Sante Graciotti (Hrg.), II Battesimo delle terre Russe. Bilancio di un millenio (Civiltä Veneziana 43), Florenz 1991, S. 109-122, hier: 115-117. Weitere Literatur in Anm. 17.

 

125. Uspenskij Sbornik (wie Anm. 98) S. 89, fol. 37b21-c9.

 

126. Christian Hannick, Kyrillos und  Methodios in der Musikgeschichte, in: Musices Aptatio - Liber Annuarius, 1, 1984/85, S. 168-177. - Ders., Das Hirmologion in der Übersetzung des Methodios, in: Meždunaroden simpozium. 1100 godini ot blaženata končina na sv. Metodi, Bd. I, Sofia 1981, S. 109-117.

 

 

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In den Meßbüchern waren, mit wenigen späten Ausnahmen [127], die Hymnen nicht nach dem konkreten Ablauf des Gottesdienstes verzeichnet, das geschah in Byzanz erst im 13. und  bei den Slaven im 14. Jahrhundert, sondern nach Gattungen zusammengefaßt. Dabei sind zu unterscheiden: das Buch mit den Hymnen für die Sonntage (Oktoechos, Parakletikon; 10 Handschriften), das Monatsbuch (Menaion) mit Hymnen für alle Tage des Kirchenjahres (55 Handschriften) sowie das Hymnenbuch für die Fasten- und die Nachfastenzeit bis Pfingsten (Triodion; 10 Handschriften).

 

Nicht nur die Hymnen als solche und  ihre liturgische Anordnung sind kompliziert, sondern auch die Noten (Neumen) und  die acht Tonarten (griech. echos, slav. glas) des Gesangs. [128] Die slavischen Neumen sind von den byzantinischen abgeleitet, sind aber schon verändert. Vollständig entziffert sind sie noch nicht. [129] Alle Hymnen haben mehrere Strophen. Sie werden nach einer bestimmten Musterstrophe gesungen, die jeweils am Anfang angegeben ist (Hirmos, Prosoimoion; slav. podoben). Es gibt deshalb weiter Hymnenbücher, die Musterstrophen (Hirmologion; 5 Handschriften), und  solche, die bestimmte Hymnengattungen zusammenfassen: Sticherare (25 Handschriften) und  Kondakare (7 Handschriften).

 

Das sind also schon sechs verschiedene Gattungen, die in besonderen Büchern zusammengefaßt waren. Es gibt weitere.

 

 

127. SvKat (wie Anm. 80) Nr. 167 (Ende 12./Anfang 13. Jh.), 310-313 (13. Jh.). Bis auf Nr. 312 enthalten die Hss. die Liturgie Basileios des Großen.

 

128. Christian Hannick, Nachschlagewerke zur byzantinischen Musik und  Hymnographie, in: Mitteilungen des Mediävistenverbandes 7, 1990, S. 46-56. - Ders., Reference Materials on Byzantine and Old Slavic Music and Hymnography, in: Journal of the Plainsong and Medieval Music Society 13, 1990, S. 83-89. - Allgemein: Egon Wellesz, A History of Byzantine Music and Hymnography, Oxford 1948; 2. erweiterte Aufl. 1961; Nachdruck 1998; S. 428-441 Bibliographie (veraltet). - K. Floros, Universale Neumenkunde, Bd. I—III, Kassel 1970. - Robert F. Taft, Liturgy in Byzantium and beyond, Yarmouth 1995 (Aufsätze von 1968-1992). - Christian Hannick, Hymnen II. Orthodoxe Kirche, in: Theologische Realenzyklopoädie Bd. XIV 1987, S. 762-770 (reiche Bibliographie). - Ders., Altslawische Musik, in: MGG, 2. Aufl. Bd. I 1994, Sp. 510-521 (reiche Bibliographie). - Einzelnes: Ders., Studien zu liturgischen Handschriften der Österreichischen Nationalbibliothek (Byzantina Vindobonensia VI), Wien 1972. - Ders., Der Einfluß von Byzanz auf die Entwicklung der bulgarischen Kirchenmusik, in: R. Lauer/ R Schreiner (Hrg.), Kulturelle Traditionen in Bulgarien (Abh. d. Akad. der Wiss., Phil.-Hist. Kl. Dritte Folge Nr. 177), Göttingen 1989, S. 91-102. - E. V. Gercman, V poiskach pesnopenij cerkvi. Preosvjascennyj Porfirij Uspenskij i ego kolekcija drevnich muzykal’nych rukopisej [sc. griech.], Pbg. 1996, S. 13-123. Vgl. auch Anm. 144. - Ders., Grečeskie muzykal’nye rukopisi Peterburga. Katalog I: Russkaja Nacional’naja Biblioteka, Pbg. 1996. - Vgl. Anm. 144.

 

129. Maksim Viktorovič Bražnikov (1904-1973), Puti razvitija i zadaci razšifrofki znamenogo rospeva XII-XVIII vekov, M. 1949. Zu ihm E. Orlova in: The New Grove Dictionary of Music and Musicians, London Bd. III 1980, S. 221. - J. v. Gardener, Der Verfasser [sc. Smolenskij] und  die Geschichte des Werkes, in: Smolenskij 1976 (wie Anm. 133), S. 5-12, mit Literatur. - M. Velimirović, Evolution of the Musical Notation in Medieval Russia, in: Cyrillomethodianum VIII-IX (FS Lichačov) 1984/85, S. 165-173.

 

 

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Obwohl für ihre Erforschung Manches getan ist [130], fehlt eine zusammenfassende Darstellung für Philologen und  Historiker. Noch imgünstiger sieht es bei den Textausgaben aus. Vor mehr als einem Jahrhundert hat Vatroslav Jagić (1838-1923) damit begonnen, die Gottesdienstmenäen herauszugeben. [131] Danach ist in Rußland wenig geschehen, und  das Wenige z. T. in Minimalauflagen und  im Verborgenen. [132] Nur im deutsch- [133] und  englischsprachigen [134] Ausland wurde diese Arbeit fortgesetzt.

 

 

130. Speranskij 1921 (wie Anm. 43) S. 202-204: „Unsere Literatur mußte von Anfang an die Verbindung mit dem Gottesdienst hervorbringen“ (obnaruživat'). - Adrianova-Peretc 1941 (wie Anm. 59) macht einige kenntnisreiche Anmerkungen zum poetischen Gehalt und  zur russischen Adaptierung der Hymnen, bis hin zu Puškin. Wurde nicht mehr aufgenommen. - Felix Keller, Die russisch-kirchenslavische Fassung des Weihnachtskontakions und  seiner Prosomoia (Slavica Helvetica 9), Bern (Lang) 1977; S. 233-243 reiche Bibliographie. - Olaf Stromer, Die altrussischen Handschriften liturgischer Gesänge in sematischer Notation als Hilfsmittel der slavischen Akzentologie (Slavist. Beiträge 209), München (Sagner) 1987 (unabgeschlossener Druck). - M. A. Momina, Problema pravki slavjanskich bogoslovnych gimnografičeskich knig na Rusi v XI v., in: TODRL 45, 1992, S. 200-219. - N. A. Nečunajeva, Nekotorye osobennosti russkich spiskov minei, in: Funkcional’nye i semantičeskie problemy opisanija russkogo jazyka (Trudy po russkoj i slavjanskoj filologii), Dorpat/Tartu 1990, S. 131-138. - Dies., Leksičeskaja variativnost’ v spiskach majskoj minei i „Materialy dlja slovarja drevnerusskogo jazyka“ I. I. Sreznevskogo, in: Slavjanskie jazyki, pis’mennost’ i kul’tura, Kiev (ANU) 1993, S. 196-200. - Dies., Minejnyj spisok XII v. na fone synchronnych drevnerusskich tekstov, in: Russkij jazyk donacional’nogo perioda (Mežvuzovskij sbornik), Pbg. 1993, S. 188-198. - Dies., Majskaja Mineja i rukopis’ Q.p.1.25 iz sobranija A. F. Gil’ferdinga, in: Rus’ i južnye slavjane. (FS für V. A. Mošin), Pbg. 1998, S. 329-339. - Dies., Putjatina mineja v istorii russkogo jazyka, in: Jazyk i tekst. Mežvuzovskij sbornik. (FS V. V. Kolesov), Pbg. 1998, S. 80-91. - S. Ju. Temčin, Bylo li kratkoje aprakosnoje Evangelie pervoj slavjanskoj knigoj, perevedennoj s grečeskogo, in: Issledovanija po slavjanskomu istoričeskomu jazykoznaniju (FS G. A. Chaburgajev), M. 1993, S. 13-29. - Ders., Istorija formirovanija kratokoaprakosnogo Evangelija: popytka obobščenija, in: Slavia 66,1997, S. 21-34. - Ders., Distribucija omegi v ekste Ostromirova Evangelija i istorija slavjanskogo kratkogo aprakosa, in: Tematy (FS L. Moszyiiski), Danig 1998, S. 409-425. - M. V. Choščenko, Pesnopenija Marii Egipetskoj v drevnerusskoj tradicii XII-XVIII vv., in: Rukopisnye pamjatniki. Publikacii i issledovanija. Vyp. 4, Pbg. 1997, S. 163-192, hier: 163-166.

 

131. Služebnyja minei na sentjabr’, oktjabr’ i nojabr’ v cerkovnoslavjanskom perevode po ruskim rukopisjam 1095-1097 g., Pbg. 1886.

 

132. M. V. Bražnikov, Blagoveščenskij kondakar’. Fotovosproizvedenie rukopisi (GPB, Otdel rukopisej), L. 1955; S. 7-12: Spisok pesnopenij. (Auflage: 25). - S. I. Kotkov (Hrg.), Izbornik 1076 goda, M. 1965. - Uspenskij Sbornik, ed. 1971 (wie Anm. 98). - Aprakos Mstislava velikogo, hrg. von L. P. Zukovskaja, M. 1983. Vgl. auch Anm. 134. - Kürzlich in Bulgarien: Gregory Myers (Hrg.), The Lavrsky Troitsky Kondakar (Monumenta Slavico-Byzantina et Mediaevalia Europensia IV), Sofia 1994.

 

133. Die ältesten Novgoroder Hirmologienfragmente, hrg. von Erwin Koschmieder 1.-3. Lieferung (Abh. d. Bayer. Akad. d. Wiss. Phil.-Hist. Kl. N.F. 35, 37, 45; vorgelegt 1942), München 1952, 1955, 1958. - Ders., Joh. v. Gardner (Hrg.), Ein handschriftliches Lehrbuch der altrussischen Neumenschrift, Bd. 1-3 (Bayer. Akad. d. Wiss. Phil.-Hist. Kl. Abh. N. F. 57, 62, 68), München 1963, 1966, 1972. - Nachdruck des Izbornik 1073 g. als: Monumenta Linguae Slavicae Dialecti Veteris III, Wiesbaden (Harrassowitz) 1965. - S. V. Smolenskij, Paläographischer Atlas der altrussischen linienlosen Gesangsnotationen (Bayer. Akad. d. Wiss. Phil.-Hist. Kl. Abh. N.F. 80), München 1976. - Der altrussische Kondakar’, hrg. von A. Dostäl und  H. Rothe, Bd. 2-5 (Bausteine zur Geschichte der Literatur bei den Slaven 8), Giessen (Schmitz) 1976-1980; Bd. 6 Köln (Böhlau) 1990. - V. M. Metallov, Russische Semeiographie zur Archäologie und  Paläontologie des Kirchengesanges, München (Sagners Slavist. Sammlung 7) 1984; Rez. von Chr. Hannick in: WdSl 33, 1988, S. 205-212. - Gottesdienstmenäum für den Monat Dezember. Facsimile der Hss. CGADA f. 381 Nr. 96 und  97 (Bausteine zur Slavischen Philologie und  Kulturgeschichte. Reihe B 16, NF 1), hrg. von Hans Rothe und  E. M. Vereščagin, Köln (Böhlau) 1993; dass., kritische Ausgabe (Abh. NRWAkWiss 98, 99 = Patristica Slavica 2, 3), Opladen (Westdeutscher Verlag), Bd. I 1996; II 1997. - M. F. Mur’janov (Hrg.), Das Dubrovskij Menäum. Edition der Hs. F.p.I 36 (RNB), überarbeitet und  mit deutschen Übersetzungen versehen, hrg. von Hans Rothe (NRWAkW Abh. 104 = Patr. Slav. 5), Opladen 1999. - Chr. Hannick (Hrg.), Das altrussische Hirmologion (Monumenta linguae slavicae dialecti veteris), Freiburg i. Brg. 1999.

 

 

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Die bis vor kurzem kümmerliche Bereitstellung von Ausgaben steht in einem auffälligen Mißverhältnis zu der reichen und  gut übersehbaren Quellenlage. [135]

 

Fühlbarer ist das fast vollständige Fehlen philologischer Kommentare. Nach vorläufiger Übersicht können wir mit drei Schritten bei der allmählichen Aneignung dieser liturgischen Literatur rechnen. Sie kennzeichnen zugleich den Aufbau der Kirche. Den ersten Schritt taten wohl diejenigen Ostoder Südslaven, die nach der Annahme des Christentums (988) aus Bulgarien die ersten Meßbücher auf russischen Boden verbrachten. Das geschah kaum vor 1014. [136] Es handelt sich um das Aprakos-Evangelium, dessen Spuren zuerst in Novgorod 1056 faßbar ist [137]; vermutlich um die Oktoechos, die vielleicht in einem glagolitischen Palimpsest vorlag. [138] Sodann Gottesdienstmenäen; zuerst allerdings kaum ein vollständiges Menäum für den täglichen Gottesdienst im Kloster. Klöster hat es bei den Ostslaven vor 1050 nicht gegeben, an einem Menäum war also noch kaum Bedarf. Es sind denn auch nur Handschriften mit sog.

 

 

134. Arne Bugge (Hrg.), Contacarium Mosquense (Monumenta Musicae Byzantinae VI), Kopenhagen 1960. - M. F. Mur’janov/A. B. Strachov (Hrg.), Putjatina mineja na maj, in: PalaeoslavicaBd. VI 1998, S. 114-208.

 

135. Podskalsky, Aspekte des Mönchtums, 1991 (wie Anm. 87) S. 116 Anm. 19 und  21, macht Mitteilung über eine maschinenschriftliche weitere Teiledition des Typikons von D. M. Petras in Rom 1982 sowie eine historisch-kritische Gesamtedition von F. Korotkov in L. 1986. Eine neue Gesamtausgabe sowie eine erste Ausgabe des Triodions sind in Vorbereitung.

 

136. Dazu s. u. Abschnitt E 2; S. 65.

 

137. Vgl. dazu M. N. Speranskij, Otkuda idut starejšie pamjatniki russkoj pis’mennosti i literatury, in: Slavia VII 1928/29, S. 516-535, hier: 517.

 

138. In SvKat (wie Anm. 80) S. 277 Nr. 305; dazu H. Lunt, On Slavonic Palimpsests, in: Am. Contributions to the Fourth Intern. Congress of Slavistics Moscow 1958, s’Gravenhage 1958, S. 191-208.

 

 

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Festtagsmenäen als älteste Schicht paläographisch durch südslavische Merkmale, vor allem glagolitische Schriftzeichen ausgewiesen. [139] Die ostslavischen Handschriften gehören meist ins 12. Jahrhundert, aber ihre bulgarischen Vorlagen waren um mindestens ein Jahrhundert älter.

 

Ein voller Zyklus der Gottesdienstmenäen setzt mit datierten Handschriften von 1095-1097 ein. Er findet wohl seine Fortsetzung in Handschriften, die etwas später, ins 12. Jahrhundert datiert werden. [140] Sie zeigen eine andere redaktionelle Überarbeitung, teilweise eine andere Übersetzung.

 

In einigen liturgischen Handschriften dieser beiden Gruppen finden sich hin und  wieder Musikzeichen. [141] Vollständig neumierte Menäen setzen wieder etwas später ein. [142] Musik-Handschriften anderer Gattungen liegen z. T. etwas früher. [143] Im Ganzen müssen solche Musik-Handschriften als eine spezifisch ostslavische Eigenleistung gelten, vielleicht die bedeutendste, von der wir wissen. [144] Bulgaren hatten keine Musik-Handschriften. 21,1% der liturgischen Handschriften im engeren Sinne sind Musik-Handschriften.

 

 

139. Vgl. z. B. SvKat Nr. 76 und  155. - N. Durnovo (wie anm. 46). - G. Il’jinskij, Pogodinskie kirillovsko-glagoličeskie listki, in: ByzSlav I 1929, S. 86-117, hier: 101-109. - Henrik Birnbaum, When and how was Novgorod Baptized? in: HUSt XII/XIII 1988/89, S. 505-530, hier: 513.

 

140. SvKat Nr. 7-9; 37-43.

 

141. SvKat Nr. 7-9,21, 76.

 

142. SvKat Nr. 78-81, 83-85, 87, 89, 91, 94. - Tachiaos 1999 (wie Anm. 80) S. 376f. Nr. 965: Sticherar (Ende 12. Jh.); S. 116 Nr. 263: Hirmologion (Anfang 13. Jh.).

 

143. Kondakar: SvKat Nr. 50: 1 l./l2. Jh. - Sticherar: Nr. 54: 11./12. Jh. - Triodion: 11./12. Jh. (nicht durchgehend neumiert).

 

144. Dazu V. M. Metallov (1862-1926), Russkaja Simiografija, M. 1912. - Stepan Vasilevič Smolenskij (1848-1909), Opisanie notnolinejnych rukopisej cerkvnogo penija, nachodjaščichsja v Soloveckoj biblioteke Kazanskoj Duchovnoj Akademii (1885; unveröffentlicht). - Ders., Snimki s pevčeskich rukopisej k opisaniju (neizdannomu) soloveckich rukopisej, Kazan’ 1885 (litographiert, nicht im Handel). - Ders., O drevnerusskich pevčeskich notacijach. Istorikopaleografičeskij očerk (PDPI 145), Pbg. 1901. Vgl. auch hier Anm. 132. - Ders., O bližajšich praktičeskich zadačach i naucnych rozyskanijach v russkoj cerkovno-pevčeskoj archeologii (PDPI 151), Pbg. 1904. - Ders., O sobranii drevne-pevčeskich rukopisej v Moskovskom Sinodal’nom učilišče cerkovnogo penija. Zu Smolenskij N. Findejzen, in: Muzykal’naja Starina, Bd. V Pbg. 1911, S. 1-46. - Antonin Viktorovič Preobraženskij (1870-1929), Kul’tovaja muzyka v Rossii, L. 1924; dt. jetzt: Die Kirchenmusik in Rußland. Von den Anfängen bis zum Anbruch des 20. Jahrhunderts (Studia slavica musicologica 14), hrg. von A. Wehrmeyer, Berlin (Kuhn) 1999, S. 1-36. Reiche Bibliographie S. 141-203. Zu ihm: Andreas Wehrmeyer ebd. S. IX-XIV. - R. Polikarova-Verdeil, La musique byzantine chez les Bulgares et les Russes (Mon. Mus. Byz., Subs. 3), Kopenhagen 1953. - Nikolaj Dmitrievič Uspenskij (1900-1987), Vizantijskoje penie v Kievskoj Rusi, in: Akten des XI. Internat. Byzantinisten-Kongresses 1958, München 1960, S. 643-654. - Ders., Drevnerusskoe pevčeskoje iskusstvo, M. 1971, S. 29-67. - Ders., Obrazy drevnerusskogo pevčeskogo iskusstva, L. 1971. Zu ihm M. Velimirović in: The New Grove Dictionary (wie Anm. 132) XIX 1980, S. 476; Irenikon Bd. 60, 1987, S. 565 f. - M. M. Velimirović, Byzantine Elements in Early Slavic Chant: the Hirmologion (Mon. Mus. Byz., Subs. 4), Kopenhagen 1960. - Ladislav Mokry (Hrg.), Anfänge der slavischen Musik (Slov. Akad. d. Wiss. Inst. f. Musikwiss. Symposia 1), Preßburg 1966. - G. Chorvat, K izučeniju drevnerusskich pevčeskich rukopisej (Irmologij GPB Q.p.1.75), undatiertes Separatum (nach 1973), S. 207-234. - Christian Hannick, Das musikalische Leben in der Frühzeit Bulgariens, in: ByzSl 49, 1988, S. 23-37. - Ders., Konstantinopel und  Bulgarien als Träger der schriftlichen Mission in der Kiever Rus’, in: Orthodoxes Forum II 1988, S. 165-176. - Ders., Die Anfänge der russischen Hymnographie, in: K. Felmy (Hrg.), Tausend Jahre Christentum in Rußland, Göttingen 1988, S. 807-811. - Ders., Das Tropenwesen in der byzantinischen und  in der altrussischen Kirchemusik, in: La traduzione dei trope liturgici, Spoleto 1990, S. 227-241. - Ders., Die liturgische Handschrift in Altrußland, in: Rivista di Bizantinistica 2, 1992, S. 35-61. - Ders., Early Slavic Liturgical Hymns in Musicological Context, in: Richerche Slavistiche 41, 1994, S. 9-30. - E. V. Gercman, Vizantija i Rus’. K probleme muzykal’no-chudožestvennych kontaktov v XI-XIII vekach, in: Cyrillomethodianum XV/XVI 1991/92, S. 241-256. - Gregory Myers, The medieval Russian Kondakar and the choirbook from Kastoria: a palaeographic study in Byzantine and Slavic musical relations, in: Plainsong and Medieval Music Bd. 7, 1998, S. 21-46. Vgl. Anm. 128. Zu Kirill von Turov s. Anm. 158.

 

 

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Ihr besonderes Merkmal ist dabei, daß ihre Texte in viel stärkerem Maße als in notenlosen Handschriften archaische Sprachmerkmale bewahren, sowohl ostwie südslavische, und  zwar unabängig vom Alter der Handschriften. Soweit zu sehen, ist das bisher sowohl den Literarwie den Sprachhistorikern entgangen.

 

Jedenfalls eine Handschrift soll erwähnt werden (SvKat Nr. 50, Ende 11. Jh.). Sie enthält zunächst das Studion-Typikon in verkürzter Fassung, danach den vollen Kondakar für das Kirchenjahr und  die Fastenzeit und  schließlich Hymnen aus der Oktoechos. Singulär ist der mittlere KondakarTeil. Viele Hymnen sind in ihm zweimal verzeichnet, zunächst mit, dann derselbe Text ohne Neumen. Nicht selten unterscheiden sich die Doppeltexte sprachlich voneinander, wobei zu beobachten ist, daß ostslavische Adaptierung in den neumenlosen Stücken weiter fortgeschritten ist. Diese Tendenz läßt sich im Verhältnis von verschiedenen Handschriften desselben Inhalts mit und  ohne Neumen bestätigen.

 

Eine Erklärung scheint aus dem Gesang möglich zu sein. Die Neumen verlangen volle Silben, also die Bewahrung sprachhistorisch verstummender oder schon verstummter Vokale. Aber man kommt nicht weit damit. Gerade der musikalisch nicht relevante Konsonantismus ist von der Archaisierung mit Neumen erfaßt, und  die Silben könnten musikalisch auch mit der Qualitätsveränderung von reduzierten zu vollen Vokalen gefüllt werden, wie es bei lang ausgehaltenen musikalischen Phrasen auch am Ende geschieht. So muß man wohl annehmen, daß die Musik, als ostslavische Eigenleistung, das Archaisieren als solches gefördert hat. Es ist jedenfalls der früheste Beleg für diese Eigenheit, die später die gesamte russische Geistesgeschichte kennzeichnete.

 

Die Frage nach eigenen Hymnendichtungen ist schwierig. Groß ist die Versuchung, „originale“ Werke zu finden. Zu bedenken ist jedoch, daß die Vorstellung original damals nicht existierte. Man übernahm aus griechischen Vorlagen nicht nur Motive oder Bilder [145], sondern ganze Verse. Das gilt auch in anderen Fällen.

 

 

145. So E. B. Rogačevskaja, Gimnografičeskoje tvorčestvo Kirilla Turovskogo v kontekste original’noj slavjanskoj gimnografii IX-XII vv., in: Slavjanskie literatury. Kul’tura i fol’klor slavjanskich narodov. XII Meždunarodnyj s”jezd slavistov, M. 1998, S. 38-45, hier: 40. - Vgl. auch Tschižewskij 1954 (wie Anm. 227).

 

 

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Methodisch bleibt es anfechtbar, solange der Kreis möglicher griechischer Quellen nicht durchsucht ist.

 

 

3. Liturgische Leseliteratur

 

Liturgische Leseliteratur, die nächste Schicht, war wie alles auch an das kirchliche Leben gebunden, aber nur z. T. auch an die kanonistisch geregelte Liturgie. Innerhalb des Gottesdienstes konnte eine Homilie über den Tagesheiligen oder ggf. von ihm oder seine Kurzvita verlesen werden. Vorgelesen wurde diese Literatur sicher auch außerhalb des eigentlichen Gottesdienstes, z. B. im Refektorium bei den Mahlzeiten; und  im weiteren Sinne war das ebenfalls liturgisch. Die patristische Literatur, so weit sie erhalten oder sonst faßbar ist, ist offensichtlich weitgehend Homiletik. Daneben stehen Viten.

 

a) Homiletik

 

Homiletik, die „für mehrere Jahrzehnte vollständig aus dem Gesichtsfeld der Gelehrten verschwunden war“, ist fast ausschließlich in Sammelbänden erhalten und  ist wohl anders auch kaum übernommen und  abgeschrieben worden. [146] Besonders beliebt und  verbreitet war von Anfang an Johannes Chrysostomos (354-407). Seine Predigten wurden schon in Byzanz in Sammelbänden zusammengestellt und  so in Bulgarien übersetzt und  von da von den Ostslaven übernommen. [147]

 

 

146. Dazu A. S. Archangel’skij, K izučeniju drevne-russkoj literatury. Tvorenija otcov cerkvi v drevne-russkoj pis’mennosti, Pbg. 1888. - Ders., Tvorenija otcov cerkvi v drevne-russkoj pis’mennosti. Izvlečenija iz rukopisej i opyty istoriko-literaturnych izučenij, Pbg. Bd. I—II, 1889; III—IV, 1890. - Anders Sjöberg, Two Slavonic Parchment Folios in the Uppsala University Library, in: Cyrillomethodianum VIII-IX (FS Lichačov) 1984/85, S. 199-201 (Ende 13. Jh., zur Familie des Zzbornik 1073). - Tat’jana V. Čertorickaja, Heinz Miklas, Vorläufiger Katalog Kirchenslavischer Homilien des beweglichen Jahreszyklus. Aus Hss. des 11.-16. Jhs. vorwiegend ostslav. Provenienz (Abh. NRWAkW 91 = Patr. Slav. 1), Opladen 1994. - O. V. Tvorogov, Drevnerusskie čet’i sborniki XII-XIV vekov. Stat’ja pervaja in: TODRL 41, 1988, S. 197-214 (197-206: Izborniki; 206ff.: Homilien); Stat’ja vtoraja: Pamjatniki agiografiki, ebd. 44, 1990, S. 196-225; Stat’ja tret’ja: Skazanija i gomilii na sjuzety svjaščennoj i cerkovnoj istorii, ebd. 47, 1993, S. 3-33; Stat’ja četvertaja: Didaktičeskie gomilii), ebd. 51, 1999, S. 20-42 (Incipitarium der Homilien). - Ders., Drevnerusskie perevodnyja gomilii kak predmet issledovanija, ebd. 50, 1997, S. 186-188, dort Zitat S. 186.

 

147. SvKat 18, 74, 263-265. - Archangel’skij (wie vorige Anm.) Bd. IV: Tvorenija Ioanna Zlatousta v drevne-russkich Izmaragdach. - Evg. E. Granstrem, Ioann Zlatoust v drevnej russkoj i južnoslavjanskoj pis’mennosti (XI-XIV vv.), in: TODRL 29, 1974, S. 186-193. - Dies., Dass., (XI-XV vv.), ebd. 35, 1980, S. 345-375. - Dies./O. V. Tvorogov/Andrius Valevičius, Johannes Chrysostomos im altrussischen Schrifttum des 11.-16. Jh.s. Katalog der Homilien (Abh. NRW AkW 100 = Patr. Slav. 4), Opladen 1998. Eine umfangreiche nachgelassene Studie von Granstrem kündigt Tvorogov 1997 (wie vorige Anm.) S. 187 an. - M. S. Fomina, Drevnejšie spiski sbornika Zlatostruj v rannej slavjanskoj pis’mennosti (XI-XII vv.), in: TODRL 47, 1993, S. 34-53. - Tvorogov 1999 (wie vorige Anm.). 21-28.

 

 

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Er ist in den beiden großen Sammelbänden des 11. Jahrhunderts, von 1073 und  1076, mehrfach vertreten und  in dem liturgischen Lesemenäum auf den Monat Mai mit siebzehn Predigten, darunter einem vollständigen Zyklus auf die Karwoche. [148] Kein anderer Kirchenvater hat diese Popularität bei den Slaven errungen. Von den frühen Kirchenvätern des ersten staatskirchlichen Jahrhunderts (bis etwa 450) sind noch vor 1100 ein gutes Dutzend Homiletiker belegt [149], darunter drei lateinische. [150] Die meisten von ihnen sind Einzelerscheinungen und  ohne Wirkung geblieben. Das gilt sicher für die Lateiner. Ebenso sind wohl spätere Kirchenväter, auch wenn sie schon früh bei den Ostslaven nachzuweisen sind, in ältester Zeit ohne große Verbreitung geblieben. [151] Nur für einige läßt sich vermuten, daß sie schon früh eine gewisse Popularität erlangten [152], darunter Papst Gregor I. d. Gr. [153]

 

 

148. Uspenskij Sbornik (wie Anm. 98) Nr. 23-32, 35, 37-40, 43-45, 49. Vgl. Anm. 132, 133.

 

149. Justin (ca. 100-ca. 165): Izbornik 1073. - Athanasius (295-373): Izbornik 1073; Usp.Sb. - Eusebios (263-339): Izbornik 1073: - Kyrillos von Jerusalem (315-386): SvKat 45. - Gregor von Nazianz (329/330-386): SvKat 33. - Basileios d. Gr. (330-379): Izbornik 1073, 1076; Tachios 1999 (wie Anm. 80) S. 197 Nr. 475. - Epiphanios von Salamis (310/332-403): Izbornik 1073. - Gregor von Nyssa († 394): Izbornik 1073. - Kyrillos von Alexandrien († 444): Izbornik 1073; Usp.Sb. - Isidor von Pelusium (ca. 360-ca. 435): Izbornik 1073. - Theodoret von Kyrrhos (386/393-450): Isbornik 1073. - Nilus vom Sinai (J450): Izbornik 1076; SvKat 229. - Hesychios vom Sinai († nach 450): Izbornik 1073; 1076. - Gennadios († 471): Izbornik 1076. - Vgl. Tvorogov 1999 (wie Anm. 145) S. 28-42.

 

150. Irenaus von Lyon (ca. 130-ca. 200): Izbornik 1073. - Hippolyt von Rom (3. Jh.): Izbornik 1073; SvKat 105, 129. - Augustin (354-430): Izbornik 1073.

 

151. Philon von Karpathos († 410): SvKat 375 (2. Hälfte 13. Jh.). - Sabas (439-532): Usp.Sb. - Eusebius von Alexandrien (5. Jh.): Usp.Sb. - Gregor von Antiochien (6. Jh.): Usp.Sb. - Anastasios Sinaita († nach 700): Izbornik 1073. - Theodoros Studites (759-826): SvKat 376 (2. Hälfte 13. Jh.). - Nikephoros von Konstantinopel (um 750-829): Izbornik 1073. - Theodoros von Edessa (1. Hälfte 9. Jh.): SvKat 229 (13. Jh.). - Andreas Salos († 936): Izbornik 1073.

 

152. Ehraim des Syrers (ca. 306-370) Paraenesis: SvKat 289, 466 (beide 13. Jh.); Usp.Sb.; dazu Archangel’skij (wie Anm. 146) Bd. III; Tvorogov 1999 (wie Anm. 146) S. 31-33. - Des Johannes Klimakos (vor 579-649) Klimax (Lestvica): Izbornik 1076; SvKat 62 (12. Jh.), 206 (Anf. 13. Jh.), 354 (2. Hälfte 13. Jh.). - Maximos Confessor (580-662): Izbornik 1073; SvKat 229 (13. Jh.). - Andreas von Kreta (um 660-740): SvKat 223 (13. Jh.); UspSb. Zu ihm jetzt O. A. Belobrova, Andrej Kritskij v drevnerusskoj literature i iskusstve, in: TODRL 51, 1999, S. 206-220. - Johannes von Damaskus (675-749): Izbornik 1073; SvKat 141 (12./13. Jh.; Usp.Sb.; Text hrg. von E. Weiher, Die Dogmatik des Johannes von Damaskus in der ksl. Übersetzung (Mon. Ling. Slav. Dial. Vet. 25), Freiburg/Brg. 1987. - Ch. Trendafilov, Perevody „Bogoslovija“ Ioanna Damaskina i slavjanskoj filologii, in: TODRL 50, 1997, S. 658-667. - Michael Synkellos (761-846): Izbornik 1073; zu ihm vgl. Thomson 1993 (wie Anm. 76) S. 315 Nr. 13; ders., Quotations 1983 (wie Anm. 89) S. 67; ders., Cinq traductions, 1991 (wie Anm. 89).

 

153. Gregor I. (540-604): Izbornik 1073; SvKat 227 (13. Jh.); Usp.Sb.

 

 

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Einige dieser Stücke sind Schrifterklärungen. [154] Manches ist in der alten Form der Erotapokriseis gehalten. [155] Die meisten dieser Stücke, wenn nicht überhaupt alle, sind aus dem Bulgarischen übernommen und  dann adaptiert worden. [156]

 

Auf diesem Hintergrund sind die originalen Homilien von Ostslaven zu sehen. Jedenfalls sieben ostslavische Homiletiker sind uns bekannt. [157] Doch fußen sie alle auf der byzantinischen Patristik, haben Themen und  ganze Partien wörtlich übernommen. Das gilt auch für den bedeutendsten, den Metropoliten Ilarion (Mitte des 11. Jahrhunderts), ebenso wie für den als großen Stilkünstler zuweilen herausgestellten Bischof Kirill von Turov († 1182). [158]

 

 

154. Mehreres von Johannes Chrysostomos. - Von Hippolytes Daniel-Kommentar. - Von Andreas von Kreta Kommentar zur Apokalypse. - Von Gregor d. Gr. Evangelien-Kommentar. - Von Philon von Karpathos Kommentar zum Hohenlied. Dazu A. A. Alekseev, Iz istorii russkoj perevodčeskoj skoly XII v., in: TODRL 41, 1988, S. 154-196; dazu die Polemik mit Lunt (wie Anm. 76). - Podskalsky, Aspekte des Mönchtums, 1991 (wie Anm. 87) S. 113: „auffälliger Ausfall der Bibelexegese“ bezieht sich wohl nur auf originale Werke; dazu Abschnitt D; S. 34 f.; vgl. auch Senderovič 1999 (wie Anm. 158).

 

155. Von Johannes Chrysostomos, Athanasios und  Kyrill von Jerusalem im Izbornik 1076; hier auch andere (anonyme) Stücke. Offenbar hat der Kompilator dieses Bandes gerade diese Form bevorzugt. - Archangel’skij (wie Anm. 146) Bd. II.

 

156. Thomson „Made in Russia“ 1993 (wie Anm. 76) ist der Meinung, daß alles von Bulgarien übernommen wurde. Das schließt freilich nicht aus, daß von Ostslaven, in Kiev oder Konstantinopel, Einiges neu übersetzt wurde. Vgl. auch Alekseev (wie Anm. 76).

 

157. Bischof Luka (Židjata) von Novgorod († 1059/60). - Metropolit Ilarion (Mitte 11. Jh.). - Metropolit Kliment von Smolensk († nach 1164). - Bischof Kyrillos von Turov († 1182). - Erzbischof Ioann (Ilija) von Novgorod († 1186). - Abt Avraamij von Smolensk (zwischen 1150 und  1220). - Bischof Serapion von Vladimir und  Suzdal’ († 1275).

 

158. Zu ihm vgl. z. B. Tschizewskij 1948 (wie Anm. 55) S. 243-258; zu griech. Vorbildern 245f. - Podskalsky, Aspekte des Mönchtums, 1991 (wie Anm. 87) S. 117-120. - Ders., Sakramente 1993 (wie Anm. 36) S. 217. - Zu allen Einzelnachweise bei Thomson, Quotations, 1983 (wie Anm. 89) S. 65-73, zu Kirill S. 66-68. - G. Podskalsky, Symbolische Theologie in der dritten Mönchsrede Kirills von Turov, in: Cyrillomethodianum VIII-IX (FS Lichačov), 1984/85, S. 49-57. - Friedrich Scholz, Studien zu den Gebeten Kirills von Turov. I: Die angelologischen Vorstellungen in ihrem Verhältnis zur Tradition und  Versuch einer Gattungsbestimmung, in: G. Birkfellner (Hrg.), Sprache und  Literatur Altrußlands (Studia Slavica et Baltica 8), Münster (Aschendorff) 1987, S. 167-220. - Zu Ilarion gibt sein bester Kenner griech. Paralleltexte: Ludolf Müller (Hrg.), Des Metrpoliten Ilarion Lobrede auf Vladimir den Heiligen und  Glaubensbekenntnis. Nach der Erstausgabe von 1844 (Slavistische Studienbücher II) Wiesbaden (Harrassowitz) 1962, S. 187-192. - Ders., Eine weitere griechische Parallele zu Ilarions „Slovo o zakone i blagodati“, in: TODRL 48, 1993, S. 100-104. - Ders., Der Kiever Metropolit Ilarion. Sein Leben und  sein Werk, in: Kirche im Osten. Studien zur osteuropäischen Kirchengeschichte und  Kirchenkunde, Bd. 40-41, 1997/98, S. 59-83, mit neuerer Literatur. - S. Senderovič, Slovo o zakone i blagodati kak ekzegetičeskij tekst. Ilarion Kievskij i pavlianskaja teologija, in: TODRL 51, 1999, S. 43-57. - Zu Kirill von Turov E. B. Rogačevskaja, Molitvoslovnoje tvorčestvo Kirilla Turovskogo (problemy tekstologii i poetiki), M. 1993. - Dies., Gimnografičeskoje tvorčestvo, 1998 (wie Anm. 145), S. 38-45.

 

 

52

 

b) Viten

 

Analog hat sich die Literatur der Viten entwickelt. Am Anfang standen Vitensammlungen. Liturgisch im engeren Sinne ist das Synaxarion, bei den Ostslaven unter dem Namen Prolog, d. h. ein Sammelbuch mit Kurzviten oder Nachrichten über den jeweiligen Tagesheiligen. Das Typikon von Studion, das Feodosij in Kiev eingeführt hat (vor 1074), verlangt Lesungen aus dem Prolog. Daher nimmt man an, daß er zusammen mit diesem ins Höhlenkloster kam. Die älteste Handschrift wird ins Ende des 12. Jahrhunderts datiert. [159]

 

Weniger eng an den Gottesdienst gebunden sind Paterika, Sammlungen von ausführlicheren Viten, später in den sog. Lesemenäen gesammelt. Aus altbulgarischer Zeit ist ein solches Lesemenäum für den Monat März erhalten. [160] Es sind fünf griechische Paterika übersetzt worden, einige wahrscheinlich schon in mährischer (9. Jahrhundert) [161], andere in altbulgarischer Zeit (10. Jahrhundert) [162]; eines vielleicht ostslavisch übersetzt. [163] Nachdem diese Übersetzungen Vorlagen, entstand am Anfang des 13. Jahrhunderts das originale Kiever Paterikon. [164] Es ist eine Vitensammlung von Vätern des Kiever Höhlenklosters, verfaßt vor allem von einem ehemaligen Kiever Mönch Simon († 1226), der inzwischen Bischof von Vladimir/Kl. geworden war.

 

Für die älteste Zeit haben wir etwa vierzig einzelne Viten oder können sie erschließen. Die meisten von ihnen gelten griechischen Heiligen und  sind in bulgarischer Übersetzung zu den Ostslaven vermittelt. [165]

 

 

159. SvKat Nr. 162; Nr. 177 (1262 oder 1282). Bis zum Anfang des 14. Jhs. weitere 12 Hss. Dazu E. A. Fet in Slovar’ 1984 (wie Anm. 54) S. 376-381. - S. A. Davydova, Paterikovye čtenija drevnerusskogo Prologa, in: TODRL 43, 1990, S. 263-281. - Dies., T. V. Čertorickaja, K istorii sinaksarja, ebd. 47, 1993, S. 151-163. - Thomson „Made“, 1993 (wie Anm. 76) S. 318-320. - S. A. Davydova, Vizantijskij Sinaksar’ i ego sud’ba na Rusi, in: TODRL 51, 1999, S. 58-79. - Nikolaos H. Trunte, Zur Rekonstruktion des slavischen Synaxarions des 9. Jahrhunderts nach dem Apostolos von Enina, in: ZslPh (im Druck).

 

160. Codex Suprasliensis, SvKat Nr. 23 (11. Jh.). Letzte Ausgabe besorgt von Jordan Zaimov und  Mario Capaldo, Bd. I—II, Sofia 1962/63 (Facsimile, slavischer, griechischer Text und  Kommentar).

 

161. Das Römische Paterikon, vgl. Slovar’ S. 313-316. - Eine Apophthegmen-Sammlung (Scaligeroder Skitskij-Paterikon), ebd. S. 321-325.

 

162. Jerusalemer Paterikon, ebd. S. 299-302. - Sinai-Paterikon, ebd. S. 316-321.

 

163. Das Ägyptische Paterikon, ebd. S. 302-308. Hss. seit 1330er Jahren. Datierung des Textes noch ins 11. Jh. fraglich.

 

164. L. A. Ol’ševskaja, ebd. S. 308-313. Die Hss. sind spät, die früheste (nur Teile) 1406, die wichtigsten von 1460 und  1462.

 

165. Dazu vgl. Peretc 1914 (wie Anm. 11) S. 437-442, hier: 439: O žitijnoj literature vne sbornikov. - Slovar’ zu Žitie S. 129-183; Mučenie S. 259-274; Povest’ S. 349-352; Skazanie S. 396-421; ferner Slovo S. 421-441; Apokryphen S. 441-447; Choždenie S. 462-465. - Texte nach 1250 wurden hier nicht mit in Betracht gezogen. Eine textkritische Wertung der häufig unsicheren Datierungen kann hier nicht gegeben werden. Zu Einzelnem vgl. aber Thomson, „Made“, 1993 (wie Anm. 76) S. 329-337.

 

 

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Fünf ostslavische Heilige haben in Kiever Zeit eine Vita bekommen, die wichtigsten, auf die heiligen Brüder Boris und  Gleb sowie den hl. Feodosij, noch im 11. Jahrhundert. [166] Sie wurden ebenso Hauptbestandteil einer Landesidee wie die originalen Predigten.

 

 

4. Dogmatische Literatur: griechische Autoren in der Rus3

 

Hier kann eine Bemerkung über dogmatische Literatur angeschlossen werden. Das betrifft fast nur griechische Autoren auf russischem Boden. Sie hatten selten ein günstiges Schicksal, denn selten fanden sie Aufnahme in die Literaturgeschichte. Sie gehören aber hinein, denn sie schrieben im Land und  für das Land, und  es finden sich mehreremal Autoren von hohem Rang unter ihnen. [167] Die Kiever Metropoliten waren, mit zwei Ausnahmen, von denen noch zu reden ist, immer Griechen. Anfangs waren es auch die Bischöfe, und  auch später noch gab es unter ihnen immer wieder einen Griechen.

 

 

166. Zu Boris und  Gleb: O. V. Tvorogov in: Slovar’ S. 274-276 und  L. A. Dmitriev, ebd. 398-408. Am meisten gefördert wurden unsere Kenntnisse in den Studien von Ludolf Müller 1954-1963, die dort genannt, aber nicht besprochen sind. - Zu Feodosij: Die wichtigste Untersuchung von Frauke Siefkes, Zur Form des Zitie Feodosija. Vergleichende Studien zur byzantinischen und  altrussischen Literatur (Osteuropastudien des Landes Hessen. Reihe III: Frankfurter Abh. zur Slavistik 12), Bad Homburg v. d. H. Berlin Zürich (Gehlen) 1970. O. V. Tvorogov, in: Slovar’ S. 275f. - Podskalsky, Das Gebet in der Kiever Rus’ - seine Formen, seine Rolle, seine Aussagen, in: Orthodoxes Forum, Bd. 3, 1988, S. 177-191. - Ders., Der hl. Feodosij Pečerskij - historisch und  literarisch betrachtet, in: HUStXII-XIII 1988/89, S. 714-726 (Besprechung der Literatur). - Ders., Aspekte des Mönchtums, 1991 (wie Anm. 87) S. 112-115. - Die Besprechung der Viten zu Ebi. Arkadij von Novgorod († 1165) von N. V. Ponyrko, Slovar’ S. 136f. - Zu Varlaam von Chutyn’ († 1193) von L. A. Dmitriev, ebd. S. 138-142. - Zu Bi. Leontij von Rostov († 1080er Jahre) von G. Ju. Filippovskij, ebd. S. 159-161. - Zu Avraamij von Smolensk von D. M. Bulanin, ebd. S. 126-128. - Einige der Viten sind vermutlich später als bisher anzusetzen. Zur verlorenen Vita des hl. Antonij s. Abschnitt F 5; S. 73 f.

 

167. Sie werden behandelt von Ikonnikov 1869 (wie Anm. 26) S. 52-55. - Golubinskij I 1, 1901, S. 853-868, unter dem richtigen Stichwort: „Naši pisateli iz Grekov.“ - Čiževskij 1960 (wie Anm. 55), S. 80, 100: bloße Namensnennung als „various works“. - Ludolf Müller, Russen und  Byzanz und  Griechen im Rus’-Reich, in: Byzance et la Russie Xle au XVe siede (Bulletin d’information et de coordination 5), Athen Paris 1971, S. 96-118. - Podskalsky, Christentum, 1982 (wie Anm. 14) S. 170-194. - Ders., Der Beitrag der griechischstämmigen Metropoliten (Kiev), Bischöfe und  Mönche zur altrussischen Originalliteratur (Theologie) 988-1281, in: Cahiers du monde russe et sovietique, Bd. 29, 1983, S. 498-515. - Anton Emil Tachios, The Greek Metropolitans of Kievan Rus’: An Evaluation of their Spiritual and Cultural Activity, in: HUSt Bd. XII-XIII, Harvard 1988/89, S. 430-445. - Eine Einzelfrage zu Metropolit Georgios (ca. 1065-ca. 1076) Fr. J. Thomson, The Ascription of the Penitential Zapovĕdi svjatych otec k ispovĕdajuščemsja synom i dščerem to Metropolitan George of Kiev, in: Russia Mediaevalis IV 1979, S. 5-15. Dazu D. Wörn ebd. V 1, 1984, S. 176.

 

 

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Schließlich sind in der Rus’ einige griechische Mönche in ältester Zeit nachgewiesen. Diese griechischen Hierarchen waren die einzigen, die eine dogmatische Theologie vertraten. Das mußten sie von Amts wegen, wenn es z. B. darum ging, die neue Kirchenprovinz auf die antilateinische Position im Schisma mit Rom festzulegen. Wir sehen aber, daß die Macht des Patriarchen in Konstantinopel hier an Grenzen stieß. Die Frage interessierte die Ostslaven kaum. [168] Später wurde das anders. [169]

 

Das berührt die Frage der griechischen Bildung im Lande. Über griechische Metropoliten und  Bischöfe konnte vielleicht Manches bewirkt werden. Aber wenn ein Metropolit einräumen muß, daß er die Landessprache nicht versteht und  deshalb, statt slavisch zu reden, griechisch schreiben muß [170], so war er darauf angewiesen, daß seine slavische Herde, mindestens aber der Klerus, griechisch verstand, um ihm zu folgen. Diese Möglichkeit lag natürlich immer bei den Slaven, wie im weströmischen Reich bei Kelten und  Germanen. Russen haben denn auch manchmal behauptet, ihre Vorfahren seien mit dem Griechischen gut vertraut gewesen und  hätten antikes Denken gelernt. [171] Daß Kliment von Smolensk, der zweite russische Metropolit († nach 1164), Homer, Aristoteles und  Platon gelesen habe, wird wirklich behauptet, aber als Vorwurf, den Kliment alsbald zurückwies. [172] Tatsächlich darf man ihnen in dieser Annahme nicht folgen. [173]

 

 

168. Vgl. Podskalsky 1983 (wie vorige Anm.) S. 511 und  vor allem 1991 (wie Anm. 36) S. 227: „allmählich“; 1993 S. 224-233: „aus Byzanz importierte Polemik“ (233); 1993, S. 226: „relativ ökumenische Weite des Kiever Christentums“ (im Unterschied zur griechischen Kirche) scheint mir etwas zu hoch gegriffen; vgl. auch ders., Zum geistigen Erbe der cyrillo-methodianischen Tradition in der theologischen Literatur der Kiever Rus’ (988-1237), in: ByzSlav 46, 1985, S. 131-135. - Fenneil 1995 (wie Anm. 40) S. 91-96. - I. S. Čičurov, Schisma 1054 g. i antilatinskaja polemika v Kieve (seredina XI - načalo XII v.), in: Russia Mediaevalis IX 1, 1997, S. 43-53. - Auch die Texte bei Popov (s. folgende Anm.) sind noch nicht sehr aussagekräftig.

 

169. Andrej Nikolajevič Popov (1841-1881), Istoriko-literaturnyj obzor drevne-russkich polemičeskich sočinenij protiv latinjan (XI-XV v.), M. 1875; Nachdruck London 1972, S. 1-121 (mit Texten, slavisch und  griechisch). Über Popov die Einführung von Ivan Dujčev, Nachdruck S. 1-6 (erste Pagination).

 

170. Nikephoros I., Metropolit 1104-1121, Poučenie v Nedelju Syropustnuju, abgedruckt in Makarij (wie Anm. 26) Bd. II 349-352, Hier: 349. Seine übrigen Werke in ksl. Übesetzung ebd. S. 336-349. Dazu Podskalsky 1983 (wie Anm. 167) S. 502f.

 

171. Vgl. E. E. Granstrem, Počemu mitropolia Klimenta Smoljatiča nazyvali „Filosofom“? in: TODRL Bd. 25, 1970. S. 20-28. - Sapunov (wie Anm. 230) S. 327.

 

172. Dazu Thomson, Reception of Classical Antiquity, 1995 (wie Anm. 64) S. 337.

 

173. Golubinskij I 2, S. 620: „V period domongolskij (kak i ves’ma dolgoje vremja posle) my ne imeli ni nauk ni nastojaščej ili v sobstvennom smysle tak nazyvajemoj literatury.“ Die Frage ist behandelt bei Fedotov (wie Anm. 3) I 57-60. - E. Hösch, Griechischkenntisse im alten Rußland, in: Serta Slavica in memoriam Aloisii Schmaus, München (Trofenik) 1971, S. 250-260. - Simon Franklin, Greek in Kievan Rus’, in: Dumb. Oaks Pap. Bd. 46, 1992, S. 69-81.

 

 

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Es standen „die Griechen <sc. in Kiev> durch die Breite ihrer Bildung deutlich über dem Durchschnittsniveau der einheimischen Kleriker.“ [174] Vielleicht muß man nicht bis zu der Annahme gehen, daß außer Metropolit Ilarion niemand zu griechischen Büchern griff, die nicht in Übersetzung zugänglich waren. [175] Großfürst Vladimir Monomach (1053-1125) wird die Sprache seiner Mutter, einer byzantinischen Kaisertochter, verstanden haben. Sein berühmtes Vermächtnis an seine Söhne (Poučenie) war sicher angeregt von einem Sendschreiben des ihm nahestehenden Metropoliten Nikephoros I. [176] Eine relativ hohe Bildung wird man auch sonst bei einigen ostslavischen Fürsten erwarten dürfen.

 

Aber daß es eine wirkliche griechische Bildung oder auch nur das Bedürfnis danach im Lande gegeben hätte, wird man nicht behaupten dürfen. In alter Zeit sind vermutlich kaum griechische Handschriften ins Land gekommen. [177] In keinem russischen Kloster ist je, wie in den nördlichen Klöstern der lateinischen Welt, eine Handschrift antiker Literatur gefunden worden. Einen Klosterhumanismus hat es später in Rußland nicht gegeben.

 

 

5. Chronik

 

In der Historiographie ist herrschende Ansicht, daß in Kiev sehr früh eine allgemeine Geschichtsschreibung des „ganzen Landes“ ausgebildet wurde. Demgegenüber muß festgehalten werden, daß sie aus vormongolischer Zeit nicht erhalten ist. Eine einzige Handschrift aus der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts überliefert nur die älteste Novgoroder Chronik. [178]

 

 

174. Podskalsky 1983 (wie Anm. 167) S. 500.

 

175. So Thomson, Corpus 1993 (wie Anm. 81) S. 182.

 

176. Text des Nikephoros bei Kalajdovič, Dostopamjatnosti 1815 (wie Anm. 20) Bd. I 59-75. Dazu Makarij (wie Anm. 26) II 185-191. - Golubinskij I 1, S. 857f. - Dvornik, Ideas, 1955/56 (wie Anm. 100) S. 110-114. - Podskalsky 1983 (wie Anm. 167) S. 504f. - Fenneil 1995 (wie Anm. 40) S. 101. - Text des Monomach in PSRL I Sp. 240-256 zu 1096.

 

177. Vgl. B. L. Fonkič, Grečesko-russkie kul’turnye svjazi v XV-XVII w. (Grečeskie rukopisi v Rossii), M. 1977. Zur Entwicklung der Griechischen Philologie in Rußland ders., F. B. Poljakov, Schicksale der byzantinischen Philologie in Rußland im 20. Jahrhundert, in: E. Follieri (Hrg.), La filologia medievale e umanistica greca e latina nel secolo XX. Atti del congresso intern. 1989 (Testi e studi bizantino-neoellenici 7), Rom 1993, S. 769-819. Eine Übersicht der Arbeiten von Fonkič in ders. (Hrsg.), Mezdunarodnaja konferencija „Krit, Vostočnoje Sredizemnomor’je i Rossija v XVII v.“ Ausstellungskatalog, M. 1995, S. 98-100. Jetzt ders., Grečeskie zukopisi evropejskich sobranij. Paleografičeskie i kodikologičeskie issledovanija 1988-1998 gg., M. (Indrik) 1999.

 

178. SvKat Nr. 270. Die paläographische Analyse, dort S. 281, kommt nicht hinter das Jahr 1262 zurück. Text in M. N. Tichomirov (Hrg.), Novgorodskaja pervaja letopis’ staršego i mladšego izvodov, M.L. 1950. S. 3-12 kurze Beschreibung der Hss.; im Anhang zehn Facsimiles mit Hss.-Proben. - Joachim Dietze (Hrg.), NPL (wie Anm. 66) S. 7-47: historische und  paläographische Einführung (deutsch und  englisch); S. 51-142: deutsche Übersetzung; S. 145-230: russischer Text; S. 233-584: vollständiges Facsimile; S. 585-592: Anmerkungen zum Text.

 

 

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Die wichtigere Kiever Chronik ist nicht vor Ende des 14. Jahrhunderts erhalten. Die angemessene Beurteilung dieser bedeutendsten Chronik der Ostslaven ist deshalb bis heute beinahe das schwierigste Gebiet. Es geht um drei Fragen: um Zeitstellung, lokale Bedeutung und  geistigen Gehalt.

 

Was die Entwicklung betrifft, so ist die Abhängigkeit von der byzantinischen Chronistik unbestritten. Die Chronik des Georgios Hamartolos (9. Jahrhundert) in bulgarischer Übersetzung war eine Grundlage. [179] Unbestreitbar enthält die „Nestor“-Chronik auch ältere Teile. Die Verträge gehören dazu wie einige dem Ursprung nach germanische Sagenerzählungen, von Olegs Tod (zu 912) und  von Olgas Rache (zu 945). [180] Formelhafte Spruchweisheit kann von alters übernommen sein und  von früher Geschichtsanschauung zeugen [181], besonders im Zusammenhang mit den Völkerkatalogen auf russischem Boden, die ihrerseits freilich vorgeprägt sind von Völkerkatalogen der byzantinischen Chronistik. Man nimmt weiter an, daß die chronistische Bearbeitung von in sich disparatem Stoff kurz nach Jaroslav († 1054) eingesetzt habe [182]; dann habe zu Anfang des 12. Jahrhunderts ein Kiever Mönch (ob Nestor, wie die Sage will, ist zweifelhaft) diesen Stoff zu der „Erzählung vergangener Zeiten“ (povest’ vremjannych lĕt) überarbeitet und  der Abt Silvester des Michaels-Klosters Vydubici bei Kiev die Erzählung bis 1116 fortgeführt; jedenfalls steht es so in der Chronik selbst.

 

 

179. Ausgabe von Istrin, Bd. I—III, Petrograd 1920, Leningrad 1930. Dazu O. V. Tvorogov in: Slovar’ S. 467-470. - Dvornik, Ideas, 1955 (wie Anm. 100) S. 91-94. - S. Franklin, K voprosu o vremeni i meste perevoda Chroniki Georgija Amartola na slavjanskij jazyk, in. TODRL 41, 1988, S. 324-330. - E. G. Vodolazkin, Chronika Amartola v novonajdennych spiskach, ebd. 45, 1992, S. 322-332. - Thomson, „Made“, 1993 (wie Anm. 76) S. 338f. Nr. 50. - Die Chronik des Georgios Synkellos (Anfang des 9. Jh.s) soll nach Istrin, Očerk 1922 (wie Anm. 15) S. 87, vor Mitte des 11. Jh.s in der Rus’ übersetzt worden sein; dagegen Thomson, „Made“, 1993 (wie Anm. 76) S. 340 Nr. 51; aber Alekseev, Koje-čto, 1996 (wie Anm. 76) S. 28lf. - O. V. Tvorogov in: Slovar’ 1987, S. 470f. - Die Chronik des Johannes Malalas (vor 500-578) soll „wahrscheinlich“ (Tvorogov), nach Thomson (ebd. S. 343 Nr. 54) „clearly“ im 10. Jh. übersetzt worden sein. Schon Sreznevskij vermutete eine bulgarische Übersetzung, nach Tvorogov, Slovar’ S. 472; aber weder dort, noch bei Thomson oder Alekseev bibliographischer Hinweis. Im Obozrenie 1882 (wie Anm. 14), Sp. 49 und  127f. nichts zur Übersetzung. Dort, Sp. 128, Hinweis auf seine Svedenija i zametki o maloizvestnych i neizvestnych pamjatnikach, Bd. III, Pbg. 1879, S. 11-44. - Z. V. Udal’cova, Chronika Ioanna Malaly v Kievskoj Rusi, in Archeografičeskij Ezegodnik za 1965 god, M. 1966, S. 47-58. - Aus beiden Chroniken sind Einwirkungen auf die Nestor-Chronik erst spät nachzuweisen; Malalas zum Jahr 1114 nur nach der Hypathius-Chronik.

 

180. Dazu immer noch maßgebend Adolf Stender-Petersen, Die Varägersage als Quelle der altrussischen Chronik (Acta Jutlandica VI 1), Kopenhagen 1934, S. 127-155; 176-209.

 

181. PSRL I Sp. 12: „sie gingen zugrunde wie die Avaren“ (pogibosa aki Obre). Den Hinweis danke ich Ludolf Müller.

 

182. Ludolf Müller, Ilarion und  die Nestorchronik, in: HUSt XII-XIII, Harvard 1988/89, S. 324-346, Zusammenfassung S. 346.

 

 

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Aber nur, weil es in der Chronik steht, wissen wir es noch nicht sicher. So ist dieser Abt Silvester so wenig gesichert wie der Erstkompilator Nestor. [183] Was wir wissen, ist nur, was im Kolophon der Handschrift steht: daß ein Mönch Lavrentij vom 14. Januar bis zum 20. März 1377 die Chronik aus einer Handschrift abgeschrieben hat, die schon „alt und  abgenutzt“ war. Und da die Chronik mit einer Aufzeichnung zu 1305 abbricht, darf man mit einiger Vorsicht annehmen, daß diese abgenutzte Chronik eine Abschrift aus diesem Jahr gewesen ist. Wir haben aber nicht einmal diesen Stand von 1305. Der Mönch Laurentius entschuldigt sich, wenn er Fehler gemacht habe, denn die Handschrift sei eben alt, er sei ungelehrt und  könne etwas nicht verstanden haben. Nimmt man diese Formel [184] ernst, so muß man mit Fehlern rechnen. Die Chronik enthält also Altes, aber nach dem Stand und  dem „ungelehrten“ Geist eines Mönches von 1377.

 

Allerdings können wir von hier zurückkommen auf den Stand von 1116; denn zu diesem Jahr schließt die erste Chronikaufzeichnung ab. [185] Alles, was darüber hinausgreift, bleibt Spekulation. [186]

 

Es ist weiter herrschende Meinung, die sog. Nestorchronik, in Kiev geschrieben, sei ein Buch, das für die ganze Rus’ gelte. [187]

 

 

183. Er wird nur an einer einzigen Stelle erwähnt, PSRL I 291/93. Zu verschiedenen Hypothesen vgl. O. V. Tvorogov in Slovar’ S. 390f.

 

184. PSRL I 488: „ože sja gde budu opisal ili perepisal ili ne dopisal, čtite ispravlivaja <...> zaneže knigy vetsany a um molod.“

 

185. PSRL I 286. v

 

186. Die herrschende Ansicht wird von den Untersuchungen Šachmatovs, teilweise auch von den noch weiter gehenden seines Schülers Prisjolkov, bestimmt, zusammengestellt in Slovar’ S. 342. Zu ihrer Kritik: V. M. Istrin, Zamečanija o načale russkogo letopisanija, in: IAN Bd. 26, 1923, S. 45-102, Bd. 27, 1924, S. 207-251. - Ja. S. Lur’je, Schema istoričeskogo letopisanija A. A. Šachmatova i M. D. Prisjolkova i zadaci dal’nejšego issledovanija letopisej, in: TODRL 44, 1990, S. 185-195. - N. K. Nikol’skij, Povest’ vremennych let, kak istočnik dlja istorii načal’nogo perioda russkoj pis’mennosti i kul’tury (Sbornik po russk. jaz. i slovesn. AN II 1), vyp. pervyj, L. 1930; zur Kritik Šachmatovs S. 20-30. - Ludolf Müller, Die „dritte Redaktion“ der sog. Nestorchronik, in: FS für Margarete Woltner zum 70. Geburtstag, Heidelberg (Winter) 1967, S. 171-186; „kompliziert in unnötiger und  unheilbarer Weise“ (186). - Andrzej Poppe in: Slownik (wie Anm. 113) III 1967, S. 20-27 (Stichworte: Latopis ipatjewski; Latopis lawrentjewski; Latopisarstwo staroruskie); IV 1970, S. 259-265 (Bibliographie ergänzt Slovar’ S. 342f.). - O. V. Tvorogov unterstützt jetzt Ludolf Müller mit zusätzlichen Argumenten: Suščestvovala li tret’ja redakcija „Povesti vremennych let“?, in: In Memoriam. Sbornik pamjati Ja. S. Lur’je, Pbg. (Atheneum-Feniks) 1997, S. 203-209. Damit ist die Widerlegung der Hypothesen Šachmatovs auch in Rußland anerkannt.

 

187. Lichačov, Einführung zu PDRL <I> 1978 (wie Anm. 51).

 

 

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Das kann sich auf die Überschrift der Chronik stützen: „Dies ist die Erzählung von vergangenen Jahren, woher das russische Land gekommen ist, wer in Kiev zuerst angefangen hat zu herrschen, und  woher das russische Land stammt.“ [188] Diese und  andere Stellen besagen aber nicht, daß mit „russisches Land“ der „Kiever Staat in seiner ganzen Ausdehnung“ (Nikiforov) gemeint war, sondern nur das Fürstentum Kiev im engeren Sinne. Rus’ hieß das Kiever Land von Novgorod und  von der frühesten ostslavischen Aussiedlung nach Westen hin, von Volynien aus gesehen. [189] Im Zeitpunkt ihrer Entstehung war die sog. Nestorchronik Kiever Lokalhistoriographie. Die Novgoroder Chronik nach ihrer ältesten Fassung weiß wenig von den Berichten der Nestorchronik.

 

Als Laurentius 1377 die „alte“ Handschrift mit dieser Kiever Lokalchronik (und  ihrer Fortsetzung bis 1305) auf Anweisung seines Fürsten abschrieb, legte er den Grund für deren Umbildung zu einer allgemeinen Chronik. Zu diesem Zeitpunkt bedeutete „russisches Land“ etwas Anderes, wirklich das ganze Land, das man inzwischen auch russisch nennen durfte. Doch war auch seine Chronik Lokalhistoriographie, nämlich die von Suzdal’, der zweiten großen und  zugleich der eigentlich zukunftsträchtigen ostslavischen Aussiedlung nach Nordosten hin. Ebenso war die Chronik des Mönches Hypatius am Anfang des 15. Jahrhunderts Lokalhistoriographie in Vladimir-Volynien, wie die Novgoroder Chronistik von Anfang an auch. [190]

 

Diese Lokalchroniken hatten schließlich alle den Kiever Lokalteil gemeinsam als Anfang. Für einen Entwurf einer allgemeinen russischen Gesamtgeschichte gab es seit dem 12. Jahrhundert zwar einzelne Elemente. Die Ostslaven haben es aber in vorrussischer (vormongolischer) Zeit zu einem solchen Entwurf nicht gebracht. Er ist erst am Ende der „Kiever“ Zeit und  hauptsächlich doch wohl erst nach dem Mongolensturm ausgebildet worden. Dieser Entwurf war das Ergebnis einer Umdeutung der ältesten ostslavischen Geschichte, die bis dahin nur aus Lokalhistoriographie bestand, und  diese Umdeutung ging in der Zeit der Spät- und Nach-Rus’ vor sich. [191]

 

 

188. PSRL I 1/2: „Se pověsti vremjannych lět, otkudu est’ pošla ruskaja zemja, kto v” Kievě nača pervěe knjažiti, i otkudu zemlja stala est’.“

 

189. Belege bei Francis J. Thomson, Saint Anthony of Kiev - the Facts and the Fiction. The legend of the blessing of Athos upon early Russian monasticism, in: Byzantinoslavica Bd. 56, 1995, S. 637-668, hier: 656f. - Harder 1978 (wie Anm. 69). - Für die Belege zu ruskyi in NPL ist die Zeitstellung der Hs. zu bedenken. Vgl. Anm. 178.

 

190. Daß diese Chronik, die der Bischof führen ließ, „mit der Chronistik der anderen altrussischen Zentren in Berührung stand“ und  also „der Novgoroder Leser eine Vorstellung über die wichtigsten historischen Ereignisse, die im ganzen russischen Land vor sich gingen, erhielt“, so B. M. Kloss in Slovar’ S. 246, widerspricht dem nicht. Im Gegenteil, gerade weil der Bischof die Annalen für Novgorod führen ließ, das eine Handelsstadt von Weltrang war, mußte er auch von woanders berichten lassen. Kennzeichnend ist die Auswahl. Ob es im übrigen einen „Novgoroder Leser“ gegeben hat, ist sehr die Frage. Die Chronik lag im Bischofspalast.

 

191. Nikol’skij 1930 (wie Anm. 186) S. 30 spricht nebenbei von verschiedenen „historiographischen Richtungen“ schon zu Anfang des 12. Jh.s.

 

 

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War sie nicht ein Ergebnis der Vernichtung des „ganzen Landes“ durch die Mongolen? Trat die Vorstellung eines solchen „ganzen Landes“ in den einzelnen Fürstentümern nicht erst hervor, als sie beinahe alle in gleicher Weise vernichtet und  tributpflichtig geworden waren?

 

Nach byzantinischen Vorbildern ist Geschichte Heilsgeschichte. Die gesamte Erzählung soll die Christianisierung, den Anschluß an die Ökumene belegen. Der Text ist durchzogen von Bibel- und  Väterzitaten. [192] Zugrunde zu legen ist der Befund zur Zeitstellung. Was wir für die „Leitidee“ der Kiever Chronik ausmachen können, gilt für den Anfang des 12. Jahrhunderts. Was davor liegt, wissen wir nicht. Ein „vorchronistisches Geschichtsdenken“ (Ludolf Müller) wurde in jedem Fall bei seiner Verschriftlichung von den Schreibern der Chronik nach ihrer christlichen Leitidee überformt.

 

Leseliteratur, Homilien und  Viten, oftmals unscharf voneinander getrennt, bilden in ihrer engen Bindung an die Liturgie den Hauptbestandteil des gesamten ostslavischen Schrifttums der ältesten Zeit. Nur die liturgischen Texte selbst wurden noch öfter abgeschrieben und  waren noch verbreiteter. Die Lesetexte aber waren, anders als die liturgischen Hymnen, offen für eine eigene Weiterbildung. Als der erste Chronist seine Arbeit begann, lagen die Werke des Ilarion ebenso vor [193] wie die Viten des Nestor zu Boris und  Gleb sowie zu Feodosij. Sie fanden ganz oder in ihren Grundgedanken Eingang in die Chronik. Ebenfalls lagen alle liturgischen Handschriften und  viele Rechtsdokumente schon vor. Ohne dies alles ist die Gedankenwelt der Chronik nicht zu erschließen. Es ist der Versuch noch nicht gemacht worden, das Gedankengut der ältesten Schichten der Schriftlichkeit bei den Ostslaven, wie es besonders in der übersetzten Väterliteratur vorliegt, für ihre Geistesgeschichte in den beiden ersten Jahrhunderten (1050-1240) auszuwerten. [194] Den ersten Versuch einer gedanklichen Zusammenfassung stellte wohl eben die Chronik dar.

 

Der Text der Chronik, wie er vorliegt, mit Anderem, das in Kiev zu diesem Zeitpunkt (Anfang des 12. Jahrhunderts) schriftlich vorlag, war Klosterliteratur, ohne reine Klosterhistoriographie zu sein. Die eigene Weiterbildung der übernommenen Übersetzungsliteratur war an das Höhlenkloster in Kiev gebunden.

 

 

192. Dazu Ludolf Müller, Die Bedeutung der Bibel für das russische Christentum der Kiever Zeit (von den Anfängen bis 1240), als Separatum gedruckt in Tübingen (nicht im Handel); russ. Übesetzung: Značenie Biblii dlja christianstva na Rusi (ot kreščenija do 1240 g.), in: Slavjanovedenie Jg. 1995 Nr. 2, S. 3-11.

 

193. Dazu Müller 1988/89 (wie Anm. 178).

 

194. Vgl. jetzt Alekseev, Koje-čto, 1996 (wie Anm. 76) S. 279: „Die Geschichte der altrussischen Literatur kann nur nach einer Geschichte der theologischen Literatur in der alten Rus’ gut geschrieben werden, oder jedenfalls zusammen mit ihr.“

 

 

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Hier wurde der erste Gedanke einer, anfangs noch ganz lokalen, Kiever Landesidee ausgebildet: Die Rus’, d. h. Kiev ist durch die Gnade vom Gesetz erlöst, das zwischen christlichen Griechen und  barbarischen Ungetauften unterschied, es ist in die Ökumene der Christen aufgenommen. Es hat eigene Heilige mit einem eigenen Kultus, ein eigenes geistiges Zentrum im Höhlenkloster. Als eine Grundvorstellung dieser Landesidee ist weiter die Orientierung an der Asketik und  Eschatologie der frühchristlichen griechischen Patristik erkennbar. Die eschatologische Grundstimmung verstärkte sich im 13. Jahrhundert bedeutend, die asketische Haltung dann erst später, im 14. und  15. Jahrhundert in den Klöstern des Nordostens.

 

 

6. „Erzählungen“

 

Einzelerzählungen nehmen in allen Darstellungen einen großen Raum ein, besonders die Apokryphen, später das „Igorlied“ und  schließlich historische Berichte über Andrej Bogoljubskij (1111-1174), der 1169 Kiev ausgeplündert hatte, über weitere Selbstzerstörungen im Anfang des 13. Jahrhunderts und  vor allem über die Eroberungen und  Zerstörungen durch die Mongolen. Ob sie aber wirklich eine eigene Schicht der Schriftlichkeit, eine Literaturschicht mit eigener Gültigkeit ausmachten, muß bezweifelt werden.

 

Sicher muß man mit apokryphen Erzählungen rechnen. [195] Es ist jedoch dabei zu bedenken, daß die Grenze zwischen kanonischen und  apokryphen Schriften fließend und  sicher meist kaum bekannt war (vgl. Anm. 91). Einzelne romanhafte Erzählungen aus der byzantinischen Literatur sind nachgewiesen, die bekanntesten über Alexander d. Gr., Troja, Digenis Akrites. [196] Es muß aber festgehalten werden, daß es sich nicht mehr um eine weltliche Literatur handelte. Die genannten und  andere Erzählungen sind „christianisiert“, z. T. schon in den griechischen Vorlagen, z. B. Alexander d. Gr.

 

 

195. Dazu Aleksandr Ivanovič Jacimirskij (1873-1925), Bibliografičeskij obzor apokrifov v južnoslavjanskoj i russkoj pis’mennosti. Bd. I: Vetchozavetnye, Petrograd 1921. - A. S. Orlov, Perevodnye povesti feodal’noj Rusi i moskovskogo gosudarstva XII-XIV vekov, L. 1934; Nachdruck Lzg. 1974, S. 5-77. - A. de Santos-Otero, Die handschriftliche Überlieferung der altslavischen Apokryphen, Bd. I—II (Patristische Texte und  Studien 20, 23), Berlin N.Y. (de Gruyter) 1978, 1981; Rez.: F. Thomson in: SEER 58, 1980, S. 256—268. Die meisten sind beschrieben in Slovar’ S. 40-67 und  den dort gegebenen Verweisen. - Zu ihrer bulgarischen Vermittlung s. Thomson „Made“, 1993 (wie Anm. 76) S. 333-337, auch 346-350. Vgl. weiter Tschižewskij 1948 (wie Anm. 55) S. 78-83. - Podskalsky, Christentum (wie Anm. 14) S. 45 Anm. 228 (Literatur); 79.

 

196. Dazu Tschižewskij 1948 (wie Anm. 55) S. 88-96. Jetzt mit Literatur im Slovar’ 1987; S. 35-37. - Sammelbericht in TODRL 41, 1988, S. 3-153.

 

 

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Unter den originalen Erzählungen sind es vor allem drei, die genannt werden müssen: der Wallfahrtsbericht des Abtes Daniil (Anfang des 12. Jahrhunderts), vermutlich aus Černigov [197]; das „Igorlied“, das auf 1186 datiert wird; und  die Bittschrift eines anderen Daniil (Anfang des 13. Jahrhunderts). [198] Die Quellenlage aller drei ist schwierig; sie sind nur spät bezeugt. Die beiden letzten sind aus unterschiedlichen Gründen zweifelhaft. Für die Bittschrift kann man Autor und  Umstände nicht verifizieren. Wallfahrtsbericht und  Bittschrift sind nur als Werke einer im ganzen kirchlichen Literatur zu verstehen; jedenfalls der erste gehört zur Klosterliteratur. Das „Igorlied“, wenn man es in die alte Literatur stellen will, sollte man in einem Kapitel Dubia unterbringen. [199]

 

Wichtiger ist die Feststellung, daß die meisten dieser Schriften spät oder nicht als Einzelerzählung überliefert sind. Sie finden sich, wenn sie zweifelsfrei in alte Zeit gehören, vorwiegend in einem der Sammelbände, in der Chronik, im Paterikon oder im Prolog, und  sie gehören fest in deren geistigen Zusammenhang. Oder sie sind überhaupt erst in nachmongolischer Zeit entstanden. [200] Unverkennbar haben die Zerstörungen russischer Städte in Bruderkriegen, vor allem Kievs 1169 und  1208, und  dann die Schläge des Mongolensturms von 1227 bis 1240 wirklich dazu geführt, daß so unbegreifliche Geschehnisse, in denen das christliche Land unterzugehen schien, in Erzählungen berichtet und  eschatologisch gedeutet wurden, als Strafgericht. Aber das gehört in die mongolische Periode.

 

 

197. Dazu vor allem Klaus Dieter Seemann, Die altrussische Wallfahrtsliteratur (Theorie und  Geschichte der Literatur und  der schönen Künste 24), München (Fink) 1976, S. 173-204; Rez. von A. Poppe in: SEER 57, 1979, S. 274-278. - O. V. Tvorogov in: Slovar’ S. 109-112. - Marcello Garzaniti, Die spirituelle Dimension der Reise in der Kiever Rus’, in: WdSl XLIII 1998, S. 229-238.

 

198. Zur Orientierung D. S. Lichačov in Slovar’ S. 112-115. - PLDR <II> 1980 (wie Anm. 51) S. 688f. Beide Artikel sagen zur Quellenlage nichts. - L. V. Sokolova, K charakteristike „Slova“ Daniila zatočnika. (Rekonstrukcija i interpretacija pervonačal’nogo taksta), in: TODRL 46, 1993, S. 229-255. - H. Birnbaum, R. Romančuk, Kern byl zagadocnyj Daniil Zatočnik? (K voprosu o kul’ture čtenija v Drevnej Rusi), ebd. 50, S. 576-602.

 

199. Als Hauptgründe für die Echtheit werden genannt: 1) der fehlerfreie Gebrauch der „altrussischen" Sprache; 2) die sichere Orientierung in den komplizierten dynastischen und  genealogischen Verhältnissen, 3) Lehnworte aus Turksprachen, die zur Zeit einer angenommenen Fälschung nicht mehr im Gebrauch waren, 4) „Zitate“ aus dem „Igorlied“ in datierten anderen Werken der älteren Zeit (1307). Einzelheiten in der Enciklopedija 1995 (wie Anm. 5). Keines dieser Argumente ist wirklich durchschlagend; Zweifel bleiben. Die Gegenargumente der Echtheitsgegner Mazon, Zimin, aber auch Kačenovskij, Vinogradov und  Anderer (zu ihnen hat auch Boris Unbegaun gehört), sind ebd., meist von Tvorogov, sachlich und  eingehend dargestellt. Die Frage scheint so unlösbar, daß noch weitere Generationen mit ihr ins Brot gesetzt werden können. Hier kann das nicht weiter besprochen werden. Unabhängig davon ist es historisch bedenklich, die „altrussische Literatur“ auf dem „Igorlied“ aufzubauen. So etwas würde, bei vergleichbarer Quellenlage, für die altenglische, altfranzösische und  mittelhochdeutsche schwerlich gewagt werden.

 

200. Einzelnes im Slovar’ zu Povest', Skazanie; auch Chronika, Chronograf. Vgl. D 3.

 

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