Was ist „altrussische Literatur“

Hans Rothe

 

A. Der Fall „Igorlied“

 

B. Erforschung der „altrussischen Literatur“

1. Anfänge  12

2. Ševyrjov  16

3. Buslajev  18

4. „Der Fall der Slavisten“  19

            a) Das Ende der Slavistik in Rußland  21

            b) Das Erbe und  die Folgen  24

5. „Geschichte der altrussischen Literatur“  27

6. Das Beispiel Chronik zu 1037  32

 

A. Der Fall „Igorlied“

 

Es hängt indessen mit diesem Zwillingspaar, einer verborgenen Voraussetzung und  eines unverhohlenen Stolzes, zusammen, daß bei den Russen ihre älteste Literatur seit nahezu zwei Jahrhunderten eine nie gebrochene Aktualität und  Popularität genießt. Ich erläutere das zunächst an dem seltsamsten Beispiel, das man wohl überhaupt in einer Literatur finden kann.

 

Im Jahre 1795 wurde in der Bibliothek eines Klosters im Nordosten Rußlands eine Sammel-Handschrift gefunden, die am Ende das „Lied von der Heerfahrt Igors“ enthielt. Das ist ein kleines Prosawerk, teilweise rhythmisiert, mit Motiven aus der Volksliteratur, über einen unglücklich verlaufenen Feldzug, den im Jahre 1185 der unbedeutende Kleinfürst Igor’ Svjatoslavič (1151-1202) aus der auch damals wenig bekannten Stadt Novgorod Seversk im Fürstentum Černigov gegen das Turkvolk der Polovcer im Osten unternommen hatte. Für die altrussische Literatur war - im Zeitalter Mac Phersons - das nationale Analogiestück zu den westeuropäischen Epen entdeckt worden, die es zu erlauben schienen, die Literaturen der nördlichen Völker neben Homer zu stellen. Erst zwei Jahrzehnte später folgten Serben mit ihren alten Heldenliedern und  Tschechen mit Fälschungen.

 

Und obwohl das „Igorlied“ einen Vergleich mit „Beowulf“, „Rolandslied“ und  „Nibelungenlied“ nicht aushalten kann [3] - weder nach Umfang, noch nach Form und  Gehalt, noch nach der Quellenlage -, tat es einen Siegeszug ohnegleichen. Mehr als 100 Übersetzungen ins Neurussische sind registriert, kein russischer Philologe, der sich damit befaßte und  etwas auf sich hielt, der nicht mit einer eigenen hervorgetreten wäre, von Dichtern nicht zu reden. [4] Es gibt Bühnenbearbeitungen, Vertonungen, Igorlied-Museen und  unzählige Illustrationen. Das Werk ist in Schulen Pflichtlektüre. Das Ausland zog nach, Deutsche zuerst, mit besonderer Affinität in Böhmen. [5] Rilke nährte seine Rußlandschwärmerei mit dem Igorlied, das er übersetzte (1904; veröffentlicht 1949). Eduard Sievers in Leipzig wies die Echtheit des Textes in seiner Schallanalyse nach.

 

 

3. G. P. Fedotov, The Russian Religious Mind. Bd. I: Kievan Christianity, the Tenth to the Thirteenth Centuries, 1946; 2. Aufl. Harvard (Univ. Press) 1966, Kap. XI, S. 315-343, hier: 315, zieht diesen Vergleich ausdrücklich.

 

4. Alle Angaben nach O. V. Tvorogov (Hrg.), Enciklopedija „Slova o polku Igoreve“, Bd. I-V, Petersburg (Bulanin) 1995; hier: IV 76-78. Nicht verzeichnet ist dort Eduard Sievers. Die Information beruht auf mündlicher Mitteilung von Valentin Kiparsky 1958. Vgl. Anm. 199.

 

5. Vgl. Enciklopedija (wie vorige Anm.) IV 48, wo freilich die angebliche Anregung Dobrovskys unklar bleibt. Ungenau ist auch die Angabe zur ersten vollständigen Übersetzung von Joseph Müller, die auf dem Titelblatt Heldengesang vom Zuge, im Inneren S. 32 Sermon über das Heer lautet.

 

 

11

 

Indessen - nichts ist vollkommen. Das Igorlied ist nur in einer einzigen Handschrift bekannt geworden, und  die ist 1812 mit Moskau verbrannt. Alles, was wir haben, ist eine Abschrift für Kaiserin Katharina von 1795 und  die editio princeps von 1800. Das Alter der „verlorenen Handschrift“ - 14., 15. oder 16. Jahrhundert werden genannt - kann nicht mehr bestimmt, ihr Gesamtinhalt nicht nachgeprüft werden. Angestrengteste Suche in Bibliotheken und  Archiven im ganzen Land förderte nichts mehr zu Tage. Das „Igorlied“ bleibt das einzige Werk in der „altrussischen Literatur“, das epischen Charakter hat und  funktional nicht mit dem kirchlichen Leben verbunden ist. Von Anfang an tauchten deshalb Zweifel an seiner Echtheit auf. Die Zweifler wurden zwar mit dem Etikett „skeptische Schule“ gebannt. [6] Doch weder konnten - anders als bei den tschechischen Fälschungen - die Echtheitsjünger schwankend gemacht, noch die Fälschungsapostel zum Schweigen gebracht werden.

 

Und dann geschah das Unerhörte. Mitten im Kriege - auch das „Igorlied“ spielte in der Propaganda des „Großen vaterländischen Krieges“ seine Rolle - veröffentlichte der weltbekannte französische Slavist Andre Mazon (1881-1967) seine These, das „Igorlied“ sei eine Fälschung seiner Entdecker im 18. Jahrhundert, hergestellt, wie Mac Phersons „Ossianische Gesänge“, mit Stoff und  Formulierungen vor allem eines ähnlichen Werkes aus dem 15. Jahrhundert, der sog. „Zadonščina“.

 

Die Forschungslawine, die nun losgetreten war, ist beispiellos in der Geschichte unsrer Wissenschaft. Niemals haben die altrussischen Studien so floriert. Einer der beredtesten Opponenten Mazons war Roman Jakobson (1896-1982) in Harvard. Seine Verteidigungsschrift des „Igorliedes“, 1948 auf französisch in Amerika erschienen, verschaffte dem Emigranten von 1921 wieder ein Visum in die Sovjetunion.

 

Es kam aber noch schlimmer: Am 23. Februar 1963 hielt der renommierte russische Historiker A. A. Zimin (1910—1980) in der Akademie der Wissenschaften in Leningrad einen Vortrag, in dem er Mazons These untermauerte. Sein Buchtyposkript, das dem Vortrag zugrunde lag, wurde in 99 Exemplaren gedruckt und  gegen unterschriftliche Verpflichtung zur Rückgabe an einige Kritiker ausgeliehen. Mazon, korrespondierendes Mitglied der sovjetischen Akademie der Wissenschaften, setzte sich, damals fast 85jährig, in ein Flugzeug und  konnte in Leningrad Einblick in das Manuskript erwirken. Nach seiner Rückkehr teilte er in einem Aufsatz mit, er sei gerechtfertigt, und  starb hochbefriedigt.

 

Zimin mußte die Hoffnung auf einen Sitz in der Akademie, auf den er Anspruch machen durfte, aufgeben. Er starb ohne Anerkennung in Moskau, war aber bei seiner Ansicht geblieben. Sein Buch ist bis heute nicht veröffentlicht.

 

 

6. Dazu V. S. Ikonnikov, Skeptičeskaja škola v russkoj istoriografii, Kiev 1871. Vgl. Anm. 26.

 

 

12 

 

 

B. Erforschung der „altrussischen Literatur“

 

Der Fall ist indessen mehr als ein Beispiel. Das „Igorlied“ warf seinen Schatten auf alles. Natürlich kommt man an der Haupttatsache nicht vorbei, daß das älteste Schrifttum der Ostslaven kirchlich bestimmte Gebrauchsliteratur ist. Aber seit langer Zeit sah man dann schon, wo die „schöne Literatur“, die Poesie der altrussischen Literatur steckt: sie sei in der mündlichen Volksdichtung bewahrt, deren Hauptzeuge wiederum das „Igorlied“ ist.

 

Bis etwa 1930 war man noch vorsichtig. Mündliche Literatur müsse existiert haben; aber man kenne sie nicht. [7] Seit 1941 aber „weiß“ ein führender Mann, A. I. Nikiforov (1893—1942 [8]), daß das russische Heldenlied in seinen jetzt bekannten Formen, mit dem epischen Bylinenvers, im 9. und  10. Jahrhundert entstand, und  zwar „auf dem ganzen Gebiete des ausgedehnten Kiever Staates“. [9] Dabei leugnete er nicht, daß die Textzeugen für diese Konstruktion „nicht älter als das 16. und  17. Jahrhundert“ sind. [10]

 

Es ist, als ob Nomaden in der Wüste begeistert einer Vision zustreben, die womöglich eine Fata Morgana ist. Kann man ihnen folgen?

 

 

1. Anfänge

 

Dies ist die Lage, in der man sich an die Literaturgeschichten wendet, um Antwort auf zwei Fragen zu erhalten: 1) Wie ist die Quellenlage? und  2): Wie war der Gang der Forschung? Man erlebt eine weitere Überraschung.

 

Wie in anderen Völkern auch, wurde die Geschichte der Nationalliteratur in Rußland vor 1900 häufig dargestellt [11],

 

 

7. M. N. Speranskij, Istorija drevnej russkoj literatury, M. 1921, S. 116-119. Vgl. Anm. 43.

 

8. Gestorben während der Belagerung in Leningrad.

 

9. In: Istorija russkoj literatury (Akademija Nauk), Bd. I, M. L. 1941, S. 244-252. Vgl. D 5; S. 58

 

10. Ebd. S. 249. Zum „ganzen Gebiet des ausgedehnten Kiever Staates“ vgl. Karten 1 und  2.

 

11. A. V Mezier, Russkaja slovesnost’ s XI po XIX stoletija vključitel’no. Bibliografičeskij ukazateF russkoj slovesnosti v svjazi s istoriej literatury i kritikoj. Bd. I: Russkaja slovesnost’ s XI po XVIII vek. Pbg. 1899, S. 28-31, nennt Nr. 770-863 mindestens 47 Titel.

Die wichtigsten sind:

·       D. Galachov (1807-1892) Istorija russkoj slovesnosti, drevnej i novoj, Bd. I 1863, 2. Aufl. 1880, 3. Aufl. 1894.

·       N. P. Polevoj (1839-1902), Istorija russkoj literatury v očerkach i biografijach, Pbg. 1872, 2. Aufl. 1874.

·       Ders., Istorija russkoj slovesnosti s drevnejšich vremen do našich dnej. Bd. I, Pbg. 1900.

·       Ivan Jakovlevič Porfir’jev (1823-1890), Istorija russkoj slovesnosti, Bd. I 1, Kazan’ 1870, 2. Aufl. 1876, 3. Aufl. 1879, 5. Aufl. 1891, 6. Aufl. 1897.

·       Petr Vladimirovič Vladimirov (1854-1902), Vvedenie v istoriju russkoj slovesnosti, Kiev 1896.

·       Aleksandr Il’jič Nezelenov (1845-1896), Istorija russkoj slovesnosti dlja ucenych zavedenij, Bd. I: S drevnejšich vremen do Karamzina, M. 1893, 5. Aufl. 1897.

·       Vladimir Nikolajevič Peretc (1870-1935), Iz lekcij po metodologii istorii russkoj literatury. Istorija izučenij. Metody. Istočniki, Kiev 1914, S. 416-423.

Zu ihm V. P. Adrianova-Peretc, Vladimir Nikolajevič Peretc (1870-1935), in: V. N. Peretc, Issledovanija i materialy po istorii starinnoj ukrainskoj literatury XVI-XVIII vekov, M. L. 1962, S. 3-7, 206-233. Von ders. ebd. S. 234-254 sein Schriftenverzeichnis.

 

 

13

 

nach 1900 in mehreren methodischen Neuansätzen bis etwa 1925 mehrfach neu konzipiert [12], und  nach 1937 erschienen Literaturgeschichten in immer dichterer Folge, zuletzt fast alle fünf Jahre; auch im Ausland, besonders in Deutschland. [13] Aber für das Gebiet, das sie beschreiben, die älteste Literatur, gibt es seit fast einem Jahrhundert keine brauchbare Quellenkunde mehr [14], und  der letzte umfassende Forschungsüberblick,

 

 

12. Einen Überblick für das 20. Jahrhundert jetzt bei Wolfgang Kasack, Russische Literaturgeschichten und  Lexika der russischen Literatur. Die Handbücher des 20. Jahrhunderts. Überblick. Einführung. Wegführer, Konstanz (UVK) 1997. Die alte Literatur kommt zu kurz: die wichtigsten und  bis heute besten Handbücher sind gar nicht genannt, stattdessen etwas wahllose Rückgriffe aufs frühe 19. Jahrhundert getan; dazu s. B 4a; S. 21-24.

 

13. Zuerst

·       Alexander v. Reinholt (1856-1902), Geschichte der russischen Literatur von ihren Anfängen bis auf die neueste Zeit, Lzg. 1886.

·       Brückner (1856-1939), Geschichte der russischen Literatur (Literaturen des Ostens 2), Lzg. 1905, 2. Aufl. 1909; bis heute lesenswert.

·       Ernst Friedrichs, Russische Literaturgeschichte, Gotha (Perthes), 1921, S. 1-12 (mündliche Literatur S. 3-8).

·       Arthur Luther (1876-1955), Geschichte der russischen Literatur, Lzg. 1924, S. 9-44: mündliche Literatur; S. 45-56: Kiever Literatur.

·       V. Setschkareff (1914-1999), Geschichte der russischen Literatur im Überblick, Bonn (Athenäum) 1949, S. 12-25; 2. Aufl. Stuttgart (Reclam) 1962, S. 13-26.

·       Wilhelm Lettenbauer (1907-1984), Russische Literaturgeschichte, 1955; 2. Aufl. Wiesbaden (Harrassowitz) 1958, S. 3-22.

·       Adolf Stender Petersen (1893-1963), Geschichte der russischen Literatur, dänische Erstausgabe 1952, deutsch Bd. I, München (Beck) 1957, S. 3-137.

·       Helmut Grasshoff/Harald Raab/Eberhard Reissner/Michael Wegner, Russische Literatur im Überblick, Frankfurt a. M. (Röderberg) 1974; Kiever Periode S. 5-26.

 

14.

·       Filaret (D. G. Gumilevskij, 1805-1866), Obzor russkoj duchovnoj literatury 862-1720, Char’kov 1859, 3. Aufl. 1884.

·       I. Sreznevskij (1812-1880), Drevnie pamjatniki russkogo pis’ma i jazyka (X-XIV vv). Obščee povremennoe obozrenie, Pbg. 1863,2. Aufl. 1882; Nachdruck Lzg. 1973.

·       P. V. Vladimirov, Obzor južno-russkich i zapadno-russkich pamjatnikov pis’mennosti ot XI do XVII stoletija (Čtenie Istorič. obšč. Nestora letop. Bd. IV), Kiev 1890.

·       Nikolaj Vladimirovič Volkov († 1919), Statističeskija svedenija o sochranivšichsja drevnerusskich knigach XI-XIV vv. i ich ukazatel’ (PDP 123), Pbg. 1897. Sein Nachruf in Russk. Istorič. Žurn. 1921 Nr. 7.

·       E. E. Golubinskij (1834-1912), Istorija russkoj cerkvi, Bd. I 1, M. 1880, 2. Aufl. 1901, S. 880-924; I 2, M. 1881, S. 326-343.

·       N. K. Nikol’skij (1863-1936), Materialy dlja povremennogo spiska russkich pisatelej i ich sočinenij (X-XI vv.), Pbg. 1906 (Korrigierte Einzelausgabe früherer Studien im Sbornik AN 1903).

 

Dazu Gerhard Podskalsky, Christentum und  theologische Literatur in der Kiever Rus’ (988-1237), München (Beck) 1982, S. 9 Anm. 36: „Neubearbeitung und  Weiterführung dringend erforderlich.“

 

·       Ders., Materialy dlja istorii drevne-russkoj duchovnoj pis’mennosti, in: Izv. AN VII 1903, Nr. 1, S. 212-232.

·       Ders., Materialy dlja istorii drevnerusskoj duchovnoj pis’mennosti, in: Sbornik AN Bd. 82, Nr. 4, Pbg. 1907.

 

Zu ihm M. V. Roždestvenskaja, Akademik N. K. Nikol’skij - organizator istoriko-bibliografičeskogo Muzeja slavjano-russkogo knižnosti (Po archivnym materialam), in: TODRL 47, 1993, S. 397-408.

 

·       Peretc 1914 (wie Anm. 11) S. 402-411.

·       Vgl. auch Anm. 17 und  26. Ivan Evseevič Evseev (1868-1921), Rukopisnoje predanie Slavjanskoj Biblii, in: Uč. Zap. (Rossijskij Pravoslavnyj Universitet im. Ioanna Bogoslova) Vyp. 1, M. 1995, S. 5-28.

Zu ihm K. I. Logačev in: Slavjanovedenie 1978 (wie Anm. 27) S. 154f.

·       N. N. Glubokovskij, Slavjanskaja Biblija, ebd. S. 43-57; (Sofia 1932).

 

Dazu Igumen Innokentij (Pavlov), Zametki k stat’e N. N. Glubokovskogo „Slavjanskaja Biblija“, ebd. S. 35-42.

 

Populär erzählen

·       E. Barenbaum und  T. E. Davydova, Istorija knigi (Učebnoje posobie), M. 1960, S. 18-25.

·       N. A. Meščerskij, Istočniki i sostav drevnej slavjano-russkoj perevodnoj pis’mennosti IX-XV vekov. (Učebnoje posobie), L. 1978, ist für das angegebene Gebiet nützlich, behandelt aber, nach „allgemeinen Bemerkungen“, hauptsächlich zur Sprache (S. 10-31), nur Übersetzungen zum AT (S. 32-47), zum NT (S. 48-67), zur Chronistik (S. 68-93) sowie zum „Jüdischen Krieg“ des Josephus Flavius (S. 94-108).

·       Jacqueline de Proyard, La Bible slave, in: R. Armogathe (Hrg.), Le grand siecle et la Bible, Paris 1989, S. 383-422.

 

Zum AT vgl. jetzt

·       F. J. Thomson, The Slavonic Translations of the Old Testament, in: The Interpretation of the Bible, Laibach Sheffield 1998, S. 605-920 (Bibliographie S. 882-920).

·       Rumjana Zlatanova, Starob”lgarskijat prevod na starija zavet, Bd. I: Kniga na dvanadesetie proroci s t”lkovanija, Sofia 1998.

 

Der Titel von D. S. Lichačov (Hrg.), Literatura drevnej Rusi. Istočnikovedenie. Sbornik naucnych trudov, L. 1988, ist irreführend: es ist keine Quellenkunde, sondern eine Sammlung von 29 Aufsätzen zu einzelnen Erzählungen, großenteils Apokryphen; und  sie betreffen, mit Ausnahme des ersten, nicht die alte Zeit, sondern nur Erzählungen des 14. bis 19. Jahrhunderts.

 

Noch mehr gilt das von A. M. Pančenko (Hrg.), Rukopisnoje nasledie drevnej Rusi. Po materialam Puškinskogo doma, L. 1972: 14 neue Quellenveröffentlichungen betreffen das 17. und  18. Jahrhundert; 18 Aufsätze des 15. bis 20. Jahrhundert.

 

Zu L. P. Zukovskaja, Tekstologija i jazyk drevnejšich slavjanskich pamjatnikov, M. 1976, vgl. die Rezension von C. Hannick in Russia medievalis V 1, 1984, S. 198-209.

 

Ein Einzelgebiet bei S. O. Vjalova, Glagoličeskie rukopisi XI-XVI vv. v chraniliščach SSSR, in: Archeogr. Ežegodnik za 1987 god, M. 1988, S. 186-188.

 

Im Historischen Institut der Akad. d. Wiss. wird eine dreibändige Quellenkunde vorbereitet:

·       Ja. N. Sčapov (Hrg.), Drevnerusskie pis’mennye istočniki X-XIII vv. Erschienen sind drei Probelieferungen: Metodičeskie rekomendacii, M. 1986;

·       Informacionnye materialy k soveščaniju M. 1988;

·       und  eine kurze Broschüre (80 S.) unter dem Haupttitel mit einem knappen „Perečen’ istočnikov, kotorymi raspolagajet sovremennyj issledovatel’“, M. 1991 (Vorwort S. 6).

 

Jetzt für Hss. biblischer Bücher:

·       A. Alekseev, Tekstologija slavjanskoj biblii (Bausteine zur Slavischen Philologie und  Kulturgeschichte. Reihe A N.F. 24), Köln (Böhlau) 1999, S. 13-42. Vgl. Anm. 80.

 

Im Westen:

B. Dmytryshyn, Medieval Russia. A Source Book 900-1700, N.Y. London 1967. - Zwei umfangreiche Repertorien in Russia mediaevalis: Historiography and Bibliography, Bd. VI 2, 1991 und  VII 2, 1993.

 

 

14

 

der Aufschluß über die ideenmäßigen Voraussetzungen der literarhistorischen Ordnung und  Urteile gab, wurde 1921 veröffentlicht. [15]

 

 

15. Zuerst bei

·       Maksimovič (wie Anm. 1) S. 356-362.

·       S. P. Ševyrjov (wie Anm. 22) Bd. I, Vvedenie S. LXXIII-CXXI (Paläographie und  Bibliographie). - Pypin (wie Anm. 60) Bd. I 1902, S. 21 f.

·       K. Borozdin, Istorija russkoj literatury Bd. II 1908, S. 10-21; vgl. Anm. 61.

·       Vgl. noch Vatroslav Jagič, Istorija slavjanskoj filologii (Enciklopedija slavjanskoj filologii 1), Pbg. 1910, S. 215-237 (Vostokov, Koeppen); 310-345 (Bodjanskij, Sreznevskij); 456-580 (Slavophile, Ethnographische Schule, Einfluß Grimms).

·       Pypin (wie Anm. 60) I 36-40.

·       Peretec 1914 (wie Anm. 11) S. 416-423.

·       S. Archangel’skij, Vvedenie v istoriju russkoj literatury, Bd. I: Istorija literatury, kak nauka. Očerk naučnych izučenij v oblasti istorii russkoj literatury, Petrograd 1916; die bisher umfangreichste und  beste Würdigung; vgl. Anm. 61.

·       M. N. Speranskij, Istorija drevnej russkoj slovesnosti, 1921 (1. Aufl. 1912), S. 7-112. - In: V. M. Istrin, Očerk istorii drevnerusskoj literatury domoskovskogo perioda (11-13 vv.), Petrograd 1922 (Nachdruck Lzg. 1972) immer nach einzelnen Kapiteln, vgl. besonders S. 94f., 125-127, 133-135, 150-152, 168-170, 196-198.

 

E. N. Kuprejanova, Literatura drevnej Rusi, in: dies, und  G. P. Makogonenko, Nacional’noje svojeobrazie v literature, L. 1976, S. 9-97; enthält S. 9-28 nur einige nichtssagende Bemerkungen über: Spornye voprosy izučenija social’noj istorii i duchovnoj kul’tury domongol’skoj Rusi.

 

·       V. V. Kus’kov, Istorija drevnerusskoj literatury. Učebnik dlja studentov, 3. Aufl. 1977, bietet S. 15-21 nur willkürliche Auszüge aus Speranskij.

 

D. S. Lichačov, N. F. Droblenkova, Puti izučenija drevnerusskoj literatury i pis’mennosti, L. 1970, ist wieder irreführend: nur vier von 20 Aufsätzen gelten der alten Zeit, und  nur zwei (von Granstrem und  Tiganova) der handschriftlichen Literatur; der Rest unter dem Stichwort „drevnjaja Rus’“ dem 16. und  17. Jahrhundert.

 

Wertvolles Material in Aufsätzen zum 125-letie Istoričeskogo Muzeja, in: Archeogr. Ežegodnik za 1996 god, M. 1997, S. 7-76. - Zum 200-letie archivov Moskvy, ebd. S. 77-91.

 

 

15

 

Unser Geschäft, wenn wir uns Klarheit verschaffen wollen, was eigentlich in vormongolischer Zeit literarisch bei den Ostslaven gewesen ist, gleicht dem des Archäologen. In mehreren Schichten liegt, wie Geröll der Jahrhunderte, die Literaturgeschichtsschreibung über der untersten Kulturschicht, und  da sie offenkundig korruptionsanfällig ist und  immer offen für Verbildung, muß sie abgetragen werden, allerdings vorsichtig und  sorgfältig, denn ihre Leistungen sind bedeutend und  enthalten immer auch Richtiges, Angemessenes.

 

Den Anfang [16], vom Ende der Aufklärung im ausgehenden 18. Jahrhundert bis in die Zeit der Romantik um 1840, machten gelehrte Philologen, die Handschriften, d. h. Textzeugen, sammelten und  beschrieben. Es waren meist Deutsche oder Deutschstämmige [17], Ukrainer [18] oder Griechen [19].

 

 

16. Als Anfang der russischen Bibliographie gilt gewöhnlich das „Oglavlenie knig, kto ich složil“ (nach 1680), das Sil’vestr Medvedev (1641—1691) zugeschrieben wird, gedruckt M. 1846. Dazu S. N. Brajlovskij, Kto byl pervyj russkij bibliograf? in: Russk.Fil.Vestn. Bd. 36, 1896, Nr. 3-4, S. 224-231. Es folgt Nikodim (Adam Burchardt Sellius, 1696-1746), Schediasma litterarium de scriptoribus, qui historiam politico-ecclesiasticam Rossiae scriptis illustrarunt, Reval 1736; russische Ausgabe M. 1815; dazu: Svodnyj katalog knig na inostrannych jazykach v Rossii v XVIII veke 1701-1800, Bd. 3: S-Z, L. 1986 S. 46 Nr. 2619. Sellius war lutherischer Däne, in Jena ausgebildet, später in Petersburg Lateinlehrer, der kurz vor seinem Tode orthodox wurde.

 

17. August Ludwig Schlözer (1735-1809), 1760-1765 als Historiker in Petersburg, legte dort einen umfassenden Plan zum Studium monumentorum domesticorum vor, veröffentlichte 1769 in Göttingen als ersten Versuch die Annales Russici slavonice et latine cum varietate lectionis ex coddicum, vor allem dann: Nestor. Russische Annalen in ihrer Slavonischen Grundsprache verglichen, übersetzt, und  erklärt, Göttingen 1802 Teil 1-2, 1805 Teil 3-4, und  1809 Teil 5; russische Übersetzung, Pbg. 1809-1819. Schlözer hatte den größten Einfluß auf Philologie, Geschichtsforschung und  Literatur in Rußland, u. a. durch eine große Zahl von Studenten, die zu ihm nach Göttingen kamen. - Theodor (Feodor Grigor’jevic) Bause (1752-1812), Oratio de Russia ante hoc saeculum non prorsus inculta, nec parum adeo de litteris earumque studiis merita, M. 1796; russische Übersetzung in: Vestn.Evr. Bd. 25, 1806, Nr. 1, S. 3-20; Nr. 2, S. 81-96. Die Angabe in Svodn.kat. (wie vorige Anm.) Bd. 1: A-G, L. 1984, S. 87 Nr. 270, ist fehlerhaft. Bause war Pfarrersohn aus Sachsen, ausgebildet in Leipzig, 1782-1811 Professor der Jurisprudenz in Moskau. Seine Handschriftensammlung ist 1812 in Moskau verbrannt. - Johann Theophil Buhle (1763-1821), Prolusio de auctoribus supellectilis litterariae Historiam Russicam proxime spectantis, M. 1810 (?), nicht erschienen, nur als Universitätsvorlesung gedruckt; dazu vgl. Ševyrjov (wie Anm. 22) Bd. I, Vvedenie, S. LXXIII: genannt werden über 40 Handschriften. - Ders., Versuch einer kritischen Literatur der russischen Geschichte, M. 1810. Buhle, Philologe aus Göttingen, war 1804 nach Moskau berufen. - Peter Johann Koeppen (Keppen, 1793-1864), Materialy dlj istorii prosveščenija v Rossii, vyp. 1: Obozrenie istočnikov dlja sostavlenija rossijskoj slovesnosti, Pbg. 1819 (enthält 137 Titel, beginnend 1665); vyp. 2: Bibliografičeskie listy Nr. 1-46, Pbg. 1825-1826, dort Nr. 33-34, 1825, von Koeppen: Zapiska o putešestvii po slovenskim zemljam i archivam; diese Bibliotheksreise hatte Koeppen nach dem Vorbild von Dobrovsky unternommen; vyp. 3, Pbg. 1827. Die B. L. waren das erste slavistische wissenschaftliche Journal in Rußland, in dem u. a. Jakob Grimm, Karadžić, Šafárik, Hanka publizierten. Koeppen war Sohn eines aus Brandenburg nach Char’kov berufenen Arztes. - Alexander Chr. Vostokov (1781-1864), Opisanie russkich i slovenskich rukopiej Rumjancevskogo muzeuma, Pbg. 1842; Beschreibung von 473 Handschriften. Vostokov war illegitimer Sohn eines Grafen Osteneck, geb. auf der Insel Osel, der russisch erst auf der Schule gelernt hatte, gilt als Begründer der Slavischen Philologie in Rußland. - Für die dann entstehenden Hss.-Beschreibungen s. N. F. Bel’čikov/Ju. K. Begunov/N. P. Roždestvenskaja, Spravočnik-ukazatel’ pecatnych opisanij slavjano-russkich rukopisej, M. L. 1963.

 

18. Michail Aleksandrovič Maksimovič (Maksymovyč, 1804-1873) aus dem Poltavagebiet; vgl. Anm. 1. - Über ihn V. G. Sarbej in: Slavjanovdenie 1979 (wie Anm. 27) S. 230f.

 

19. Michail Trofimovič Kačenovskij (1775-1842), Sohn eines griechischen Arztes aus Balaklava, ausgebilet in Char’kov, seit 1835 erster Inhaber des neu begründeten Lehrstuhles für Slavische Philologie in Moskau. Bildete dort in Anlehnung, u. a. an westslavische Philologen deutscher Herkunft (Linde, Bandtke) eine große Zahl von Schülern aus (u. a. Bodjanskij, Strojev, S. Solov’jov, Pogodin). Er wird der „skeptischen Schule“ zugerechnet, war eigentlich ihr Begründer.

 

 

16

 

Russen kamen früh hinzu. [20] Viele von ihnen hatte der frühere Staatskanzler N. P. Rumjancev (1754-1826) zu einer Art Forschergruppe um sich gesammelt. [21]

 

Die Konstellation, die die weitere Entwicklung und  Urteilsbildung bis heute bestimmte, entstand dann, als Russen die Sache übernahmen, die unter dem Einfluß der nachkantischen deutschen Philosophie und  Germanistik standen.

 

 

2. Ševyrjov

 

Der aus dem östlichen Rußland (Saratov) stammende Schellingianer Stepan Petrovič Ševyrjov (1806-1864) hatte seine Vorstellung vom Mittelalter sich im Anschluß an die deutsche Romantik gebildet. Schelling kannte er persönlich. Er entwickelte in seinen öffentlichen Vorlesungen vor einem großen Publikum an der Moskauer Universität 1844/45 [22] die Lehre, der Anfang aller Kulturen in Rußland sei die Christianisierung durch Großfürst Vladimir 988.

 

 

20. Evgenij (Evfimij Alekseevič Bolchovitinov, 1767-1837), Slovar’ istoričeskij o byvsich v Rossii pisateljach duchovnogo čina greko-russkoj cerkvi, Bd. I—II, Pbg. 1818, 2. Aufl. 1827; Nachdruck Leipzig 1971. Evgenij war Bischof in Novgorod seit 1804, Erzbischof von Vologda (1808), Kaluga (1813), Pskov (1816) und  seit 1822 Metropolit von Kiev. Sein beträchtlicher Einfluß auf die russische Literatur ist nicht erforscht. - Konstantin Fjodorovič Kalajdovič (1792-1832), Russkie dostopamjatnosti, Bd. I, M. 1815. -Ders., Pamjatniki rossijskoj slovesnosti XII v., M. 1821. - Ders., Ioann, eksarch bolgarskij, M. 1824. - Ders., Obstojatel’noje opisanie slavjano-rossijskich rukopisej <...> grafa F. A. Tolstogo, M. 1825 (zusammen mit Strojev). Er war Schüler von Schlözer, dessen kritische Methode er auf die ältesten Denkmäler anwandte. - Pavel Michajlovič Strojev (1796-1876), Chronologičeskoje ukazanie materialov otečestvennoj istorii, literatury, pravovedenija, M. 1836.

 

21. Evgenij, Koeppen, Stroev, Kalajdovič, Vostokov. - Zu Rumjancev: V. Ju. Afiani in: Slavjanovedenie (wie Anm. 27) S. 295.

 

22. S. P. Ševyrjov, Istorija russkoj slovesnosti, preimuščestvenno drevnej, Bd. 1-4, M. 1846, 2. Aufl. 1859-1861. Dazu Ludger Udolph, Stepan Petrovič Sevyrev 1820-1836. Ein Beitrag zur Entstehung der Romantik in Rußland (Bausteine zur Geschichte der Literatur bei den Slaven 26), Köln (Böhlau), 1986.

 

 

17

 

Dadurch sei Rußland nicht nur an Byzanz, sondern an die Ökumene angeschlossen worden. [23] Das entscheidende Ereignis sei das Zusammentreffen dreier Vorgänge gewesen: die Bibel in slavischer Sprache, das westliche Schisma von 1054 und  die Bildung eines russischen Staates. [24]

 

Die Schwäche der Konzeption ist deutlich. Die drei Vorgänge stimmen weder in sich noch untereinander historisch zusammen. Staat identifizierte Ševyrjov mit Volk. Die Vorstellungen Herders über Volk und  Slaven sind erkennbar (I 156). Auf Herder bezog er sich ausdrücklich (I 80 f.). Ein Affekt gegen die in Petersburg noch lebendige Aufklärung ist erkennbar, ebenso slavophile Sympathien mit einer gewissen antiwestlichen Tendenz, die schlecht zu der Inanspruchnahme der Ökumene paßt.

 

Doch ist auch unübersehbar, das Ševyrjov, indem er der überzogenen Kritik entgegentrat, die Russen seit zwei Jahrzehnten an ihrer Kulturgeschichte vortrugen [25], zum erstenmal das ratlose Selbstmitleid aufgab und  fruchtbaren Boden betrat. Seine Unklarheiten mußten nun in der Beschreibung der vorwiegend christlichen Denkmäler von Literatur und  Kunst präzisiert werden. Das geschah zwar, aber doch nur auf einem Nebenweg der Forschung. [26]

 

 

23. Bd. I, Vvedenie, S. XIV, 177.

 

24. I 177: „Wunderbar fallen in der Geschichte diese drei Ereignisse zusammen. In eben derselben Zeit, da die Hl. Schrift in die Slavische Sprache übesetzt wird, und  da das westliche Schisma in seinem Grunddogma der Kirche sich vollzog, in eben diesen Jahren bildet dasjenige Volk einen Staat, dem es bestimmt war, das Heiligtum der wahren Kirche in lebendiger, sinnvoll verständlicher, allgemeiner Rede seines Stammes zu bewahren <...> Solche Ereignisse fallen in der Geschichte nicht zufällig zusammen: der Finger Gottes ist in ihnen für den, der sehen will, offenbar.“

 

25. Vor allem in den „Philosophischen Briefen“ (1829-1831) von P. Ja. Čaadajev (1794-1856), veröffentlicht 1836 (Nr. 1), 1906 (Nr. 6 und  7) und  1935 (Nr. 2-5 und  8). Die Reaktion gegen sie hatte wesentlich zur Entstehung der slavophilen Geschichtsbetrachtung, als deren Vertreter Ševyrjov gelten muß, und  der Slavischen Philologie in Rußland beigetragen.

 

26. Vgl. dazu hier Anm. 14 Abs. 1; ferner: Makarij (Michail Petrovič Bulgakov, 1816-1882), Istorija russkoj cerkvi, Bd. I-XII, hier: I—III, Pbg. 1846-1847, 3. Aufl. 1889, Nachdruck Düsseldorf 1968, besonders I 249-277; II 97-201, 315-365; III 122-220, 297-322; jetzt neu bearbeitet (mit bibliographischen Anhängen) Kn. I von S. A. Beljajev, M. 1994; II von A. V. Nazarenko, M. 1995, S. 425-444: Bibliographie (ohne außerrussische); III von A. A. Turilov, M. 1995. - Vladimir Stepanovič Ikonnikov (1842-1923), Opyt izsledovanija o kul’turnom značenii Vizantii v russkoj istorii, Kiev 1869, Nachdruck 1970 (Slavistic Printings and Reprintings 166). - Ders., Opyt russkoj istoriografii, Bd. I 1-2, Kiev 1891, II 1-2, Kiev 1908; Nachdruck Bd. 1-4, Osnabrück 1966. Vgl. auch hier Anm. 6.

 

 

18

 

 

3. Buslajev

 

Den Hauptweg bahnte ein Schüler Ševyrjovs, seit 1842 sein Assistent. F. I. Buslajev (1818-1897) aus dem russischen Norden (Pensa) [27] entwickelte in - übrigens vornehmer - Kritik an seinem Lehrer gleich zwei Gegenpositionen. Erstmals unternahm er den Versuch, aus gewissen Andeutungen im „Igorlied“ eine vorchristliche russische Poesie zu rekonstruieren [28], und  in einer Festansprache in der Moskauer Universität stellte er neben die hl. Schrift und  die Werke der christlichen Lehre die Apokryphen, die übersetzt und  eigenständig weitergebildet zur Volksliteratur geworden waren. [29]

 

Buslajev berief sich auf Jakob Grimm, dessen Lehre, vor allem aus der „Deutschen Mythologie“ [30], er auf ostslavische Verhältnisse übertrug. [31] Er war einer der bedeutendsten Philologen in Rußland und  wurde durch seine Studien zum Begründer der russischen Volkstumsforschung. Aber kaum wird der feinsinnige und  kunstverständige Gelehrte, später Erzieher des Thronfolgers [32], des letzten Zaren, sich klar gemacht haben, was seine Anstöße bewirkten. Abgesehen davon, daß auch der große Grimm dem tschechischen Fälscher Hanka aufsaß und  unbelehrbar blieb. [33] Doch indem Buslajev Grimms Anregungen gerade an das „Igorlied“ band, beschritt er einen schlüpfrigen Pfad.

 

 

27. Zu ihm Jagić (wie Anm. 15) S. 534-545. - L. V. Kaporulina in: V. A. D’jakov (Hrsg.), Slavjanovedenie v dorevoljucionnoj Rossii. Biobibliografičeskij slovar’, M. 1979, S. 89-91. - Afanas’jev (wie Anm. 29) S. 3-28. - D. M. Bulanin, in: Enciklopedija (wie Anm. 4) I 167-170.

 

28. In seiner - kumulativen - Habilitationsschrift, er war bereits Mitglied der Akademie der Wissenschaften: Russkaja poezija XI in načala XII veka, zuerst in: N. S. Tichonravov (Hrg.), Letopisi russkoj literatury i drevnostej, Bd. I, M. 1859, S. 3-31; wieder in Buslajev, Istoričeskie očerki russkoj narodnoj slovesnosti i iskusstva, Bd. I: Russkaja narodnaja poezija, Pbg. 1861, S. 377-400. Er glaubte, in dem im „Igorlied“ einmal erwähnten alten Dichter Bojan, der in der gesamten ältesten Zeit aber nie wieder und  erst im 15. Jahrhundert noch einmal erwähnt ist, die vorchristliche russische Poesie fassen zu können.

 

29. Ders., O narodnoj poezii v drevnerusskoj literature. (Reč’ v Moskovskom universitete 12. 1. 1859), in: Očerki (wie vorige Anm.) Bd. II: Drevnerusskaja narodnaja literatura i iskusstvo, Pbg. 1861, S. 1-63, bes. 15ff. Jetzt in: ders., O literature. Issledovanija. Stat’i, hrg. von E. L. Afanas’jev, M. 1990, S. 30-91.

 

30. Jakob Grimm, Deutsche Mythologie, Bd. I—III, 1844, 2. Aufl. 1854, 4. Aufl. 1876, Nachdruck Frankfurt a. M. (Ullstein-Buch Nr. 35107-35109), 1981, bes. II 925-960; III 401-508.

 

31. Dazu Doris Leitinger, Die Wirkung von Jakob Grimm auf die Slaven, insbesondere auf die Russen, in: Brüder Grimm Gedenken, Bd. 2, Marburg a. d. L. (Eiwert) 1975, S. 66-130. - Dies., Neues zu Jakob Grimms Einfluß in Rußland, in: ebd. Bd. 3, 1981, S. 323-333.

 

32. Lekcii F. I. Buslajeva E. I. V. nasledniku cesareviču Nikolaju Aleksandroviču (1859-1860 g.), in: Starina i novizna, Bd. 8, 1904, S. 119, 130, 179-367.

 

33. Vgl. Leitinger 1975 (wie Anm. 31) S. 74. Vgl. auch August Sauer, Aus Jakob Grimms Briefwechsel mit slawischen Gelehrten, in: Prager deutsche Studien, Bd. 8, Prag 1908; Nachdruck in: E. Schmidt (Hrg.), Briefwechsel der Brüder Grimm mit nordischen Gelehrten (Erstdruck 1885), Walluf (Sendig) 1974, S. 586-629. Jagić (wie Anm. 15) S. 534f.

 

 

19

 

Mit dem Stichwort Apokryphen und  Doppelglauben (dvojeverie, d. h. Christentum neben Relikten des Heidentums) war bald Ševyrjovs Grundgedanke von Rußlands Verbindung mit der Ökumene aufgegeben. Er befürchtete selber, daß er „nicht mehr als ein Schwärmen poetischer Elemente“ zusammenbrächte, „die sich nicht zu einem poetischen Ganzen zusammensetzten“ (II 62), und  er wendete sich ausdrücklich gegen Ševyrjovs Widersacher, die anfingen, Byzanz und  seine Bedeutung für Rußland abzuwerten (II 53). Aber als er, trotz Bedenken vom Standpunkt der Bildung (prosveščenie) aus, der „nicht ganz anziehenden groben Mischung eines dunklen Aberglaubens mit dem Namen von Christen“, Grimms Gedanken sich zu eigen machte, daß „der Volksaberglaube eine der wesentlichen Arten der Poesie“ ist und  noch weiterging zu der Formulierung: „Originalität und  Kühnheit poetischer Bilder und  Aufrichtigkeit begeisterten Aberglaubens“ (II 49), in dem Russen eben das Wahre mit dem Falschen (ložnoje) mischten (II 54), hatte er selber den Weg schon betreten, auf dem aus dem Volksaberglauben, den es zu erforschen gilt, der Gelehrtenaberglaube wurde, der uns verwirrt.

 

4. „Der Fall der Slavisten“

 

Wir machen einen Sprung, um noch zu zeigen, was daraus wurde. Die beiden Lehrmeinungen existierten nebeneinander und  mischten sich. [34] Doch der Grundgedanke Ševyrjovs war aus der Literaturgeschichtsschreibung etwa seit der Jahrhundertwende fast verschwunden und  wurde nur noch in der Kirchengeschichtsschreibung aufgenommen. [35]

 

 

34. Vor allem die Anm. 14 und  26 erwähnten Arbeiten von Sreznevskij, Vladimirov, Nikol’skij, Ikonnikov und  Golubinskij folgten weiter der Spur, daß die geistlichen Schriftsteller die älteste ostslavische Literatur ausmachten.

 

35. Die russische Kirchengeschichtsschreibung hatte im 19. Jahrhundert Beträchtliches geleistet: Überblick in:

·       N. N. Glubokovskij (1863-1937), Russkaja bogoslovskaja nauka v eja istoričeskom razvidi i novejšem sostojanii, Warschau 1928, S. 43-53 (russische Kirchengeschichte); 71-116 (Bibliographie).

·       Platon (Fjodor Grigor’jevič Levšin, 1737-1812), Kratkaja cerkovnaja rossijskaja istorija, Bd. I, M. 1805.

·       Petr Simonovič Kazanskij († 1878), Istorija pravoslavnogo monašestva, ot osnovanija Pečerskoj obiteli prep. Antoniem do osnovanija Lavry Sv. Troicy prep. Sergiem, M. 1855.

·       Filaret (vgl. Anm. 14), Istorija russkoj cerkvi v pjati periodach, Bd. I, M. 1857; deutsche Übersetzung Frankfurt a. M. London Paris 1872.

·       Makarij, wie Anm. 26. - Michail Vladimirovič Tolstoj (1812-1896), Rasskazy iz istorii Russkoj Cerkvi, 2. Aufl. 1870, S. 7-117; über ihn in der Neuauflage (wie folgende Anm.) S. 5.

·       P. Strojev, Spiski ierarchov i nastojatelej monastyrej Rossijskoj cerkvi, Pbg. 1877; Nachdruck Köln (Böhlau) 1990 (Bausteine zur Gesch. der Lit. bei den Slaven 35).

·       Vasilij Vasil’jevic Zverinskij († 1893), Material dlja istoriko-topografičeskogo izsledovanija o pravoslavnych monastyrjach v Rossijskoj Imperii s bibliografičeskim ukazatelem, Pbg. Bd. I—II 1892, III 1897.

·       Golubinskij, wie Anm. 14.

·       Vladimir A. Parchomenko (1880-1942), Načalo christianstva Rusi, Poltava 1913; zu ihm Enciklopedija (wie Anm. 4) IV 15 f. (D. Bulanin)

·       Michail Dmitrievič Prisjolkov (1881-1941), Očerki po cerkovno-političeskoj istorii Kievskoj Rusi X-XII vv. (Zap. Istorikofilolog. fak. imp. S.-Peterb. univ. Bd. 116), Pbg. 1913.

·       Petr Alekseevič Smirnov (1831-1907), Istorija christianskoj pravoslavnoj cerkvi, Bin. o. J., S. 149-176.

 

 

20

 

Kirchengeschichte gibt es in Rußland aber seit 1917 praktisch nicht mehr. [36] Sie wird von russischen [37] und  ukrainischen [38] Emigranten aufrecht erhalten, ist aber fast eine Domäne deutscher [39] und  englischer [40] Historiker geworden. [41]

 

 

36. Nur N. M. Nikol’skij, Istorija russkoj cerkvi, Rjazan’ 1931, 3. Aufl. M. 1983.

 

An der Neige der Sovjetunion erschienen zum Millenium der Taufe Rußlands:

·       S. Chorošev, Političeskaja istorija russkich kanonizacij (XI-XVI vv.), M. 1986.

·       O. Rapov, Russkaja cerkov’ v IX - pervoj treti XII v. prinjatija christianstva, M. 1988.

·       N. S. Gordienko, „Kreščenie Rusi“. Fakty protiv legend i mifov. Polemičeskie zametki, L. 1984.

·       Dazu kurz G. Podskalsky, Sakramente und  Sakramentaltheologie in der Kiever Rus’, in: Millenium Russiae Christianae. Tausend Jahre christliches Rußland 988-1988 (Schriften des Komitees der BR Deutschland zur Förderung der Slawischen Studien 16), Köln (Böhlau) 1993, S. 217-239, hier: 218 f.

·       Kuz’min, „Kreščenie Rusi“ v trudach russkich i sovetskich istorikov, M. 1988. - Nach der Auflösung der Sovjetunion sind neue Akzente erkennbar: V. N. Toporov, Svjatost’ i svjatye v russkoj duchovnoj kul’ture. Bd. I: Pervyj vek christianstva na Rusi (Rossijsk. gos. gumanitarnyj univ.), M. („Gnosis“) 1995;

das voluminöse Werk (874 S.) ist freilich unkritisch geschrieben, eine Rückkehr zur Quellenarbeit ist nicht erkennbar.

Zur Neuauflage von Makarij vgl. Anm. 26. Neu aufgelegt und  ergänzt wird auch Golubinskij (wie Anm. 14): Bd. II 2, M. 1997. Ebenso M. V. Tolstoj (wie vorige Anm.), Spaso-Preobraženskij Valaamskij Monastyr’, 1991.

 

37.

·       G. Vernadsky, The Status of the Russian Church during the First Half-Century, Following Vladimir’s Conversion, in: SEER 20, 1941, S. 294-314.

·       G. P. Fedotov, wie Anm. 3.

·       Igor Smolitsch, Russisches Mönchtum. Entstehung, Entwicklung und  Wesen 988-1917 (Abh. im Auftrag der „Arbeitsgemeinschaft der deutschen Augustinerprovinz zum Studium der Ostkirche“, N. F. Bd. 10/11), Würzburg 1953, S. 50-118.

·       Kartašev, Očerki po istorii russkoj cerkvi, Bd. I, Paris 1959.

·       M. Thalberg, Istorija russkoj cerkvi, Jordanville (N.Y.) 1959.

·       M. Klimenko, Die Ausbreitung des Christentums in Rußland seit Vladimir dem Heiligen bis zum 17. Jahrhundert. Versuch einer Übersicht nach russischen Quellen, Berlin 1969.

 

Eine gewisse Quellenferne ist nirgend zu übersehen die freilich damit zusammenhängt, daß russische Kirchengeschichtsschreibung überhaupt keinen lebendigen Boden mehr hatte.

 

38.

·       G. Lužnyc’kyj, Ukrains’ka cerkva miž schodom i zachodom. Narys istorii Ukrains’koi cerkvy, Philadelphia 1954.

·       Vlasovs’kyj, Narys istorii Ukrains’koi Pravoslavnoi Cerkvy, Bd. I, N.Y. 1955.

·       N. Polons’ka-Vasylenko, Istoryčny pidvalyny Ukrains’koi Pravoslavnoi Cerkvy, München 1964.

·       M. Cubatyj, Istorija chrystyjanstva na Rusi-Ukraini, Bd. I (pracy Grekokatolickoi Bohoslovsk. Akad. 24-25), Rom 1965.

 

39.

·       N. Bonwetsch, Kirchengeschichte Rußlands im Abriß, Lzg. 1923, S. 6-20.

·       E. Schick, Kirchengeschichte Rußlands in Grundzügen, Bd. I, Basel 1945.

·       K. Onasch, Geist und  Geschichte der russischen Ostkirche, Bin. 1947.

·       Albert M. Ammann S. J., Abriss der ostslawischen Kirchengeschichte, Wien (Herder) 1950.

·       Ludolf Müller, Zum Problem des hierarchischen Status und  der jurisdiktionellen Abhängigkeit der russischen Kirche vor 1039 (Osteuropa und  der deutsche Osten. Beiträge aus Forschungsarbeiten und  Vorträgen der Hochschulen des Landes Nordrhein-Westfalen Bd. III), Köln-Braunsfeld 1959.

·       Ders., Die Taufe Rußlands. Die Frühgeschichte des russischen Christentums bis zum Jahre 988 (Quellen und  Studien zur russischen Geistesgeschichte, Bd. 6), München (Wewel) 1987.

·       Podskalsky (wie Anm. 14), S. 11-56.

·       P. Kawerau, Ostkirchengeschichte, Bd. 4, 1984.

 

40.

·       E. Honigmann, Studies in Slavic Church History, in: Byzantion 17, 1944, S. 128-182.

·       Stokes, The Status of the Russian Church 988-1037, in: SEER 37, 1958, S. 430-452.

·       Fedotov 1966 (wie Anm. 3).

·       Francis J. Thomson, The Bulgarian Contribution to the Reception of Byzantine Culture in Kievan Rus': The Myths and the Enigma, in: Harv.Ukr.Stud. Bd. XII/XIII 1988/1989, S. 214-261.

·       John Fenneil, A History of the Russian Church to 1448, London N.Y. (Longman) 1995.

 

41. Nicht übersehen werden sollen

·       C. Verdieres, Origines catholiques de l’eglise russe jusqu’ au XII siede, in: Etudes de theologie, de philosophie et d’histoire Bd. 2, Paris 1857, S. 131-304.

·       W. Vodoff, La naissance de la chretiente russe. La conversion du prince Vladimir de Kiev 988 et son consequences (XIe-XIIIe siecles), Paris 1988.

 

 

21

 

a) Das Ende der Slavistik in Rußland

 

Trotzdem beherrschten sorgfältige Philologie und  kritische Quellenkunde die Lehre noch bis etwa 1930. Bedeutende Gelehrte hatten seit der Jahrhundertwende in Rußland die vergleichende Quellenkritik entwickelt, und  zwar nicht nur innerhalb der Slavia; griechische und  lateinische, italienische und  deutsche Quellen wurden einbezogen. Die bedeutendsten sollen erwähnt werden.

 

Evgenij Vjačeslavovič Petuchov (1863-1948) lehrte von 1895 bis 1916 in Dorpat, nach der Revolution konnte er auf die Krim ausweichen. Von ihm stammt die methodisch geschlossenste Literaturgeschichte für die älteste Periode. Sie ist in strenger Konsequenz als Gattungsgeschichte aufgebaut: Belehrungen - Sendschreiben - Heiligenleben - Chronik - Historische Erzählungen, einschließlich Igorlied - Pilgerreisen - Apokryphen; außer diesen letzten ist die Übersetzungsliteratur in der Einführung abgetan; literarische Zentren sind nicht berücksichtigt. [42] Das Buch bietet keine Geschichte, der Untertitel kündigt nur einen „historischen Überblick der wichtigsten literarischen Erscheinungen“ an. Trotz erkennbaren Mängeln wurde es ein Erfolgsbuch, das bis heute lehrreich ist.

 

Michail Nestorovič Speranskij (1863-1938), Zögling und  später Professor der Moskauer Universität, hat als letzter in seiner Literaturgeschichte auch einen umfangreichen Abriß der Forschungsgeschichte gegeben. [43] Anfänge eines slavischen Schrifttums im 9. Jahrhundert sind vorsichtig einbezogen, das Verhältnis zu Byzanz, Christianisierung, Staatsbildung ohne die schon üblich gewordene soziologische und  nationale Überakzentuierung.

 

 

42. E. V. Petuchov, Russkaja literatura. Istoričeskij obzor glavnejšich literaturnych javlenij. Drevnij period, Pbg. 1911, 2. Aufl. 1912, 3. Aufl. Petrograd 1916. Zu ihm einzelne Angaben in: Literaturnaja enciklopedija Bd. VIII 1934 S. 625 (P. B.). - Kratkaja literaturnaja enciklopedija Bd. V 1968 S. 732f. (A. Ja. Narkevič). - Slavjanovedenie 1979 (wie Anm. 27) S. 270.

 

43. M. N. Speranskij, Istorija drevnej russkoj literatury, 1. Aufl. Nežin, hektographiert verbreitet, 1912; 2. Aufl. M. 1914; 3. Aufl. 1921. Forschungsübersicht S. 27-112. Sein Schriftenverzeichnis von V. D. Kuz’mina, Chronologičeskij spisok trudov akademika M. N. Speranskogo, in: TODRL Bd. XII 1956, S. 594-612 und  ebenso in: Speranskij, Rukopisnye sborniki XVIII v., M. 1963, S. 226-255. Zu Speranskij: N. V. Savel’jeva in Enciklopedija (wie Anm. 4) IV 43-45. - V. D. Kuz’mina in: KLE (wie vorige Anm.) VIII 1972, 121 f. - Slavjanovedenie 1979 (wie Anm. 27) S. 317 (ohne Literaturangaben).

 

 

22

 

Die Darstellung ist noch vergleichend angelegt.

 

Vasilij Michajlovič Istrin (1865-1937), Pfarrerssohn aus dem Moskauischen, hat die bis heute beste Geschichte der alten Literatur geschrieben. Der Titel ist sehr vorsichtig: „Skizze einer Geschichte.“ [44] Knappe Forschungsberichte stehen am Ende der einzelnen Kapitel. Eine sehr ausführliche Einführung (S. 1-117) behandelt den gesamten Stoff unter dem Gesichtspunkt der Verbindung zu Byzanz und  Bulgarien. Danach erfolgt die Beschreibung der Denkmäler nicht nach Gattungen, sondern nach der chronologischen Folge. Die Grundidee klingt provozierend: etwas spezifisch Russisches gibt es noch nicht (S. V); die älteste Literatur sei „ideenlos“ gewesen (S. VI, 12, 20, 21, 26), charakteristisch sei die „Abwesenheit alles Ideenmäßigen“ (idejnosti), keine „Beimischung irgendeiner Ideenrichtung“ (S. 12). Die provozierenden Formulierungen scheinen nicht immer klar. Gemeint ist aber deutlich, daß die einzelnen Werke untereinander „ideenmäßig unverbunden“ waren (S. 26). Darin ist ein Zweifel erkennbar, ob es ein russisches Staatsdenken, eine auf das Land bezogene Ideenwelt vormongolisch gab.

 

Grigorij Andreevič Il'jinskij (1876-1937), dessen Vater in Podolien und  Kiev Lehrer war, wurde in Petersburg ausgebildet und  war seit 1927 Professor in Moskau. Er beschrieb mittelbulgarische Handschriften und  gab früh, seit 1905, alte Denkmäler heraus, vor allem altkirchenslavische (kyrillische und  glagolitische) sowie bulgarische. Er war ein slavistisch umfassend gebildeter Sprachforscher, der schon früh (1929) Opfer der linguistischen Marr-Mode wurde. [45]

 

Nikolaj Nikolajevič Durnovo (1876-1937) stammte aus Moskau. Er war dort Sprachforscher. Seine Ausbildung hat er, wie die anderen Genannten, durch Bildungsreisen und  längere Aufenthalte bei Süd- und besonders Westslaven vertieft. In Brünn kam er nach 1924 mit Sprachforschern der Prager Schule zusammen.

 

 

44. V. M. Istrin, Očerk 1972 (wie Anm. 15). - Sein Schriftenverzeichnis von V. V. Danilov, Chronologičeskij spisok trudov akademika V. M. Istrina, in: TODRL Bd. XII 1956, S. 586-593. Zu ihm: KLE (wie Anm. 42) III 1966, 237f. (V. V. Danilov). - Slavjanovedenie (wie Anm. 27) S. 168f. (N. A. Meščerskij).

 

45. Über ihn V. K. Zuravlev, Grigorij Andreevič Il’jinskij (1876-1937) (Zamečatel’nye učenye Moskovskogo universiteta, 30), M. 1962. Dort S. 49-72 sein Schriftenverzeichnis, S. 73-76 Bibliographie gedruckter und  archivalischer Materialien über ihn. S. 32 und  46 über ihn und  Marr.

 

Vieles in seinen Arbeiten blieb unvollendet, so eine kommentierte kritische neue Ausgabe des Ostromir-Evangeliums, sein Katalog mittelbulgarischer Handschriften, unabgeschlossen wohl auch seine Studien zu einer urslavischen Grammatik und  zur slavischen Etymologie. Eines seiner Hauptwerke: Opyt sistematičeskoj kirillo-mefod’jevskoj bibliografii, pod redakciej i s dopolnenijami M. G. Popruženka i St. M. Romanskogo, Sofia 1934, ist bis heute, trotz den großen Bibliographien der 1960er Jahre, mit Gewinn zu benutzen. - Weiter über ihn: V. V. Kolesov in: Slavjanovedenie 1979 (wie Anm. 27) S. 167f. - L. V. Sokolova in: Enciklopedija (wie Anm. 4) II 294f.

 

 

23

 

Seine Leistung liegt in der vergleichenden, z. T. strukturalistischen Untersuchung der ältesten Sprachdenkmäler der Ostslaven und  in dem letzten Versuch einer Quellenkunde. [46]

 

Diese Gelehrten waren die Letzten, die, den Quellen folgend, eine vergleichende Erforschung der ältesten ostslavischen Literatur ausbauten, indem sie von den südslavischen Denkmälern ausgingen. Es ist dabei unverkennbar, daß eine unausgesprochene slavophile Einstellung ihre slavistisch philologische Arbeit mitbestimmte. Es war wie eine verbindende Idee, die sich um die Jahrhundertwende verstärkte und  nach dem ersten Krieg noch einmal eine starke Ausprägung erhielt.

 

Sie wurden fast alle - nur Petuchov war auf der Krim zu weit weg zusammen mit etwa 70 weiteren Gelehrten aus Moskau und  Leningrad, im Herbst 1933 verhaftet. In dem Probelauf eines Schauprozesses, von dem wir erst vor einigen Jahren erfuhren [47], wurden sie angeklagt, eine nationalistische faschistische Partei begründet zu haben. Erschwerende Tatbestände waren Verbindungen zu den Slavischen Instituten in Prag, Berlin und  Paris, die in den Gerichtsakten Auslandsspionagezentralen heißen, und  die Anwendung kapitalistischer Forschungsmethoden, nämlich der sog. Indogermanistik und  - besonders schlimm - der vergleichenden slavischen Philologie. Fast alle Angeklagte erhielten hohe Freiheitsstrafen. Viele wurden 1937 erneut angeklagt, einige, unter ihnen Durnovo, dann erschossen. [48] Nach 1953 wurden sie nur zögernd und  bis heute nicht vollständig rehabilitiert.

 

 

46.

·       N. N. Durnovo, Russkie rukopisi XI i XII vv. kak pamjatniki staroslavjanskogo jazyka, in: Južnoslovenski Filolog Bd. IV 1924, S. 72-95; V 1925, S. 93-117; VI 1926, S. 11-64.

·       Vvedenie v istoriju russkogo jazyka (Spisy Filosoficke Fakulty Masarykovy University v Brne, 20), Brünn 1927; 2. Aufl. M. 1969. Dort S. 267-293 sein Schriftenverzeichnis. S. 31-123 eine knappe Beschreibung der handschriftlichen Quellen.

·       Weitere Information: V. V Kolesov in: Slavjanovedenie 1979 (wie Anm. 27) S. 150f.

 

47. Dazu F. D. Ašnin, V. M. Alpatov, „Delo slavistov“. 30-e gody, hrg. von N. I. Tolstoj, M. 1994, und  Rez. des Vf.s in Zeitschr. f. Slawistik, Bd. 41, 1996, S. 230-232.

 

48. Ašnin, Alpatov (wie vorige Anm.) S. 198: am 27. 10. 1937.

 

In den biographischen Artikeln, die in den vorstehenden Anmerkungen genannt sind, ist das Schicksal dieser Gelehrten nicht erwähnt. Es ist übrigens der erste Beleg für den verfälschenden Gebrauch des Wortes faschistisch gegen den Nationalsozialismus. - Alekseev, Koje-čto, 1996 (wie Anm. 76) S. 279, sagt, „ungünstige gesellschaftliche Umstände nach der Revolution“ seien die Ursache dafür gewesen, daß man in den letzten hundert (!) Jahren die von Sobolevskij 1897 gestellten Aufgaben (vgl. Anm. 14) „bei weitem nicht vollständig“ (daleko ne polnost’ju) erfüllt habe. Er selber belegt aber, daß die Kritik an Sobolevskij schon in den Nachrufen 1930 deutlich sich äußerte (S. 280f. von B. M. Ljapunov <1862—1943> und  M. G. Dolobko <1884—1935>); bis dahin war also Philologie noch lebendig. Der Verfall setzte nicht direkt durch die Revolution, sondern mit der Erbschaft der Stalin-Prozesse nach 1945 ein, wobei offenbar das Bewußtsein des gewonnenen Krieges eine verhängnisvolle Verführungsrolle spielte. Wie lange wird es dauern, bis in der Wissenschaft die Einsicht in diesen schrecklichen Mechanismus sich die Bahn brechen kann, der die redlichsten Gelehrten zu „Brüdern Stalins“ (frei nach Thomas Mann) machte?

 

 

24

 

Der Weg zum „Sozialismus in einem Land“ bedeutete in der Wissenschaft: Vermeidung jeder Vergleichung, vor allem, wenn sie zu nichtrussischen Quellen führt. Das Forschungsinstitut, das in Leningrad, wie ähnlich Slavische Institute in London, Paris, Rom, Berlin und  Prag, erst in den 1920er Jahren gegründet worden war, wurde geschlossen. Slavische Philologie mit ihrer slavophilen Unterströmung war in Rußland erledigt und  hat sich bis heute nicht restituiert.

 

b) Das Erbe und  die Folgen

 

Der „eigene“ Weg war frei. Nach gewonnenem Krieg wurde ein Institut in Moskau neu begründet, eine „Slavenkunde“ an ihm inszeniert. Auf gereinigtem Grund wurde die Darstellung der „altrussischen Literatur“ der Kiever Zeit neu gefaßt. Den Übergang machte Aleksandr Sergeevič Orlov (1871— 1947), ein Mann der alten Schule, der sich rechtzeitig wohl durch eine Studie über das „Igorlied“ im Briefwechsel von Marx und  Engels hatte sichern können. Schon 1937 veröffentlichte er eine neue Literaturgeschichte, in der die Übersetzungsliteratur am Anfang Berücksichtigung findet (S. 23-40), die Apokryphen dann weit vorne ausführlich behandelt sind (S. 48-57), erst danach die Christianisierung knapp erwähnt (S. 57-61), das „Igorlied“ dann aber wieder breit dargestellt ist (S. 122-172). Orlov war auch Hauptherausgeber der riesigen Literaturgeschichte, die von der Akademie der Wissenschaften in dreizehn Bänden herausgebracht wurde (1941-1956), deren erster Band 1941, im Jahr des beginnenden Krieges, erschien. [49]

 

Gleichzeitig brachte in der Prager Emigration Evgenij Aleksandrovih Ljackij (1868-1942) eine Literaturgeschichte heraus. Er setzte die Akzente natürlich anders; und  doch befindet er sich in Gewichtung von Übersetzungen und  originalen Werken, deren Anordnung nicht dem historischen Ablauf folgt, sowie in der breiten Darstellung des „Igorliedes“ und  der Behandlung der Chronik in merkwürdiger Übereinstimmung mit Orlov. [50]

 

Präzeptor dieser Erbschaft wurde nach dem Krieg der ehrwürdige Dmitrij Sergeevič Lichačov (1906-1999), von 1928 bis 1932 selber Lagerinsasse, der auch in westlicher Presse gelegentlich erwähnt ist.

 

 

49. A. S. Orlov, Drevnjaja russkaja literatura XI-XVI v.v., M. L. (Ak.N.) 1937. - Istorija 1941 (wie Anm. 9). - Perepiska Marksa i Engel’sa po povodu „Slova o polku Igoreve“, in: Karlu Marksu Akademija Nauk SSSR: Pamjati Karla Marksa. Sbornik statej k 50-letiju so dnja smerti: 1883-1933, L. 1933, S. 641-655. - Über ihn: O. A. Deržavina in: KLĖ (wie Anm. 42) V 1968, 462f. - O. V. Tvorogov in: Enciklopedija (wie Anm. 4) III 363-366; ohne Erwähnung der Literaturgeschichte.

 

50. E. A. Ljackij, Historicky prehled ruske literatury. Čast I. Stare ruske pisemnictvi (XI.-XVII. st.) (Rukoveti Slovanskeho Üstavu v Praze, svazek III), Prag 1937.

 

 

25

 

Er, seine Schüler und  Anhänger dominieren in Rußland seit langem die ältere Literaturgeschichte. [51] Das Bild, das nun entworfen ist, tritt älteren Darstellungen, so von Istrin, zuweilen deutlich entgegen, Unterschiede zu „westlichen“ Auffassungen sind nicht mehr immer deutlich. Dieses Bild sieht etwa so aus:

 

An erster Stelle stehen gewöhnlich hypothetische Rekonstruktionen der Volksdichtung. Danach folgt meist die Geschichtsschreibung, Biographien und  Fürstenspiegel, weiter Reiseliteratur, Sendschreiben, Bittschriften, wofür gelegentlich der Sammelname Publizistik benutzt wird. Davor oder danach sind breit die Apokryphen und  verwandte Erzählungen behandelt. Nur ausnahmsweise erwähnen Emigranten kirchliche Gattungen zuerst. Eine regionale Gliederung gebe es erst seit Mitte des 12. Jahrhunderts, bis dahin aber eine gesamtrussische Literatur für das ganze Land; selten wird Novgorod von Anfang an genannt. [52] Das „Igorlied“ ist immer sehr breit und  immer in beherrschender Stellung behandelt. [53]

 

 

51. Seine wichtigsten Arbeiten in:

·       D. S. Lichačov, Izbrannye raboty, Bd. I—III, L. 1987.

 

Darüber hinaus hat er zweimal eine Gesamtdarstellung der älteren Literatur vorgelegt, zuerst in der kürzeren Istorija russkoj literatury (AN) in drei Bänden, hrg. von D. D. Blagoj, M. L. Bd. I, 1958, S. 15-133. Sodann in den Einführungen der vielbändigen (ungezählten) Serie Pamjatniki literatury drevnej Rusi, die zusammen genommen eine Art „Literaturgeschichte als Essai“ ergeben:

·       Veličie drevnej literatury, in: PLDR: XI - načalo XII veka, M. 1978, S. 5-20;

·       Literatura epochi „Slova o polku Igoreve“, ebd. XII vek, M. 1980, S. 5-22;

·       Literatura tragičeskogo veka v istorii Rossii, ebd. XIII vek, M. 1981, S. 5-26;

·       Literatura vremeni nacional’nogo pod”jema, ebd. XIV - seredina XV veka, M. 1981, S. 5-26;

·       Literatura epochi istoričeskich razmyšlenij, ebd.: Vtoraja polovina XV veka, M. 1982, S. 5-20;

·       Epocha rešitel’nogo pod”jema obščestvennogo značenija literatury, ebd.: Konec XV - pervaja polovina XVI veka, M. 1984, S. 5-18;

·       Literatura „gosudarstvennogo ustrojenija“ (seredina XVI veka), ebd.: Seredina XVI veka, M. 1985, S. 5-16;

·       Podstupy k rešitel’nym peremenam v strojenii literatury, ebd.: Konec XVI - načalo XVII vekov, M. 1987, S. 5-22.

 

Über ihn:

·       Dimitri Obolensky, Medieval Russian Culture in the Writings of D. S. Likhachev, in: Oxf. Slav. Pap. IX 1976, S. 1-16; wieder in:

·       ders., The Byzantine Inheritage of Eastern Europe (Variorum Reprints 20), London 1982, Nr. IX.

·       L. A. Dmitriev, O. V. Tvorogov in: Enciklopedija 1995 (wie Anm. 4) III 172-177 (mit Schriftenverzeichnis).

·       M. A. Salmina, Chronologičeskij spisok trudov ak. D. S. Lichačova za 1988-1996 gg., in: TODRL 50, 1997, S. 40-70.

·       Dies., Literatura o žizni i trudach ak. D. S. Lichačova za 1988-1996 gg., ebd. S. 71-83.

·       Eine knappe Autobiographie in: Izbr. rab. I 3-23: O sebe (1985).

·       Ausführliche Autobiographie: Hunger und  Terror. Mein Leben zwischen Oktoberrevolution und  Perestrojka, Ostfildern (edition tertium) 1997; dazu Kerstin Holm in: FAZ 28. 11. 1997, S. 13.

·       Dies., Rußland im Wiederholungszwang. Der Weise züchtet Blumen: Ein Gespräch mit dem Petersburger Gelehrten Dmitrij Lichatschow, in: FAZ 28. 11. 1997, S. 43.

·       Ruth Wyncken-Galibin, „Den Menschen steht der Sinn nicht nach Kunst.“ Ein Gespräch mit D. Lichatschow, in: Süddeutsche Ztg. 28. 6. 1993, S. 16.

 

52. Aber D. Boulanine (Bulanin), La litterature de Novgorod (Xle-XVe s.), in: Histoire de la litterature russe. Des origines aus Lumieres, <Bd. I> Paris (Fayard) 1992, S. 59-85.

 

53. Ettore Lo Gatto, Storia della letteratura russa, Rom 1942; 7. Aufl. Florenz 1990; französische Übersetzung nach der 5. Aufl.: Histoire de la litterature russe des origines ä nos jours, o. O. 1965 (danach zitiert), S. 38-43, knappe Beschreibung der Problematik. - Besonders auffällig John Fenneil, Anthony Stokes, Early Russian Literature, London (Faber & Faber) 1974: in fünf Kapiteln werden die Kiever Zeit, das 14.-15. und  das 16. Jahrhundert, danach dann das „Igorlied“ behandelt (S. 191-206), dann noch das 17. Jahrhundert.

 

Eine Ausnahme bildet Wiktor Jakubowski in: Marian Jaköbiec (Hrg.), Literatura rosyjska, Bd. I, Warschau 1970, S. 58-66, der immerhin auf S. 64-66 die Echtheitsproblematik ausführlich darstellt. - Vgl. auch Antoni Semczuk (Hrg.), Literatura rosyjska w zarysie, Warschau 1975, S. 34-39. - Merkwürdig ist Milica Milidragovič, Stara ruska kniževnost, Sarajevo 1976, eine populäre Darstellung: das „Igorlied“ ist ebenso ausführlich behandelt (S. 85-105) wie der ganze Rest (S. 63-85), aber doch mit ausführlicher Darlegung der Echtheitsproblematik (S. 91-94). - Histoire (wie vorige Anm.), S. 86-124 (B. Gasparov, R Garde). - Vgl. jetzt vor allem die fünfbändige Enciklopedija (wie Anm. 4). - Wohltuend zurückhaltend Oxana Pachlovska, Civiltä letteraria ucraina, Rom (Carroci) 1998, S. 265-270.

 

 

26

 

Das alles ist in Gattungen systematisiert und  breit gefächert. Im Grunde ist der Archetyp für eine solche Gliederung die Literaturgeschichte von Petuchov, jetzt freilich vergröbert und  nicht mehr genannt.

 

Philologie kam erst nach Jahrzehnten wieder schüchtern zu Ehren. [54] Westliche Autoren folgen hier zuweilen den sovjetischen. Handschriften- und Quellenkunde ist ein Spezialgebiet geworden, das Literarhistoriker nicht mehr oft betreten. Feinsinnige Stiluntersuchungen, die zunächst von strukturalistisch gestimmten Emigranten ausgingen, [55] traten an ihre Stelle. Hier folgten nun wieder sovjetische Literaturwissenschaftler gerne. Plakative Formeln wie „Simplizitäts-“ und  „Ornamentalstil“ (Tschižewskij 1948; deutlicher 1960) oder „historische Monumentalität“ (Lichačov) etikettieren Jahrhunderte. Übersetzungsliteratur verschwindet oft in wenigen Einleitungsseiten. [56]

 

 

54. Die Anm. 51 angeführte Serie PLDR hat große Vorteile: sie bringt das Wichtigste, ist zweisprachig (mit neurussischer Übersetzung) und  ist mit Illustrationen gut ausgestattet. Nicht selten sind die Übersetzungen indes fragwürdig. Die Kommentare sind wertvoll, aber doch lange nicht immer gründlich genug; Wichtiges fehlt. Die Illustrationen verraten, wie in allen sovjetischen und  russischen Publikationen dieser Art, gar kein Gespür für historischen Quellenwert: Bedenkenlos werden sehr späte Illustrationen zu frühen Texten gestellt, wo sie dann nicht als das genommen werden, was sie sind, sondern als Illustrationsbeleg für eine frühe Zeit, die fast nie Illustrationen kannte. Ebenso ist der verdienstvolle Slovar’ knižnikov i knižnosti drevnej Rusi. Vyp. I (XI - pervaja polovina XIV v.), hrg. von D. S. Lichačov, L. 1987, zu beurteilen: Die Bibliographien sind meist sehr gut und  enthalten erstmals auch die westliche Literatur, wenn auch unvollständig. Nicht immer befriedigt die Quellenanalyse.

 

55.

·       N. S. Trubetzkoy, Vorlesungen über die altrussische Literatur. Mit einem Nachwort von R. O. Jakobson, Florenz 1973; gehalten in Wien im WS 1925/26 und  im SS 1928.

·       Dmitrij Tschižewskij, Altrussische Literaturgeschichte im 11., 12. und  13. Jahrhundert. Kiever Epoche, Frankfurt a. M. (Klostermann) 1948.

·       Ders. (Čiževskij), History of Russian Literature from the Eleventh Century to the End of the Baroque (Slavistic Printings and Reprintings XII), ’s-Gravenhage (Mouton) 1960 (wesentlich schwächer).

 

56. Speranskij 1921 (wie Anm. 43) S. 193-281 (Apokryphen: S. 236-270). Zum Vergleich: „originale“ Werke S. 291-345 (Igorlied: S. 361). Orlov 1937 behandelte sie noch in fünf Kapiteln, S. 24-61. - In der Istorija der Ak.N. 1941 wird sie bisher am ausführlichsten und , trotz sovjetischen Prämissen, gerechtesten dargestellt, S. 53-208. - Lo Gatto (wie Anm. 53) S. 21-33 (ohne Liturgie). - Tschižewskij 1948 behandelt sie zwar nur als „Exkurs“, aber doch ausführlich S. 69-103; liturgische Dichtung S. 73; 1960 nur noch S. 20-30. - Jakubowski (wie Anm. 53) S. 35-44, stellt sie immerhin dar, erwähnt aber z. B. die liturgische Dichtung auch nicht. - Semczuk 1975 (wie Anm. 53) S. 15-21 (ohne Liturgie). - Milidragovič 1976 (wie Anm. 53) S. 27-63, unter Berücksichtigung südslavischer Beziehungen. - Lichačov in seinen vielen Einführungen in PLDR erwähnt sie allenfalls einmal nebenbei. - Podskalsky (wie Anm. 14) S. 56-72. - Die französische Histoire 1992 übergeht sie auf 895 Seiten ganz, wie schon 1974 Fennell/Stokes. - Pachlovska 1998 auf S. 217-229. Vgl. Anm. 87.

 

 

27

 

Gegen die Vorgänger vor 1933 wird gelegentlich polemisiert, aber immer, ohne sie zu nennen. [57]

 

In Rußland fand bis zum Schluß der Sovjetunion jede Abnormität sovjetischen Ideologiebtriebs Anwendung [58], und  als ungeheurer Fortschritt durfte es gelten, wenn allmählich solche Exzesse weggelassen wurden; im Westen registriert man es zufrieden, wenn Religion erwähnt wird. Im übrigen bleibt man vorläufig überall bei dem vertrauten Bild einer monumentalen Staatsliteratur, die sich von Anfang an in einem großen Reich gedankenreich und  nationalbewußt entfaltet habe.

 

 

5. „Geschichte der altrussischen Literatur“

 

Eine Fülle von Ungereimtheiten durchzieht jede Darstellung. Titel lauten formelhaft Geschichte der altrussischen Literatur. Jedes Element dieser Formel ist indessen zweifelhaft und  anfechtbar. Geboten werden Gattungskapitel, die den Schein einer damals vorhandenen Ordnung suggerieren; wo es aber wirklich Gattungen gab, in der liturgischen Dichtung, werden sie gar nicht genannt. [59]

 

Ob es in den ersten drei Jahrhunderten, die hier betrachtet werden, sich um Geschichte von Formen und  Ideen handelt, ist sehr die Frage.

 

 

57. So in Lichačov 1978 in PLDR (wie Anm. 51) gegen Istrin.

 

58. N. V. Vodovozov, Istorija drevnerusskoj literatury, M. 1966: Oleg ist das „Idealbild eines russischen Heerführers“ (S. 17); die „mündliche Volksdichtung drückte nicht nur die patriotischen Gefühle der arbeitenden Bevölkerung aus, sondern bewahrte auch ihre Klassenideologie“ (ebd.); die Autoren der ältesten Chronik „brachten echt zum Ausdruck (podlinnymi vyraziteljami) die staatlichen Interessen des russischen Volkes, bei Widersprüchen folgten sie den Volksinteressen“ (S. 28); das Kiever Höhlenkloster war an vorderster Spitze beim Kampf um die Unabhängigkeit der russischen Kirche gegen Byzanz für „die Interessen der demokratischen Schichten der Bevölkerung“ (S. 40). Auflage: 50 000 Exemplare.

 

59. Vladimir Fedorovič Savodnik (1874-1940), Kratkij kurs istorii russkoj slovesnosti. S drevnejšich vremen do konca XVIII v., M. 1913; 6. Aufl. 1918, S. 145 erwähnte sie angemessen, und  das blieb in Rußland bis etwa 1929 Lehrbuchwissen. Savodnik war symbolistischer Dichter; zu ihm vgl. LE (wie Anm. 42) X, München (Sagner) 1991, Sp. 475 (A. Kokorev; geschrieben vor ca. 1936). - KLE (wie Anm. 42) VI 1971, Sp. 591. Vgl. auch unten D 2; S. 43-48.

 

Varvara Ivanovna Adrianova-Peretc (1888-1972) hat in Istorija russkoj literatury (AN) Bd. I, M. L. 1941, S. 177-182 die „Christianskaja gimnografija“ behandelt und  einiges über die Pflichtbehauptung „ziemlich eintönig“ (S. 179) Hinausgehende noch einmal erwähnt; vgl. Anm. 130.

 

Im Westen nur Tschižewskij 1948 (wie Anm. 54) S. 73. - I. I. Tchorževskij, Russkaja Literatura, 2. Aufl. Paris 1950, S. 12-14 spricht nur metaphorisch von Poesie.

 

 

28 

 

Pypin hatte es 1897 bestritten. [60] Dagegen hatte sich zwar 1904 Archangelskij gewandt. [61] Aber schon 1908 wurde dieser Gedanke mit einer mehr philologischen Begründung wieder aufgenommen [62], und  Pypins Schüler Istrin hat ihn 1922 in seiner Literaturgeschichte präzisiert, als er seinen Gedanken von der ideenmäßigen Zusammenhanglosigkeit der Denkmäler in der Kiever Zeit ausführte. Noch Orlov war 1937 vorsichtig genug, sein Buch nicht Geschichte zu nennen. Von der großen „Istorija“ der Akademie der Wissenschaften (1941) an ist dann alles Geschichte. Was seither geboten wird, enthält aber kaum eine innere Entwicklung von Ideen und  Formen, sondern allenfalls eine Art Gänsemarsch der Gattungen. Die enge Bindung an die politische Abfolge Gesamtstaat - Teilfürstentümer, in sich selbst schon nicht unproblematisch, ist eine Ersatzordnung, die das Problem überdeckt und  in der Literaturgeschichtsschreibung fast immer zu starken Verzeichnungen führte.

 

Überaus problematisch ist die Teilbezeichnung alt. Fast immer sind die Jahrhunderte bis Peter d. Gr. einbezogen. Nur Istrin hatte das 1922 konsequent aufgegeben; nach ihm zwar 1948 auch Tschižewskij, der aber 1960 davon wieder abrückte. Orlov behandelte 1937 die Zeit bis zum 16. Jahrhundert als Einheit und  trug damit jedenfalls der Einsicht Rechnung, die seit Petuchov gelten konnte, daß das 17. Jahrhundert als Umbruchszeit abzutrennen sei. Gudzij hob das wieder auf [63], und  ihm folgten alle.

 

 

60. Aleksandr Nikolajevič Pypin (1833-1904), Istorija Russkoj literatury, Bd. I, Pbg. 1898; 2. Aufl. 1902 (danach hier zitiert); 3. Aufl. 1907; 4. Aufl. 1911, Predislovie S.,IV: „Als Folge der Bedingungen, unter denen sich unser altes Schrifttum gebildet hat, kennt es fast gar keine Chronologie: die große Masse der Denkmäler blieb in Zirkulation im Laufe ganzer Jahrhunderte, manchmal vom 11./12. bis zum 17. und  sogar bis zum 19. Jahrhundert; alte Denkmäler wurden nicht durch neue differenziert, als neue Stufe einer literarischen Entwicklung - im Gegenteil, die neuen schlossen sich an die alten an, als ihre unmittelbare Fortsetzung, auch in den Vorstellungen der Buchgelehrten selber entfalteten sie sich nicht. <...> Geschehnisse traten ein, welche Umbrüche im politischen Leben des Volkes waren - aber das Schrifttum bewahrte dieselben traditionellen Formen.“ S. 178-180 zum Igorlied, S. 181-183 zur Christianisierung. - Vgl. auch Fedotov (wie Anm. 3) I 365-368. - Zu Pypin am besten LE IX 1935, Sp. 456-459 (N. Glagolev). - Minder KLE VI 1971, Sp. 116f. (A. N. Grišunin). - Slavjanovedenie 1979 (wie Anm. 27) S. 286-289 (A. S. Myl’nikov).

 

61. Aleksandr Semenovič Archangel’skij (1854-1926), Trudy Pypina v oblasti istorii russkoj literatury, in: ŽMNP 1094 Nr. 2, Sovr. let. S. 73-125, hier: 119-123; wieder abgedruckt im Anhang zu ders. (wie Anm. 15); dort auch S. 430-438. Über ihn nur unzureichende Auskunft: LE fehlt! - KLE I 1962, Sp. 191 (P. N. Murav’jov). - Slavjanovedenie 1979, S. 56 (E. I. Možajeva).

 

62. Von Aleksandr Kornilievič Borozdin (1863-1918) 1908 (wie Anm. 15) S. 16-18: „Man kann dort keine strenge Chronologie aufstellen, wo wir keine genauen Belege über die Zeit der Entstehung der Denkmäler haben.“

 

63. Nikolaj Kallinikovič Gudzij (1887-1965), Istorija drevnej russkoj literatury, M. 1940; 4. Aufl. 1950, danach zitiert (Auflage 35 000); 7. Aufl. 1966; engl. Übersetzung, nach der 2. Aufl. N.Y. 1949; deutsche Übersetzung Halle (Niemeyer) 1959. Gudzij stellte die mündliche Dichtung nur sehr kurz dar (S. 14-16), Übersetzungen, ohne sie so zu nennen, als „altchristliches Buchwesen“ (knižnost’) relativ ausführlich (S. 17-43; ohne liturgische Dichtung), das „Igorlied“ ziemlich breit (S. 111-137; Mazon wird in einer Anm. S. 114 kurz erwähnt). Zu ihm TODRL 46, 1993, S. 170-198. - Enciklopedija 1995 (wie Anm. 4) II 68-73 (L. A. Dmitriev).

 

 

29

 

Mit Nachdruck ist kürzlich auch noch einmal die innere Einheit der Zeit vom 11. bis zum 17. Jahrhundert betont worden: Sie läge in der Nichtteilnahme am gelehrten Leben des Westens, am Fehlen des Interesses für die Antike und  für die dogmatische Theologie. [64] Das ist nicht zu leugnen.

 

Indessen darf nicht übersehen werden, daß die ersten Jahrhunderte der sog. Kiever Periode gegenüber der Folgezeit doch ein aliud sind. Vor 1300 gab es eine zwar dürre, aber immer vorhandene, politische und  literarische Verbindung nach dem Westen, andrerseits eine viel deutlichere Abhängigkeit von dem Patriarchen in Konstantinopel als später. An der dogmatischen Auseinandersetzung von Byzanz mit Rom nahm Kiev wiederum damals noch kaum teil, später dagegen intensiv. Reste germanischer (varägischer) Literatur waren vorhanden, später aber nicht mehr. Vor allem aber bringt die gedankenlose Übertragung von alt auf die Zeit, die in den westlichen Literaturen (einschließlich derjenigen bei den lateinischen Slaven) als frühe Neuzeit abgetrennt ist, die sonst klare Vorstellung vom Mittelalter ins Zwielicht und  läßt die Bedeutung gerade des Humanismus ganz im Dunkel verschwinden. Die Auswirkung auf die Begriffsbildung der Periodisierung der gesamten Geistesgeschichte ist katastrophal; man denke nur an den verlotterten Gebrauch von „Humanismus“. Gerade in diesem Punkt war Istrin viel klarer als alle Anderen.

 

Es ist auch schwerlich richtig, die älteste Literatur russisch zu nennen. Das Wort ist germanischer Herkunft, bedeutete ,Ruderer, Seefahrer’ und  bezeichnete ursprünglich die ,Nordmannen’. Der Landesname Rusy war zugleich der Name für das Volk der Varäger. Die Griechen sagten ὅι Ρῶς. [65] Wie lange diese Entsprechung galt, wissen wir allerdings nicht. Die Varäger haben sich auf russischem Boden erstaunlich schnell slavisiert. Doch hielt ein Kriegernachschub lange an, und  es ist anzunehmen, daß die Herrschaftsschicht noch bis ins 12., in Novgorod bis ins 13. Jahrhundert zweisprachig war, da sie noch bis in diese Zeit Handelsbeziehungen mit den Varägern unterhielt, nicht immer friedliche. [66]

 

 

64. So Francis J. Thomson, The Distorted Mediaeval Russian Perception of Classic Antiquity: The Causes and the Consequences, in: Mediaevalia Lovanensia. Ser. I/Stud. XXIV, Löwen 1995, S. 303-364, hier: 308. Dazu aber G. Florovsky, Reply, in: Slavic Review XXI 1962, S. 35-42.

 

65. Vgl. Max Vasmer, Russisches etymologisches Wörterbuch, Bd. II, Heidelberg (Winter) 1955, S. 55 lf. Dort der Beleg nach Liutprand, Antapodosis 111: „Rusios, quos alio nos nomine Nordmannos appellamus.“

 

66. Novgorodskaja pervaja letopis’ po sinodal’nomu spisku, hrg. von Joachim Dietze, München (Sagner) 1971, S. 169 zu 1188; 175 zu 1201; 187 zu 1217.

 

 

30

 

Bei der Eroberung Konstantinopels im vierten Kreuzzug werden als Verteidiger neben den Griechen auch Varäger genannt. [67]

 

Es kommt hinzu, daß die Ostslaven damals noch nicht in Russen, Ukrainer und  Weißrussen auseinandergetreten waren; das geschah nicht vor dem 14. Jahrhundert. Mit Grund wehren sich daher Ukrainer und  Weißrussen dagegen, daß eine Literatur, die auch die ihre ist, altrussisch genannt wird. [68] Andererseits ist die Sache nicht einfach, denn während neben den Landesnamen Rus’ bald andere Bezeichnungen traten und  ihn ersetzten, wurde das Adjektiv russkij von der ältesten Zeit an bis heute benutzt; darin scheint also eine etnonymische Kontinuität zu liegen. Doch war die Bedeutung unterschiedlich: Zunächst galt das Adjektiv für die Varäger, sehr bald aber für alle Landesbewohner, also auch die Slaven, später, im 16. und  17. Jahrhundert, immer noch als Selbstbezeichnung für die Ukrainer, heute nur für die sog. Großrussen. [69]

 

Dieser Tatbestand war Istrin offensichtlich klar, als er seine Literaturgeschichte schrieb. Deshalb sprach er von allgemeinrussisch oder genauer einfach russisch. [70] Es ist unverkennbar, daß sein oder genauer keine Sachbeschreibung, sondern ein Postulat ist. Daran knüpfte 1927 Durnovo an. Er versuchte mit Hilfe der Unterscheidung nach Dialekten eine Präzisierung. [71] Aber er übertrug den spezifischen (sprachlichen) Befund auf allgemeine (ethnische) Verhältnisse.

 

 

67. Ebd. S. 178 und  179 zu 1204.

 

68. Zuletzt und  maßvoll Pachlovska 1998 (wie Anm. 53) S. 66, 78ff.

 

69. Zur Frage

·       V. A. Mošin (1894-1987), Varjago-russkij vopros, in: Slavia Bd. X 1931, S. 109-136, 343-379, 501-537, hier: 359-363.

·       Alexander V. Soloviev, Der Begriff ,Russland’ im Mittelalter, in: G. Stökl (Hrg.), Studien zur älteren Geschichte Osteuropas. 1. Teil: FS für H. F. Schmid (Wiener Arch. f. Gesch. d. Slawentums und  Osteuropas. Veröff. d. Inst. f. osteurop. Gesch. Bd. II), Köln Graz (Böhlau) 1956, S. 143-168.

·       Ders., Le nom byzantin de la Russie (Musagetes III), s’Gravenhage (Mouton) 1957.

·       Günter Stökl, Russische Geschichte, Stuttgart (Kröner) 1962; 5. Aufl. 1990, S. 38-43.

·       James H. Billington, Images of Muscovy, in: Slavic Review XXI 1962, S. 24-34, hier: 24f. (gegen Florovsky, ebd. S. 1-15; vgl. Anm. 189).

·       H.-B. Harder, Zur Frühgeschichte des Namens der Russen und  der Bezeichnung ihres Landes, in: H. Beumann (Hrg.), Aspekte der Nationenbildung im Mittelalter. Ergebnisse der Marburger Rundgespräche 1972-1975 (Nationes Bd. 1), Sigmaringen (Thorbecke) 1978, S. 407-424.

 

70. Istrin, Očerk 1922 (wie Anm. 44) S. V: „In dieser Periode gibt es weder Großrussen, noch Kleinrussen, noch Weißrussen, sondern nur das eine ,russische4 Volk <...>. Und so gesehen war die Literatur des 12. bis 13. Jahrhunderts weder eine großrussische, noch eine kleinrussische, noch eine weißrussische, sondern es war eine ,allgemeinrussische4 oder genauer einfach eine ,russische’.“ Vgl. S. IXf.

 

71. Vvedenie 1927 (1969) (wie Anm. 46) S. 8: „Der Ausdruck Russische Sprache4 hat einige Bedeutungen. Im weiteren Sinne des Wortes bezeichnet er die Sprache des ganzen russischen Volkes oder aller Ostslaven <...> Im engeren Sinne bezeichnet dieser Ausdruck nur die russische Literatursprache unter Ausschluß nicht nur aller umgangssprachlichen russischen Mundarten, sondern auch anderer Literatursprachen, die bei einigen Teilen des russischen Volkes im Gebrauch sind, besonders der ukrainischen und  in letzter Zeit auch der weißrussischen und  der karpathorussischen Sprache.“

 

 

31

 

Den Widespruch, der dadurch offenbar wurde, glich er nicht aus, sondern merkte nur an, daß Ukrainisten und  Weißrussisten mit seiner Definition des Russischen nicht einverstanden seien. [72]

 

Es kommt schließlich hinzu, daß die Sprache dieser Literatur gar nicht die der Ostslaven, sondern kirchenslavisch war. Sie wurde wohl ostslavisiert, aber in unterschiedlichem Grade und  nie vollständig. Es wird zwar immer gesagt, der Unterschied zum Südslavischen sei damals so gering gewesen, daß die „Russen“ dieses gut hätten verstehen können. Aber Zweifel sind doch angebracht, und  jedenfalls war es nicht die gesprochene Sprache des Volkes, in der man schrieb. Vorbild für alle Schriftlichkeit war die südslavische Kultsprache.

 

Schließlich Literatur. Das ist ein moderner Begriff, der vor allem autonome Originalliteratur bedeutet. Dem Sachverhalt in der ältesten Zeit können russische Gelehrte freilich viel besser Rechnung tragen als wir, weil sie mit einer Vielzahl von Ausdrücken in der Sache abstufen können: slovesnost’ - soviel wie das alte ,Litterärkunde‘; pis’mennost' - ,Schriftlichkeit, Schrifttum’; oder knižnost' - am ehesten ,Buchwesen, Schriftwesen’. Diese Ausdrücke wurden und  werden auch alle gebraucht. Der hier nicht passende Begriff ,Literatur’ dominiert freilich in den großen, offiziösen Darstellungen von Anfang an, und  überhaupt ist, je mehr wir uns vom 18. Jahrhundert entfernt haben, dieses Wort als Frucht der Romantik Leitbegriff geworden und  steuert die Vorstellungen, nicht immer zum besseren Verständnis; denn eine Unterströmung der Vorstellung autonome Originalliteratur bleibt immer wirksam.

 

Nur einiges Einzelne mag noch erwähnt sein. Der Leser fragt sich: Warum wird permanent von Literatur des Kiever Staates oder Reichs gehandelt, die Rechtsliteratur aber einfach weggelassen, weil sie angeblich „keine literarische Bedeutung“ habe? [73] Klarer kann eigentlich die Abwendung von Grimm, der seine Vorstellungen von alter Literatur nicht zum Wenigsten auf Rechtsaltertümern gründete, nicht sein. [74] Warum spricht man von einer nicht erhaltenen und  kaum zu belegenden vor- und frühchristlichen Poesie und  von Apokryphen in behaglicher Breite, verschweigt aber die vorhandene liturgische Poesie, die zudem die verbindliche Lehre enthielt?

 

 

72. Ebd. Anm. 1: „Man muß anmerken, daß einige slavische Sprachforscher, besonders Ukrainisten und  Weißrussisten, den Ausdruck ,russische Sprache4 in dem angegebenen weiteren Sinne nicht lieben, weil die heutigen Dialekte der russischen Sprache sich voneinander so sehr unterscheiden, daß man kaum von einer einzigen Sprache reden kann, sondern eher von selbständigen Sprachen. Diese selbständigen Sprachen nennen sie nicht,russische’, sondern ,ostslavische’.“

 

73. Tschižewskij 1948 (wie Anm. 55) S. 234, 395.

 

74. Jacob Grimm, Von der Poesie im Recht, in: Zschr. f. geschichtliche Rechtswissenschaft Bd. II 1816, H. 1, S. 25-99, Neudruck: Darmstadt (Wissenschaftl. Buchgesellschaft. Libelli Bd. XXXVI) 1957; 2. Aufl. 1963. - Ders., Deutsche Rechtsaltertümer, Göttingen 1828; 4. Aufl. Lzg. 1900.

 

 

32

 

 

6. Das Beispiel Chronik zu 1037

 

Zuletzt noch ein konkretes Beispiel, das unmittelbar auf den Grund unsrer Bemühungen führt. Die Kiever Chronik gilt in ihren frühesten Schichten als wichtigste Quelle. Ohne sie kann auch wirklich fast gar nichts über älteste Geschichte und  Schriftlichkeit gesagt werden. Aber die beiden frühesten Handschriften stammen aus dem Jahre 1377 und  dem Anfang des 15. Jahrhunderts. Das wird meist verschwiegen. Es wurde zwar großer Scharfsinn aufgewendet, um für den ältesten Teil drei bis vier verschiedene Redaktionen herauszuschälen, die bis ins 10. Jahrhundert zurückgehen sollen, und  dabei wurde auch das Argument in Anspruch genommen, der jeweilige Bearbeiter könne aus bestimmter Interessenlage etwas unterdrückt, hinzugefügt, umdatiert haben. [75] Aber niemand scheint ernstlich annehmen zu wollen, daß die Bearbeiter der wirklich vorhandenen Handschriften, nach mehr als zwei Jahrhunderten, das auch getan haben könnten.

 

Den entscheidenden Satz für den Anfang des ostslavischen Schrifttums, in der Chronik zum Jahre 1037, kann man nach den verschiedenen Handschriften lesen, entweder als [76]:

 

Großfürst Jaroslav war den Büchern zugetan und  las sie oft hei Tag und  Nacht.

 

 

75. Vgl. O. V. Tvorogov, Povest’ vremennych let, in: Slovar’ (wie Anm. 54) S. 337-343. Auf die dort genannten Arbeiten von Šachmatov und  seinem Schüler Prisjolkov beziehen sich fast alle Darstellungen. Sie sind indessen mit großer Skepsis aufzunehmen; das Meiste sind unbewiesene und  nicht selten unbegründete Hypothesen. Zu ihrer Kritik s. vor allem die ebenfalls genannte Rezension von Istrin 1923. Es fehlen wichtige westliche Arbeiten: Die Nestor-Chronik. Eingeleitet und  kommentiert von Dmitrij Tschizewskij (Slavistische Handbücher VI), Wiesbaden (Harrassowitz) 1969. - Ludolf Müller (Hrg.), Handbuch zur Nestorchronik, Bd. I: Die Nestorchronik. Nachdruck der 2. Aufl. des 1. Bandes des PSRL, L. 1926-1928 (Forum Slavicum 48), München (Fink) 1977; Bd. II: Leonore Scheffler, Textkritischer Apparat zur Nestorchronik (Forum Slavicum 49), 1977; Bd. III: Barbara Gröber, Ludolf Müller, Vollständiges Wörterverzeichnis zur Nestorchronik (Forum Slavicum 50), 1986. - Vgl. auch Ludolf Müller, Helden und  Heilige aus russischer Frühzeit. Dreißig Erzählungen aus der altrussischen Nestorchronik (Quellen und  Studien zur russischen Geistesgeschichte 3), München (Wewel) 1984, S. 126 Anm. 31.

 

76. Das Folgende im Anschluß an

·       Horace Lunt, On Interpeting the Russian Primary Chronicle; the Year 1037, in: SEEJ 32, 1988, S. 251-264, hier: 258; und

·       Francis J. Thompson, „Made in Russia“. A Survey of the Translations Allegedly made in Kievan Russia, in: Millenium Russiae Christianae. Tausend Jahre christliches Rußland 988-1988 (Schriften des Komitees der Bundesrepublik Deutschland zur Förderung der slawischen Studien 16), Köln (Böhlau) 1993, S. 295-354, hier: 305-307.

 

Dagegen

·       A. Alekseev, Koje-čto o perevodach v Drevnej Rusi (po povodu stat’i Fr. J. Thomsona „Made in Russia“), in: TODRL 49, 1996, S. 278-296; kritisch und  in verständlicher Erregung, aber doch auch zustimmend, vgl. S. 281, 294f.

Entgegnung von

·       Horace G. Lunt, Ešče raz o mnimych perevodach v Drevnej Rusi (Po povodu stat’i A. A. Alekseeva), edd. 51, 1999, S. 435-441

und  die Antwort

·       Alekseevs, Po povodu stat’i H. G. Lunt-a „Ešče raz o mnimych perevodach v Drevnej Rusi“, ebd. S. 442-445. Die Kontroverse ist nicht sehr ergiebig.

 

 

33

 

Und er sammelte viele Schreiber und  er ließ von Griechenland in die slavische Schrift übertragen [77]; oder als: und  sie übersetzten aus Griechenland in die slavische Sprache. [78]

 

Man nimmt an, daß die Stelle korrupt ist. Die maßgebende neurussische Übersetzung sagt, unter Verschweigung der Variantenlage: und  sie übersetzten aus der griechischen in die slavische Sprache. [79] Und der nach allen Lesarten eindeutige Folgesatz: und  sie schrieben viele Bücher ab, wird übersetzt: und  sie schrieben viele Bücher. Der Unterschied zwischen Singular und  Plural, übertragen und  übersetzen, zwischen aus Griechenland und  aus der griechischen Sprache, zwischen Schrift und  Sprache, schreiben und  abschreiben gehört zu den Unsicherheiten in den Quellen, über die Literarhistoriker sich gern hinwegsetzen und  die Literaturwissenschaftler nicht sehr stören.

 

 

77. PSRL Bd. I (Laurentius-Chronik) 1962, Sp. 151 f.

 

78. PSRL II, 2. Aufl. 1908, Nachdruck 1962 (Hypatius-Chronik), Sp. 139.

 

79. PLDR <I> 1978 (wie Anm. 51) S. 167.

 

[Previous] [Next]

[Back to Index]