Die bulgarische Fürstenliste und die Sprache der Protobulgaren

Omeljan Pritsak

 

Vorwort

 

 

Die alten Sprachdenkmäler der Türken und Mongolen, so z. B. die Talas-, Orchon- und Jenissei-Inschriften, die Inschrift auf dem „Stein des Činggis”, die „Geheime Geschichte der Mongolen” und die epigrafischen Denkm äler der Yüan-Zeit, sind systematisch erforscht worden.

 

Anders liegen die Dinge bei den Sprachdenkmälern der alten Bulgaren. Die bisher mit Sicherheit identifizierten bulgarischen Denkmäler haben die Altaisten nur am Rande behandelt, da ihnen die Form der Überlieferung (byzantinisch-slavische, bzw. arabo-islamische) nicht genügend vertraut war.

 

Somit beherrschen noch heute die europäischen turkologischen Arbeiten Axiomen, die vor einigen Jahrzehnten ohne ausreichende Kenntnis des bulgarischen Materials aufgestellt wurden.

 

Die eingehendere Quellenuntersuchung ergibt z. B., daß es in der Zeit ca. 11. Jh. — 14. Jh. im Reiche der Wolga-Bulgaren zwei „bulgarische” Sprachen gegeben hat. Die erste, eine „hunnisch-bolgarische [1]” war die Umgangssprache der eigentlichen Wolga-Bulgaren, die im 7.—8. Jh. von dem Kuban-Azow-Gebiet nach der Wolga kamen. Die Träger der zweiten, einer türkischen muslimischen Hochsprache aus Mittelasien (Syr-Darja-wārizm- Gebiet) oγuzo-qipčaqischer Prägung waren die muslimischen höheren, geistlichen und kulturellen Kreise des Landes. Die Stellung dieser Kultursprache war noch dadurch gestärkt, daß sie der Sprache der qipčaqischen Türken sehr nahe stand, die seit ca. dem 10. Jh. in das wolga-bulgarische Gebiet durchsickerten und bald zu Mitträgern des bulgarischen Reiches an der Wolga wurden [2].

 

Eben diese zweite „muslimisch-bulgarische” Sprache meinte Kāšġarī, wenn er über die Sprache „einiger Qïfčaq, Yämäk, Suwar, Bulġar und deren, die längs der Grenzen der Rüs und der Rūm (= Byzantiner) wohnen (= Päčänäg)” Angaben machte; übrigens sehr bescheidene.

 

Die Erkenntnis der wahren Sachlage wird hoffentlich manchen Turkologen endlich zeigen, wie unnütz es ist, bich gegen solche Tatsachen, wie der ursprüngliche hunnisch-bulgarische Rhotazismus und Lambdazismus, zu wehren!

 

Die von anderer — nicht-turkologischer, bzw. nicht altaistischer — Seite gemachten Untersuchungen scheitern an einer falschen Methodologie. So lassen diese Autoren bezeichnenderweise die in arabischer Schrift überlieferten Texte vollkommen beiseite (wie auch oft die in byzant. und slavischer) und lenken ihre Aufmerksamkeit hauptsächlich auf die in einer bisher unentzifferten „Runenschrift” verfaßten kurzen Notierungen, die sie — ohne sich um die anderen bulgarischen

 

 

1. Zum Terminus bolgarisch в. S. 13, Anm. 3.

 

2. Diese These begründe ich in meiner Monographie Die Wolga-Bulgarischen Inschriften und die Sprachen der Wolga-Bulgaren. Nach einigen Zeitschriften-Notizen zu beurteilen, sind auch die sowjetischen (russischen und tatarischen) Gelehrten zum gleichen Ergebnis gekommen. Leider blieb mir das — anscheinend hierzu grundlegende — Werk, die Sammelschrift Proischoždenie Kazanskich Tatar (Kazan 1948) noch immer unzugänglich.

 

 

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Denkmäler zu kümmern — mit Hilfe des Alttürkischen (sic!!) glauben deuten zu dürfen. Es ist auch verständlich: eine — bequem nachzuschlagende — „Alttürkische Grammatik” von Annemarie von Gabain existiert seit 1941 und eine „Bolgarische Grammatik” — falls sie überhaupt vollständig geschrieben werden kann — muß erst erarbeitet werden.

 

Um den Fachgenossen, vor allem den Altaisten und Turkologen, das Quellenmaterial zugänglich zu machen, habe ich den Versuch unternommen, die sprachlichen Urkunden des Bulgarischen mit diplomatischer Genaulgkeit neu herauszugeben und mit einem entsprechenden Kommentar zu versehen.

 

Den ersten Teil dieses Versuches bildet die vorliegende Untersuchung, die zum Ziele hat, folgende Donau-bolgarische Denkmäler zu umfassen und kritisch zu untersuchen [1]: 1. Die sogenannte Bulgarische Fürstenliste, 2. Die Nachschrift von Tudor Doksov (s. S. 58, § 18), 3. Die sogenannte Boila-Inschrift.

 

Der zweite Teil: Die Wolga-Bulgarischen Inschriften und die Sprachen der Wolga-Bulgaren, den ich bereits angeschlossen habe, wird in Kürze erscheinen.

 

Die weiteren Teile sind in Vorbereitung.

 

Die vorliegende Arbeit erschien zunächst in den Ural-Altaischen Jahrbüchern (Bd. 26, 1954, SS. 61—77, 184—239). Die Buchausgabe ist um die Bearbeitung der sogenannten Boila-Inschrift (= Anhang IV), eine Darstellung der Morphologie, einige Ergänzungen und Berichtigungen, sowie um ein ausführliches Inhaltsverzeichnis und einen Index erweitert worden.

 

Hamburg, den 7. Juni 1955 (= tekou-altem).                     Omeljan Pritsak

 

1. Die kurzen Inschriften in einem bisher allzuoft „entzifferten” Alphabet, so z. B. die Inschriften aus dem Goldschatz von Nagy-Szont-Müdos, habe ich — wie auch die Inschriften vom Typus der neuentdeckten Preslav-Inschrift — (die augenscheinlich nur Titel und Termini technici enthalten, die noch nicht alle mit Sicherheit identifiziert werden können) — nicht behandelt. Man muß abwarten, bis die weiteren Funde die richtige Deutung ermöglichen.

 

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