Die bulgarische Fürstenliste und die Sprache der Protobulgaren

Omeljan Pritsak

 

VIII. Chronologie der Protobulgaren:

   § 1: Datierungen der Liste; Standardliste eines Zwölftierzyklus. Unzulässigkeit einer solchen Datierung

   § 2: Die erweiterten Zyklen: 60er und 180er

   § 3: Die alt. Völker vermochten keine eigene Ära zu schaffen. Fremde Ären bei den alt. Völkern

   § 4: Herkunft des Zwöftierzyklus-Kalenders

   § 5: Jahresbeginn der Alttürken und Uiguren

   § 6: Die atü. Monatsnamen

   § 7: Beginn des atü. Jahres und Systeme der davon abhängigen Monatebezeichnungen bei den alt. Völkern

   § 8: Zwei Gesichtspunkte der alt. Monatsbezeichnungen und die Monatsliste Kašgarī ’s

   § 9: Die Bezeichnungen: uluγ ai und kičik ai

   § 10: Jahresbeginn im tü. Kalender Bīrūnī ’s

   § 11: Beginn des atü. Jahres

   § 12: Chronologie der Protobulgaren und Beginn ihres Jahres

   § 13: Hypothetische Liste der atü. und protobulg. Monatsbezeichnungen

   § 14: Wert der Untersuchungen über den protobulg. Kalender

 

   § 1: Datierungen der Liste; Standardliste eines Zwölftierzyklus. Unzulässigkeit einer solchen Datierung.

 

§ 1. Die bulg. Fürstenliste bedient sich bei den Datierungen — ähnlich wie die anderen protobulg. Denkmäler — des Zwölftierzyklns für die Jahre, und der Ordinalzahlwörter für die Monate.

 

In der „Standardliste” des Zwölftierzyklus kommen folgende Tiere als Jahresbezeichnungen vor [6]:

 

Maus (Ratte) — für das erste Jahr eines Zwölferzyklus,

Rind (Ochse, Kuh) — für das zweite Jahr,

 

 

6. S. Nachtrag S. 92.

 

 

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Tiger — für das dritte Jahr,

Hase — für das vierte Jahr,

Drache — für das fünfte Jahr,

Schlange —für das sechste Jahr,

Pferd — für das siebte Jahr,

Schaf — für das achte Jahr,

Affe — für das neunte Jahr,

Hahn (Henne) — für das zehnte Jahr,

Hund — für das elfte Jahr,

Schwein — für das zwölfte Jahr.

 

Die Datierung mit Hilfe dieser Form eines Zwölferzyklus ist sehr unzulänglich: Man kann nach diesem System nur ein Datum, das im Zeitraum von 12 Jahren liegt, mit der Genauigkeit von einem Jahr bestimmen. Wenn in einer Quelle das Datum nur nach dem Zwölftierzyktus angegeben ist und in keiner anderen Quelle Anhaltspunkte zu finden sind, die uns erlauben festzustellen, innerhalb von welchen 12 Jahren das betreffende Ereignis stattfand, ist ein solches Datum für chronologische Zwecke unbrauchbar.

 

 

   § 2: Die erweiterten Zyklen: 60er und 180er.

 

§ 2. Diesen Mangel versuchte man teilweise zu beseitigen, indem man — wie z. B. in China — die Zwölferzyklen zu größeren Einheiten verband. So erfand man die Kombination des Zwölferzyklus mit den sog. shih-kan (wörtl.: Zehnstämmen) zu einem Sechzigerzyklus [1], bzw. faßte man drei Sechzigerzyklen zusammen zu einem 180er Zyklus. Außerdem diente in China, zur weiteren Kontrolle die Datierung nach den Regierungsperioden der Kaiser (nien-hao).

 

Unsere Liste kennt zwar nur den Zwölftierzyklus (wie die alttürkischen Inschriften), die Angaben desselben werden aber durch die Nennung der Zahl der Regierungsjahre, und — wie ich zu behaupten wage — durch Angabe der Jahreszahl zwischen wichtigen Ereignissen aus der Geschichte der bulgarischen Dynastie, präzisiert.

 

 

   § 3: Die alt. Völker vermochten keine eigene Ära zu schaffen. Fremde Ären bei den alt. Völkern.

 

§ 3. Keines der altaischen Völker vermochte im Laufe der Geschichte eine eigene Ära zn schaffen (vgl. Kotwicz, in: RO, Bd. 4, 134). Dies i st einerseits darauf zurückzuführen, daß eine faste Zeitrechnung ein Produkt der städtischen Kultur ist, und setzt gewisse astronomische Kenntnisse voraus, die in der Steppe kaum vorhanden sein konnten. Andererseits ist eine Ära durch das Auftreten eines religiösen Reformators bedingt. Die altaischen Völker haben zwar hervorragende Feldherrn, Gründer von Weltreichen hervorgebracht, aber keine solche Propheten.

 

So finden wir bei den Türken die verschiedenen manichäischen Ären, die nestorianische (an sich die sog. Seleukidische) Ära, die islamische usw., bei den Mongolen die islamische, die tibetische usw., außerdem bei den Vertretern aller altaischen Zweige die chinesische Zeitrechnung.

 

Oft werden diese Ären mit dem Zwöltierzyklus (bzw. 60er Zyklus) kombiniert [2]. Da der Zwölftierzykhis bei den altaischen Völkern älter ist, als diese von ihnen in der historischen Zeit gebrauchten Ären, betrachteten die Türken und ihre

 

 

1. Der Sechzigerzyklus ist in China wohl nicht sehr alt (kaum vor der Han-Zeit). Die Chinesen beginnen ihre Zeitrechnimg mit dem Sechzigerzyklus teilweise von dem Jahre 2697, teilweise aber vom 2637; die Gründe hierfür sind nicht ersichtlich (vgl. Franke, GdChR, Bd. III, 68—69). Seit 1924 läuft der 77. (bzw. 78) Sechzigerzyklus; 1954, das 31. Jahr dieses Zyklus, hat am 3. Febr. begonnen. S. Nachtrag SS. 92—93.

 

2. So z. B.:

1. tngri mani burqan tngri yiri-ngärü barduqïnta kin biš yüz artuqï äki-i ot' uzunč layz-ïn yïl-γa 'im 522. Jahre des Schweines nach dem Hingang des göttlichen Mani Burqan in den Götterhimmel' (=795; A. v. Le Coq : Türkische Manichaica aus Chotscho I in: ABAW, 1911, 12);

2. üčünč oot qutluγ, buu küskü yïlqi. yztigird ilig sanï. üč yüz taq säkiz attmïš 'die Zeitrechnung nach der König-Yazdigird- [-Ära] für das Jahr der wu-Maus das zu dem 3. Element Feuer gehört, ist 358' (=990; G. R. Rachmati [Arat]: Türkische Turfan Texte VII, in: SBAW, 1936, 82;

3. 'ta'rïk̮ säkiz yüz qïrq üč yïlta, qoi yïl, muḥarram ainïng törti 'im Jahre 843 [= A.H] des Schafes, am 4. [Tage] des Monats M. (= 18. Juni 1439; Qutadγu Bilig (= QB, Herater-Hs., Facs.-Ausgabe, Istanbul 1942, 189);

4. tai-čing kuo kang-si, ygrmi altïnč, otčuq-taqï oot qutluγ, tavïšγan yïl, . . . onunč ai, yγrmi tört-i, qutluγ kün öz-ä 'im 26. Jahr der Regierungsperiode K'ang-hsi aus der T'ai-ch'ing-Dynastie im Jahre des gesegneten Hasen, das zu dem auf dem Herde befindlichen Element Feuer gehört, ... im 10. Monat, am 24. gesegneten Tage' (= 28. Nov. 1687; Suv I 18b, in: Bibl. Buddh., Bd. 17, S.-Pb. 1913, S. 34). Vgl. hierzu: Rachmati [Arat]: TTT VII, Anhang I, 79—83; ders. Türklerde tarih zabtı, in: Ikinci Türk Tarih Kongresi Istanbul . . . 1937, Kongrenin çalis̨malari, Kongreye sunular tebliğler, Istanbul 1943, 329—37.

 

 

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Nachbarn des 11.—15. Jh. den Zwölftierzyklus als den türkischen Kalender par excellence (vgl. z. B. Bīrūnī, Kāšg̍arī, Ibn Muhannaā, Uluγ bäg usw.).

 

 

   § 4: Herkunft des Zwöftierzyklus-Kalenders.

 

§ 4. Die Frage nach der Herkunft der Zwölftierzyklus ist noch immer offen. Immerhin scheint die Liste der Zyklustiere auf die südliche Herkunft desselben liinziiweisen. Deswegen wird man kaum die Meinung von Edouard Chavannes [1], Berthold Lauter [2] u. a. teilen können, die die Erfindung des Zwölftierzyklus den Türken (bzw. ihren Ahnen) zuschreiben möchten. Auch die chin. Herkunft des Zwölftierzyklus ist noch immer nicht nachgewiesen, obwohl Léopold de Saussere einige Anhaltspunkte für eine solche Annahme geltend machen konnte [3]. Sicher ist jedenfalls, daß die Chinesen den Zwölftierzyklus von altersher kannten [4]. Ob sie ihn auch für Datierungszwecke gebraucht hatten, ist unsicher. Die Patres P. Henri Havret und P. Chameau (Variétes Sinologiques, Nr. 52, Chang-hai 1920, 3) glaubten dies behaupten zu dürfen, und zwar bereits für das I Jh. n. Chr.

 

Auf jeden Fall war in China im 7.—8. Jh. der Gebrauch des Zwölftierzyklus zur Datierung unbekannt. Ein Zitat aus einem verlorengegangenen Werk aus dem 7. Jb. über die Westländer (Si-yü-ki; überliefert in einer der ältesten chin. Reichsgeographien (976—84), im T'ai-p'ing-huan-yü-ki, Kap. 113, S. 5) beweist, daß für die Chinesen des 7. Jh. der Gebrauch des Zwölftierzyklus zu Kalenderzwecken (also die Gleichsetzung der Tiersymbole mit den 12 Zykluszeichen) durch die (türkischen? oder: soghdischen?) Bewohner der Gegend zwischen Samarkand und Buchara, als Kuriosität anmutete. Eine solche chin. Auffassung ist auch im T'ang-shu (Kap. 127b, Po-na-Ausgabe, S. 11 r°) zu finden, bei der Darstellung des Kalenders der „echten” Kirgisen.

 

 

1. Le cycle turc des douze animaux, in: TP, Bd. 7 1906, 51—122, XVIII Taf.

 

2. Zur buddhistischen Literatur der Uiguren, in: TP, Bd. 8, 1907, 391-409; ders.: Der Cyklus der zwölf Tiere auf einem altturkestanischen Teppich, in: TP, Bd. 10, 1909, 71—73 (mit: Note additionelle par Ed. Chavannes, ebda. 73—75).

 

3. Les origines de l'astronomie chinoise. E. Le cycle des douze animaux. in: TP, Bd. II, 1910, 583—648  ders.: Le cycle des douze animaux et le symbolisme cosmologique des chinois, in: JA, 1920, 55—83.

 

4. Weiters Literatur (bzw. neue Materialien): Alfred Forke: Lun-Hêng. Part II, Appendix II The Cycle of the Twelve Animals, Berlin 1911, 479—89; Heinrich Lüders: Zur Geschichte des ostasiatischen Tierkreises, in: SBAW, 1933: 24, 998—1022; H. W. Bailey: Hvatanica (I), in: BSOS, Bd. 8:4, 1937, 923—30. Vgl. hierzu noch: Otto Franke : Geschichte des Chinesischen Reiches (= GdChR), Bd. 3, Berlin-Leipzig 1937, 69. Die neueste Monographie darüber stammt von Osman Turan : Oniki hayvanlı türk takvimi, Istanbul 1941, 139 S.

 

Vgl. die Besprechung dieser Arbeit von Annemarie von Gabain in: Der Islam, Bd. 30: I, 1952, 115—117. Die Verfasserin kommt zu folgenden Schluß: [„Der Zwölftierzykluß in China] ist vielleicht von Hunnen eingeführt worden, die im Jahre 48 n. Chr. in der Provinz Shên-si angesiedelt wurden... In Indien ist der Tierkreis ebenfalls gewiß nicht beheimatet. Vorderasiatische Astronomie ... hat ihn aber nicht geschaffen ... Nun liegt es nahe, die Heimat dieses Tierkreiskalenders in Zentralasien zu suchen.”

 

Weiteres zu dieser Frage s. Nachtrag, S. 92—93.

 

 

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Der Gebrauch dea Zwölftierzyklus bei den. T'u-küe-Türken ist wenigstens ab 584 bezeugt [1]. Darüber hinaus konnte P. Boodberg das Vorhandensein und den Gebrauch des Zwölftierkalenders für Kalenderzwecke bei den altaischen Völkern nicht nur in der ganzen ersten Hälfte des 6. Jh. feststellen, sondern machte glaubhaft, daß dieser Zyklus bereits bei den Hiung-nu im 3. Jh. n. Chr. existiert hat [2].

 

 

   § 5: Jahresbeginn der Alttürken und Uiguren.

 

§ 5. In bezug auf die Zwölftierzyklusjahresbezeichnungen haben wir eine gewisse Klarheit: Es unterliegt keinem Zweifel, daß ursprünglich (und in dem uns interessierenden Zeitraum: 7.—8. Jh.) in der ganzen eurasischen Steppe dieselbe Reihenfolge der Tiere obligatorisch, war, und daß ein bestimmtes Jahr in der ganzen Steppe nach demselben Tier benannt wurde [3], auch wenn man sich neben dem Zwölftierzyklus noch der Ära der Nachbarn bediente.

 

 

1. Sui-shu, Kap. 84, Poh-na-Ausgabe, S. 6 r°—6 v°. Die letzte Untersuchung darüber: Paul Pulliot: Le plus ancien exemple du cycle des douze animaux chez les Turcs, in: TP, Bd. 26, 1929, 204—12.

 

2. On the use of the Animal Cycle among „Turco-Mongols”, in: HJAS, Bd. 3, 1938, 243-53.

 

3. In einigen neueren Sprachen sind kleine Abweichungen zu finden; sie sind aber sekundärer Art. 80 beginnen z. B. die tu. Teleuten am Fluß Čuja (L. P. Potapov und K. H. Menges: Materialien zur Volkskunde der Türkvölker des Altai (= Pot-Meng), in: MSOS, Jahrgang 37, 1. Abt. Berlin 1934, 81) ihre Zwölftierzyklusjähre mit dem Hasen (also mit dem Tiernamen für das vierte Jahr des Standardzyklus); dabei wird — mit kleinen Ausnahmen — die Reihenfolge der Tiere des Standardzyklus beibehalten. Hier ist aber mit der Übertragung der kalmückischen Monatsbezeichnungen auf die teleutischen Zwölftierzyklusjahre zu rechnen. So entspricht die tel. Bezeichnung für das erste Jahr eines Zwölftierzyklus qoyon yïl ('Hasenjahr') der kalm. Bezeichnung für 'Januar' tul sar (*'Hasenmonat'; die kalm. Wörter zitiere ich nach G. J. Ramstedt: Kalmückisches Wörterbuch, Helsinki 1935); vgl. weiter: tel. ulu yïl 'zweites Jahr, d. i. Drachen jähr' = kalm. lū sar 'Drachenmonat' (='zweiter M.'); tel. yïlan yïl 'drittes Jahr, Schlangenjahr' = kalm. mov sar 'dritter M., Schlangenmonat'; tel. at yïl 'viertes J., Pferdejahr' = kalm. mörn̥ sar 'viertes J., Pferdejahr' usw. Die Jahre 7.—10. des tel. Zyklus kongruieren mit den kalm. Monatsnamen nicht, da das Huhnjahr auch im neuen tel. Zyklus das 10. Zyklusjahr blieb. Somit mußte nach dem tel. Affenjahr (sechstes Jahr), das dem 9. Jahr des 'Standardzyklus' entspricht, als das 7. Jahr des tel. Zyklus das Huhnjahr folgen (elftes Jahr des Standardzyklus).

 

Die mo. Šera Yogur beginnen ihre Zwölftierzyklusjahre mit dem Tigerjahr (drittes Jahr des Standardzyklus; s. W. Kotwicz: La langue mongols, parlee par les Ouigours Jaunes ..., in: RO, Bd. 16, Krakow 1953, 435; also: bars 'erstes Jahr, Tigerjahr', t'olei 'zweites Jahr, Hasenjahr', ułu 'drittes Jahr, Drachen jähr', usw.) und die Ordos-Mongolen bezeichnen auf diese Weise ihre Monate (P. Antoine Mostaert : Dictionnaire Ordos, Bd. l—3, Peking 1941—44, s.v.; so z.B.: bar sara 'Januar', an sich: 'Tigermonat', ш'kxer s. 'Februar' ('Rindmonat'), lu s. 'März' ('Drachenmonat'), usw. In den beiden letztgenannten Fällen haben wir es wohl mit chin. Einfluß zu tun: dem chin. System der Verteilung der Zyklustiere auf die Himmelgegenden, die mit dem Osten (Tiger, Hase, Drache) beginnt (E. Chavannes, in: TP, Bd. 7, 1906, 95; H. Lüders, in: SBAW. 1933, 12) und dem chin. Brauch, nach dem das Ziviljahr im 3. astronom. Monat beginnt (vjl. hierzu Kotwtcz, in: RO, Bd. 4, 192, 130—31).

 

Auch findet man in den neueren Dialekten bei den Tiernainen des Zwölftierzyklus einige Abweichungen sekundärer Art, so z. B. bei den tu. Chakasen: das dritte Jahr heißt dort tülgü čïlï 'Fuchsjahr' (und nicht 'Tigerjähr'), 5. Jahr — kiläskı̌ č. 'Eidechsenjahr' (und nicht: 'Drachenjahr'), 9. Jahr — ̌̌ č. 'Menschen jähr' (und nicht: 'Affenjahr'), 10. Jahr — turna č. 'Kranichjähr' (und nicht 'Hundejahr'), 12. Jahr — öskı̌ č. 'Ziegenjahr' (und nicht: 'Schweinejähr' (N. A. Baskakov und A. I. Inkižekova: Chakassko-russkij slovar', Moskau 1963, 484 [= ChakWb.]. Vgl. hierzu noch Nachtrag S. 93.

 

 

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Anders ist es, wenn wir die Frage stellen, wo z. B. im 7.—8. Jh. der Jahresbeginn gelegen hut und wie die damalige Reihenfolge der alttürkischen oder proto-bulgarischen Monate gewesen ist. Hier lassen sich nur Vermutungen aufstellen.

 

Aus den chin. Quollen wissen wir, daß im 6. Jahr uer Regierungsperiode K'ai-huang (586) der damalige Qagan der T'u-küe Sha-po-lioh von den Chinesen einen Kalender bekommen hat [1]. Leider wird nichts Näheres über die Beschaffenheit dieses Kalenders berichtet.

 

Es scheint aber, daß der Gesandte des Sung-Kaisers T'ai-tsung zum „Arslan”, König der Kao-ch'ang-Uiguren WANG YEN-TÊ, eben diesen Kalender meinte, wenn er in seinem Bericht (aus den Jahren 981—84) vermerkt, daß die Uiguren dem chinesischen Kalender folgten [2].

 

 

1. Genauer: am Kêng-wu-Tag des 1. Monats (= 12. Febr. 586; Sui-shu, Kap. l, Po-na-pên, S. 22 r°; vgl. auch. T'ung-chien kang-mu, Kap. 36, S. 9).

 

2. Nach dem Bericht des Wang Yen-tê bedienten sich die Uiguren eines chinesischen Kalenders, dessen Datum man noch immer nicht bestimmen kann. Ma Tujan-lin (Wên hien t'ung k'ao, Kap. 336, 21 r°) und Sung-shih (Kap. 490, Po-na pên, S. 10 v°, vgl. noch ed. Chavannes und P. Pelliot, in: JA, 1913, 309, Amn. 1) haben hier „das 7. Jahr der Periode K'ai-yüan” (=719). Stanislas Julien, dagegen, der seine Übersetzung nach Ma Tuan-lin (welche Ausgabe?) verfertigte, hat hier „la septième année de la periode Khai-hoang (en 587)” (in: JA, 1347, Bd. 9, 57).

 

Nach diesem Kalender soll bei den Uiguren das Fest Han-shih ('Das Fest des Kaltessens'; am 106. Tag nach Wintersonnenwende, vgl. z. B. W. Ebenhard, Lokalkulturen im Alten China, I, Leiden 1942, 36) am 9. Tage des 3. Monats stattgefunden haben. Wenn hier das Jahr 982 gemeint ist, so betrüg der Unterschied zwischen diesem uigurischen Kalender und dem zu jener Zeit in China gebräuchlichen, 2 Tage; das genannte Fest hatte nämlich in China i. J. 982 am 5. April stattfinden müssen. Falls hier aber das Jahr 983 zu setzen wäre, würde der Unterschied 21 Tage (24. April) betragen.

 

Ohne spezielle astronomische Untersuchung ist es kaum möglich zu entscheiden, ob im Text des Berichtes von Wang Yen-tê das Jahr 719, oder 587 (vielleicht das 6. Jahr der Periode K'ai-huang: 586?) gemeint ist. Wie Chavannes und Pelliot schreiben (ebda.), „... il n'y a pas eu de réforme spéciale du calendrier chinois en 719 ..., et on ne voit pas de raison astronomique pour que le calendrier de cette année-là se soit maintenu”.

 

Kotwicz's Erklärungaversuch für das Jahr 719 (Ankunft des Großen Mwžk der Manichäer nach China) ist nicht überzeugend (in: RO, Bd. 4, 143—44). Die bekannte Kalenderreform fand erst i. J. 721 statt. Auch haben wir in den chin. Quellen keine Anhaltspunkte, daß außer i. J. 586 ein tü. Volk von China den Kalender erhalten hat. Vielleicht übernahmen die Uiguren den Kalender aus dem Jahre 586 (6. Jahr der Periode K'ai-huang); entsprach doch auch der Kalender der Kirgisen dem der Uiguren (vgl. T'ai-p'ing-huan-yü-ki, Kap. 199, S. 13).

 

Meinem Kollegen Dr. Tilemann Grimm (Hamburg) gebührt der Dank für seine Hilfe bei der Bearbeitung der Probleme dieser Anmerkung, die hier nur gestreift sind.

 

 

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Über den uigurischen Kalender sind wir schon wesentlich besser orientiert, vor allem dank der Quellen der mongolischen Periode und dem astronom. Werk des Uluγ Bäg. Außerdem haben die Mongolen den uig. Kalender im J. 1210 übernommen; bis zum J. 1260 war er im ganzen Imperium obligatorisch. Im J. 1267 baben die Mongolen im Osten (vor allem in China) den chin. Kalender eingeführt, so daß der uig. Kalender nur im Westen des ehem. Weltreiches der Mongolen (Mittelasien, das Reich der Goldenen Horde, das Reich der Ilchane in Persien), in Gebrauch blieb [1].

 

Der uig. Kalender basierte auf Lunisolarjahren, d. h. auf Jahren von 12 Mondmonaten (aus 30 und 29 Tagen; also von 354 oder 355 Tagen), die durch nach bestimmter Ordnung eingefügte Schaltmonate (šün ai < chin. shun; siebenmal im Laufe von 19 Jahren) mit dem Sonnenjahr ausgeglichen wurden. Nach diesem Kalender ist der erste Monat des Jahres — ähnlich wie in China — derjenige gewesen, in dessen Verlauf die Sonne in das Zeichen der Fische getreten war; also lag sein Beginn zwischen dem 21. Januar und dem 20. Februar. Der Hauptunterschied zwischen dem uig. und chin. Kalender bestand wohl in dem Zeitpunkt der Einsetzung der Schaltmonate [2].

 

Man nimmt gewöhnlich an, daß der Kalender der alten Türken (T'u-küe) nach 586 ebenso aufgebaut gewesen ist, d. h. daß auch, die alten Türken sich ungefähr desselben Systems zur Bestimmung des Jahresbeginns bedient haben [3].

 

 

   § 6: Die atü. Monatsnamen.

 

§ 6. In den alttürkischen Inschriften (Ongin-Inschrift, Kül-Tigin-I., Bilgä-Qaγan-I., Tonyuquq-I.; Šine-usu-I.) sind folgende Monatsnamen überliefert worden:

 

 

ikinti ai, wörtlich: 'zweiter Monat',
törtünč ai, wörtlich: 'vierter Monat',
bäsinč ai, wörtlich:  'fünfter Monat',
yitinč ai, wörtlich: 'siebter Monat',
säkizinč ai, wörtlich: 'achter Monat',
toquzunč ai, wörtlich: 'neunter Monat',
onunč ai, wörtlich: 'zehnter Monat',
bir yigirminč ai, wörtlich: 'elfter Monat'.

 

 

Leider fehlen hier die Namen der Monate, die mit den Ordinalzahlen 1., 6., 12. und 3. benannt waren.

 

Alle diese Monatsnamen sind Ordinalzahlwörter, wie auch die protobulg. Monatanamen; die mongolischen und mandschurischen Monatsnamen sind dagegen Kardinalzahlwörter.

 

Diese abstrakte Bezeichnungsweise für die Monate konnte nur in der Stadt entstellen. Sie kann weder türkisch, noch altaisch. überhaupt gewesen sein, sie ist sicher aus China entlehnt worden.

 

Auch haben sich diese Monatsnamen bei den türkischen Völkern (ähnlich wie bei den Kalmücken, Burjaten und Nord-Tungusen) nicht durchgesetzt. Außer bei

 

 

1. Kotwicz, in: RO, Bd. 4, 139—140.

 

2. Näheres darüber s. Kotwicz, RO, Bd. 4, 140—48 und Turan (s. S. 26, Anm. 4) S. 24-37.

 

3. So z. B. Vilhelm Thomsen: Alttürkische Inschriften aus der Mongolei, dt. Übers, v. H. H. Schaeder, in: ZDMG, Bd. 78, 1924, 132—34 und Martin Plessner: Ta'rik̠h̠, in: EI, Erg. Band, 1938. 249.

 

 

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den Jakuten [1] sind sie in größerem Umfang nur bei den Kirgisen (s. S. 31) anzutreffen.

 

 

   § 7: Beginn des atü. Jahres und Systeme der davon abhängigen Monatebezeichnungen bei den alt. Völkern

 

§ 7. Wir haben zwei Ereignisse aud der Geschichte der T'u-küe, die sowohl nach alttürkischer (Orchon-Inschriften), als auch nach chin. Weise datiert sind: die Todesfeier für Kül Tigin, bzw. die Anbringung der chin. Inschrift auf seinem Denkmal (731) und der Tod des Bilgä-Qaγan (734). Das erste Ereignis fand nach dem atü. Datum (INO) im 9., nach dem chin. aber im 7. Monat statt [2]. Für das zweite hat die atü. Quelle (II S 10) den 10. und die chin. den 8. Monat [3].

 

Da — nach den Ausführungen im § 5 — doch nicht anzunehmen ist, daß der atü. Kalender des 8. Jh. (also nach ler Reform von 586/87) zwei Monate früher als der chin. angefangen hat, müssen wir damit rechnen, daß die Türken des 8. Jh. ihre Monate nach einer Tradition aus der Zeit vor 536 bezeichneten, die von der des chin. (Zivil-) Kalenders abwich. Vor 586 war wohl die Wintersonnenwende der Beginn des atü. Jahres und der des ersten Monats (vgl. auch Kotwicz, in: RO, Bd. 4, 145).

 

Es finden sich hierzu Parallelen aud der späteren Zeit. So heißt z. B. in der Liste der tü. Monate bei Bīrūnī [4] (aus dem J. 1030), dem ältesten uns erhaltenen Denkmal mit tü. Monatsnamen (nach den alttürkischen Inschriften), der dritte Monat birinč ai (wörtlich: 'erster Monat'). Die übrigen Monatsnamen 4.—12. sind ebenso Ordinalzahl Wörter, aber ihre ungewöhnliche Reihenfolge zeigt, daß es sich hier um Kreuzungen von verschiedenen Systemen handelt. Zunächst kommen die Monate 'vierter' *yätinč ai (wörtl. 'siebter M.'), 'fünfter' *altïnč ai (wörtl.: 'sechster M.') und 'sechster' bäšinč ai (wörtl. 'fünfter M.');

 

 

1. Jakutsk-Gebiet für die Monate 1.—4. (neben den Bezeichnungen aus dem Volkskalender): bïrinyi 'erster Monat, ikkinyi 'zweiter M.', üsünyü 'dritter M.', tördünyü 'vierter M.'; Jakutsk-Gebiet ind Viljujsk-Gebiet: für die Monate 5.—10.: besınyi 'fünftur M.', alïnyï 'sechster M.', setinyi 'siebter M.', aγsïnyï 'achter M.', toγsunyu 'neunter M.', olunyu '10. Monat'. Es handelt sich hier um alte Ordinalia, die heute nicht mehr gebräuchlich sind. Ich zitiere nach dem großen Wörterbuch von Edward Piekarski (tü. Übersetzung, Bd. I, Istanbul 1946, 428a und s. v.).

 

2. E.-H. Parker: L'inscription chinoise du monument I: The Deceased Köl Tegin's Tablet, in: Vilh. Thomsen: Inscriptions de L'Orkhon, Helsinki 1896, 216—16.

 

3. Ich folge hier — wie auch V. Thomsen (Inscr. de L'Orkhon, 1896, 79, Anm. 1) und J. Markwart (Chron., 29) — dem Datum, welches Pater A. Gaubil anführt (Abrégé de l'histoire chinoise de la grande dynastie Tang, in: Mémoires concernant l'histoire ... des Chinois, Bd. 16, Paris 1814, 26). Ein anderes Datum (12. Monat) ist im T'ang hui yao, Kap. 94, 15 v°, Ts'ê fu yuan kuei, Kap. 975, 15 u. a., zu finden. Vgl. darüber Friedrich Hirth: Nachworte zur Inschrift des Tonjukuk, in: W. Radloff, Die Alttürkischen Inschriften, Zweite Folge, S.Pb. 1899, 123—24, und O. Franke, GdChR, Bd. 3, 391.

 

4. Chronologie orientalischer Völker, hrsg. v. Eduard Sachau, Leipzig, 1878, 71. Vgl. noch die pers. Übersetzung von Akbajr Dānā Säräḫt, Teheran 1321 (1943), 99 und einige Verbesserungsvorschlage von A. Zeki Velidî Togan an Hand der Varianten der Istanbuler Handschriften (Umumî türk tarihine giriş, Bd. l, Istanbul 1940, 420—21, Anm. 105.) — Es ist schade, daß Bīrūnī, obwohl ein Choresmier, zugeben mußte, daß er keine genauen Angaben über die Dauer, Bedeutung und Beschaffenheit dieser tü. Monate geben kann. Immerhin wird man kaum Markwart folgen dürfen, der die Reihenfolge der Monate der Liste entsprechend den Zahlwerten festsetzen zu dürfen glaubte, da nach ihm dieselbe „in Unordnung geraten war” (Chron., 29—30). Solche Willkürlichkeit ist im Werke dieses größten islamischen Gelehrten doch nicht anzunehmen.

 

 

31

 

darauf folgen: 'siebter' säksinč ai (wörtl.: 'achter M.'), ''achter' toqsunč ai (wörtl.: 'neunter M.') und 'neunter' onunč ai (wörtl.: 'zehnter M.'). Die Reihe der Monatsnamen schließen: 'zennter' törtünč ai (wörtl.: 'vierter M.'), *βüčünč ai (wörtl.: 'dritter M.') und 'zwölfter' *yäkinč ai (wörtl.:  'zweiter M.').

 

Weitere Beispiele:

 

Die Baraba-Türken nannten noch im 19. Jh. gerade ihren zwölften Monat birnı̌ ayï (wörtlich: 'erster Monat'). Ein besonderes System dei Monatsbezeichnungen findet man bei den Kirgisen des 19. Jh. (Wb. I, 8). Die ersten 5 Monate wurden dort mit den Zahlwörtern benannt, die übrigen (6.—12.) nach dem Volkskalender (so z. B. hieß der sechste Monat ǯalγan quran 'falscher Quran' (Tiername); der siebte: čïn quran 'echter Q.'); der achte: buγu ai 'Hirschmonat'; der neunte: tekä ai 'Widdermonat' usw.). Die mit den Zahlwörtern benannten Monate fangen mit der Zahl 'neun' an: toγustŭ ayï (wörtlich: 'neunter Monat') 'erster Monat'. Dann wird rückwärts gerechnet und dabei eine Zahl ausgelassen, was darauf hinweist, daß es sich liier ursprünglich um die Bezeichnungen für Halbmonate (chin. Einfluß!) gehandelt hat: yätinı̌ ayï 'zweiter Monat' (wörtl. 'siebter Monat', bešti ayï 'dritter Monat' (wörtl. 'fünfter Monat'), üštü ayï 'zweiter M.' (wörtl. 'dritter M.'), birdı̌ ayï 'fünfter M.' (wörtl. 'erster M.'). Auch die Monatsnamen der Ordos-Mongolen sind ungewöhnlich [1]. Die Monate 2.—7. werden nach den Zahlen benannt; aUerdings heißt der 'zweite Monat' t`aw sara (wörtl. 'fünfter M.'), dritter Monat — DZrāā sara (wörtl. 'sechster M.'), vierter Monat Dolōō s. (wörtl.: 'siebter M.') usw. Vgl. noch S. 27, Anm. 3.

 

 

   § 8: Zwei Gesichtspunkte der alt. Monatsbezeichnungen und die Monatsliste Kašgarī ’s.

 

§ 8. Die Monatsliste Bīrūnī's (1030) besteht neben den Ordinalzahlwörtern 1.—10. (s. § 7) ans zwei Bezeichnungen, die keine Ordinalia sind, nämlich für die beiden ersten Monate, also :

 

erster Monat: uluγ ai (wörtl. 'großer M.'),

zweiter Monat: kičik ai (wörtl. 'kleiner M.'),

dritter Monat: birinč ai (wörtl. 'erster M.') [2].

 

Woher kommen die Bezeichnungen uluγ ai und kičik ai ?

 

Bei den Türken — und auch bei den anderen altaischen Völkern — waren die Monate ursprünglich hauptsächlich, nach zwei Gesichtspunkten benannt (Volkskalender !): 1. nach gewissen Naturerscheinungen (Frost, üppige Vegetation,

 

 

1. Die Ordos-Formen zitiere ich nach dem Wörterbuch von P. Mostaert.

 

2. Die Liste der uig. Monate, die wir aus den uig. Jurist. Dokumenten des 13.—14. Jh. (und später), sowie aus dem Werke des Astronomen auf dem Thron, Uluγ Bäg (*1394, †1449; Epochae celebriores Chataiorum . . . ex traditione Ulug Beigi, hrsg. v. Joh. Gravius, London 1650, 87) kennen, sah etwas anders aus : Die Monate 2—11 werden ganz regelmäßig nach den entsprechenden Ordinalia benannt: ikinti ai 'zweiter Monat', üčünč ai '3. M.', törtünč ai '4. M.', bäšinč ai '5. M.', . . . onunč ai '10 M.', bir yigirminč ai (Oberstufenzählnug!) '11. M.' Der erste und der letzte Monat wurden mit Fremdwörtern aus der religiösen Sphäre (indischer Herkunft) benannt : aram (~ram) ai (an sich: 'Blumenmonat',vgl. S. E. Malov: Pamjatniki drevnetjurkskoj pismennosti, Moskau-Leningrad 1961, 359a) 'erster Monat' und čaqšapat ~ čaxšapat ~ čaxšaput (< man. soghd. čixšāpaδ < sanskr. śikṣāpada 'Vorschrift, Grebote') 'zwölfter Monat'.

 

 

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Wärme usw.) und ökonomisch wichtigen Vorgängen (Viehzucht, Jagd. Ackerbau usw.); 2. nach den Jahreszeiten [1].

 

Man könnte hier noch einen dritten Gesichtspunkt nennen, den religiösen; In. historischer Zeit haben wir hier aber nur mit fremdem Kulturgut zu tun [2].

 

Kāšġarī schreibt in seinem in den Jahren. 1072—78 verfaßten tü.-arab. Wörterbuch hierzu folgendes: „Ebenso [wie mit den Namen der Wochentage] verhält es sich mit den Monatsnamen. In den Städten werden sie arabisch benannt. Die Nomaden aber und die Unwissenden von den Heiden benennen sie nach den vier Jahreszeiten; alle drei Monate [jeder Jahreszeit] haben besondere Namen. Dadurch wird der Ablauf des Jahres bezeichnet. So wird z. B. der Anfang des Frühjahrs, nach dem Neujahrsfest oγlaq ai genannt, d. h. 'Lämmermonat'. Der Nachfolgende [Monat] uluγ oγlaq ai, d. h. 'Monat des großen Lamms', derm dieses wächst im zweiten Monat groß. Darauf folgt uluγ ai, d. i. 'großer Monat', denn er bildet den Nabel [d. h. die Mitte] des Sommers; die Milch ist reichlich vorhanden und jede Art Wohlstand an Vieh und Boden kommt zum

 

 

1. Eine allgemeine Untersuchung über die Monatsnamen der alt. Völker und ihrer Nachbarn stammt von Anton Schieffner: Das dreizehnmonatliche Jahr und die Monatsnamen der sibirischen Völker, in: BAS, S.Pb. 1857, Nr. 12—14 (= Mélanges Russes, Bd. 3, 307—42). Die Probleme der tü. Monatsnamen behandelt die schöne Monographie von Tadeusz Kowalski: Zu den türkischen Monatsnamen, in: AO, Bd. 2, Prag 1930, 3—26, 2 Taf. Als Materialsammlungen sind zu nennen: Wb. I, 6—8; M. Alexander Castrén: Versuch einer koibalischen und karagassischen Sprachlehre, S.Pb., 1857, 150—51; G. Raquette: Eastern Turki Grammar (in: MSOS, Jhrg. 15, 1912), Lesson XXVIII: Chronology, 69—73; Pot.-Meng., sowie Wörterbücher, wie Ašmarins für das Čuv., Piekarskis für das Jak., K. K. Judachins für das Kirg. (Kirgizsko-russkij slovar', Moskau 1940) und Baskakovs für das Chakassische.

 

Die Fragen der mo. Monatsnamen sind von W. Kotwicz im Rahmen seiner ausgezeichneten Untersuchung über die mo. Chronologie (O chronologji mongolskiej, in: RO, Bd. 2, 1926, 220—39; Bd. 4, 1928, 108—66) behandelt worden. Materialien aus dem Gebiet der Monatsnamen sind in den großen Wörterbüchern, wie z. B. Ramstedts Kalm. Wb., P. Mostaerts Ordos Wb. und Monguor Wb. (Dictionnaire monguor-français par A. de Smedt et A. Mostaert, Pei-p'ing 1933), sowie in den Grammatiken, wie z. B.: M. A. Castrén: Versuch einer burjätischen Sprachlehre, S.Pb. 1857, 204, zu finden.

 

Zu den tu. Monatsnamen з. die Arbeiten Wilhelm Grubes: Die Sprache und Schrift der Jučen, Leipzig 1896; ders.: Goldisch-deutsches Wörterverzeichnis, S.Pb. 1900, sowie die Wörterbücher von Hans Conon von der Gabelenz und E. Hauer (ma.), S. M. Shirokogoroff (nord-tu.), G. M. Vasilevič (evenki), V. J. Levin und V. I. Cincius — L. D. Rišes (1902) (even.), usw.

 

2. So z. B. (tü. Monatsnamen): CC. safar 'Januar* < islam.-arab. ; osm. Anat. t`omuẓ 'Juli' < vorderasiat. temmuz; kzk. nauruz 'Februar' > npers. > čuv. narə̂s ujə̂̂  'Februar'. Vgl. hierzu noch S. 31, Anm. 2.

 

Es sind hier noch die npers. Zodiak-Zeichen als Monatsbezeichnungen des Sonnenjahres bei verschied. muslim. tü. Völkern (z. B. bašk., turki. usw.) zu erwähnen, sowie der Gebrauch, der Zwölftierzykluzsbezeichnungen als Monatsnamen bei den Mongolen seit ca. dem 17. Jh. (die ersten Belege bei N. Witsen und P. S. Pallas; vgl. Kotwicz, in: RO, Bd. 2, 227; Bd. 4, 125, 130-31), vor allem im astrolog. Kalender. Vgl. noch S. 27, Anm. 3.

 

 

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Vorschein. Ebenso verhält es sich auch mit den übrigen [Monatsnamen]. Ich nenne sie aber nicht, weil sie selten gebraucht werden. So wisse es! [1]

 

Es ist sehr schade, daß dieser ausgezeichnete Turkologe des 11. Jh. den türkischen Monatsbezeichnungen so wenig Interesse und so viel Verachtung entgegenbrachte!

 

Übrigens ist die Bezeichnungsweise der Monate nach den Jahreszeiten bereits für die „echten” Kirgisen im Tang-shu (Kap. 217 b, Po-na, 11 r°) belegt. Es heißt dort: Bei den Kirgisen „nannte man den Jahresanfang mau-shi-ai; drei ai [= gtü. ai 'Monat'] bildeten eine Periode”. Es handelt sich hier also um eine Rechnung nach Jahreszeiten.

 

 

   § 9: Die Bezeichnungen: uluγ ai und kičik ai.

 

§ 9. Die Bezeichnungen uluγ ai und kičik ai in der Liste Bīrūnī's können unmöglich 'großer Monat' und 'kleiner Monat' bedeutet haben. Waren doch schließlich auch die übrigen Monate entweder 'groß' (30 Tage) oder 'klein' (29 Tage).

 

Die beiden letzten Wintermonate heißen bei vielen türkischen Völkern, die noch den tü. Volkskalender gebrauchen 'Monat des großen' und 'Monat des kleinen Frostes' (bzw. umgekehrt!), oder elliptisch: 'großer Monat' und 'kleiner Monat', so z. B. sag. Pot-Meng 80 uluḡ qïrlas ai 'Monat des großen Frostes', kičik qïrlas ai 'M. d. kleinen Frostes'; belt. Pr. IX, 378, Pot-Meng 81 ̌čı̌ḡ qïrlas 'kleiner Frost', uluγ qïrlas 'großer Frost'; küär. Wb. I, 7 kiʒig suaq 'kleine Kälte', uluγ suaq 'große Kälte'; sarïγ šor, qara šor. Pot-Meng 79 kičö qïrlaš ai 'M. d. kleinen Frostes', ulu qïrlaš ai 'M. d. großen F.'; šsor. Wb. I, 7 uluγ ai 'großer Monat', kičig ai 'kleiner M.'; tel. Pot-Meng 79 uluγ souq ai 'großer Kälte-M.', küčüḡ souq ai 'kleiner Kälte-М.'. Vgl. noch čuv. ̂n kə̂rlaDŽə̂ 'großer Frost' (= Januar).

 

 

   § 10: Jahresbeginn im tü. Kalender Bīrūnī ’s.

 

§ 10. Auf Grund dieser Tatsachen ist anzunehmen, daß die Monatsliste Bīrūnī's den alten tü. Traditionen entsprechend, mit-den beiden Wintermonaten ansetzte, obwohl sie jetzt damit nicht mehr die beiden letzten Wintermonate, sondern die beiden ersten Frühlingsmonate zu bezeichnen hatte. Eine solche Übertragung finden wir auch in anderen Fällen, so z. B. entsprechen im Codex Cumanicus die Monate, die die Namen der drei Herbstmonate tragen, unseren drei Sommermonaten: cux ay (= küz ai) 'Junius', orta cux ay 'Julius', son chitx ay (= so küz ai) 'Aug.'.

 

Somit bekam der dritte türkische Monat in der Liste Bīrūnī's, der ungefähr dem dritten chin. Monat entsprach, die Bezeichnung birinč ai (wörtl. 'erster Monat'), da er die Bezeichnungsweise der Monate mit den Ordinalia eröffnete.

 

 

   § 11: Beginn des atü. Jahres.

 

§ 11. Diese Überlegungen (vgl. vor allem § 7) erlauben uns, die Vermutung aüszusprechen, daß die T'u-küe-Türken nach 586 ihre bisherige Zählweise der Monate beibehalten haben, and nur der neue Jahresanfang um zwei Monate verscloben wurde. Also hieß jetzt der erste Monat der neuen Zeitrechnung, der ungefähr dem ersten chin. Monat (und dem bisherigen atü. dritten Monat) entsprach, 'dritter Monat'. Dementsprechend hießen die Monate Elfter und Zwölfter der neuen Zeitrechnung 'erster Monat' und 'zweiter M.'.

 

 

   § 12: Chronologie der Protobulgaren und Beginn ihres Jahres.

 

§ 12. Zwei Daten können nna einen gewissen Anhaltspunkt für die Fragen der protobulg. Chronologie vermitteln:

 

1. Das Datum der Gründung von Preslav, angegeben sowohl nach dem protobulg. Kalender (Rindjahr, erster Monat), als auch nach der byzant. Jahresbezeich-

 

 

1. Phototyp. Ausgabe von Besim Atalay (Ankara 1941), 175. Vgl. hierzu Pritsak: Mahmud Kâşgarî kimdir?, in: Türkiyat Mecmuasi (= TM), Bd. 10, Istanbul 1953, 243-46.

 

 

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nung (15. Indiktion = 1. 9. 821—31. 10. 822); daraus ergibt sich, daß es sich bei diesem protobulg. Datum um das Rindjahr 821/22 handelt.

 

2. Das Datum der Taufe des bulg. Fürsten Boris-Michael. Nach dem protobulg. Kalender fand dieses Ereignis im 5. Monat des Hundejahres statt; es muß hier das Hundejahr 866/67 gemeint sein, da — nach Anastasius Bibliothecarius — die Gesandten des neugetauften bulg. Fürsten bereits im Augast 866 nach Rom kamen (s. K. Jireček, in: AfSlPh, Bd. 35, 552).

 

Da das erste Ereignis nicht vor dem 1. September 821 stattfinden konnte, und das Rindjahr 821/22 in der ganzen eurasischen Steppe doch spätestens am 20. Februar begonnen haben mußte (in China begann dies Jahr am. 6. Febr. [1]), kann die Bezeichnung 'erster Monat' nicht als 'erster Monat des Rindjahres 821' gedeutet werden. Man muß eher damit rechnen, daß diese Bezeichnung 'erster Monat' bei den Protobulgaren — ähnlich wie wir es für die T'u-küe annahmen — für einen späteren Monat, und zwar den elften stand. Das heißt, daß man den elften Monat (wörtl. 'den ersten M.') des Rindjahres 821/22 wohl ungefähr für den Dezember 821 zu halten hat.

 

Die Taufe der Bulgaren (5. Monat = 3. M.) wäre demgemäß mit ca. April— Mai 866 zu datieren (das Jahr 866 hat in China am 27. Jan. begonnen).

 

 

   § 13: Hypothetische Liste der atü. und protobulg. Monatsbezeichnungen.

 

§ 13. Somit dürfen wir hypothetisch folgende Liste der alttürkischen und protobulgarischen Monatsbezeichnungen aufstellen:

 

Monat atü Bezeichnung protobulg. Bezeichnung wörtlich

erster

___ вѣчемь dritter
zweiter törtünč тоутомъ vierter
dritter bišinč бехти fünfter
vierter ___ алzтомъ sechster
fünfter yitinč читемь siebter
sechster säkizinč шехтемь achter
siebter toquzunč твиримь neunter
achter onunč ___ zehnter
neunter bir yigirminč ___ elfter
zehnter ___ ___ zwölfter
elfter ___ алемь erster
zwölfter ikinti ___ zweiter

 

 

   § 14: Wert der Untersuchungen über den protobulg. Kalender.

 

§ 14. Solange wir kein weiteres Quellenmaterial zur Chronologie der T'u-küe und der Protobulgaren besitzen, das durch andere uns vertraute Datierungen erläutert ist, müssen wir wohl bei Vermutungen allgemeinen Charakters — wie den hier angeführten — verbleiben. Die genauen Daten (bis auf den Tag!), die z. B. Zlatarski (IstBulg, 354—78), Fehér (Namensliste, 262—78) u. a. — mit viel Scharfsinn und mit noch viel mehr Fleiß und Energie errechnet haben, mögen sie noch so bestechend sein, haben — es muß leider gesagt werden — keine Beweiskraft.

 

Hoffentlich ist es P. Boodberg gelungen, in seiner von Menges angekündigten Arbeit über den Kalender der Protobulgaren zu sichereren als die vorliegenden Ergebnissen zu gelangen!

 

 

1. Die chin. Datieningen — hier und sonst in dieser Arbeit — sind nach dem Tafelwerk: Ȇrh-shih ehih shuo-jun piao-li, Peking 1925, angegeben. Meinem Kollegen Dr. T. Grimm verdanke ich die Erschließung dieses Nachschlagewerkes.

 

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