Die bulgarische Fürstenliste und die Sprache der Protobulgaren

Omeljan Pritsak

 

VII. Die Hypothesen von Zlatarski und G. Fehér über eine besondere Ära der Protobulgaren

 

 

Der Umstand, daß die Untersuchungen Mikkolas noch nicht die Lösung aller chronologischen Probleme mit sich brachten, veranlaßte Zlatarski, auf seine Idee einer besonderen bulgarischen Zeitrechnung zurückzukommen und sie mit neunen Beweisen zu stützen. Er konnte sich jetzt auch der von Mikkola erzielten sprachlichen Deutungen bedienen.

 

Nach dieser neuen Fassung der Theorie Zlatarskis hätten die Protobulgaren das Jahr 5500 v. Chr. (der byzant. Zeitrechnung) als Basis für ihre eigene Zeitrechnung genommen; sie hätten aber die Jahre von Christi Geburt an auf Mondjahre und auf (ihre bisherige) Zwölftierzyklen umgerechnet. Zum ersten Jahr der neuen bulgarischen Zeitrechnung und zugleich zum ersten Jahr der neuen Folge der (bulgar.) Zwölftierzyklen wäre dabei das Gründungsjahr des bulgar. Donau-Reiches, d. i. 679. Sonnenjahr n. Chr. (— 701. Mondjahr n. Chr.) gemacht worden, ungeachtet dessen, daß das Jahr 679 richt das erste, sondern das vierte Jahr des bisher gültigen Zwölftierzyklus gewesen ist. Zlatarski glaubte sogar eine Formel zur Umrechnung der christlichen Ära in die bulgarische aufstellen zu können:

 

 

mit deren Hilfe er mit der Genauigkeit bis zu einem Hundertstel eines Jahres die Fragen der bulgar. Chronologie zu lösen glaubte [2].

 

 

2. Kum vǔprosa za bǔlgarskoto lětobroenie, in: Spisanie, Buch. 10, 1915, l—22; ders.: Bǔlgarsko lětobroenie, Exkurs I. in seiner Istorija na bǔlgarskata dǔržava usw., 193£, 353—82; ders.: Die bulgarische Zeitrechnung, in: JSFOu, Bd. 40: l, 1924,1—7.

 

 

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Die Hypothese Zlatarskis über ein besonderes Zeitrechnungssystem der Proto-bulgaren, die mit einer bewundernswerten Quellenkenntnis vorgetragen, wurde, wirkte zunächst sehr überzeugend. Die bulgarische Wissenschaft und Publizistik haben diese besondere Zeitrechnung als eine Errungenschaft der bulgarischen Zivilisation interpretiert [1]. Die Chronologie der altbulgarischen Herrscher, die Zlatarski rekonstruiert, hatte, ist auch in die europäische Fachliteratur eingedrungen [2] und beherrscht bis heute die europäischen [3] (und russischen [4]) Nachschlagewerke.

 

Nach Zlatarski hat sich mit der Fürstenliste noch Géza Fehér beschäftigt (Namensliste; s. S. 15, Anm. 1). Obwohl er kein Turkologe ist, sind doch einige seiner neuen Ansichten zu diesem Problem beachtlich. Sie werden unten laufend im Text behandelt. Darüber hinaus hat Fehér noch eine neue Theorie über die bulgar. Zeitrechnung aufgestellt. Nach ihm stammte die altbulgar. Zeitrechnung „ursprünglich von der chinesischen, sie bewahrte aber eine primitivere Stufe der chinesischen Zeitrechnung, als die der Inschr. von Orchon. Dies ist auch natürlich, da die Turkobulgaren im IV. Jh. n. Chr. vom chinesischen Kulturkreis schon sicher abgefallen sind. Diese uralte Stufe der chines. Zeitrechnung, welche von den Turko-bulgaren übernommen wurde, war derart, daß, da sie mit reinen Mondjahren rechneten, nur das fünfte (verem 'lang') Jahr des Tierzyklus mit einem Mondmonat verlängert wurde” (Namensliste, 308).

 

Féhers protobulgarischer Kalender stützt sich allein auf seine Interpretation des Wortes верени vereni (Namensliste, 255—263, 267—68, 305—07), das er in верем *verem „verbesserte”. Sie ist aber vom turkologischen Standpunkt aus unannehmbar (s. SS. 54—55).

 

Auch Fehérs Idee von der Abgeschlossenheit der Protobulgaren von dem einmaligen Zentrum der altaischen Nomaden in der heutigen Mongolei und in Nord-China nach dem 4. Jb. n. Chr. (Namensliste, 267, 308) ist undiskutabel. Die Steppe trennte nicht, sie verband wie das Meer. Im J. 552 haben die T'u-küe die Macht in der Mongolei ergriffen und bereits i. J. 576 saß in Bosphoros auf der Krim, also in unmittelbarer Nähe der damaligen Bulgaren (ihr Zentrum war am Kuban-Fluß), ein Statthalter der T'u-küe [5].

 

 

1. Ivan Dujčev: Una pagina delle civiltà bulgara nel medioevo: La cronologia bulgara, in: L'Europa Orientale, Bd. 14, 1934, 334—42; ders.: Iz starata bǔlgarska kniznina I, Sofia 1943, 1—2, 162—65.

 

2. So z. B. ByzTur, passim.

 

3. Z. B. Georg Stadtmüller: Geschichte Südoateuropas, München 1950, 491.

 

4. Z. B. Balkanskie strany, hrsg. v. F. N. Petrov, Moskau 1946, 334.

 

5. Menandros Prototector († Ende d. 6. Jh.), Fragm. 14 (in: Excerpta de legationibus, hrsg. v. C. de Boor, Berlin 1903; = EL), 202—08.

 

 

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