Die bulgarische Fürstenliste und die Sprache der Protobulgaren

Omeljan Pritsak

 

V. Phonetische Deutung einiger altkirchenslawischen und mittelgriechischen Buchstaben

 

 

Jetzt sollen noch kurze Bemerkungen zur phonetischen Deutung einiger altkirchenslavischer und mittelgriechischer Buchstaben folgen.

 

 

18

 

Vokalzeichen.

 

a = langes a (*ā und *ō).

 

ѣ = langes ä (< 1. *ē; 2. *оi̯, *аi̯, *ōi̯, *āi̯): palatalisiert den vorhergehenden Konsonanten, вѣчемъ iat demnach als *v̉äčәḿ zu deuten.

 

е (im Wortin- und -auslaut) — kurzes e; mit diesem Buchstaben wird das mgr. ε (< ε, αι; mgr. Lautwert e) wiedergegeben.

 

е (im Wortarlaut). Man nimmt im allgemeinen an, daß „es im aksl. Anlaut stets präjotiert gewesen sei, also je-, nicht e-” (Diels, 74). Somit hat man е̉тхь als jetxǐ bzw. i̯etxǐ zu lesen.

 

и = langes i; damit werden auch die mgr. η und ι ins aksl. transkribiert, deren Lautvert i gewesen ist.

 

ъı = langes ӯ () verschiedener Herkunft (u. a. < *ū); es bleibt unsicher, ob dieser Laut monophthongisch oder diphthongisch gewesen ist. , ъı ist aus dem Zeichen des harten (sehr selten des weichen) Halbvokals und einem der i-Zeichen zusammengesetzt. Es könnte damit irgendwie diphthongische Aussprache angedeutet sein, wobei die Zunge zur Hervorbringung des zweiten Bestandteils nach vorne und zugleich etwas nach oben rückt” (Diels, 39—40). Vgl. z. B. d.-bg. Lehnwort im Aksl. бъıлѧ (= mgr. βοηλάς, comes), wohl *boila ≠ atü. boila (zu der Lesung mit dem o-Vokal vgl. Menges, Igor Tale, New York 1051, 18—19); vgl. auch die mgr. Schreibungen: βοιλας, βοηλάς, βοιλάδες (Theophanes), mit Metathese: βολίαδες (so z. B. bei Konst. Porphyr.) und eine andere slav. Entlehnung dieses Wortes (mit dem Koll.-Suff. -r): болѧринъ (-инъ ist ein slav. Suffix) [2].

 

ъ, ь: „Die ursprünglichen Artikulationen lagen dem Gebiete des o bzw. des e irgendwie nahe... Auf jeden Fall scheint sich zu ergeben, daß wir ь als einen weiter vorne artikulierten, ъ als einen weiter hinten artikulierten, zum Teil wohl mit Lip-penrundung gesprochenen Vokal, beide von unbestimmter Klangfarbe, zu denken haben, und damit darf man sich begnügen, da genauere phonetische Bestimmungen unbeweisbar bleiben” (Diels, 37).

 

o, ω vermutlich offenes o. „Ganz denselben Lautwert hat wohl das viel seltenere cyrillische ω . . . Diese Zeichen haben nur die Bedeutung einer graphischen Variante, im einzelnen schwankt ihre Anwendung” (Diels, 40). Der Gebrauch von 2 Zeichen für der Laut o geht auf das griech. Vorbild zurück; allerdings hatten die beiden Zeichen im Mgr. einen Lautwert o.

 

оу, = Monophthong (langes) u. „Das cyrill. Doppelzeichen ist genau dem griech. ου nachgebildet... Statt der Nebenschreibung begegnet in cyrill. Handschriften auch die Übereinanderschreibung in verschiedenen Formen” (Diels,

 

 

1. Als Wegweiser dienten mir hier für das Altkirchenslavische die Werke von Paul Diels (Altkirchenslavische Grammatik, I. Teil, Heidelberg 1932; abgekürzt: Diels), Afanasij Matveevič Seliščev (Staroslavjanskij jazyk, I. Teil, Moskau 1951; abg.: Seliščev) und Mykola Hrunśkyj (Vstup do slov'janśkoho movoznavstva, Kiew 1941); für das Mittelgriechische die von Moravcsik (ByzTur), Seliščev und V. Beševliev (Grǔckijat ezik v prabǔlgarskitě nadpisi, in: Godišnik na Narodnija Muzej, Sofia 1926, 381—428, mit dt. Zusammenfassung S. 426—28). Allerdings kann ich nicht die Meinung Beševlievs teilen, wenn er schreibt, daß die verschiedenen Formen der protobulg. Wörter in den protobulg. Inschriften auf die mangelhafte Kenntnis der protobulg. Sprache bei den byzant. Schreibern zurückzuführen sind. Auch Menges spricht sich gegen eine solche Annahme aus (AltElem, 90—91).

 

2. Mit diesem ъı hat man im Altslavischen auch den fremden (so z. B. gotischen) geschlossenen u-Laut substituiert (Seliščev, 121).

 

 

19

 

41—42). Mittelgriechischer Lautwert von ου war u. Den slav. Vokal (u), der aus dem Diphthong *ou̯ verschiedener Herkunft (1. *ou̯, *au̯, *ōu̯, *āu̯; 2. *eu̯ < *eu̯, *ēu̯) entstanden ist, hat man sich als einen largen breiten ū Vokal (der zwischen o und u liegt) vorzustellen, also mit der Zungenartikulation von o und ohne „die energische gerundete Verengung der Lippen” (Seliščev, 121). Man nimmt an, daß ū im aksl. bereits ein Monophthong gewesen ist, ohne dies mit Sicherheit nachweisen zu können. Haben doch die Slaven noch in den ersten Jh. n. Chr. den gotischen Diphthong ou mit dieben ū wiedergegeben (z. B. got. kaup- ‘Handel treiben < asl. kūp- ‘id’).

 

ѵ diente zur Wiedergabe des mgr. υ (mgr. Lautwert: ü) vgl. тѵтωм; dieser Buchstabe konnte auch für das mgr. ου stehen (Seliščev, 95—96; Diels, 27—29).

 

ѧ aksl. Lautwert war ą̈ (Seliščev, 141—12); gewöhnlich transkribiert man dieses Zeichen als ę.

 

 

Konsonantenzeichen.

 

Vor den palatalen Vokalen (е, ѣ, и, ѧ, ь) fand die Palatalisierung der Konsonanten statt.

 

Die asl. Konsonanten к, г, х waren hinterlingual und verbanden sich, nur mit den hinteren Vokalen а, о, оу, ъı, ѫ, ъ. Vgl. die Schreibung бѣлѣгъ 'Zeichen' (*bäläg < *bälgü) mit ъ im Auslaut; ähnlich erklärt sich die Schreibung тоутомъ für *töütö̵ḿ.

 

Die Verbindung von к, г, х mit den vorderen (palatalen) Vokalen (е, и, ѧ, ь und manchmal ѣ), sowie die Verbindungen k + j, g + j, x + j, haben ч, ж und ш ergeben (die erste slav. Palatalisation!); diese Konsonanten ч, ж und ш waren im Aksl. palatal. Deswegen steht z. B. im шегоръ nach ш (š) der palatale Vokal e.

 

Im Aksl. standen im Silbenauslaat keine Nasale, Liquida (r, l) noch v; deswegen bekamen olie genannten Konsonanten in den griech. Lehnwörtern den Halbvokal (ъ bzw. ь), mit welchem sie jetzt eine selbständige Silbe bildeten (dabei wurde der Halbvokal tatsächlich, gesprochen!), so z. B. griech. σκάνδαλου > aksl. ска-нъ-дѣлъ, ἀλτάριν о-лъ-таръ (Seliščev, 99). Dadurch erklärt sich die Schreibung алстемъ (= алътемъ), bzw. алzтомъ (= алътомъ).

 

в = v; ist dem griech. Alphabet entnommen. Mgr. Wert von β war v. Der Buchstabe β diente aber im Mgr. auch zur Wiedergabe des Lautes b, so z. B. βαγατούρ, Βούλγαροι, Βελᾶς, Βορίσης, ᾿Αλβέρτος (ByzTur, II, 41).

 

д = d (< *d und < *dh); mgr. Wert von δ war dh (ByzTur, II, 41).

 

ч = č; mit ч pflegte man auch das mgr. τζ wiederzugeben (mgr. Lautwert: dz). τζ diente aber noch zur Wiedergabe der Laute č (z. B. Πατζινάκοι, Τζαούσιος, γενίτζαροι) und ǯ (so z. B. Μάτζαροι, τζαμί, νισαντζῆς). Vgl. ByzTur, II, 44.

 

[Previous] [Next]

[Back to Index]