Die bulgarische Fürstenliste und die Sprache der Protobulgaren

Omeljan Pritsak

 

IV. Paläographische Eigenarten der reußischen cyrillischen Handschriften des 15.—16. Jh.

 

 

Um diese protobulgarischen Ausdrücke richtig zu interpretieren, muß man kurz die wichtigsten paläographischen Eigenarten der reussischen cyrillischen Hss. des 15.-16. Jh. behandeln [2].

 

§ 1. Die Wörter sind — wie im Mittelalter überhaupt — meist ohne Zwischenräume geschrieben. An Interpunktionszeichen werden nur Punkte: . .˙. und gebraucht, aber nicht als Worttrenner; diese Zeichen sind oft mit unserem Komma zu vergleichen; allerdings war der Gebrauch derselben recht systemlos. Wir müssen also für die Worttrennnng andere Kriterien suchen (vgl. §§ 3, 6, 7, 8, 9, 10).

 

§ 2. Im 15.—16. Jh. sind in Osteuropa verschiedene Abkürzungen und diakritische Zeichen verbeitet. Dieser Brauch und die diakritischen Zeichen selbst sind südslavischer Herkunft und fußen auf byzantinisehea Vorbildern.

 

 

2. Ich stütze mich hier auf die Arbeiten азз ausgezeichneten Kenners der cyrill. Paläographie Prof. Dr. Ivan Ohijenko (jetzt: ukrain.-orthodox. Erzbischof Ilarion von Winnipeg), so z. B.: Verbśka jevanhelija 1560 roku, in: Festschrift Miletič, Sofia 1933, 208—41, vor allem 213—27.

 

 

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§ 3. Eine der auffallendsten Eigenheiten der Hss. in cyrill. Schrift ist die Suspension. Es handelt sich hier um eine Art Kürzung, wobei der letzte Konsonant eines Wortes nicht ausgeschrieben, sondern über der Zeile angedeutet wird. Der drauf folgende kurze Vokal (ъ, ь) wird nicht beboiiders gekennzeichnet. Für uns ist die Suspension wichtig, da sie uns hilft, die Worte voneinander zu trennen. So ist z. B. дилωм твирем (Hs. A) nicht als ein Wort, sondern als zwei Wörter дилωомъ und твиремь zu verstehen.

 

§ 4. Mit der Suspension hängt eine eigenartige Kürzung zusammen: Wenn in einem Wort 2 Silben denselben Vokal haben, so wird der Vokal nur einmal ausgeschrieben, der Konsonant aber, der zwischen diesen beiden Vokalen steht, wird über die Zeile gesetzt, meist mit einem kleinen Halbkreis über ihm, so z. B. вч̑емь (Hs. A) = вечемь (Hs. A).

 

§ 5. Die cyrillischen Hss. gebrauchen mehrere diakritische Zeichen; die meisten sind von den Byzantinern übernommen. Alle diese Zeichen sind für die Worttrenung sehr wichtig, denn auch die Akzente haben die Aufgabe, als Worttrenner zu fungieren; das griech.-byzant. Akzentuierungssystem ist auf slavischem Boden fremd geblieben. Es werden folgende Zeichen gebraucht: iso, pajerik, Spiritus, Akzente und kendema.

 

§ 6. iso (Spiritus mit Akutus) — steht auf dem Anlautavokal des Wortes, oder auf dem Vokal der ersten Silbe mit einem konsonantischen Anlaut; vgi. z. B. Ἄвитохолъ, мωръ.

 

§ 7. pajerik (Abkürzung für die kurzen irrationalen Vokale ъ und ь, in Form von c, z bzw.  ̑) — steht, wie auch ъ und ь: a) am Ende des Wortes, als eine Art Wort-trenner, z. B. кртс (A) = коуртъ (В).

 

b) als kurzer irrationaler Vokal ǒ bzw. ǔ, oder ǐ (s. S. 68), z. B. крстъ (С) = Κοβρατ--; дох̑съ (В) = дохссъ (С) = дохсъ (А); тzвиремь (В) — твиремъ (С);

 

с) deutet aucх die Erweichung des Konsonanten an, z. B. е̑р̑ми (А) = ер̑ми (В) = épсми (c) ( i̯äŕḿi ) > севzаръ (säv́är).

 

§ 8. Spiritus (unterschiedslos lenis oder asper) — steht auf dem Vokal des Anlautes bzw. der ersten Silbe, z. B. а̓лем, и̓рникъ, и̓сперих ~ и̔сперих, тоỷтомъ.

 

§9. Akzente: oksija (Akutus), varija (Gravis) [1], kamora (Circumflexus) — stehen, wie iso und Spiritus, auf dem Vokal des Wortanlauts, bzw. auf dem Vokal der ersten Silbe, z. B. áлтемь (А) = àлтемь (В), верениа̓лем (A) = верениàлемъ (B) = верениáлемъ (С); zu trennen ist: верени und алемъ. текчи́тем А; zu trennen ist: тек und читемь. дõло (С).

 

§ 10. kendema (zwei Gravis) — erscheint auf bestimmten einsilbigen Wörtern und ihren Ableitungen, z. B. два̏ 'zwei', vgl. hierzu два̏нzшехтемъ; außerdem auf v (= gr. υ) der ersten Silbe z. B. тν̋тωм (A; allerdings sind hier zwei Akutus-Akzente gesetzt).

 

 

1. Akutus und Gravis können auch mit Spiritus wechseln, so z. B. верениа̓лем (А) ~ верениàлемъ (В) und верениáлемъ (С); и́рникъ (AB) und и́рникъ (С); а̔лтемь (А) und алтемь (В) usw.

 

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