Die bulgarische Fürstenliste und die Sprache der Protobulgaren

Omeljan Pritsak

 

II. Ellinskij Lětopisec und die sogenannte Bulgarische Fürstenliste

 

 

Im Jahre 1857 hat die Kaiserliche Akademie der Wissenschaften in St. Petersburg einen „Graf Uvarov-Preis” ausgeschrieben für die Beschreibung der einzelnen Bestandteile der verschiedenen „altrussischen” Chronograph genannten Kompilationen der Weltgeschichte aus altkirchenslavischen (altslavischbulgarischen = aksl.) Übersetzungen der byzantinischen Quellen. Andrej Nikolaevič Popov erfüllte diese Aufgabe. Als Produkt seiner Forschungen erschien das zweibändige Werk Obzor chronografov russkoj redakcii (= Abriß der Ch. der russischen Redaktion, Moskau 1866, 1869), welches gezeigt hat, daß die verschiedenen reussischen [3] „Chronographen” in zwei Haupttypen einzugliedern sind:

 

1. der ältere, der sogenannte Ellinskij i rimskij Lětopisec (‘die griechische und römische Chronik’, kurz genannt: Ellinskij Lětopisec; enthält nur die biblische und griechisch-römische Geschichte),

 

2. der jüngere (ab Ende des 14. Jh.), der sogenannte Chronograph par exellence; enthält auch die Geschichte der Slaven und die der Ruś [4].

 

In zwei reussischen Sammelwerken vom Typus Ellinskij Lětopisec fand Popov ein interessantes Einschiebsel, das dann bald unter dem Namen „Bulgarische Fürstenliste” berühmt werden sollte [5].

 

Eine eingehendere Beschreibung dieser beiden Handschriften sowie Angaben über eine dritte, die bisher der Spezialforschung unbekannt geblieben ist [6], bietet der i m Jahre 1946 erschienene Aufsatz von M. N. Tichomirov [7].

 

 

3. Ich gebrauche hier den Terminus „reussisch” als Bezeichnung der ostslavischen Sprachen in Osteuropa bis zum 16. Jh., also für Alt-Ukrainisch und Alt-Russisch.

 

4. A. N. Popov: Izbornik slavjanskich i russkich sočinenij i statej vnesenych v Chronografy russkoj redakcii, Moskau 1869, 541 S. — V. M. Istrin, K voprosu o vzaimootnošenii ellinskich lětopiscev i Archivskago (Iudejskago) chronografa, in: IzvORJaS, Bd. 16: 4, 1911, 141—50; ders.: Osobyj vid Ellinskago lětopisca iz sobranija Tichonravova, in: IzvORJaS, Bd. 17:3, 1912, 1—30.

 

5. Bd. I, Moskau 1866, 25—27. Die Bezeichnung „Fürstenliste” geht zurück auf das slav. Wort imenik, mit welchem der kroatische Historiker Fr. Rački i. J. 1870 unser Denkmal benannte (in: Rad Jugoslavenske Akademije Znanosti i Umjetnosti, Bd. 11, Agram 1870, 229-30).

 

6. Obwohl ihre Beschreibung in dem bereits 1894 erschienenen Werk des Archimandriten Leonid zu finden ist (Sistematičeskoe opisanie slavjanorossijskich rukopisej sobranija gr. A. S. Uvarova, Teil III, Moskau 1894, 25—26).

 

7. Imennik bolgarskizh knjazej ( = Imennik), in: Vestnik Drevnej Istorii (= VDI), Moskau-Leningrad 1946, H. 3, 81—90. Allerdings kennt Tichomirov die phototyp. Ausgaben der Liste (nach den Hss. B und C) von Mikkola, Zlatarski und Fehér, (s. S. 15, Anm. 1) nicht.

 

 

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Danach läßt sich über die drei uns interessierenden Handschriften folgendes zusammenfassend sagen (vgl. Tichomirov, Imennik, 83):

 

1. Handschrift A: Hs. Nr. 10 der Uvarov-Sammlung (jetzt im Historischen Staatsmuseum in Moskau); die Schrift (poluustav = cyrillische Minuskel) weist auf das Ende des 15. Jh.

 

2. Handschrift B: Hs. Nr. 280 der ehemaligen Synodal-Bibliothek (jetzt ebenso im Historischen Staatsmuseum in Moskau); stammt aus dem Anfang des 16. Jh.

 

3. Handschrift C: Hs. Nr. 1148 der Pogodin-Sammlung (jetzt Öffentliche Bibliothek in Leningrad); sie gehört dem 16. Jh. an und geht auf die Vorlage der Hs. B zurück; sie enthält aber mehrere Fehler.

 

Alle drei Sammelwerke enthalten neben der Kompilation Ellinskij Lětopisec noch andere Bestandteile, so z. B. eine Kurze Liste der Rus'-Fürsten, die IV. Novgoroder Chronik bis zum Jahre 1496 (so Hs. B und С; А hat nur Auszüge aus dieser Chronik).

 

Mit Recht nimmt Tichomirov (Imennik, 86) an, daß die Verbindung von Ellinskij Lětopisec mit der IV. Novgoroder Chronik erst mit dem Ende des 15. Jh. zu datieren ist. Dies war abor schon die Epoche der Chronographen par exellence. Die Entstehung einer Kompilation vom Typus Ellinskij Lětopisec ist — wie es V. M. Istrin gezeigt hat — spätestens auf das Ende des 14. Jh. zu setzen (s. S. 12, Anm. 4).

 

Unser Ellinskij Lětopisec besteht — wie auch alle anderen Kompilationen von diesem Typus — aus mehreren Bestandteilen, die sämtlich den aksl. Übersetzungen aus dem (Byzantinisch-) Griechischen (mittelgriechisch = mgr.) entnommen sind (vgl. Tichomirov, Imennik, 86):

 

1. Pentateuch und die Vier Bücher der Könige bis zum Schluß des IV. (nach anderer Zählung des II.) Buches der Könige (das erste Regierungsjahr des Königs Evil-Merodach von Babylon).

 

2. Die sogenannte Bulgarische Fürstenliste.

 

3. Auszüge aus der bekannten byzant. Chronik des Georgios Monachos (gen. Ἁμαρτωλός, † n. 867); zunächst kommt der Abschnitt über Nebukadnezar und setzt somit das im IV. Buch der Könige Erzählte fort.

 

4. Auszüge aus dem Esra-Buch.

 

5. Auszüge aus der byzant. Chronik des Syrers Ioannes Malalas († ca. 578).

 

Die sogenannte Bulgarische Fürstenliste erscheint demnach als eine Art Fortsetzung des IV. Buches der Könige. M. N. Tichomirov (Imennik, 86) vermutet mit Recht, daß die altrussischen Kompilatoren der Sammlung Ellinskij Lětopisec unsere Fürstenliste bereits als Bestandteil des IV. Buches der Könige vorfanden. Darüber-hinaus glaubt B. v. Arnim behaupten zu dürfen, daß diese Eingliederung unserer Liste in das IV. Buch der Könige bereits in der ersten Blüteperiode der alt-(slavisch-) bulgarischen christlichen Übersetzungsliteratur zur Zeit des Zaren Symeon (893 bis 927) stattgefunden hat. Er schreibt wörtlich: „Ich betrachte die Fürstenliste als Fortsetzung und zugleich als Nachwort einer Symeonischen Übersetzung des Oktateuchs (nicht nur Pentateuchs !) [1].”

 

Alle Forscher, die sich mit der sogenannten Bulgarischen Fürstenliste beschäftigt hatten, kamen übereinstimmend zu der Ansicht, daß auch dieses Denkmal die alt-

 

 

1. Wer war Avitochol, in: Festschrift-Miletič, Sofia 1933, 575.

 

 

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slavische (= aksl.) Übersetzung eines in mgr. Sprache und Schrift verfaßten (allerdings mit fremdsprachlichen Ausdrücken!) Originals sei [1].

 

Weiter war man sich darüber einig, daß dieses Original aus zwei zu verschiedenen Zeiten entstandenen und — aller Wahrscheinlichkeit nach — auf einer zylindrischen Säule (vgl. z. B. die Čatalar-Inschrift) vereinten Inschriften bestand [2], ähnlich wie z. B. die Inschriften des Reiterreliefs in der Nähe des Dorfes Madara.

 

[Nach V. Beševliev (InscrBulg II, 7—13), der der beste Kenner der proto-bulgarischen Inschriften ist, besteht die letztgenannte Madara-Inschrift aus 3 Teilen, die zu verschiedenen Zeiten verfaßt worden sind:

1. Inschrift aus der Zeit des Tervel' (691—719) oder seines nächsten Nachfolgers,

2. Inschrift aus der Zeit des Kormisoš' (737—754),

3. Inschrift aus der Zeit des Omurtag (814—831).]

 

Über die Abfassungszeit der ersten Inschrift (der erste Teil unserer Liste) sind die Meinungen geteilt: die meisten Forscher datieren sie in die Zeit des Fürsten Isperich (679—691) (vgl. ByzTur, II, 296), andere aber (so G. Fehér Namensliste 278—84, 309—10, N. Mavrodinov [3]) in die Zeit des Fürsten Tervel' (691—719). Über unsere Datierung s. unten S. 42.

 

Die Entstehung der zweiten Inschrift (der zweite Teil unserer Fürstenliste) muß frühestens in die zweite Hälfte des 8. Jhs. verlegt werden; terminus post quem ist hier das Jahr 765; vgl. ByzTur, II, 296. Weiteres über die Datierung der zweiten Inschrift s. 48.

 

 

1. Diese Meinung vertraten bereits die ersten Herausgeber und Bearbeiter der Liste, A. Popov, Hilferding u. a.; vgl. ByzTur, II, 296—98, wo auch die ausführliche Bibliographie (bis z. J. 1943) angegeben ist.

 

Wenn die Liste tatsächlich z. Z. des Zaren Symeon ins Slavische übersetzt worden ist, so wird man damit rechnen dürfen, daß der Übersetzer das Protobulgarißche noch kannte. Die Wiedergabe der protobulg. Ausdrücke ist doch recht korrekt, wenn man von einigen Schreibgewohnheiten absieht, die auf den byzant. Vorlagen fußen. Auch der Gebrauch des Zwölftierzyklus war zu jener Zeit noch lebendig, wie es die Nachschrift des Mönches Tudor Doksov aus d. J. 907 beweist. Dieser Mönch, der auch als Übersetzer unserer Liste in Frage kommt, war ein Neffe des buJg. Zaren Boris-Michael (852–89); vgl. die Notiz der Evangelienhandschrift von Cividale (hrsg. v. Moravcsik, in: ByzTur, II, 300): „Hic sunt nomina de Bolgaria inprimis rex illorum Mihahel. et frater eius. Dox.” Vgl. hierzu Zlatarski: Koj е byl Tudor černorizec Doksov?, in: Bǔlgarski Pregled, Bd. 4: 3, 1897, 42—63.

 

2. S. ByzTur, II, 296. Anders F. Altheim, Attila und die Hunnen, Baden-Baden 1951, 159.

 

3. Istoričeski beležki I: Za pǔrvata redakcija na imennika na bǔlgarskitě chanove, in: Izv. na Bǔlg. Archeol. Inst (= IzvBAI), Bd. 12, 1938, Sofia 1939, 376—378, 382—83.

 

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