Die bulgarische Fürstenliste und die Sprache der Protobulgaren

Omeljan Pritsak

 

 

Meiner lieben Lehrerin und Freundin

Meryam-apa (Professor Annemarie v. Gabain)

 

EINLEITUNG

 

 

I. Die Erforschung der altaischen Elemente der protobulgarischen Inschriften

 

 

Karl Heinrich Menges hat vor kurzem (1951) eiie Analyse der altaischen Elemente der in Griechisch verfaßten protobulgarischen Inschriften der ersten Hälfte des 9. Jh. Unternommen [1]. Leider bestehen diese Elemente — mit geringen Ausnahmen — aus Titeln, Stammesnamen und Personennamen, die an sich als Grundlage zur Rekonstruerung einer sonst beinahe unbekannten Sprache schlecht dienen können. Haben wir es hier doch zum größten Teil mit Lehngut — wenn auch oft aus anderen aitaischen Sprachen — zu tun. Menges hat (AltElem, 117) die Appellativa ταγγρά *täŋrə 'Gott' und σαράκτου *śaraq- 'Reich, Staat' behandelt. Die beiden übriggebliebenen, nämlich σιγὸρ ἐλέμ [2], hat er nicht untersucht, da dieselben demnächst von

 

 

1. Altaic Elements in the Proto-Bulgarian Inscriptions (= AltElem), in: Byzantion, Bd. 21, Brüssel 1951, 85—118; vgl. hierzu noch Henri Grégoire und Lascaris, Note á l’article de M. Menges, ebda, 275—76. Die grundlegende Ausgabe der protobulg. Inschriften stammt von dem bulg. Byzantinisten V. Beševliev: Pǔrvobǔlgarski nadpisi. Uvod, tekst i komentar (= InscrBulg I), Sofia 1934; ders.: Dobavki i opravki (= InscrBulg II), Sofia 1936. Beševliev hat auch die Geschichte der Erforschung der protobulg. Inschriften skizziert: Istoričeski pregled na dosegašnitě izdanija na pǔrvobǔlgarskitě nadpisi, in: Godišnik na Sofijskija Universitet, Ist.-filol. Fakultet (= Godišnik), Bd. 30:5, Sofia 1934, 12. S. Die weitere Literatur über die protobulg. Inschr. ist im vortrefflichen Werk des ung. Byzantinisten Gyula Moravcsik: Byzantinoturcica (= ByzTur), Bd. I, Budapest 1942, 165—68, sowie bei Menges, AltElem, 85—86 und Pritsak, Ein hunnisches Wort (= HunWort), in: ZDMG, Bd. 104, Wiesbaden 1954, 124—35, angegeben. Die sogenannten „hunnischen Runen” von Franz Altheim gehören nicht hierher.

 

2. Und vielleicht noch σεκτέμ aus der Madara-Inschrift (Untere Inschrift, I. Kolonne, nach der Lesart von Geza Fehér: Die Inschriften des Reiterreliefs von Madara, Sofia 1928, 129). Die beiden Wörter σιγόρ und ἐλέμ entsprechen шегоръ und алемь der Bulg. Fürstenlißte [s. oben SS. 44, 51—52]. Die Ausdrücke σιγὸρ ἐλέμ erscheinen in der bekannten Inschrift des bulg. Herrschers Omurtag (814—31) aus dem Dorfe Čatalar, als bulgarisches Datum (βουλγαριστὶ) der Errichtung eines Palastes an dem Fluß Tuča (daraus entstand die spätere bulg. Hauptstadt Preslav). Die byzant. Entsprechung dieses Datums (γρικιστὶ) heißt dort: ἰνδικτιῶνος   ‘die 15. Indiktion (822/23)’. Dia Inschrift hat der damalige Direktor des Russischen Archäol. Instituts in Konstantinopel Fedor I. Uspenskij entdeckt und zusammen mit K. V. Škorpil herausgegeben: Matierialy dlja bolgarskich drevnostej Aboba-Pliska. Kap. 21. Vnov’ otkrytaja nadpiś Omortaga (in: IzvRAIKp, Bd. 10, 544-50) und Facs.-Band. Taf. 118; sie ist auch bei Beševliev, InscrBulg I, 43, Nr. 11 (Facs. Taf. 3—4, 11a, 11b) zu finden.

 

 

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dem Sinologen Baron Peter von Budberg (Boodberg) in Zusammenhang mit den Fragen des protobulgarischen Kalenders behandelt worden soll ton (Menges, AltElem, 118).

 

Es scheint aber am Platze, die protobulgarischen Elemente der sogenannten bulgarischen Fürstenliste, in der uns nicht mir die oben erwähnten Wörter σιγὸρ ἐλέμ, sondern auch noch weitere 16 Appellativa [1] erhalten sind, eingehender zu untersuchen. Trotz der Wichtigkeit dieses Sprachdenkmals für die historische altaische Sprachwissenschaft ist es bisher weder von einem Turkologen, noch überhaupt von einem Altaisten gebührend behandelt worden [2].

 

 

1. Hierzu kommen noch die beiden protobulg. Ausdrücke in der Nachschrift des Todor Doksov aus d. J. 907: е̓тхь бехти (s. S. 58, § 18).

 

2. Vgl. die Worte von Nikolaus Poppe über den Stand der Erforschung unseres Denkmals in: BAS, Leningrad 1924, 298.

 

 

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