Die Volker Südosteuropas im 6. bis 8. Jahrhundert

Südosteuropa Jahrbuch, 17. Band (1987)

 

5. Alte Relikte in Balkansprachen.

 

Norbert Reiter, Berlin (West)

 

(Coarse OCR only!)

 

 

Als 1774 Johann Thunmanns Buch Untersuchungen über die Geschichte der östlichen Völker und Sprachen in Leipzig erschien, ahnte wohl niemand, daß dieses Werk die Urschrift einer ganzen Wissenschaft sein könnte, nämlich der Balkanologie, und zwar, wie hinzuzufügen ich nicht versäumen möchte, der Balkanologie älteren Zweiges. Grund, sein Buch zu schreiben, war für Thunmann das Bedürfnis, der gelehrten Welt seiner Zeit zu beweisen, daß die auf dem Balkan vorfindbaren Völker alteingesessen und nicht, wie Herder es formulierte, " ... untereinandergeworfene Trümmer mehrerer Völker und Sprachen" seien. Thunmann war "ordentlicher Lehrer der Beredtsamkeit und Philosophie" an der Universität Halle und ein ausgezeichneter Kenner der antiken Quellen über den Balkan, und darum ist, was er in seinem Buch schreibt, in erster Linie auch die Arbeit eines Historikers und in zweiter Linie erst die eines Philologen. Aber genau das ist es, was uns hier an seinem Buche interessiert und wodurch es -wie ich sagte - zur Urschrift der Balkanologie wurde.

 

Die Quellenlage ließ Thunmann vermuten, daß sich die Relikte der alten Völker auf dem Balkan noch in anderer Hinsicht, nämlich sprachlich, nachweisen lassen müßten, und so versuchte er, aus den Balkansprachen, vornehmlich dem Albanischen und dem Rumänischen, einen lexikalischen Uraltbestand, oder - wie wir heute sagen würden - die Sprache eines Substrats herauszudestillieren. Dabei bediente er sich einer Methode, die ich das "Subtraktionsverfahren" nennen möchte. Es besteht darin, aus einer gegebenen Sprache, alles mit bekannten Sprachfamilien in Verbindung Stehende auszusortieren und den verbleibenden Rest, also das Nichtidentifizierbare, für das Substrat in Anspruch zu nehmen. Thunmann verglich paarweise, z.B. das Slawische mit dem Albanischen, von denen das Albanische als die unverkennbare Nachfolgesprache eines alten Balkanidioms bei der Identifizierung von Gleichungen den Vorrang genoß. Das bedeutet praktisch: Ergab sich zwischen dem Slawischen und dem Albanischen eine Gleichung, so wurde sie dem eben genannten Grundsatz zufolge dem balkanischen Erbgut zu- und als Entlehnung im Slawischen ausgewiesen. Da nun Thunmann kein Sprachwissenschaftler war, und er es auch ablehnte, für einen solchen gehalten zu werden, weil er - aus verständlichen Gründen - vom Etymologisieren nichts hielt1, konnte es passieren, daß er im Falle urverwandtschaftlicher Gleichungen das betreffende Wort als Entlehnung einstufte. So erkannte er

 

 

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z.B., daß slaw. drvo und alb. dru "Baum, Holz" zusammengehören, ebenso slaw. vьlk und alb. ujk "Wolf", da er sich aber von den Etymologien fernhalten wollte, blieb ihm nur die Möglichkeit, einer der beiden Sprachen den Vorzug zu geben.

 

Das war, wie sich denken läßt, das Albanische, woraus dann folgte, daß drvo und vьlk Entlehnungen im Slawischen sein mußten [2].

 

Mit dem Rumänischen verfuhr er in derselben Weise. Alles, was als romanisch, slawisch, griechisch erkennbar war, zog er ab, und den verbleibenden Rest erklärte er als Substrat. Dabei fiel ihm auf, daß zwischen dem Rest im Rumänischen und etlichem, was sich im Albanischen fand, gewisse Ähnlichkeiten bestanden, und so schloß er, dieser Rest: "stamme aus einer Sprache, die mit dem Albanischen viele Ähnlichkeiten gehabt hat; denn über siebenzig wlachische Wörter kommen mit eben so vielen Albanischen überein ..." Diesen Restwörterbestand wies Thunmann der Sprache der Thraker zu, und er sagte: "... Sie (die Thraker) haben sich wirklich erhalten: aber verändert haben sie sich auch in der sichtbarsten Weise. Ihre Gebirge retteten sie vor der Vernichtung: aber sie konnten nicht verhindern, daß das Volk fast unkenntlich und sich selbst unähnlich wurde. Am deutlichsten hat sich dieses in ihrer Sprache gezeigt: denn die Sprache der jenseits der Donau wohnenden Wlachen ist die veränderte Thraci-sche Sprache"3; und er nennt die Wlachen "die Geschlechtsverwandten" der Albaner.

 

Bei dieser bereits im Jahre 1774 geäußerten Meinung ist es bis heute im wesentlichen geblieben.

 

Der erste, der ein sog. Substrat im Rumänischen annahm, war Thunmann freilich nicht. Vor ihm hatte schon Fürst Dimitrie Cantemir in seiner Descriptio Moldaviae von 1716 die Möglichkeit eines Substrats im Rumänischen angedeutet, denn er sagt: Die Wörter, "welche weder lateinisch sind noch aus anderen Nachbarsprachen kommen, müssen Spuren der alten Daker sein". Der erste war Thunmann also nicht, er war jedoch der erste, der das Problem auf einem für damalige Verhältnisse doch sehr hohem wissenschaftlichen Niveau zu bearbeiten sich bemühte.

 

 

1. Vgl. Thunmann 1774, 175. Er formuliert "durch Träume und Etymologisierungen". Seine Abneigung gegenüber dem Etymologisieren gründet sich auf jahrhundertelange, u.a. auch von Leibnitz geübte Praxis, durch lautsymbolische Spekulationen (z.B. die kratyleische Lautsymbolik) der Gottheit näher zu kommen.

 

2. Hierzu Reiter 1983, 417.

 

3. Thunmann 1774, 339. Andere Stellen, wo er über die Verwandtschaft von Albanern und Wlachen aus einem thrakischen Stamme spricht, sind S. 246, 323, 360.

 

 

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Sehr viele Nachfolger hatte Thunmann nicht. Kurz befaßt haben sich später mit dem Problem Kopitar, Šafarik, Miklosich, Tomaschek, Gustav Mayer, alles keine Rumänen, wie man sieht, obwohl doch eigentlich die das größte Interesse daran hätten haben müssen. Daß sie es nicht hatten, liegt an den nationalemanzipatorischen Bestrebungen, wie sie am ausgeprägtesten von der Scoala ardeleană (der Siebenbürgischen Schule) vertreten wurden. Die Vertreter dieser Scoala ardeleană , welche aus verschiedenen Vorgängerorganisationen Ende des 18. Jahrhunderts hervorgegangen ist und bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts wirkte, verfochten die Idee unverfälschter Latinität der Rumänen, was ihren emanzipatorischen Zielen durchaus dienlich war und auch Erfolg brachte, der Wahrheit aber nicht im mindesten entsprach. In das Bild ungetrübter Latinität paßten die alten Daker nicht hinein, und so konnte es auch Substratwörter im Rumänischen nicht geben.

 

Der erste Rumäne, der sich mit diesem Problem wissenschaftlich auseinandersetzte, war Bogdan Petriceicu Hasdeu (1838-1907), der leider, noch bevor über das Thrakische selbst einigermaßen Zuverlässiges bekannt war, ein dakisches Substrat aus dem Rumänischen herauszudestillieren versuchte. Zur Information: Die Arbeit von Tomaschek, Die alten Thraker, ist erst 1893/94 erschienen, und den Ring von Ezerovo hat man erst 1912 gefunden.

 

Hasdeu hat mit seinen Arbeiten zunächst nur Undank geerntet. Sein heftigster Gegner war Ovid Densusianu (1873-1938), der das Vorhandensein dakischer Wörter im Rumänischen zwar nicht grundsätzlich leugnete, jedoch scharf die Methode kritisierte, nach denen sie Hasdeu glaubte, gefunden zu haben, und diese ist in der Tat zwielichtig, und sie blieb es, auch wenn sich nachfolgende Generationen dem Problem immer wieder und mit unterschiedlichem Erfolg zugewandt haben. Hierzu in gebotener Kürze einige Bemerkungen [4]: Die Methode, nach der die Fahndung nach Uraltwörtern erfolgt, nannte ich vorhin das Substraktionsverfahren. Sie beruht auf zwei falschen Vorstellungen: 1. auf dem von den Archäologen durch die Philologen entlehnten Schichtenmodell.

 

Die sog. Einzelsprache wird mit einem Stich ins Erdreich gleichgesetzt, weil man nicht anders kann, als ihr - der Einzelsprache - ein Alter zuzuschreiben. Der Stich ins Erdreich geht dann eben so tief, wie die Sprache für alt gehalten

 

 

4. Ausführlicher bei Reiter 1981.

 

  

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wird. Bei den Archäologen ist es im Prinzip genauso: Je tiefer es geht, desto älter wird's. Allerdings gibt es da einen wesentlichen Unterschied: Der Unrat der jeweils tiefer liegenden Schicht hat mit dem Unrat, der später da drauf-geworfen worden ist, nichts zu tun. Bei der Sprache ist es bekanntlich anders: Ein dakisches Wort kann ja auch heute noch benutzt werden. Wenn also schon von den Schichten im Sinne der Archäologen gesprochen werden darf, dann wären es die Idiome, die nacheinander an einem fixen Ort gesprochen wurden. Hiermit läßt sich aber nicht viel anfangen, da Sprache an Menschen und nicht an Orte gebunden ist. Praktikabel wird die Sache erst in der Onomastik, wo eine Ortsgebundenheit allenfalls denotativ durch die bezeichnete Sache und auch nur unter der Bedingung vorliegt, daß Verschiedensprachige an einem Ort eine Weile beieinander lebten. 2. Der andere Irrtum besteht darin, daß die Einzelsprache für eine Klasse gehalten wird. Nur unter dieser Annahme kann überhaupt subtrahiert werden. Das ist grundsätzlich so, nicht nur im sprachlichen Bereich. Das geht dann so vor sich: Von der Klasse "Rumänisch" zieht man die Klassen "Lateinisch", "Slawisch", "Griechisch", "Türkisch", "Ungarisch" und "Deutsch" ab. Was dann übrigbleibt, ist nicht einfach ein Rest, sondern eine Restklasse, die natürlich ebenfalls subtrahierbar wäre, so daß die Subtraktion vom Rumänischen letzten Endes den Rest Null ergeben müßte. Soweit geht man aber nicht, da es ja nicht darauf ankommt, einen Rest Null zu erhalten, sondern aus dem Rest eine neue Sprache aufzubauen. Wie gesagt, die Konzeption ist falsch, weil Sprachen nämlich keine Klassen, sondern Ganzheiten sind, denen nichts weggenommen noch hinzugefügt werden kann. Darum läuft das Verfahren anders, wie, will ich jetzt nicht auseinandersetzen; nur eines möchte ich bemerken: Ein Verfahren, das auf der Ganzheitskonzeption einer Sprache beruht, registriert jeden Fehler, nicht nur die philologischen, vor allem auch die logischen. Danach aber wurde nicht gearbeitet, eben weil es die beiden genannten Fehleinschätzungen verhindert haben. Darum bleiben die Ergebnisse der sog. Substratforschung immer anfechtbar, was man z.B. auch darin sieht, daß die Gelehrten über ihre Ergebnisse eigentlich keinen Konsens erzielt haben. Jeder kam auf eine andere Anzahl von Dakismen, und einer widersprach dem anderen. Gleichwohl rechnet man heutzutage mit etwa 60 Wörtern dieser Art. Bei Werner Bahner (1970) sind sie verzeichnet. Soweit also scheint Einigkeit erzielt worden zu sein.

 

 

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Die Einwände von Densusianu haben die Bemühungen auf dem Gebiete der Substratforschung paralysiert, wie Cicerone Poghirc schreibt. Erst in den 20er Jahren hat man sie wieder aufgenommen, Philippide 1928 und Rosetti 1938, im selben Jahr noch Russu, dessen Arbeiten am meisten geschätzt werden. Auch Ausländer haben sich mit dem Problem befaßt, so z.B. Sandfeld, Jokl, Weigand, Skok, Baric, Reichenkron, Georgiev, Çabej. Sie und manchen anderen hat das Problem nicht ruhen lassen, weil über die rumänisch-albanischen Parallelen nicht hinweggesehen werden konnte. Damit wurde wieder aufgegriffen, was Thunmann ca. 200 Jahre früher schon begonnen hatte. Inzwischen waren aber die Philologen um einige Kenntnisse reicher. Man wußte etwas vom Thrakischen, und auch die Lautgesetze waren längst entdeckt, von denen Thunmann nichts wußte.

 

Die die Forschung beflügelnden Parallelen zwischen dem Rumänischen und dem Albanischen waren nun aber selbst wieder nicht ganz problemlos; denn sofort tauchte die Frage auf, ob es sich dabei nicht um Entlehnungen der Rumänen aus dem Albanischen handelte. Positiv beantwortet wurde sie von Çabej, der sich alle Mühe gab, die einschlägigen Wörter im Rumänischen als Albanismen nachzuweisen [5]. Das Problem gilt heute, wie Bahner schreibt, als irrelevant [6]. So freilich sollte man es nicht nennen, vielmehr scheint es mir eindeutig zugunsten der Autochthonie der Wörter geklärt zu sein, und darin folge ich Poghirc. Poghircs abweisende Argumentation stützt sich auf drei Faktoren [7]:

 

1. Es ist nicht einzusehen, warum mit Viehzucht befaßte Leute wie die Rumänen ihre Fachterminologie von anderen - den Albanern - beziehen sollten; denn: ca. 30% der als Substrat akzeptierten Wörter des Rumänischen sind solche der Weidewirtschaft.

 

2. Es ist nicht einzusehen, warum nur die Rumänen von den Albanern, nicht aber auch diese von jenen entlehnt haben sollten. Auf diese Frage ist von albanischer Seite keine stichhaltige Antwort gegeben worden.

 

3. Der phonetische Zustand einiger Wörter schließt eine Entlehnung aus.

 

 

5. Çabej 1965, 106. Es galt aber auch vor ihm schon als Lehrmeinung, daß die mit dem Alb. übereinstimmenden Elemente des Rumänischen Entlehnungen aus dem Albanischen seien.

 

6. Bahner 1970, 26.

 

7. Poghirc 1967, 28. Vor ihm schon hatte Schuchardt 1868 111, 43 erklärt: " ... die Eigentümlichkeiten, welche Albanesisch und Walachisch miteinander teilen, sind der Art, daß sie den Gedanken an eine späte Entlehnung ausschließen." Mit soziologischen Argumenten schließt Reichenkron 1959, 367 eine Entlehnung aus.

 

 

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Wie war die Situation? Unbestreitbar haben Albaner in älterer Zeit auch viel weiter nördlich gesiedelt, als sie es heute tun, was nicht bedeuten soll - und von der albanischen Forschung auch heftigst bestritten wird -, daß die Albaner in ihre heutigen Wohngebiete eingewandert seien [8]. Der für uns heute nachweislich am weitesten nördlich gelegene Punkt ist das alte Naissus > Nis, ca. 100 km nordöstlich von Priština. Der Name erweist sich durch den Lautwandel s > s als albanisch. Dieser Lautwandel kommt onomastisch noch zwei andere Male vor, nämlich bei Stip < Astibos, etwa 70 km südöstlich von Skopje, auch dort ist kein albanisches Wohngebiet mehr, und dann - allerdings schon ziemlich zentral gelegen - die Sar-Planina mit Sar < Scardus. Cabej verweist in diesem Zusammenhang auf eine Parallele in Dalmatien: Scardona, welches slawisch heute Skradin heißte. Der für das Albanische charakteristische Wandel von s > š ist relativ alt. Als frühester Termin kommt die Zeit nach der Übernahme der lateinischen Elemente in Betracht, da sie diesen Lautwandel zeigen, beispielsweise shendet < lat. sanitätem, wo außer s > š auch der sehr frühe Wandel von ä > e zu beobachten ist, dann das einzigartige kershendella "Weihnachten" Christi nataiia und viele andere [10].

 

Stattgefunden haben aber muß der Wandel noch vor dem Eintreffen der Slawen, also schätzungsweise im 7. bis 8. Jahrhundert spätestens, weil die Slawen diesen Lautwandel nicht kennen und ein vorgefundenes Naissus bei ihnen ein *Nesъ, ein Astibos ein *Ostiъ und ein Scardus ein *Skradъ ergeben hätte, so wie es ja in Dalmatien ähnlich vorkommt.

 

Natürlich wissen wir nicht, wie lange sich die Bevölkerung um Niš der Slawisierung widersetzt hat, fest steht nur, daß der Name in albanischer Lautung ins Slawische Eingang fand.

 

In diesem Zusammenhang soll darauf hingewiesen werden, daß nicht überall eine albanische Lautung ins Slawische übernommen worden ist. So geht der Name der mazedonischen Hauptstadt Skopje direkt auf antikes Scupi (m.pl.) zurück, während er alb. Shkup lautet. Ähnlich verhält es sich mit Skadar < antik Scodra, alb. aber Shkoder, von welchem Skok sogar annimmt, daß es auf eine slawische

 

 

8. Eingehende Erörterung bei Çabej 1974.

 

9. Çabej 1965, 105.

 

10. Çabej 1976-77 1, 280.

 

  

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Form zurückgeht und ein Masculinum und nicht, wie nach antiker Vorlage zu erwarten, ein Femininum ist [11].

 

Diese beiden Arten der Einverleibung eines antiken Namens ins Slawische lassen erkennen, daß auf einem Territorium von verhältnismäßig geringer Ausdehnung von zwei, vielleicht auch mehr dort gesprochenen Sprachen mal die eine, mal die andere dominieren konnte, und wir gut daran täten, für die damalige Zeit, also etwa das 5. bis 8. Jahrhundert nicht mit einer geschlossenen, homogenen Sprachendecke, sondern - um bei diesem Bild zu bleiben - mit einem bunten Flickenteppich von Sprachen und Idiomen zu rechnen. Vor allem sollten wir uns davor hüten, die Sprachen als ethnische Marken zu verstehen. Viel eher sieht es danach aus, als sei ihre regionale Verteilung auf sozio-ökonomische Faktoren zurückzuführen. Nebenbei: Der vermutlich sozio-ökonomisch bedingte sprachliche Flickenteppich ist für das balkanische Zentralgebiet - das ist die Vardar-Morava-Achse - nicht nur für das Mittelalter charakteristisch gewesen, vielmehr hat dieser Zustand bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts fortgedauert; denn wir wissen, daß die Bevölkerung in den Städten anders, nämlich in der Hauptsache griechisch gesprochen hat, als auf dem Lande, wo das Slawische dominierte [12]. Nach dieser Abschweifung zurück zu den rumänisch-albanischen Sprachbeziehungen. Die besonders von albanischer Seite unterstellte Entlehnung von albanischen Elementen ins Rumänische ist nicht plausibel. Auch aus lautlichen Gründen ist sie das nicht, und hier spielt u.a. der alb. Wandel s > s eine Rolle. Eines der Wörter, die als gemeinsames albano-rumänisches Erbgut akzeptiert sind, ist rum. strungä, alb. shtrunge "Melkpferch". Dieses Wort zeigt im Rum. anlautend str-, im Alb. shtr-, wäre es ein Lehnwort, wie Cabej annimmt, so müßte es in schon sehr früher Zeit nach Norden gekommen sein. Das ist bei diesem Worte aber nicht die einzige Schwierigkeit. Es gibt auch eine semantische. Cabej bringt das Wort mit dem alb. shtron "auslegen, ausbreiten" zusammen [13], so als ob der Melkpferch ein Stall zum Ausruhen des Viehs wäre. Es zeigt sich aber, daß es hier auf den Begriff der "Enge", des "Zusammenschiebens" ankommt; denn das Wort, welches sehr früh ins Slawische entlehnt worden zu sein scheint und im Skr. struga lautet, hat hier noch weitere Bedeutungen,

 

 

11. Skok 1973 Hl, 253.

 

12. Zur ethnischen Verteilung in Mazedonien zu Beginn dieses Jahrhunderts vgl. De Jong 1982, 91; Weigand 1924, Kap. 3. Zu den Kreisen Tetovo und Gostivar, wo die Slawen in der Minderheit waren vgl. Sinadinovski 1979, 496.

 

13. Çabej 1965, 110.

 

 

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nämlich: "Durchlaß durch einen Zaun", "Flußbett des Gebirgsbachs". Die mazed. Entsprechung lautet straga und wird semantisch folgendermaßen erklärt: "enge Öffnung im Stall oder im Zaun, durch die die Schafe vor dem Melken gelassen werden". Die hier offenbar dominierende Bedeutung "eng" führt uns zu den nächsten etymologischen Verwandten, und das sind: gr. strangós "gedreht, gewunden", lat. stringere "zusammendrehen", dtsch. streng u. Strang, und selbst das Alb. hat hier etwas anzubieten, nämlich shtrengon "zusammenpressen, zusammenschnüren", so daß Cabejs morphologische Gliederung in shtr- und ein ominöses Suffix -ung überflüssig wird. Shtrunge / strunga und das alb. Verbum shtrengon stehen in einem Ablautverhältnis genauso wie dtsch. streng mit e-und Strang mit o-Stufe. Da diese Wurzel von Nordwesten nach Südosten in Europa gut bekannt ist, besteht auch aus lexikalisch-geographischen Gründen kein Anlaß, rum. strunga als Entlehnung aus dem Alb. anzunehmen. Eine andere, ebenso akzeptierte Parallele ist rum. barzä, alb. bardhe, die sich auch semantisch unterscheiden. Das rum. Wort bedeutet "Storch", das alb. "weiß". Trotz dieses Unterschiedes ist die semantische Verwandtschaft unverkennbar. Eine Entlehnung aus dem Albanischen ist aus zunächst semantischen Gründen nicht gut zu vertreten; denn obwohl die Bedeutungen "Storch" und "weiß" verwandt sind, paßt "Storch" aus pragmatisch- geographischen Gründen nicht zum Albanischen, weil im Umfeld des Albanischen die Substantivierung immer auf Schafe und Ziegen weist. So haben wir in Prilep crnobarza bzw. sivo-barza "Schaf von schwarzer bzw. weißer Farbe", allgemein mazed. haben wir barz, barzav "Ziege mit weißen Streifen", skr. barzilo einfach "Ziegenbock", selbst arom. bardzu meint "weiß" in Bezug auf die Ziege.

 

Außer den eben genannten semantisch-pragmatischen Gründen gibt es auch noch lautliche, die eine Entlehnung nicht gerade wahrscheinlich machen. Rum. barzä bzw. alb. bardhe sind urverwandt mit dtsch. Birke uns slaw. *berza wie in russ. bereza, südslaw. breza, ebenfalls "Birke". Der wurzelauslautende Konsonant war ursprünglich ein palatales gh, das in den Centum-Sprachen als Verschlußlaut, vgl. dtsch. Birke, in den Satem-Sprachen als Spirans erscheint. Barzä und bardhe zeigen Satem-Vertretung, jedoch jeweils verschiedene: z im Rum., aber die dentale Spirans dh im Alb., wie es dort allgemein die Regel ist; denn die idg. Palatale k', g erscheinen im Alb. zumeist als th bzw. dh. Leider besteht keine Kenntnis darüber, ob diese beiden alb. Vertretungen ursprünglich oder Weiterentwicklungen aus s, z sind, da es nun aber den Wandel s > s im Alb. gibt, die

 

 

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Kontinuanten von idg. s und \i jedoch unterschieden bleiben, muß die Vertretung th < /c'noch früher liegen als s > š M/. Somit wird eine Entlehnung aus dem Alb. noch weniger wahrscheinlich. Das Paar barzä / bardhe ist nicht das einzige seiner Art. Es gibt noch andere Paare, wo auf rumänischer Seite z, auf albanischer dh vorliegt.

 

Schließlich gibt es noch einen dritten, sehr gewichtigen Grund, rum. barza als autochthon festzunageln. Das ist der aus der Antike bekannte Name Berzovia. Es handelt sich um den Namen einer Stadt an einem Flüßchen in den Banater Bergen, das heute als Bfrzava bekannt ist. Berzovia ist ein dakischer Name und bedeutet etwa "Birkenhain". Er zeigt die Komposition, wie sie aus dem Slaw. reichlich bekannt und in einer Unmenge von russischen und anderen Namen vertreten ist: russ. z.B. ßerezovo, südslaw. ßrezovo.

 

Der Name Berzovia und der des Flüßchens BTrzava geben Anlaß, sich zwischendurch wieder einmal dem Slawischen zuzuwenden. Es wird ja bisweilen behauptet, daß die Flußnamen Rumäniens allesamt slawische Formen seien, und als Beispiel pflegt der Name Olt genannt zu werden. Er geht auf ein antikes Alutus zurück und läßt sich in der Tat slaw. gut erklären, nämlich über Olbtb mit dem für das Slaw. als charakteristisch geltenden Wandel von (kurz) a > o [15]). Auch für die BTrzava wird eine slaw. Etymologie in Anspruch genommen. Man denkt an das südslawische, noch allenthalben gebräuchliche brzo "schnell", was sich seiner Semantik wegen als Flußname ganz gut eignen würde. In diesem Falle hätte die Benennung des Flüßchens slawischerseits und neu erfolgt sein müssen. Da nun aber Berzovia in eben dieser Gegend überliefert ist, haben die Slawen mit dem Namen unmittelbar nichts zu tun. Wären sie nämlich auf ein Berzovia gestoßen, so hätte es bei ihnen unweigerlich zu einem *ßrezovo

 

 

14. Daß sich alb. tri / dh für idg. *k' / *g nicht aus einer Stufe s /z, sondern in gerader Linie entwickelt haben, legen historisch belegbare lautgeschichtliche Überlegungen am Span, und Port. nahe. Lat. lucem ist im Span, als luz (gesprochen luth), im Port, als luz (gespr. luš < lus) vertreten. Das setzt eine späte lat. Lautung lutz- mit einer Palatalisierung des k vor e voraus, wie wir sie aus dem Slaw. als sog. 2. Palatalisierung kennen. So gesehen, wären span. th I port. s < tz artikulatorische Vereinfachungen einiger Affrikate. Im Falle von s < tz, was man ziemlich häufig findet, vgl. z.B. Berlinerisch polissei statt Polizei, bestände die Vereinfachung in der Aufgabe des Verschlußlautes, d.i. t, der Affrikate; im Falle von ih < tz bestände die Vereinfachung in einer Spirantisierung der Artikulation, d.h. Beibehaltung der Artikulationsstelle des t, zugleich aber dessen Spirantisierung, so, wie sie das s hat. Wie mit spätlat. tz < k'kann es mit idg. *k'und *g auch gewesen sein. Es gab vermutlich einen Palatalisierungseffekt: tz, mit darauf folgender Vereinfachung entweder s / z wie z.B. im Slaw., oder zu th / dh, wie im Alb.

 

15. Poghirc 1967, 25 setzt einen einheimischen, nichtslawischen Wandel a > o an und verwirft slaw. Vermittlung einer ganzen Reihe von Flußnamen.

 

 

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kommen müssen, vor allem auch, weil ihnen die Form Berzovia semantisch durchsichtig gewesen sein mußte. Die Slawen hätten ähnlich gesagt: *Berzova. Der Name des Flusses zeigt aber keine Metathese. So kann hier ein einheimischer Lautwandel е > а > í (vor r) angenommen werden.

 

Auch für Dazien wird also gelten, was für Mazedonien und Südserbien schon aufgefallen war: Auch dort hat es kein sprachlich homogenes Gebiet, sondern einen - wie ich sagte - sprachlichen Flickenteppich gegeben. Am sichersten sind die rum.-alb. Gleichungen immer dann, wenn sie onomastische Unterstützung finden, so wie wir es eben bei barza, bardhe, Berzovia kennengelernt haben. Von dieser Sorte gibt es mehrere, auch strungä, strunghe gehört wohl dazu, da es ein thrak. Toponym Stronges gibt.

 

Ich bin auf die sprachwissenschaftlichen Umstände der rumänisch-albanischen Wortgleichungen etwas näher eingegangen, um vorzuführen, wie dieser Problemkreis methodologisch am saubersten beherrscht werden kann. Dabei spielen neben den Beschaffenheiten des Ausdrucks auch die bisher stark vernachlässigten semantischen Faktoren eine Rolle. Die Vorführung der Einzelheiten diente aber auch dem Zweck, die Grenzen der Leistungsfähigkeit abzustecken. So können wir mit einigem Anspruch auf Wahrhaftigkeit behaupten, daß es im Rumänischen eine Reihe autochthoner Wörter gibt, die sich vermutlich deshalb gehalten haben, weil sie etwas für die sozio-ökonomische Situation der Bevölkerung Charakteristisches bezeichneten, und es wäre die Aufgabe der Gelehrten, in dieser Richtung weiterzuforschen, denn nur so ließen sich Informationen über Menschen beschaffen.

 

Dagegen halte ich es für vollkommen unergiebig, sich darüber zu streiten, welcher Sprache diese Wörter angehört haben mochten. Allgemein wird ja gemeint, es handele sich um alte dakische Elemente. Dagegen ist solange nichts einzuwenden, wie "dakisch" als geographischer Begriff verstanden wird und ebenso dann selbstverständlich auch "thrakisch", das aber pflegt nicht so gesehen zu werden, und damit ist der Streit vorprogrammiert.

 

Über das Verhältnis zwischen "Dakisch" und "Thrakisch" gibt es zwei Meinungen. Nach der einen handelt es sich um ein und dieselbe Sprache, nach der anderen, prononciert von Georgiev vorgetragen, um zwei verschiedene Sprachen [16]. Auch hierzu einige Auskünfte:

 

 

16. Das Folgende nach Georgiev 1977, 205 ff.

 

 

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Im fraglichen Raum, also im östlichen Südosteuropa, werden zwei Sprachen angesetzt: das Dakische nördlich, das Thrakische südlich der Donau. Aus Gründen, die ich nachher noch erläutern werde, halten wir uns nicht an den Begriff "Sprache", sondern fragen einfach danach, ob es Anzeichen dafür gibt, daß nördlich und südlich der Donau verschieden gesprochen wurde, wobei es uns auf den Grad der Verschiedenheit nicht ankommen soll. Er kann größer, aber eben auch geringer gewesen sein. Folgen wir Georgiev, und es besteht in einigen Punkten kein Anlaß, es nicht zu tun, so hat es Unterschiede gegeben. Zu nennen wären hier:

 

1. Altes idg. kurzes е scheint im Dak. zu ie diphthongiert worden zu sein. So ist der Name der Bessert sowohl aus Dazien wie aus Thrazien überliefert. Als da-kischer Stammesname lautet er Biessoi, als thrakischer u.a. Bessoi. Aus diesem und einigen anderen Beispielen kann abgeleitet werden, daß die Diphthongierung südlich der Donau unterblieben ist.

 

2. idg. é scheint im Dakischen über eine Zwischenstufe ä zu a geworden zu sein. Hierfür spricht die Verteilung der Namen mit der Komponente -dava < deva, welches "Burg" bedeutet, z.B. Sucidava. Im thrakischen Gebiet hingegen haben wir e > i. So im Namen der Stadt Plovdiv, der auf Pulpudeva zurückgeht, das seinerseits wieder eine thrakische Übersetzung von Philippo-polis ist.

 

3. scheint es im Thrakischen eine der germanischen vergleichbare Lautverschiebung gegeben zu haben, wonach die Tenues zu Tenues aspiratae, die Mediae zu Tenues verschoben worden sind. Diese Lautverschiebung scheint in Dazien unbekannt gewesen zu sein.

 

Mit diesen halbwegs fundierten Erkenntnissen wird man sich zufriedengeben müssen. Alles andere ist von Übel, so z.B. das Albanische ans Dakische anzukoppeln, weil es die Diphthongierung e > je, wie z.B. in pjek "backen, braten" kennt und diese Erscheinung mit der aus lateinischen Wörtern des Rum. bekannten Diphthongierung e > ie, wie in piept < pectu- "Brust" zu verbinden, und geradezu abenteuerlich wird es, aufgrund solcher und anderer noch weitaus unsicherer Erscheinungen, das Albanische für den Fortsetzer des Dakischen auszugeben, die sog. Urheimat der Albaner irgendwo an der Donau anzusetzen und ihnen ihre Autochthonität in ihren heutigen Wohngebieten zu bestreiten. Daß das zu heftigsten Reaktionen der Albaner führen muß, braucht hier nicht ausführlich dargestellt zu werden.

 

 

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Das Übel besteht nun nicht einfach darin, daß das Material für so weitreichende Schlüsse viel zu dünn ist. Unsere Kenntnisse vom Thrakischen sind trotz fleißiger Erhebungen immer noch außerordentlich dürftig, und sie werden es vermutlich auch bleiben [17]. Wie es mit dem Dakischen gewesen sein soll, wissen wir noch weniger. Es darf auch nicht unterschlagen werden, was jedem Linguisten selbstverständlich ist: Sprache besteht nicht nur aus Vokalen und Konsonanten. Sie umfaßt noch etliches mehr, und das bleibt unbekannt. Es ist vollkommen aussichtslos, an Hand von etwa drei Dutzend semantisch alles andere als klarer Wörter über den Wortschatz der Daker befinden zu wollen, wo eine Mundart heute mit ca. 17.000 Wörtern veranschlagt wird. Selbst wenn man die Mundarten der Antike so hoch zu veranschlagen Hemmungen hat und sich mit der Hälfte vielleicht begnügt, wären es doch weitaus mehr, die man brauchte, um ein einigermaßen zuverlässiges Bild zu erhalten.

 

Hinzu kommt dann noch etwas anderes: Selbst wenn wir in der glücklichen Lage wären, den dakischen bzw. thrakischen Wortschatz in verwertbarem Umfange zu kennen, könnten wir doch wieder nicht sicher sein, daß nun alles wirklich auch dakisch oder thrakisch und nicht vielleicht wieder etwas Drittes, noch weit weniger Bekanntes wäre. Um das zu verdeutlichen, rede ich kurz vom "Esel". Das auf dem Balkan heute übliche Wort lautet magar- in verschiedenen Varianten, zu denen auch alb. gomár (neben magár) und griech. gomári gehört, was allerdings einfach "Lasttier" bedeutet, ansonsten gaľdaros. Magar- widersetzt sich jedem Etymologisierungsversuch, so daß der Gedanke nicht fern liegt, es handele sich um ein Uraltwort, nicht einmal womöglich mehr idg. Herkunft [18]. Kompliziert wird die Situation aber noch dadurch, daß auch das in den westlichen Sprachen und im Nordslawischen übliche, auf lat. asinus zurückgehende Wort ebenfalls auf dem Balkan zentriert gewesen zu sein scheint, so daß es dort zeitweilig zwei Bezeichnungen für den Esel gegeben haben dürfte, und dieses Wort genauso wie magar etymologisch dunkel geblieben ist. Man bringt es mit arm. éš zusammen, daß die Turkologen nicht ohne einiges Zögern mit esek verbinden. Mehr als solcherart Mutmaßungen läßt sich über magar und asinus nicht mitteilen.

 

 

17. Daß sie über eigentlich nur ärmliches Material verfugen, ist den Linguisten nicht unbekannt geblieben, vgl. z.B. einschlägige Bemerkungen bei fabej 1965, 106; Poghirc 1967, 22; Bahner 1970, 24 u.a.m., doch habe icli nicht den Eindruck, als hätten sie bei ihren Erhebungen eine dieser Einsicht auch entsprechende Vorsicht walten lassen.

 

18. Was Çabej 1976-77 I, 329 hierzu vorträgt, ist weit entfernt davon, zu überzeugen.

 

 

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Ich habe an diesem Beispiel zu demonstrieren versucht, wie wenig sinnvoll es auch für die Praxis ist, das Material nach Einzelsprachen zu klassifizieren, worauf es allein ankommt, ist die Feststellung von Bezügen innerhalb des Materials. Die Klassifizierung nach Einzelsprachen ist aber auch von grundsätzlichem Übel, da nämlich, was eine Sprache sein soll, linguistisch nicht definierbar ist [19].

 

Nach den dürftigen Einsichten, die über die antiken Sprachverhältnisse auf dem Balkan gewonnen werden konnten, darf allein vermutet werden, daß es nördlich und südlich der Donau sprachliche Unterschiede gegeben hat. Wie stark sie waren, läßt sich nicht einmal annäherungsweise sagen. Halten wir uns an die Entwicklung des e, im Norden Diphthongierung, im Süden nicht, so kämen wir auf den Unterschied, wie er uns etwa zwischen dem Kroatischen und dem Serbischen geläufig ist, nehmen wir andererseits die Entwicklung der Konsonanten, im Süden Lautverschiebung, im Norden nicht, so erinnern wir uns an das Verhältnis zwischen dem Nieder- und dem Oberdeutschen.

 

Selbstverständlich kann, wer will, beim Auftreten sprachlicher Differenzen von verschiedenen Sprachen sprechen, nur ist das insofern eine riskante Sache, als ja mit "Sprache" nicht einfach nur sprachliche Differenzen, sondern weitaus mehr gemeint ist, was über sprachliche Tatbestände hinausgeht. Unweigerlich verbindet man mit "Sprache" auch "Volk", und das ja nicht nur assoziativ, sondern weil, einer fast zweihundertjährigen Indoktrination zufolge, beide Begriffe - sofern man das überhaupt so sagen darf - füreinander stehen. Wer also "Sprachen" entdeckt, hat zugleich "Völker" gefunden. Da man sich nun aber Völker nicht anders als innerhalb eines geschlossenen Wohngebietes vorstellen kann, wird mit einer Behauptung wie, "Dakisch" und "Thrakisch" seien verschiedene Sprachen gewesen, unausgesprochen und darum tückischerweise nicht hinterfragbar die Meinung kolportiert, die fraglichen Gebiete seien homogen von verschiedenen Völkern besiedelt gewesen. Damit wird ein Bild vermittelt, das für eine sachgerechte Beurteilung der Verhältnisse keinen Raum bietet, ja schlimmer noch, uns keine Chance läßt, unser Erkenntnisinteresse über das Völkische hinaus auf das Leben und Treiben von Menschen zu richten; denn mit dem Volke ist Endstation. Auf diese Weise erhalten wir vom Balkan das Bild flächendeckender Völker, die sich, wenn sie auf Wanderschaft gehen, wieder nur flächendeckend verschieben

 

 

19. Ausführlicher dazu Reiter 1984, §160.

 

  

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und bei dieser Bewegung so wie die Kontinentalplatten aneinanderstoßen und in Konflikt geraten. Es besteht aller Anlaß anzunehmen, daß das so nicht war. Die Philologen und unter ihnen besonders die Substratforscher sind also darauf aus, mit ihren Untersuchungen Völker zu entdecken. Das ist der Sinn ihrer Bemühungen, und sie brechen in Jubel aus, wenn sie den Eindruck haben, ein verschollenes Volk wiederentdeckt zu haben, so wie Günter Reichenkron seinerzeit, welcher davon überzeugt war, dem Volk der Dakoslawen [20] und damit der -weiß ich wievielten - slawischen Sprache auf die Spur gekommen zu sein, und das eigentlich mit nicht viel mehr als dem rumänischen Wort für "Schnee", welches zäpadä lautet und unverkennbar zum Slawischen paßt [21]. Daß es slawisch überall nur snégъ heißt, war ihm zwar bekannt, doch hat ihn dieser Umstand nicht zur Vorsicht gebracht, gerade das Gegenteil war der Fall. Eben weil es ansonsten snégъ ist, war ihm das Vorhandensein des zäpadä Grund genug, an eine verschollene slawische Sprache zu glauben. Nun hat zäpadä aber eine verblüffende Ähnlichkeit mit dem alb. Wort für "Schnee", welches debore lautet, ein Verbalnomen zu debon "verjagen, vertreiben" ist und zum Grundverbum bie "fallen" gehört, und damit sind wir bei der Übereinstimmung mit zäpadä, dessen Wurzelsilbe -päd- ebenfalls "fallen" bedeutet. Somit wäre zäpadä umschrieben das, was vom Himmel fällt, wie man es ja auch auf skr. sagt: snijeg pada "es schneit".

 

Was sich mit rum. zäpadä zu erkennen gibt, ist keine verlorengegangene slawische Sprache, als viel eher die Übersetzung eines einheimischen Wortes ins Slawische, vermutlich durch Leute, die die alte Sprache noch gekonnt haben und allmählich zum Slawischen übergegangen waren.

 

Nicht nur dieses Beispiel läßt vermuten, daß die auf dem Balkan eingewanderten Slawen, worunter man sich meiner Meinung eingedenk kein Volk vorstellen darf, an vielen Orten auf thrakisch bzw. dakisch sprechende Bevölkerung gestoßen sind, ganz besonders auf dem Ostbalkan, im Westen und natürlich entlang der Küste haben die Einheimischen romanisch gesprochen. Das Slawische im Westen scheint andere Verbindungen eingegangen zu sein als das im Osten, nur so lassen sich die gravierenden Unterschiede zwischen dem West- und dem Ostbalkansla-wischen erklären.

 

 

20. Reichenkron 1941, 159 äußert sich so: "Hat es nun ein Dakoslawentum, also ein besonderes Slawentum, auf dem Boden des alten Daciens gegeben? Ich glaube wohl."

 

21. Hierzu Reichenkron 1941, 155 f.

 

 

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Eine geschlossene homogene Sprachendecke hat es aller Wahrscheinlichkeit nicht gegeben. So wie sie sich uns heute präsentiert, dürfte sie verhältnismäßig jungen Datums sein. Wir dürfen uns auch nicht von der schriftlichen Überlieferung täuschen lassen, was wir an Altserbisch oder Mittelbulgarisch kennen, stammt aus räumlich punktuell angefertigten Schriftstücken. Das Gesetzbuch des Zaren Stefan Dusian hat Beziehung zum Königshof, und vermutlich haben Schreiber und Verfasser bzw. Übersetzer in dessen Nähe gewohnt. Sie konnten Slawisch. Wie aber schon ein paar Dörfer weiter gesprochen wurde, wissen wir nicht. Daß es ebenfalls slawisch gewesen sei, dafür gibt es keine Garantie.

 

 

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