Die Volker Südosteuropas im 6. bis 8. Jahrhundert

Südosteuropa Jahrbuch, 17. Band (1987)

 

4. Frühe slawische Elemente im Namensgut Griechenlands.

 

Phaedon Malingoudis, Thessaloniki

 

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Einer der Hauptfaktoren, der die Transformierung der spätantiken Weltordnung auf der Hämus-Halbinsel verursacht und gleichzeitig eine Kosmogonie mit bis in unsere Gegenwart wirksamen Folgen eingeleitet hat, ist die Einwanderung und die anschließende permanente Niederlasssung der Slawen, eines neuen Ethnikums in jener europäischen Region. Augenzeugen dieses historischen Prozesses waren die griechischschreibenden Chronisten des 6.-8. Jhs. von Byzanz, Vertreter der einstigen Weltmacht jener Epoche, die in ihren Schriften eher bemüht waren, ihre Vorbilder, die Historiker der klassischen Antike, nachzuahmen, und weniger, die Ereignisse ihrer Zeit objektiv zu registrieren.

 

Die Historiographie unserer Zeit, vor allem die Vertreter jener slawischen Völker, deren Anfänge in diesen byzantinischen Geschichtsquellen festgehalten sind, hat früh genug diese Zeugnisse erforscht und ausgewertet. Die Historiographie der jüngsten Zeit hat zudem auch den Wert eines anderen Quellenkreises erkannt und sich dessen Erforschung gewidmet: es sind dies die objektiven Zeugnisse, die von den Einwanderern stammen und auf uns ohne das Medium eines Chronisten, also vom menschlichen Willen unabhängig übergekommen sind. Von der Erforschung dieser objektiven Zeugen, der Überbleibsel der materiellen Kultur der Einwanderer, d.h. über die neuesten Errungenschaften der slawischen Archäologie aus den Ländern der Hämus-Halbinsel ist gleichfalls andernorts ausführlich die Rede.

 

In meinem Beitrag werde ich mich bemühen, den historischen Wert eines weiteren Kreises von objektiven Zeugen, die toponymische Hinterlassenschaft der slawischen Einwanderer im Namensgut des griechischen Raumes zu behandeln. Die historische Sprachwissenschaft hat spätestens seit dem Erscheinen des Pionierwerks von M. Vasmer [1] den Wert des slawischen Ortsnamengutes von Griechenland, insbes. des südlichen Griechenlands, für die Geschichte der slawischen Sprachen erkannt: so gelten die in der griechischen Toponymie petrifizierten slawischen Ortsnamen als die frühesten Sprachreste im gesamtslawischen Sprachraum; manche von ihnen stammen gar aus der Einwanderungszeit, also aus dem 6.-7. Jh. In der Geschichtswissenschaft hingegen wurden (von vereinzelten Versuchen, die m.E. als mißlungen zu bezeichnen sind, abgesehen) diese

 

 

1. M. Vasmer, Die Slawen in Griechenland (Berlin 1941). Im folgenden abgekürzt zitiert: MV.

 

 

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objektiven Zeugen bisher nicht ausgewertet. Und so werde ich mich im folgenden bemühen, anhand von einigen Beispielen aus dem frühen slawischen Namensgut des südgriechischen Raumes, den Aussagewert dieser objektiven Zeugen für die Geschichte der slawischen Einwanderer hervorzuheben, wobei ich auf folgende drei Fragen eingehen werde: 1) Läßt sich das Vorhandensein einer eingesessenen, nicht griechischsprachigen

 

Bevölkerung in jenen Regionen Griechenlands, die später nachweislich von Slawen besiedelt wurden, feststellen?

 

2) Wie kann man die einzelnen Siedlungsareale des griechischen Raumes, in denen die slawischen Einwanderer ihre Identität für eine längere Zeit behaupten konnten, umgrenzen?

 

3) Wie war der Stand der Entwicklung in der materiellen Kultur der slawischen Einwanderer und welche Wirkungen hatte diese Einwanderung auf die Ökonomie der griechischen Provinzen im byzantinischen Reich?

 

Zu 1)

 

Der Ortsname (ON), den wir jetzt behandeln werden ist nicht slawisch, seine Aussagekraft im Hinblick auf unsere Problematik ist jedoch einzigartig: bezeugt ist er um die Mitte des 9. Jhs. im Zeremonienbuch von Konstantin Porphyroge-netos. Es wird dort beschrieben, wie der Kaiser Michael III. (842-867) eine Delegation von Slawen aus dem Verwaltungsbezirk (αρχοντιά) von Thessaloniki zur Audienz empfangen hatte. Diese Slawen stammten, den Angaben von Porph. zur Folge, aus einem Gebiet, welches Σουβδελιτία genannt wurde und in der Nähe eines Berges gelegen war [2]. Will man das Etymon dieses ON feststellen [3], so muß man zuerst konstatieren, daß die von Porphyrogenetos überlieferte Form sich, aufgrund des griechischen Suffixes -ία, als ein nomen loci erkennen läßt, welcher im Griechischen aus einem Einwohnernamen entstanden ist: Σουβδελιτία d.h. das Gebiet der Σουβδελΐται. Dieser Einwohnername (Sing. Σουβδελίτης) stellt wiederum eine

 

 

2. Constantini Porpyrogeniti, De cerimoniis aulae byzantinae, rec. I.I. Reiske, Bd. 1 (Bonn 1829) 634-635. Zur Lokalisierung vgl. 1. Karayannopulos, Η επικοινωνία Θεσσαλονίκης- Κωνσταντινουπόλεως κατά τους 7-9-αί· Επιστ. Επετηρίς της Φιλοσοφικής Σχολής Πανεπιστημίου Θεσσαλονίκης 26 (1984) 220-221.

 

3. Der Ortsname hat entgegen der seit P.J. Schafarik, Slawische Alterthümer II (Leipzig 1847) 194, 122 wohl allgemein verbreiteten Ansicht mit dem Ethnonym Σαγουδατοι nichts zu tun. Der vermeintlichen Entwicklung etwa Σαγουδατία - Σουβδελιτία stünden unüberwindliche phonetische Hindernisse entgegen.

 

 

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ganz gewöhnliche Bildung im Mittel- und Neugriechischen dar: entstanden ist er aus einem ON fremden Ursprungs mittels des griechischen Suffixes -ίτης (Plur. -ιται). Man vgl. analog: Έζεριταi (slaw. Stamm auf der Peloponnes, bezeugt im 9. Jh. [4] zu slaw. "ezero" = "See", Βελεγεζΐται (slawischer Stamm in Thessalien, bezeugt im 7. Jh.) zu slav. Velejezd [5], Καναλΐταi (slaw. Stamm in Dalmatien, bezeugt im 7. Jh. [6] zu lat. canalis usw [7]). Σουβδελυτiα ist also aus einem nichtgriechischen ON mittels griechischer Suffixe entstanden: 'Sub-' 'del-', hierin steckt die lateinische Präposition 'sub' und das Appelativ 'del', ein Substratwort, welches die romanisierten Autochthonen den Slawen auf dem Balkan sowie in der rumänisch-slawischen Kontaktzone des Karpatenraums mit der Bedeutung "Berg, Hügel" entlehnt habend. Der ON 'Subdel-' ist ein geographischer Terminus balkanromanischen Ursprungs und dem slawischen 'pod-gora' semantisch äquivalent. Ein zusätzliches Argument für die soeben vorgeschlagene Herkunft liefert uns die Phonologie der überlieferten Form: wir wissen, daß das Balkanlateinische, der Vorläufer des Rumänischen, als einzige romanische Sprache die Labialkonsonanten vor den Dentalen bewahrt hat. In dieser Sprache ist das in allen übrigen romanischen Sprachen geltende Gesetz der Assimilation nicht eingetreten. Folgerichtig wurde auch das labiale 'b' vor den Dentalen in 'Sub-deľ bewahrt [9]. Unsere Etymologie findet ferner auch von der semantischen Seite her eine feste Stütze im Text von Porphyrogenetos, denn es wird dort bezeugt, daß sich Σουβδελιtiα in der Nähe eines Berges befand. Welche Konsequenzen kann nun der Historiker aus der Identifizierung der sprachlichen Herkunft dieses ON ziehen?

 

Nun, es genügt zu erwähnen, daß die erste ausdrückliche Bezeugung von Vlachen in den erzählenden Quellen ganze 100 Jahre später geschieht (im Jahre 976) [10].

 

 

4. Vgl. darüber zuletzt Ph. Malingoudis, Studien zu den slawischen Ortsnamen Griechenlands 1. Die slawischen Flurnamen der messenischen Mani, Akad. Wiss. u. Lit. Mainz, Abh. der Geistes- und Sozialwiss. Kl. Jg. 1981, Nr. 3 (Mainz-Wiesbaden 1981) 16 ff, im folgenden zitiert als: Malingoudis, Studien.

 

5. Vgl. dazu zuletzt Ph. Malingoudis, Balkan Studies 22,2, 1982, 253-254.

 

6. Constantin Porphyrogenitus, De administrando imperio, hrsg. Gy. Moravcsik, Bd. I (Budapest 1949) Kap. 34, S. 162.

 

7. Zur Funktion des Suf. -ίτης für die Bildung von Ethnonymen im Griech. vgl. K. Dietrich, Die Suffixbildung im Neugriechischen. Balkan Archiv 4, 1928, 150.

 

8. Darüber zuletzt Malingoudis, Studien 122.

 

9. Vgl. dazu H. Weinrich, Phonologische Studien zur romanischen Sprachgeschichte (Münster 1958) 228-229.

 

10. Scylitzae, Synopsis Ilistoriarum, rcc. I.Thurn (Berlin-New York 1973) 329,80.

 

 

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Bis zu diesem Datum lassen uns unsere Quellen nur Vermutungen über dieses Volk anstellen. Der ON Σουβδελιτία darf also als das älteste direkte Zeugnis aus der Vergangenheit dieses Volkes gelten. Ferner liefert uns das Vorhandensein dieses Ortsnamens im Hinterland von Thessaloniki ein Argument für die These, daß die Slawen bei ihrer Ankunft in jener Gegend im 7. Jh. nicht nur griechischsprachige Bevölkerung vorgefunden haben, sondern auch romanisierte Autochthonen, welche sich im Laufe der Zeit assimiliert haben. Das Vorhandensein des balkanromanischen ON Σουβδελιτία in einer Gegend, welche nachweislich im 9. Jh. von Slawen bewohnt wurde, setzt ein vorhergegangenes koareales Zusammenleben der beiden Ethnika der Slawen und Vlachen voraus, ein Detail der historischen Ethnographie, welches nicht in unseren schriftlichen Quellen zu finden ist.

 

Zu 2).

 

Auf die zweite Frage wird hier nur kurz eingegangen, da wir sie bereits in extenso im Rahmen schon veröffentlichter Arbeiten behandelt haben [11]. Bei der Sichtung des Flurnamenmaterials einer Großregion, z. Β. der Peloponnes, lassen sich Gegenden feststellen, in welchen slawische Flurnamen nicht nur vorhanden sind, sondern sich auch als Teile eines slawischen mikrotoponymischen Systems erkennen lassen. In jenen Gegenden, wo dieses mikrotoponymische System mit Mitteln der Onomastik nachweisbar ist, kann man von einer Niederlassung slawischer Sprachträger im Mittelalter sprechen. Eine Frage nun, die den Historiker besonders interessiert, ist die Datierung solcher Funde: Kann man das Alter dieser slawischen mikrotoponymischen Systeme feststellen? Ich möchte diese Frage bejahen: die im Griechischen petrifizierte phonologische Form des slawischen ON kann uns in vielen Fällen Kriterien für eine relative Datierung eines gegebenen mikrotoponymischen Systems liefern. Ein Beispiel: der mittelalterliche Name von Pylos lautet Άβαρινος (neugriech. Ναναρίνο), ein ON, wie Vasmer [12] mit Recht festgestellt hat, aus der slav. 'avorьnъ' entstanden ist (zu 'avorъ' = "Ahorn, acer pseudoplatanus") und eine sehr altertümliche Vertretung der slawischen Laute aufweist: slaw. 'о' wird im Griech. mit 'a' wiedergegeben; der slaw. reduzierte Vokal muß zur Zeit der Übernahme noch im Slawischen vorhanden gewesen sein, denn er wurde noch von den Griechen als ein 'i' gehört.

 

 

11. Malingoudis, Studien 174 ff; ders., Toponymy and History. Observation concerning the Slavonic Toponymy of the Peloponnese. Cyrillomethodianum 7 (1983), 99-111.

 

12. MV 160.

 

 

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In Ortsnamen dagegen, die zu einer späteren Zeit übernommen wurden, wird slaw. Ό' im Griechischen ebenfalls durch Ό' wiedergegeben, während die Vertretung des reduzierten Vokals nicht mehr vorhanden ist, da dieser Laut inzwischen im Slawischen auch nicht mehr vorkam. Dieser spätere Zustand ist in den Flurnamen "Αβορνος und "Αβορνα zu finden, die insgesamt viermal in einem Gebiet Lakoniens vorkommen und in einem slawischen mikrotoponymi-schen System nachweisbar sind [13].

 

Wir können also in dem genannten Fall annehmen, daß in dieser Gegend das Slawische auch nach dem Verlust der reduzierten Vokale gesprochen wurde und daher hier mit einer längeren Anwesenheit von slawischen Sprachträgern zu rechnen ist. Diese Feststellung ist für die Einschätzung des Hellenisierungspro-zesses der Slawen auf der Peloponnes wichtig.

 

Zu 3).

 

Die dritte Frage werde ich zu beantworten versuchen, indem ich anhand von Beispielen aus der slawischen Toponymie Griechenlands folgende zwei Thesen erläutern werde:

 

a) Die ökonomische Grundlage der slawischen Stämme, die sich im griechischen Raum seit dem 6. oder 7. Jh. (die leidige Thematik der Chronologie ist für unsere Fragestellung ohne Belang) niedergelassen hatten, war die Landwirtschaft. Die Neuankömmlinge waren weder Nomaden, (wie die Awaren oder die Protobulgaren) noch transhumierende Hirten (wie die Vlachen) sondern Ackerbauern, die, nachdem sie nutzbares Land in den neuen Gebieten gefunden oder neues erschlossen hatten, ansässig wurden.

 

b) Die Ankunft der slawischen Landnahmegruppen in den griechischen Provinzen des byzantinischen Reiches bedeutete für diese Gebiete keinen Kontinuitätsabbruch im Bereich der materiellen Kultur, insbesondere in der Fortführung der agrarischen Nutzung des Landes und in der Herstellung oder im Tausch handwerklicher Produkte (landwirtschaftliche Ausrüstung, Gegenstände aus bearbeitetem Rohmaterial). Da die Ökonomie der slawischen Zuwanderer nicht unterschiedlich von derjenigen der eingesessenen griechischen Bevölkerung war, kam es zu einer Symbiose, einem Prozeß von wechselseitigen Beziehungen zwischen slawischem Adstrat und griechischem Substrat.

 

 

13. Über die slawischen Flurnamen Lakoniens, den mittelalterlichen Siedlungsraum der Ezeri-ten, bereitet Verf. eine Untersuchung vor.

 

 

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Die slawische Komponente dieses Phänomens, die Übernahme aus dem Bereich der materiellen Kultur, spiegelt sich in den entsprechenden slawischen Lehnwörtern des Mittel- und Neugriechischen wider.

 

zu a). Eindeutige, wenn auch spärliche Angaben der byzantinischen historischen Quellen des 6. und 7. Jahrhunderts liefern uns Hinweise, daß die Slawen an der unteren Donau noch am Vorabend ihrer Ankunft in Griechenland Ackerbauern waren. Nachrichten aus dem gleichen Quellenkreis besagen ferner, daß manche auf griechischem Boden ansässigen slawischen Stämme bereits im 7. Jh. mit dem Mehrprodukt ihrer landwirtschaftlichen Produktion handelten [14]. Diese Angaben unserer schriftlich überlieferten Quellen lassen sich durch das Zeugnis der slawischen Ortsnamen Griechenlands ergänzen. Zur Illustrierung dessen seien die in diesem Raum nachweisbaren ON, die aus der semantischen Sphäre der Rodungstätigkeit entstanden sind, erwähnt. Solche Namen sind bekanntlich ein ernstzunehmendes Indiz dafür, daß die Namengeber permanente Niederlassungen zu gründen beabsichtigten. Wie Erfahrungen aus anderen Gebieten zeigen, "ist der älteste Besiedlungsvorgang und die älteste Anlage von Feldern mit einem Rodungsvorgang verbunden" [15]. In der bisher bekannten slawischen Toponymie Griechenlands lassen sich folgerichtig primäre Rodungsnamen nachweisen:

 

1. 'trebiti' = "roden", ON 'Trébica' - Τερτάτσα [16]) und Trébina - Στρεβίνα [17];

 

2. 'къгс' (vgl. poln. karcz = "Baumstumpf", russ. korč. = "ausgegrabener Baumstumpf", korčeva = "Rodeland", sbkr. krčevina = "dass.") Κάρτσιοβα [18], Κάρτζοβα [19], Κρίτζιοβα [20], alle auf 'kъrčova' zurückzuführen, vgl. ferner Κουρτσούνα [21].

 

 

14. Ausführlicher darüber: F. Malingoudis, Beležki vŭrchu materialnata kultúra na rannoslavjanskite plemena v Gŭrcija. Istoričeski Pregled 41, 1985, 64-71.

 

15. J. Herrmann, Siedlung, Wirtschaft und gesellschaftliche Verhältnisse der slawischen Stämme zwischen Oder/Neisse und Elbe (Berlin 1968) 79-80; vgl. auch E. Eichler, Slawische Wald-und Rodungsnamen an Elbe und Saale. Beiträge zur Namensforschung 9, 1958, 286 ff.

 

16. MV 76.

 

17. MV 60.

 

18. Flurname des Dorfes Kato Meligu, Kynurien, Pelop.

 

19. Flurname bei Tripolis, Pelop.

 

20. Flurname des Dorfes Vourvoura, Kynurien, Pelop.

 

21. Dorf in Lakonicn, umbenannt in Vasiliki und Flurname der messenischen Mani (Malingoudis, Studien 60).

 

 

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Auf Brandrodung weisen folgende ON hin: Αγορελίτσα, ein Dorf in Triphylien, dessen Etymon wie das der Stadt Görlitz auf slawisch 'Gorélica' zurückzuführen ist, zu 'goréti' = "brennen". Ebenso könnte der ON Ζγκάρι [22] aus goréti stammen. Aus dem Verb paliti = "brennen" ist der Flurname Παλινά [23] entstanden. Aus slaw. žarbcb zu žarb = "Hitze, Glut" ist der ON Ζαρίτοι zu erklären [24]. Auf Brandrodung weist auch der ON Ζυγοβitiτι hin, das durch volksetymologische Anlehnung an griech. ζυγός (Joch) aus dem slawischen nomen loci 'Zegovište' (zu 'žego' = "brennen") entstanden ist. Hier sei ein kurzer Exkurs gestattet, um den Aussagewert der Mikrotoponymie für die Siedlungsgeschichte zu demonstrie-ren. Die soeben vorgeschlagene Etymologie Ζυγοβιστι - 'Zegovište' wäre für unsere Fragestellung ohne Belang, stünde dieser slawische ON isoliert inmitten einer griechischen Toponymie. Um diese Etymologie glaubhaft zu machen, muß erst nachgewiesen werden, daß das Flurnamenmaterial dieser Region deutliche Spuren der Anwesenheit von slawischen Sprachträgern in der Vergangenheit aufweist. In der Tat lassen sich unter den ca. 140 Flurnamen des Dorfes Zygovisti, das im westlichen Arkadien in Gortynien in einer Höhe von etwa 1000 m auf dem Berg Mainalon gelegen ist, 10 primäre slawische Bildungen nachweisen, darunter vier possessivische Bildungen mit dem Suffix Όνο', eine mit dem femininen Suffix 'bja' sowie direkte Bildungen aus solchen slawischen Appellativa wie 'izvor' = "Quelle" und 'čuka' = "Berggipfel", die es nicht als Lehnwörter im Neugriechischen gibt [25]. Das Vorhandensein dieser Flurnamen spricht also dafür, daß es in dieser Region in der Vergangenheit slawische Sprachträger gegeben hat. Hinzu kommt, daß in dem Dorfe noch ein Volksglaube lebendig ist, der aller Wahrscheinlichkeit nach - eine Reminiszenz aus der slawischen Vergangenheit darstellt: Es wird hier erzählt, daß ungetauft verstorbene Kleinkinder in der Gestalt eines Luchses nachts wiederkehrten und Unfug anrichteten. Diese Wesen nennt man in Zygovisti σμερδάκια, eine Bezeichnung, die wahrscheinlich mit slaw. 'smьrdъ' = "furchterregend" zusammenhängt [26]. Demnach wäre 'Zygovisti' als eine durch Brandrodung gegründete slawische Siedlung in jener Region Gortyniens anzusehen, die später im 13. und 14. Jh. als 'Skortá' bekannt wird [27].

 

 

22. Thessalien, MV 90.

 

23. Flurname des Dorfes Vachlia, Gortynien, Pelop.

 

24. Flurname des Ortes Tyros, Tsakonien, Pelop.

 

25. Über die slawische Toponymie dieses Gebietes der Zentralpeloponnes bereitet Verf. eine Studie vor.

 

26. Zu smъrdъ vgl. R. Aitzetmüller, Abg. smrъdъ Verdeutlichung einer Etymologie. Studia Palaeoslovenica. J.Kurz-Festschrift (Prag 1971) 17-19.

 

27. Über Skortá vgl. A. Bon, La Morée Franque (Paris 1969) 363 ff.

 

 

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Sehr verbreitet in der Toponymie Südgriechenlands ist das Toponym λάζος, das aus dem slaw. Іаzъ = "durch Roden urbar gemachtes Land, Gereut", stammt. Allein auf der Südwestpeloponnes taucht es insgesamt 44mal als Flurname auf [28].

 

Man vergleiche hierzu das Lehnappellativ der epirotischen Dialekte λαζίνα = "Weideland für Schafe im Frühling [29].

 

Ein weiterer slawischer Terminus für das Gereut, den Neubruch Cledina') läßt sich auch als petrifiziertes Toponym in Südgriechenland nachweisen, man vgl. die ON Λιαντίνα in Lakonien [30], Λεντίνα in Methoni (bezeugt im 17. Jh. [31]), Λενιχνη in Eurytanien [32], sowie die Flurnamen Γλεντίνα einmal in der Südwestpeloponnes und dreimal in Gortynien [33].

 

Auf Rodungstätigkeit weist auch der ON Τοπόριοτα (Arkadien, heute 'Theoktiston') hin, das ein nomen loci aus dem Appellativ 'toporъ' = "Axt" ist, 'Toporište' = "durch Axt gerodetes Land".

 

Sehr symptomatisch für das Bestreben der neuangekommenen Slawen, geeigneten Boden für den Anbau zu finden, sind die altertümlichen Orts- und Flurnamen des südgriechischen Raumes, gebildet aus solchen Termini, die aus dem semantischen Bereich "unfruchtbarer, ungeeigneter Boden" stammen. So läßt sich z. B. das gemeinslawische Adjektiv 'jalová' (fem.) "unfruchtbar" als ON in der Toponymie der Peloponnes nachweisen, vgl. den ON Γιάλοβα, ein Dorf in Pylien [34]) sowie die Flurnamen Γιάλουβα (Pylien) [35]) und das altertümliche Άλοβα' in Lakonien [36]). In diesem Zusammenhang verdienen auch einige Lehntermini zur Bezeichnung der Bodenbeschaffenheit, die wir in einzelnen neugriechischen Dialekten finden, erwähnt zu werden: so ist slaw. 'mélъ' = "mergelartige Erde" als μελίστα in "Ätolien [37] oder als ομμαλоς [38] in Epirus und als Toponym auf der Peloponnes zu finden [39].

 

 

28. DJ. Georgacas-W.A. McDonald, Place Names of Southwest Peloponnesus (Minneapolis 1967)s.v. (gek.: Georgakas).

 

29. E. Mpogkas, Τα γλωσσικά ιδιώματα της Ηπείρου Bd. Ι (loannina 1964) 207·

 

30. MV 169.

 

31. F. Sauerwein, Das Siedlungsbild der Peloponnes um das Jahr 1700. Mit einer Karte und einem Ortsverzeichnis. Erdkunde 23/3, 237-244. Ebd., Beilage Via (Ortsverzeichnis), s.v. Methoni 8.

 

32. MV 83.

 

33. Flurname des Dorfes Vlogos, Gortynien; Berggipfel bei üimitsana, Gortynien; Flurname des Dorfes Vachlia, Gortynien.

 

34. Georgakas, wie Anm. 28 oben, s.v.

 

35. Ebd. s.v.

 

36. Flurname des Dorfes Palaiochorio, Lakonien.

 

37. "Sandhaitiger, unfruchtbarer Hoden" in Atolien, vgl. D. Loukopoulos, Γεωργικά της Ρούμελης (Athen 1938) 116.

 

38. Appellativ und Ortsname in Chouliarades, Epirus, vgl. Epirotika Chronika 7, 1932, 237.

 

39. ON bei Dimitsana, Gortynien.

 

 

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Ich werde jetzt kurz, anhand eines konkreten Beispiels aus einer südgriechischen Region, deren slawisches Flurnamenmaterial erforscht wurde, die Aussagemöglichkeit der Toponymie für die materielle Kultur eines dort ansässig gewordenen slawischen Stammes zu zeigen versuchen: es handelt sich um das Gebiet der messenischen Mani, im Süden der Peloponnes, wo sich der slawische Stamm der Melingoi niedergelassen hatte [40].

 

Wir verfügen über sichere historische Nachrichten, daß diese Bevölkerung ihre sprachliche Identität acht Jahrhunderte lang, bis zur Auflösung des byzantinischen Reiches bewahren konnte. Das Zeugnis der Flurnamen zeichnet folgendes Bild über die materielle Kultur der Melingen: Die Kenntnis des Getreideanbaus wurde schon bei der Einwanderung von den Melingen mit ins Land gebracht. Dies belegen zwei altertümliche Termini technici, die heute in der Toponymie bzw. als Lehnwörter zu finden sind. So nennt man in einigen Dörfern der messenischen Mani heute noch den durch Steinplatten belegten Umkreis der Tenne отока, ein Kompositum, das aus der Präposition 'o(bъ)' = "um" und dem dever-bativen Substantiv 'toka', zu 'točití' = "laufen lassen, fließen lassen, schleifen" gebildet ist [41]. 'Otoka' war also die mitgebrachte Bezeichnung für die Tenne (wörtlich: "Stätte, wo sich das Zugtier ringsum fortbewegt"), ein Appellativum, das wir sonst aus anderen slawischen Sprachen nur noch mit der Bedeutung "Insel" (wörtlich: "das Umflossene") kennen. Daß 'otoka' keine ad-hoc semantische Entwicklung aus der Sprache der bis zur südlichen Spitze der Hämus-Halb-insel gelangten Slawen darstellt sondern daß es sich um einen mitgebrachten Terminus technicus handelt, beweist das Vorhandensein der Isoglosse 'otok', 'vu-tok' = "Tenne" in einigen Dialekten Nordostbulgariens [42]. Eine weitere Bezeichnung für die Tenne ist in der Toponymie des Melingen-Gebietes, aber auch benachbarter Gebiete in Lakonien und in Tryphylien erhalten geblieben. Es handelt sich um das Appellativ 'moltъ', das nach dem Vollzug der Liquida-Metathese im Slawischen (ca. Mitte des 9. Jahrhunderts) 'mlat' bzw. 'molot' lautet

 

 

40. Malingoudis, Studien passim.

 

41. Ebd. 80-81.

 

42. Ch. Vakarelski, Etnografija na Bulgarija (Sofia 1974) 137, Karte VI.

 

 

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und "Tenne, Dreschboden" bedeutet. Das Appellativ, das erst sekundär die Bedeutung "Hammer" entwickelt hat, ist in allen Slawinen mit dieser seiner ursprünglichen Bedeutung vorhanden [43]. Eine Ausnahme macht die östliche Gruppe des Südslawischen (das Bulgarische und seine Dialekte im heutigen Südjugoslawien), wo nur noch die Bedeutung "Hammer" vorhanden ist. Das gemeinslawische Verbum ist 'moltiti', woher später 'mlatiti' (ostsl. 'molotit" = "schlagen, dreschen" kommt. Da die bis heute erhalten gebliebenen Ortsnamen im Griechischen vor dem Vollzug der Liquida-Metathese petrifiziert wurden (Εμαλτσός, Μάλτοα, Μάλτα) müssen wir annehmen, daß sie vor der Mitte des 9. Jahrhunderts entstanden sind. Folglich handelt es sich auch hier um einen alten, aus der Einwanderungszeit stammenden Terminus.

 

In diesem Zusammenhang wäre noch das dialektale Wort όσταβα bzw. νόσταβα zu nennen, mit welchem die Einwohner einiger Dörfer der messenischen Mani die großen flachen Steine, die rings um die Tenne aufgestellt werden, also den Umkreis der Tenne bezeichnen. Dieses Lehnwort ist sicher aus slaw. Ό-staviti' = "circumponere, ringsherum aufstellen" zu erklären [44].

 

Daß der Getreideanbau keine Innovation in der neuen Heimat, sondern ein fester Bestandteil der slawischen Wirtschaftsweise vor der Einwanderungszeit darstellte, beweist das Vorhandensein von ererbten Bezeichnungen typischer Unkrautarten, die auf länger bebauten Äckern wachsen. Deren Bezeichnungen leben heute als Lehnwörter im neugriechischen Dialekt der messenischen Mani fort. Hier sind die auf Weizenfeldern häufig vorkommende Kornrade (Agrostemma githago) slaw. 'kokolъ' zu nennen, woher das Lehnwort kogkoli kommt [45]; die Trespe, serbokr. 'klasača' = "Bromus", bulg. 'klasatica' = "Bromus sterilis" und 'klasačka' = "Bromus mollis", woher die Lehnbezeichnung für dieses Unkraut χλιάσιντζος stammt, ist im Dialekt des Dorfes Λιασύνοβα (heute Προσήλίον) der messenischen Mani noch in Gebrauch [46]. Ein Unkraut im Weizenfeld nennt man im Dorfe Λεφτίνι dieses Gebietes ντιντιλίνα (in Λιασίνοβα: Ντευτελίνα),

 

 

43. Malingoudis, Studien 70-71.

 

44. Ebd. 172.

 

45. Th. Heldreich, Τα δημώδη ονόματα των φυτών προσδιοριζόμενα επιστημουικως (Nachdruck Athen 1980) 16.

 

46. Malingoudis, Studien 171.

 

 

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was sicher auf den gemeinslawischen Terminus 'detelina' = "Klee, Trifolium" zurückzuführen ist [47].

 

Mit der Organisation des Ackerbaus hängen ferner zwei Termini zusammen, die nur noch in Verkaufsurkunden aus dem 17.-19. Jahrhundert dieses Gebietes belegt sind. So wird in zwei Urkunden (aus den Jahren 1742 und 1784) der zu verkaufende Acker als κολενίτζα bezeichnet, ein Wort, das zu slaw. 'koleno' = "Knie" zu stellen ist und als Fachbezeichnung für den L-förmigen Acker zu verstehen ist. Zur Verdeutlichung der Semantik sei hier das griechische Synonym des örtlichen Dialektes αγκωνή = "Ellbogenförmiger Acker" genannt). In zwei Verkaufsurkunden aus dem 17. und einer aus dem 19. Jahrhundert taucht ferner das Wort πασυδι als Bezeichnung von Landbesitz auf [49]. Diesem Terminus, der das griechische Deminutivsuffix -Γδι aufweist, liegt meines Erachtens das slawische Wort 'pas' - 'pojas' (vgl. aserb. 'pasb', Čech. 'pás' = "Gürtel" zugrunde. Hier könnte es sich um eine ad-hoc Bezeichnung mit slawischen lexikalischen Mitteln handeln, bedingt durch die örtlichen geologischen Besonderheiten; man vgl. dazu den in dieser bergigen Gegend gebräuchlichen Terminus λονρί (neugriechisch: Gürtel) für die terrassenartigen Acker, die um den Berghang angelegt sind.

 

Aus dem Bereich der Landwirtschaft stammen ferner die in der örtlichen Toponymie überlieferten slawischen Termini für die Feldgrenze ('grana'), Wassermühle ('vodenica'), Garten Cgradina', 'sad') [50].

 

Schließlich seien noch einige Termini genannt, um die These zu widerlegen, daß die Melingen als Nomaden durchs Land gezogen seien. Aus dem Ortsnamenmaterial der messenischen Mani sind folgende, nach Sachgruppen geordnete, mitgebrachte slawische Termini zu nennen: aus dem Bereich der Siedlungstätigkeit die Rodungsnamen: Rodung ('Къгсипа'), Gereut, Neuland ('1аzъ'), gebahnter Weg ('torъ'), Durchhau im Walde ('Proséka'); Siedlungsnamen: Herd bzw. Wohnung ('dimnica1), Dorf ('selo'), Burg ('grad'); ferner die überlebten Termini aus der Geflügelzucht, eine Tätigkeit, die man sich schwer für ein nomadisches Volk vorstellen kann, wie Hühnerstall ('kotbeb'), Hahn ('кигь') und Hahnenkamm (grebenь') [51].

 

 

47. Ebd. 170.

 

48. Ebd. 172.

 

49. Ebd. 172.

 

50. Ebd. 169.

 

51. Ebd. 168-170.

 

 

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Ich möchte hier mit der Aufzählung weiterer Termini aufhören und eine Zwischenbilanz des bisher Gesagten ziehen: die slawischen Orts- und Flurnamen des südgriechischen Raumes bezeugen eine Kontinuität in der Ökonomie der Einwanderer, die auch in der neuen Heimat seßhafte Ackerbauern geblieben waren.

 

Zu b). Wie stark war das Gefälle im Bereich der alltäglichen Technologie zwischen den eingesessenen Graikoi und den neuangekommenen Slawen? Um diese Frage objektiv beantworten zu können, muß man sich erst frei von der Faszination der hohen byzantinischen Repräsentationskunst machen und sich einer historischen Realität erinnern, die in allen Epochen gegenwärtig ist: Auch in Byzanz hat es den Kontrast der zwei Welten gegeben, der Welt des Palastes und der der Hütte. Wie lebte der griechisch-sprechende Bewohner der byzantinischen Peloponnes im 6.-7. Jh., aus welchem Geschirr aß er welche Speisen, wie bestellte er sein Land, wie kleidete er sich?

 

Nun, es gehört inzwischen zum Allgemeingut aller Archäologen, die die sozialen und wirtschaftlichen Bedingungen der materiellen Kultur nicht aus den Augen verlieren, daß "Barbarisierungserscheinungen" in diesem Bereich nicht unbedingt auf die Präsenz eines fremden ethnischen Elementes zurückgeführt werden müssen, sondern eher aus endogenen sozialen und ökonomischen Faktoren des gegebenen Gebietes zu erklären sind [52]. Ich möchte auch in diesem Zusammenhang an die Ausführungen von H. Köpstein erinnern, die in ihrem Referat auf dem letzten Byzantinisten-Kongress mit Recht betont hat, daß sich im Bereich der mit dem Ackerbau verbundenen Technologie im frühen Byzanz kaum entscheidende Verbesserungen im Vergleich zur spätrömischen Zeit vollzogen hatten [53]. Was nun das technologische Niveau der landnehmenden slawischen Gruppen betrifft, so darf man nicht länger die Augen vor der Tatsache verschließen, daß diese nicht urplötzlich als Nomaden mitten auf der Peloponnes erschienen sind. Auch sie waren Träger einer Technologie, welche sie sich bei ihrem Aufenthalt in den ehemaligen römischen Provinzen in der Donaugegend angeeignet hatten. Insofern bedeutet ihre Ankunft in den griechischen Provinzen von Byzanz keine

 

 

52. Vgl. dazu die Ausführungen von D. Pallas, Données nouvelles sur quelques boucles et fibules considerees comme avares et Slaves et sur Corinthe entre le Vle et le IXe s. Byzantinobulgarica 7, 1981, 295 ff.

 

53. H. Köpstein, Gebrauchsgegenstände des Alltags in archäologischen und literarischen Quellen. Jahrbuch der Österreichischen Byzantinistik 31, 1981, 355 ff.

 

 

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Diskontinuität. Hier seien kurz die Erkenntnisse der slawischen Archäologie zusammengefaßt: so dürfte bereits im 6.-7. Jh. die Übernahme der römischen, mit der Landwirtschaft verbundenen Technologie (eisenbeschlagene Ackergeräte) erfolgt sein. Auf dem Bereich der handwerklichen und gewerblichen Produktion haben sich die Slawen das "know-how" der antiken Keramikproduktion angeeignet (Weiterverwendung der Drehscheibe und des spätantiken Töpferofens). Die frühmittelalterliche slawische Keramik des unteren Donaugebietes geht auch im Bereich der Stilistik auf die Spätantike zurück. In der Schmuckherstellung sind in den slawischen Derivaten Kontinuitätselemente deutlich, ebenso im Hausbau, um ein letztes Beispiel zu nennen. Es haben sich, z.T. klimatisch bedingt, entscheidende Veränderungen vollzogen: das aus der altslawischen Zeit bekannte eingetiefte Grubenhaus tritt südlich der Donau nur noch vereinzelt auf; Elemente der donauländischen Hausbautradition, wie die Verwendung von luftgetrockneten Lehmziegeln, werden auch von den Slawen übernommen [54]. Auch mit den der eigenen materiellen Kultur fremden Errungenschaften waren die Slawen nach dem Überschreiten der Donau vertraut; sie wußten zumindest mit eigenen lexikalischen Mitteln solche zu bezeichen. Als Zeugnis dafür seien die slawischen Ortsnamen der Peloponnes genannt, die aus dem Appellativum "Brücke" entstanden sind (Μοsτiτσα, Μοστίτσι, Μοστενίτσα) mit welchen sie sicher vorgefundene Einrichtungen bezeichnet haben. Die Benennung der Stadt Καλάβρντα, die vom antiken Fluß 'Kerynitis' durchzogen wird, und dem epiroti-schen Dorf Καλάρρυτα, das am Ufer eines Nebenflusses von 'Arachthos' zu finden ist, liegt slaw. 'kolovьrtъ' = "Drehrad" zugrunde, eine Benennung, die sicher mit den durch Wasserkraft getriebenen Mühlen zusammenhängt. Kurz, man wird kaum einen nennenswerten Unterschied im Bereich der bäuerlich-ländlichen materiellen Kultur zwischen eingesessenen Griechen und den angekommenen Slawen voraussetzen können.

 

Das koareale Zusammenleben der beiden Sprachträger in den südgriechischen Regionen des byzantinischen Reiches, dieser lange Prozeß der Symbiose, der mit der Absorbierung des slawischen Elementes endete, hat auch Spuren hinterlassen: es sind dies die slawischen Lehnwörter der neugriechischen Sprache, die aus dem semantischen Bereich des Alltagslebens des gemeinen Dorfbewohners stammen und die als Ergebnis dieser Symbiose anzusehen sind. Sieht man von den

 

 

54. J. Herrmann, Staatsbildung in Südosteuropa und in Mitteleuropa. Zum Problem von Kontinuität und Diskontinuität bei der Überwindung der antiken Sklavengesellschaft und der Herausbildung der Feudalgesellschaft. Jahrbuch für Geschichte des Feudalismus 5, 1981, 20 ff.

 

 

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zahlreichen Lehntermini in einzelnen griechischen Dialekten ab, so zeigen die slawischen Lehnwörter des Gemeinneugriechischen, daß in bestimmten Bereichen der materiellen Kultur die slawische Komponente dieser Symbiose bestimmend gewesen ist. Es sind dies die Bereiche, die in die semantischen Felder der Geflügelzucht, der Imkerei, des Fischfangs in Binnengewässern, des Textilhand-werks, der Brotherstellung, der bäuerlichen Architektur (Wirtschaftsgebäude, Gehöfte) gehören. Ich kann aus Zeitgründen nicht die einzelnen Termini aufzählen [55] und lasse nur ein charakteristisches Beispiel folgen:

 

Es wird allgemein akzeptiert, daß die gemeinneugriechische Bezeichnung der Egge (σβάρνα) ein slawisches Lehnwort ist [56]. Diese Etymologie bliebe jedoch ohne reellen Bezug, wenn man sie nicht im breiteren Kontext der erwähnten mittelalterlichen Symbiose des slawischen und des griechischen Elementes betrachten würde. Dieses Bodenbearbeitungsgerät zur Zerkrümelung des gepflügten Ackers wurde sicher in Byzanz auch vor der Ankunft der Slawen verwendet, man hatte auch eine Bezeichnung dafür (βωλοκόπος), ein Wort, welches heute nur noch in den Dialekten auf den Inseln in der Ägäis in Gebrauch ist und von der Lehnbezeichnung weitgehend verdrängt wurde. Die Egge wurde in der griechisch-römischen Welt verwendet und wir besitzen sogar Beschreibungen römischer Agrarschriftsteller sowohl der einfacheren, aus Ästen und Strauchwerk geflochtenen Egge als auch der Zinken-Egge, die aus einem hölzernen Rahmen mit eingefügten Zinken bestand. Die Slawen haben die Zinken-Egge in den römischen Provinzen der unteren Donau kennengelernt, man kann jedoch annehmen, daß sie die Strauchwerkegge schon vorher verwendeten, da es die gemeinslawische Bezeichnung 'borna' (später 'brana' bzw. 'borona') gibt [57].

 

Die nach Griechenland eingewanderten Slawen haben mit ihrer landwirtschaftlichen Ausrüstung auch die ererbten Bezeichnungen mitgebracht: die Hacke ('motyka'), die heute als ein Lehnwort in thessalischen Dialekten (motika) und im Tsakonischen weiterlebt, die Sense ('kosa', entlehnt in Dialekten von Zentral-und Mittelgriechenland) [58] und eben die Strauchwerk-Egge, deren Benennung die

 

 

55. Darüber bereitet Verf. eine Monographie vor.

 

56. N. Andriotis, Ετυμολογικό λεξικό της Κοινής Νεοελληνικής, (Thessaloniki 1983) s.v.

 

57. Μ. Beranová, Zemédélstvi starých Siovanú (Prag 1980) 117-118, 253-254. Zum gemeinslawischen Terminus borna, vgl. Etimologičeskij Slovar' Slavjankich Jazykov, Bd. 2 (Moskau 1975) 204-206.

 

58. Zu motyka vgl. Laographia, Bd. 19, 273. Zu kosa vgl. Mpogkas (wie Anm. 29 oben) 1, 33 und 189.

 

 

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griechische Bezeichnung (βωλοκόπος) weitgehend verdrängt hat. Nach der phonetischen Gestalt, in welcher dieses Wort im Griechischen vorliegt, kann man mit Sicherheit annehmen, daß die Übernahme schon vor der Mitte des 9. Jahrhunderts erfolgt ist. Das Lehnwort weist eine im Slawischen nicht vollzogene Liquida-Metathese auf, eine ebenso altertumliche Vertretung des slaw. Ό' durch griech. 'a' und eine Wiedergabe des anlautenden slaw. 'b-' durch griech. 'v-', was typisch für die frühen Entlehnungen aus dem Slawischen ist. Ich möchte diese frühe Übernahme und die weite Verbreitung der Lehnbezeichnung in dem Sinne erklären, daß die neu angekommenen Slawen das besprochene landwirtschaftliche Gerät nicht nur für den Eigengebrauch herstellten sondern daß sie die einfachen Strauchwerk-Eggen ihren griechischen Nachbarn verkauften. Die Lehnbezeichnung der Egge spiegelt also einen Aspekt der helleno-slawischen Symbiose im mittelalterlichen Griechenland wider.

 

In einer Beschreibung der Umgebung von Thessaloniki am Anfang des 10. Jhs. informiert uns ein etwas unbedarfter Historiker, Joh. Kameniates, daß es in der Ebene im Westen zwischen dieser Stadt und Berroia einige ethnisch zusammengesetzte (άμφίμικτοι) Dörfer gäbe und "es sei", meint Kameniates, "nicht von geringem Vorteil für die Einwohner von Thessaloniki, daß sie mit den Skythen (den bulgarischen Slawen, Anm. d. Verf.) durch den Handelsverkehr in Kontakt blieben." Dieser Vorteil sei um so größer, wenn sie miteinander friedlich leben und keinen Krieg führen, es sei "eine Tatsache, die beide seit alters her begriffen hätten, daß sie durch die Kontaktpflege ihre Bedürfnisse gegenseitig decken könnten. Sie hielten", fährt Kameniates fort, "untereinander einen bemerkenswerten und tiefen Frieden aufrecht" [59].

 

Es scheint mir, daß diese wenigen Zeilen uns ein objektives Bild des slawischgriechischen Alltags, der langen und friedlichen Symbiose der beiden Sprachträger in der griechischen Provinz liefern. Die Barbarentopik mittelgriechischer Historiker, die Parteilichkeit ihrer im Auftrag kompilierter Chroniken und die hagiographischen Klischees über blutrünstige Heiden haben uns bestenfalls Ausnahmesituationen überliefert. Ihr Zeugnis über kriegerische, durchs Land ziehende Slawen steht nicht in kausalem Zusammenhang mit der Entstehung der zahlreichen slawischen Ortsnamen des griechischen Raumes und der Entlehnung der

 

 

59. I. Caminiatae, De expugnatione Thessalonicae, ed. G. Böhlig, CFHB, Serieš Beroliniensis 4 (Berlin-New York 1973) 8,78 ff.

 

 

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erwähnten slawischen Termini im Mittel- und Neugriechischen. Diese sind die objektiven, unabsichtlich auf uns übergekommenen Zeugen, die von jenen "Barbaren" stammen, welche in den überlieferten schriftlichen Quellen sonst stumm geblieben sind. Die Sammlung dieser Zeugen und ihre Interpretation wird uns auch zu einer nüchternen und realitätsbezogenen Einschätzung mancher Aspekte der mittelalterlichen Vergangenheit des Neohellenentums verhelfen.

 

 

Nachtrag: Mit der vorliegenden Studie vertritt Verf. unzweideutig die Meinung, daß die in Griechenland angekommenen Slawen im Grunde seßhafte Bauern waren. Auch in seinen früheren Studien hat er nie das Gegenteil behauptet. Er fühlt sich deshalb berechtigt, seine Betroffenheit über die nicht korrekte Behandlung seiner Veröffentlichungen seitens der sowjetischen Kollegen auszudrücken: In einem jüngst erschienenen Kollektivwerk wird, unter Verweis auf Malingoudis, Toponomy (wie Anm. 11 oben) behauptet, auch er verträte die Meinung, daß "bis zur Einwanderung in die Gebiete des Reiches die Slawen Nomaden geblieben seien. Erst innerhalb seiner Grenzen würden sie, unter byzantinischem Einfluß, 'zivilisiert', d.h. sie wurden seßhafte Bauern". (Vgl. G.G. Litavrin (Hrsg.), Rannefoedal'nye gosudarstva na Balkanach (Moskau 1985) 39 und 92. Zu dieser falschen Behauptung (das Werk weist noch einige ähnliche Merkwürdigkeiten auf) wird Verf. demnächst ausführlich Stellung nehmen.

 

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