Die Volker Südosteuropas im 6. bis 8. Jahrhundert

Südosteuropa Jahrbuch, 17. Band (1987)

 

2. Die Nordgrenze des byzantinischen Reiches im 6. bis 8. Jahrhundert

 

Evangelos Chrysos, Ioannina

 

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"Wir müssen zugeben, daß das Thema (die Grenzen) für einen Wissenschaftler gefährlich ist, denn es ist ganz erfüllt von politischen Leidenschaften, ganz mit Hintergedanken belastet. Die Leute haben zu viele eigene Interessen im Spiel, um mit kühlem Kopf über Grenzen sprechen zu können: Mißverständnisse sind allzeit gegenwärtig" [1].

 

Dieser Satz, der von einem politischen Geographen kurz vor Ausbruch des 2. Weltkrieges formuliert wurde, hat in den letzten fünfzig Jahren seine Richtigkeit und seine Aktualität immer noch nicht ganz eingebüßt [2]. Das trifft besonders für den Raum Südosteuropas zu, wo bekanntlich die seit den nationalen Befreiungskriegen des 19. und 20. Jahrhunderts entstandenen Grenzfragen noch nicht endgültig ausgeräumt sind. Bei der politischen Behandlung solcher Grenzfragen pflegt man sich stets der historischen Argumentation zu bedienen [3]). Für das Thema unserer Tagung ist von Bedeutung, daß man bei Grenzfragen in Südosteuropa seit langem die Bemühungen von Vertretern mehrerer wissenschaftlicher Disziplinen, besonders der historischen Wissenschaften, beansprucht worden sind, was natürlich zur Befruchtung der historischen Forschung geführt hat [4]. Unsere Tagung steht gewiß nicht im Zeichen von irgendwelchen Grenzkonflikten und unsere Diskussion braucht erfreulicherweise nicht im Schatten von nationalen

 

 

1. A. Siegfried, Vorwort zu J. Ancel, Les frontieres (Paris 1938) S. VII.

 

2. J.R.V. Prescott, Einfuhrung in die Politische Geographie (München 1975) 71, wo der Satz Siegfrieds zitiert wird.

 

3. Die historische Argumentation als bevorzugter Ausgangspunkt bei Verhandlungen über politische Grenzkonflikte ist seit der Antike bezeugt und vom byzantinischen Reich und seinen Nachbarn dauernd bemüht worden. Ein gutes Beispiel bieten die Verhandlungen zwischen dem Großkönig Chosrau 1. und dem byzantinischen Diplomaten Petrus Patricius bei der Friedensvereinbarung des Jahres 562, die Menander, frg.11, Excerpta de Legationibus, ed. C. de Boor, 186/88 überliefert. Die historische Argumentation bemühte in konsequenter Weise Kaiser Konstantin VII. in seinem Werk De administrando lmperio. Aus der deskriptiv vorgelegten historischen Information über die Entwicklung der Beziehungen des Reiches zu seinen einzelnen Nachbarn sollten die Ziele der Politik zu diesen Völkern präskriptiv abgelesen werden.

 

4. Wenn man z.B. die moderne griechische Bibliographie zu unserem Thema durchmustert, fällt auf, daß etwa im Jahre 1945/46 eine Reihe von Monographien erschienen sind: D.A. Xa-nalatos, Τα όρια τοϋ 'Ελληνισμού είς τήν Βαλκανικήν (Athen 1945) Ch.B. Papastauros, Oi "Ελληνες και ή Βόρειος Ήπειρος (Athen 1945); A.D. Keramopoulos, Oi "Ελληνες και ol βόρειοι γείτονες (Athen 1945) D. Zakythenos, Οι Σλάβοι εν 'Ελλάδι (Athen 1945 - geschrieben im Winter 1941/42); A.N. Diomedes, Βυζαντινοί Μελέται II, Αι σλαβικοί έπιδρομαί είς τήν 'Ελλάδα και ή πολιτική του Βυζαντίου (Athen 1946); St. Kyriakides, Βούλγαροι και Σλάβοι είς τήν έλληνικήν Ίστορίαν, (Thessaloniki 1946).

 

 

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Konflikten geführt zu werden. Im Gegenteil: ich hoffe, daß unsere Beratungen die eindrucksvollen Schritte bestätigen werden, welche die Südosteuropaforschung in den letzten Jahrzehnten auf dem Wege zur nüchternen Klärung der wissenschaftlichen Fragen in freundlicher Zusammenarbeit der Kollegen aus den verschiedenen Ländern gemacht hat. Die Tatsache, daß Themen und Referenten unserer Tagung nach ausgewogenen Kriterien fachlicher Kompetenz und nationaler Zugehörigkeit ausgewählt worden sind, zeigt allerdings, vor welcher schwierigen Aufgabe der Vortragende über die byzantinische Nordgrenze gestellt ist, wenn er nicht nur wegen seiner Fachkenntnisse den byzantinischen Aspekt vorzulegen hat, sondern auch wegen seiner Herkunft a priori als Repräsentant der byzantinischen "Interessen" angesehen wird!

 

Die Frage nach der "Grenze" des byzantinischen Reiches muß wohl auf verschiedenen Ebenen und von mehreren Standpunkten aus behandelt werden. Die politische wie auch historische Geographie als weitgehend emanzipierte Forschungsrichtungen haben den Begriff "Grenze" eingehend untersucht und wichtige Aspekte herausgearbeitet. Die politischen Geographen sprechen von Grenzen und Grenzsäumen und unterscheiden zwischen Allokation, Delimitation, Demarkation usw [5]. Die historischen Geographen untersuchen vornehmlich die geographischen Grenzen und ihren Einfluß auf die historische Entwicklung und behandeln die politischen, militärischen und ethnischen Grenzen des byzantinischen Reiches, sie sprechen aber darüber hinaus auch von ideologischen Grenzen [6]. E. Kornemann prägte den Ausdruck "unsichtbare Grenze des römischen Reiches" [7]. A. Alföldi sah die Donau auch als die "ethnische Grenzscheide" an [8]. Berühmt ist die von C. J. Jirecek eruierte griechisch-lateinische Sprachgrenze auf der Balkanhalbinsel, die mit unwesentlichen Verschiebungen durch die jüngere Forschung als "Linie Jirecek" allgemein anerkannt ist [9]. Schließlich sei auf

 

 

5. J.R.V. Prescott (vgl. Anm. 2) 70 ff.

 

6. H. Ahrweiler, La frontiere et les frontieres de Byzance en Orient. Actes XlVe congres intern, d'etudes byzantines, rapports II (Bukarest 1971) 71L und D. Obolehsky, Byzantine Frontier Zones and Cultural Exchanges, ebd. 91fr.

 

7. E. Kornemann in: Staaten, Völker, Männer: Das Erbe der Alten, Reihe 2, Heft 24, Nachdruck in: Gestalten und Reiche (Leipzig 1934) 323ff.

 

8. Die ethische Grenzscheide am römischen Limes: Schweizer Beiträge zur Allg. Geschichte 8, 1950, 37-50· Vgl. ders., The Moral Barrier on Rhine and Danube (Durham 1952) 1-16.

 

9. C.J. Jireček, Geschichte der Bulgaren (Prag 1876) 46; ders., Die Heerstraße von Belgrad nach Konstantinopel (Prag 1877, Nachdruck Amsterdam 1967). Für gewisse Verschiebungen siehe D. Samsaris, Ό εξελληνισμός της Θράκης κατά την έλληνίkή kai ρωμαϊκή αρχαιότητα (Thessaloniki 1980) 320 ff.

 

 

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eine geographisch vage, aber historisch sehr treffliche Differenzierung hingewiesen, die jüngst J. Köder formuliert hat, indem er von "peripheren und zentralen Interessenräumen der Byzantiner" sprach [10].

 

Für den Historiker ist und bleibt natürlich die politische Staatsgrenze am wichtigsten. Unter politischer Grenze verstehen wir den Land- und/oder Wasserstrich, der das Gebiet einschließt, wo das Reichsrecht, das jus Romanum von kaiserlichen Beauftragten angewandt wird. Somit ist die politische Grenze in der Formulierung eines Ammianus Marcellinus identisch mit den termini iuris dictionis Romanae [11]. Diese termini - oρια - trennen das Reichsgebiet, die res publica Romana - 'Ρωμαίων πολιτεία - von den externae nationes oder gentes, -τα έθνη -, das solum Romanum - 'Ρωμαίων γη - vom solum barbaricum - το ßapßapikon. Bei dieser Abtrennung ist allerdings wichtig festzuhalten, daß sie vom Land und nicht von der Bevölkerung ausgeht. Römisch bzw. reichsangehörig ist das Reichsterritorium, nicht weil dort römische Bürger wohnen, sondern weil in diesem der römische Staat seine Hoheitsgewalt ausübt.

 

Die angeführte Terminologie stammt freilich aus der Zeit der Spätantike, in der die klassische römische Begrifflichkeit ihre Geltung noch beibehalten hatte [12]. Die Frage, ob sich im Laufe der späteren Zeit die Terminologie über die Grenze gewandelt hat, ist neulich am Wortgebrauch von zwei wichtigen byzantinischen Quellen untersucht worden. J.-P. Arrignon und J.-F. Duneau haben den diesbezüglichen Wortschatz bei Prokop und bei dem gelehrten Kaiser Konstantin VII. analysiert und verglichen und dabei festgestellt, daß Prokop sich bewußt der antiken Terminologie bedient, Konstantin VII. dagegen neuere Begriffe aus der amtlichen Sprache des 10. Jahrhunderts verwendet [13]. Aus der Ausdrucksweise Prokops, die im genannten Aufsatz analysiert worden ist, sind für unsere Frage

 

 

10. J. Köder, Der Lebensraum der Byzantiner. Historisch-geographischer Abriß ihres mittelalterlichen Staates im östlichen Mittelmeerraum. Byzantinische Geschichtsschreiber, Ergbd. 1 (Graz 1984) 13ff. mit Karte auf S. 15. In Einklang mit dieser Vorstellung verzichtet Köder auf der großen Karte, die das Buch begleitet, auf die Andeutung der politischen Grenzen.

 

11. Ammianus Marcellinus XVIII 4, 5. Den Begriff analysiert jetzt J. Straub, Germania Provincia. Reichsidee und Vertragspolitik im Urteil mit Symmachus und der Historia Augusta in: Symmachus-Colloquium, Hrsg. F. Paschoud (Genf 1986, im Druck).

 

12. Für die römischen juristischen und religiösen Vorstellungen über die Grenze siehe K.-H. Ziegler, s.v. Grenze in: Reallexikon für Antike und Christentum 12 (1983) 1095-1207, bes. 1098f.

 

13. J.-P. Arrignon u. J.-F. Duneau, La frontiere chez deux auteurs byzantins: Procope de Cesa-ree et Constantin VII Porphyrogenete, in: H. Ahrweiler (Hrsg.), Geographica Byzantina. By-zantina Sorbonensia 3, 1981, 17-30. Auch russisch erschienen in Vizantijskij Vremennik 43, 1982, 64-73.

 

 

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erstens der Ausdruck 'Ρωμαίων γη bzw. πολιτεία, επικράτεια, αρχή, χωρία in Verbindung mit dem Wort oρια und seinen Synonymen von besonderem Interesse und zweitens die antithetische Verwendung der Wörter εντός - έκτος in Verbindung mit einem Fluß, der als Grenze fungiert, wie z.B. Phasis im Osten oder Rhone im Westen. Έκτος 'Ροδανου liegen in diesem Sinne die Gebiete, die nicht mehr unter direkter römischer Jurisdiktion stehen [14].

 

Die Beobachtungen, die Arrignon und Duneau anhand des terminologischen Materials aus dem Geschichtswerk Prokops gemacht haben, lassen sich durchaus bestätigen und ergänzen durch die Ausdrucksweise anderer Historiker des 5. und 6. Jahrhunderts, wie Priskos, Malchos oder Menander [15]. Für unsere Frage noch wichtiger ist allerdings, daß sich die genannten Historiker öfter auf die Nordgrenze des Reiches beziehen. Entscheidend ist nun, daß in allen diesen Schilderungen die Donau, genauer gesagt, die untere Donau, als die militärisch bedrohte und verletzliche, desöfteren von Eindringlingen überschrittene, aber politisch sehr selten angefochtene Grenze des Reiches im Norden dargestellt wird. Arrignon und Duneau haben es unterlassen, die Terminologie Prokops in Bezug auf die Nordgrenze zu analysieren. Es ist aber nicht uninteressant festzustellen, wie Prokop in Fortsetzung des Sprachgebrauchs seiner unmittelbaren Vorgänger wie Priskos und Malchos, die Donau als die Nordgrenze des Reiches in Südosteuropa bezeichnet.

 

Bei Priskos wird erwartungsgemäß die Überquerung der Donau durch Attila südwärts mit διαβαίνειν ες την 'Ρωμαίων γην ausgedrückt [16]. Wenn die Römer den Fluß nordwärts überqueren, heißt es: τον "Ιστρον περαιωθέντες ... ες τήν Σκυθι-κην διέβησαν [17].

 

Dieselbe Ausdrucksweise finden wir auch bei Prokop. So wird von der Tätigkeit des mag. mil. per Thraciam Chilbudius berichtet, dem "die Bewachung der Do-

 

 

14. ebd. 22f., bezogen auf Prokop, Bella V 12, 20.

 

15. Die Wörter öpLov, gewöhnlich in plur. τα όρια und seltener oL öpoi und τό ορισμα werden als allgemeine Funktionsbegriffe für die Grenze dauernd gebraucht. Όροθεσία steht ferner für die von Vertragspartnern festgelegte Grenzlinie, das Wort setzt also oft voraus, daß auf der anderen Seite der Reichsgrenze ein vertragsfähiger und vertragswürdiger Partner sitzt.

 

Die dadurch vereinbarte Grenze heißt gewöhnlich μεθόριος bzw. σύνορον und einmal μεσίτης. (Dazu siehe unten, Anm. 46). Charakteristisch für diese Wörter ist, daß sie sich begrifflich nicht scharf voneinander abgrenzen lassen. Daher wird hier auf die Dokumentation verzichtet. D. Karaboula analysiert z.Z. alle diese Wörter im Rahmen ihrer Dissertation über den frühbyzantinischen Staatsbegriff).

 

16. Priskos, Frg. 11 in der neuen, von R.C. Blockley besorgten Edition, S. 250, 76L1.

 

17. ebd. Frg. 5, S. 198, 7 ff; 12 f.

 

 

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nau übertragen wurde, damit die dortigen Barbaren den Strom nicht mehr überschreiten könnten" [18]. In der Tat "jagte er den Barbaren solchen Schrecken ein, daß kein Barbar mehr in feindlicher Absicht den Fluß zu überschreiten wagte, vielmehr drangen die Römer unter Chilbudius' Führung wiederholt auf das jenseitige Ufer vor" [19].

 

Diese deutliche Sprache über die Donau als die effektive Nordgrenze des Reiches wird allerdings nur für die untere Donau gebraucht, die auch von der byzantinischen Armee unmittelbar verteidigt werden konnte. Die Grenze an der mittleren Donau westlich von Singidunum war bekanntlich von den Gepiden überschritten worden, gleich nachdem die Ostgoten (535?) von den Byzantinern aus Pannonia Secunda und Savia vertrieben worden waren und von den Langobarden, die kurz darauf mit einem Föderatenvertrag in Noricum angesiedelt wurden [20]. Für diesen Teil der Nordgrenze und den rechtlichen Status Panno-niens in der Zeit der gepidischen und langobardischen Landnahme erhalten wir wichtige Nachrichten aus dem Vortrag, den die Gesandten der Langobarden und der Gepiden vor Justinian hielten, als sie ihn zum Eingreifen in die gepidisch-langobardische Auseinandersetzung, jeder auf seiner Seite, zu gewinnen suchten. Die Langobarden behaupteten, daß, solange die Goten in Pannonien saßen, die Gepiden auf dem anderen Ufer der Donau wohnten und "niemals auch nur an den Versuch denken konnten, den Fluß zu überschreiten", sondern "sie verhielten sich ruhig. Denn Ihr, die Römer, erhobt keine Ansprüche auf die Gebiete jenseits der Donau, vom diesseitigen Ufer aber schreckte sie die Furcht vor den Goten" [21]. Nachdem die Goten vertrieben waren, "erfrechten sich diese Schurken allenthalben in euer Land einzufallen" [22]. Aus diesen Äußerungen wird deutlich, daß die Überschreitung der Donau und die Landnahme der Gepiden in

 

 

18. Prokop, Bella VII 14, 2. Für die im Text zitierten Stellen aus Prokop verwende ich die Übersetzung von Otto Veh: Prokop, Gotenkriege (München 1966).

 

19. Prokop, Bella VII 14, 3·

 

20. Vgl. Jaroslav Sasel, Antiqui Barbari. Zur Besiedlungsgeschichte Ostnoricums und Pannoniens im 5. und 6. Jahrhundert nach den Schriftquellen, in: Von der Spätantike zum frühen Mittelalter (Hrsg. J.Werner und E. Ewig). Vorträge und Forschungen 25 (Sigmaringen 1979) 125-139 (mit beachtenswerten Karten). Dazu und zum folgenden, Frank E. Wozniak, Byzantine Diplomacy and the Lombard-Gepidic Wars. Balkan Studies 20, 1979, 139-158. Vgl. auch H. Wolfram, s.v. Donau (B. Mittelalter) in: Reallexikon der Germanischen Altertumskunde 6 (Berlin 1986) 7-54, bes. 26 ff.

 

21. Prokop, Bella VII 34, 10-12. Als Siedlungsland der Ostgoten erwähnt Prokop ϋακί α; aus allen übrigen Daxia- Stellen geht jedoch eindeutig hervor, daß er mit diesem Begriff Pannonia Sirmiensis meinte.

 

22. ebd. VII 34, 15.

 

 

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Pannonien ohne kaiserliches Einvernehmen erfolgte und deswegen als eine Verletzung des Reichsterritoriums und seiner Grenze aufgefaßt wurde. Interessant ist nun, daß die gepidischen Gesandten diese Auffassung nicht zu bestreiten suchten. Vielmehr gaben sie zu, sie hätten das Land rechtswidrig in Besitz genommen, aber sie taten es "im Vertrauen auf die enge Freundschaft zum Kaiser!" [23]. Dadurch gaben die Gepiden zu verstehen, daß sie bereit waren, die Hoheitsrechte des Kaisers auf das von ihnen usurpierte Reichsgebiet a posteriori anzuerkennen [24].

 

Wir konstatieren also, daß Prokops Ausdrucksweise die tatsächliche Situation an der Nordgrenze trefflich darstellt. Die untere Donau kontrollierte das Reich durch unmittelbare Anwendung seiner Herrschaftsgewalt. Die nördlichen Provinzen Westillyrikums, von Noricum Ripense bis Pannonia Sirmiensis, wurden den gentes als Ansiedlungsgebiet vertraglich überlassen. Dieses Gebiet behielt jedoch weiterhin seine Qualität als Reichsterritorium, obwohl die effektive politische Grenze, die von den Byzantinern unmittelbar kontrolliert wurde, auf die Save verlegt zu sein schien.

 

Die zitierten Belege aus dem Sprachgebrauch Prokops, die sich beliebig vermehren lassen, werden wohl niemanden überraschen. Denn die damit umschriebene faktische Situation an der byzantinischen Nordgrenze wird von niemandem bestritten [25]. Die in den letzten Jahren immer wieder erörterte Frage [26], ob die während der Regierungszeit Justinians I. in die illyrischen und die thrakischen Provinzen einfallenden Slawen zu nennenswerten Niederlassungen gelangt sind, ist für unseren Zusammenhang belanglos. Denn diese vereinzelten Gruppen von Sklavenen, die nach einem gewinnträchtigen Einfall nicht sofort an die Heimkehr jenseits der Donau dachten, vermochten nicht die politische Funktion der Nordgrenze in Abrede zu stellen. Aus dem bereits zitierten Bericht Prokops

 

 

23. ebd. VII 34, 3».

 

24. Die Diskrepanz zwischen der faktischen Besitznahme des Landes durch die Gepiden und der rechtlichen Qualität desselben als Reichsterritorium spielte auch später eine große Rolle bei den byzantinisch-awarischen Verhandlungen über die Zukunft des ehemaligen gepidischen Siedlungsgebietes, die Menander überliefert, Frg. 12, 6 in der neuen, von R.C. Block-ley besorgten Edition: The History of Menander the Guardsman (Liverpool 1985) 140 ff.

 

25. Wolfram (vgl. Anm. 20) 26 und die "Staatsgrenze um 565" auf Karte Nr. 3 und 4 in: Byzanz im 7. Jahrhundert (Hrsg. F. Winkelmann, H. Köpstein, H. Ditten und 1. Rochow) (Berlin 1978) 377t·

 

26. H. Ditten, Zur Bedeutung der Einwanderung der Slawen, in: Byzanz im 7. Jahrhundert (vgl. Anm. 25) 84 ff., wo die gegenwärtige Diskussion vorgelegt wird.

 

 

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über Chilbudius erfahren wir, daß nach dem Tode dieses tapferen Verteidigers der Grenze die Skiavenen "den Fluß jederzeit ungehindert überqueren und das römische Gebiet angreifen" [27], zehn Jahre später wohnten jedoch diese Skiavenen immer noch im Gebiet jenseits der Donau [28]. "Zu diesen Barbaren schickte Justinian Gesandte und verlangte von ihnen, sie sollten sich alle zusammen in einer alten Stadt namens Turris auf dem jenseitigen Donauufer niederlassen. Sie war seinerzeit vom römischen Kaiser Trajan angelegt worden, infolge der Plünderungen der dortigen Barbaren aber schon lange verlassen. Diese Stadt mit Umland versprach Kaiser Justinian als alten römischen Besitz ihnen schenken und mit allen Mitteln wieder aufbauen zu wollen. Er stellte ihnen außerdem beträchtliche Geldzahlungen in Aussicht, wenn sie künftig als seine Bundesgenossen stets die Hunnen abwehren wollten, sooft diese in das römische Gebiet einzufallen drohten" [29]. Es kann also keinen Zweifel darüber geben: Trotz der Einbrüche der Barbaren - z.Z. Justinians waren es hauptsächlich Sklavenen und Anten -, die die militärische Wirksamkeit der Donau als Verteidigungsgürtel schwer beeinträchtigten, war die politische Funktion der Nordgrenze unangetastet geblieben.

 

Für unser Thema ist nun von besonderer Bedeutung, zu fragen, ob und - wenn ja - welchen Wandel die politische Nordgrenze erfuhr, als in den letzten Jahrzehnten des 6. und im ganzen 7. Jahrhundert die Balkanhalbinsel durch die gewaltigen Einbrüche und die zahlreichen Niederlassungen der Sklavenen großen Umwälzungen ausgesetzt wurde. Es ist unergiebig, die Klagen über das spärliche Quellenmaterial aus dem 7. und 8. Jahrhundert zu wiederholen. Wir sind immerhin in der Lage, an Hand der Informationen, die Menander und Theophylaktos Simokates bieten, ein klares Bild über die Verhältnisse an der Nordgrenze zu rekonstruieren. Sowohl aus der Schilderung der kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Awaren und Byzantinern wie auch aus den Verhandlungen zur Schaffung einer soliden nachbarschaftlichen Friedensregelung wird deutlich, daß die untere Donau als die unanfechtbare Grenze des Reiches galt, wogegen das Gebiet zwischen der mittleren Donau und der Save den Awaren überlassen wird, die als Erben der Gepiden und (nach 568) auch der Langobarden auftreten.

 

 

27. Bella VII 14, 6.

 

28. Bella VII 14, 30.

 

29. Bella VII 14, 32-33.

 

 

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Das diesseitige Donauufer wird konstant als römisch bezeichnet. So wird der Khagan von den Römern gemahnt, "unser römisches Land zu respektieren" [30]. Das Land nördlich der Donau wird jedoch entweder im allgemeinen Sinne als "barbarisch" bezeichnet [31], oder als den Awaren angehörig charakterisiert. So schreibt Kaiser Maurikios: "der Khagan solle sich in das ihm von den Römern überlassene Land zurückziehen" [32], er soll "in sein Land zurückkehren" [33]. Als die Römer bei einer Expedition über die Donau die Sklavenen besiegten, verlangte der Khagan Anteil an der Beute, denn die Römer "seien in sein Land übergegangen und hätten sich an seinen Untertanen vergriffen" [34]. Eine konkrete, wahrscheinlich ins Jahr 595 zu datierende Episode [35], die von Theophylaktos Simokates ausführlich erzählt wird, vermittelt einen ganz besonderen Einblick in die Funktion der Donau als byzantinisch-awarische Grenze. Im Rahmen der byzantinischen Nordpolitik des Kaisers Maurikios, die auf der Grundlage entfaltet wird, daß "man die Barbaren nicht zur Ruhe zwingen kann, wenn man die Donau nicht am sichersten bewacht [36], kommt General Priskos mit einer starken Armee an die Uferstadt Novae. Der offensive Charakter der Expedition war offensichtlich. Daher wurde der Khagan unruhig und ließ den Zweck des byzantinischen Aufmarsches erkunden. Dem General fiel keine bessere Erklärung ein, als seine Mission mit Jagdplänen zu verwischen, worauf der Khagan mit unübertrefflicher Klarheit antwortete, daß "die Römer auf fremdes Land übergingen und dadurch den Frieden gefährdeten" [37]. Priskos erwiderte, "das Land sei römisch gewesen und die Barbaren hätten es den Römern durch Waffengewalt und (lediglich) in Anwendung des Kriegsrechts abgenommen" [38]. Wenn meine Interpretation dieser Stelle richtig ist, daß es bei diesem Disput um das Land nördlich der Donau (gegenüber Novae) ging, dann haben wir bei den

 

 

30. Theoph. Sim. I 5, 11.

 

31. ebd. VI 10, 2: βάρβαρος γη, VI 11, 3: Βάρβαρος χώρα; 8, ι: υλη βάρβαρος.

 

32. ebd. VI 5, 14.

 

33. ebd. VI 5, 15: Εις την έαυτου γην ύποστρέψαι άπό της καθ' ήμας πολιτείας, wobei der Gegensatz zwischen γη und πολιτεία staatsrechtliche Bedeutung hat.

 

34. ebd. VI 11, 17.

 

35. Zur Datierung der a warisch-byzantinischen Kriege siehe M. Nystazopoulou-Pelekidou, Συμβολή εις την χρονολόγησιν των άβαρικών και σλαβικών έτιδρομων έτι Μαυρικίου (582-602): Σύμμεικτα Κέντρου Βυζαντινών 'Ερευνών 2 (1970) 145"205> bes. 16gf£.

 

36. Theoph. Sim. VI 6, 2.

 

37. ebd. 7, 41. Die Ausrede der Jagd hatte auch Attila gebraucht, um einen Einfall ins römische Gebiet zu vertuschen. Priskos, Frg. 11, 76 (Blockley).

 

38. ebd. VII 7, 5.

 

 

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Äußerungen des Khagans eine deutliche Absage an jeden römischen Anspruch auf das jenseitige Donauufer. Für das Gebiet am Donauufer in der Nähe von Singidunum erhielt die Auseinandersetzung eine dramatische Zuspitzung, als der Khagan an Priskos die unzweideutige Frage stellte: "Was habt ihr, Römer, mit meinem Land zu tun? Warum streckt Ihr eure Füße über das Erlaubte hinaus?" und mit der schillernden Deklaration fortsetzte: "Die Donau ist euch fremd, dieses Ufer ist für euch Feindesland!" [39]. Darauf zog Priskos vor, die Auseinandersetzung auf die Stadt Singidunum zu beschränken und die Hoheitsrechte des Reiches über diese Stadt zu unterstreichen [40].

 

Wie ernstlich war es gemeint, als Priskos das Gebiet am jenseitigen Donauufer als reichsangehörig deklarierte? Es fällt zunächst auf, daß die Aussage des Generals recht kurz und bescheiden formuliert ist. Der römische Anspruch wird nicht näher untermauert, sondern nur in negativer Form unterstützt, indem die Besitzungen der Awaren nicht auf einen gerechten bzw. rechtmäßigen, d.h. formell vereinbarten Erwerb, sondern auf die gewaltsame Besitznahme zurückgeführt werden. Damit wollte Priskos vielleicht auf zwei Tatsachen hinweisen: Erstens, das offiziell anerkannte Siedlungsgebiet der Awaren auf Reichsboden war ihnen kraft eines Vertrags vom Kaiser überlassen. Daher konnte Kaiser Maurikios bei einem anderen Anlaß die Anweisung an Priskos erteilen, "der Khagan müßte sich in das ihm von den Römern überlassene Land zurückziehen" [41]. Zweitens, das breite Gebiet nördlich der unteren Donau war zwar durch Plünderung und Zerstörung brach gelegt und durch Eroberung von den Barbaren in Besitz genommen worden, doch dieser Umstand ließ die Frage der rechtlichen Qualität dieses Gebietes offen. Denn die Evakuierung des trajanischen Dakien durch Kaiser Aurelian im 3. Jahrhundert und die zu verschiedenen Zeiten während der darauf folgenden Jahrhunderte registrierte Niederlassung von gentes auf diesem ehemaligen Reichsterritorium brachte nicht automatisch den Verzicht des Reiches auf seine Hoheitsrechte mit sich. Das beweist in eindrucksvoller Weise der Bericht Prokops, wonach Justinian den über die untere Donau

 

 

39. ebd. VII 10, 5.

 

40. ebd. Vil ii, 1. Die awarischen Ansprüche auf Singidunum werden als "Tyrannis" gebrandmarkt.

 

41. Theoph. Sim. VI 5, 14. Bei einem früheren awarischen Einfall in Thrakien glaubte der byzantinische Würdenträger Komentiolos den Khagan mit folgenden Worten anmahnen zu dürfen: Αίδέσβητι Ttpö της σης κορυφής το 'Ρωμαϊ,κον τουτί HOCL ημέτερου έδαφος' τοϋτό σοι σωτήριον γέγονε και μετανάστην ένηγκαλίσατο και ξένον και έπηλυν ε'ισωκίσατο (Theoph. Sim. 1 5> ii)·

 

 

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in Thrakien einfallenden Sklavenen im Jahr 545 das Angebot machte, sich mit byzantinischer Unterstützung im trajanischen Dakien zu etablieren, das der Kaiser ihnen als alten römischen Besitz schenken wollte [42]).

 

Wenn die Behauptung des Priskos, das Land am linken Ufer der Donau sei römisch, tatsächlich in diesem Sinne zu deuten ist, hätten wir damit noch ein weiteres Beispiel einer Situation, wo über die politische, d.h. effektive Staatsgrenze hinaus, Territorien liegen, die nach ihrer rechtlichen Qualität weiterhin als "reichsangehörig" gelten. Gegen diese Deutung spricht nicht die übliche Ausdrucksweise der Geschichtsschreiber, wie Theophylaktos Simokates, der das von Priskos als römisch beanspruchte Gebiet öfters als "Land der Sklavenen" bezeichnet [43], weil diese Gebietsbezeichnungen die politische Situation widerspiegeln, ohne auf den formalrechtlichen Aspekt achtzugeben [44]. Der awarisch-byzantinische Friedensvertrag des Jahres 598 bzw. 600 bestimmte die Donau zur gemeinsamen Grenze [45]. Von den wenigen überlieferten Klauseln besonders wichtig für unseren Zusammenhang ist die den Vertragspartnern eingeräumte Erlaubnis, den Fluß zu überqueren, wenn es galt, gegen die Sklavenen zu kämpfen [46]. Daraus ist zu schließen, daß nach diesem Vertrag die in den zwei Reichen lebenden Sklavenen nicht als Subjekt des Völkerrechtes anerkannt wurden. Diese Erkenntnis ist wichtig, weil in der Zeit, in der die (untere) Donau von den nördlichen Nachbarn des byzantinischen Reiches als seine Nordgrenze

 

 

42. Bella VII 14, 32L Vgl. oben, S. 32. Vor Jahren habe ich vorgeschlagen, den Friedensvertrag, den Konstantin d.Gr. im Jahre 332 mit den Westgoten nach ihrer militärischen Unterwerfung schloß und der vorsah, daß die Goten in der alten Dacia, die nunmehr Gothia hieß, wohnen sollten, als einen frühen Föderationsvertrag aufzufassen, Το Βυξάντιον και ol Γότθοι (Thessaloniki 1972) 51 ff. Dieses Buch ist mit wenigen Ausnahmen (z.B. H. Wolfram, Geschichte der Goten, München 1980) in der Forschung unberücksichtigt geblieben. Aus Bequemlichkeit (?) - denn Graeca sunt, non leguntur - hat man sich dafür mit einigen Argumenten auseinandergesetzt, die in meinem kurzen Aufsatz "Gothia Romana. Zur Rechtslage des Föderatenlandes der Westgoten im 4. Jahrhundert". Dacoromania 1, 1973, 52-64 übernommen worden waren, und leichter Hand verworfen: P.A. Barcelö, Roms auswärtige Beziehungen unter der Constantinischen Dynastie (306-363) (Regensburg 1981) 54tf. Hier ist nicht der Ort, die Diskussion über diese Frage fortzusetzen, es sei nur angemerkt, daß mir der Anspruch Justinians auf das trajanische Dakien unbekannt war, als ich über die Gothia schrieb.

 

43. Theoph. Sim. VIII 6, 2. (Vgl. Anm. 31 und 32). Über die Diskrepanz zwischen politischer Staatsgrenze und Reichsgrenze siehe J. Sasiel, Zur historischen Ethnographie des mittleren Donauraumes, in: H. Wolfram u. F. Daim (Hrsg.), Die Völker an der mittleren und unteren Donau im fünften und sechsten Jahrhundert (Wien 1980) 13ff.

 

44. Siehe dazu meinen Aufsatz in den Mitteilungen des österreichischen Instituts für Geschichtsforschung über "Die Reichsgrenze und die Grenzen der byzantinischen Staatlichkeit (in Vorbereitung).

 

45. Theoph. Sim. VII 15, 14. Zum Datum M. Nystazopoulou-Pelekidou (vgl. Anm. 35) 177ff.

 

46. Διομολογείται δε 'Ρωμαίοις και Άβάροις ό'Ίστρος μεσίτης κατά δε Σκλαυηνων εξουσία τον ποταμόν διανήξασθαι. Im Vertragstext, der in der Üblichen diplomatischen Sprache und auf der Grundlage der Gegenseitigkeit formuliert wurde, konnte bzw. brauchte nicht der Vertragspartner erwähnt werden, der das Interesse und die Initiative für diese konkrete Bedingung hatte. Es ist daher müßig zu fragen, ob auch den Awaren das Recht eingeräumt war, die Donau für Angriffe gegen Sklavenen zu überschreiten, so: M. Nystazopoulou-Pelekidou (vgl. Anm. 35) 177, Anm. 2. Der diplomatischen Sprache ist ferner zuzuschreiben, daß für die Grenze einmalig das Wort μεσίτης verwendet wurde, das so viel wie Mittler und Vermittler bedeutet. Damit wurde die Grenze nicht als abgrenzendes, trennendes, sondern verbindendes, überbrückendes Element dargestellt.

 

 

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anerkannt wurde, bekanntlich Sklavenen in großer Zahl ihre Wanderungen in die Reichsprovinzen begonnen hatten und sogar in bisher in der Forschung nicht geklärter Zusammensetzung bis nach Griechenland gelangt waren, In Anbetracht der eindrucksvollen Präsenz von Sklavenen in den illyrischen und thrakischen Provinzen in der fraglichen Zeitspanne ist in der Forschung die Ten-denz zu beobachten, der Bestimmung der Donau als Nordgrenze eine "theoretische" oder "fiktive" Bedeutung beizumessen [47]. Man muß jedoch dagegen sagen, keine zeitgenössische oder spätere Quelle deutet an, daß wegen der Präsenz der Sklavenen im Süden (und Norden) die Donau als politische Reichsgrenze ihrer Wirksamkeit beraubt worden wäre. Auch Quellen wie die Miracula Sancti Deme-trii mit ihrer Tendenz, die Präsenz der Sklavenen zu betonen, können den Umstand nicht verschleiern, daß wärend des 7. Jahrhunderts die Donau ihre politische Funktion beibehielt. So erfahren wir aus der berühmten und zur Zeit in der Forschung sehr beliebten Episode des Kuver, daß die während der awarisch-sla-wischen Einfälle (um 614-619) gefangen genommenen Byzantiner ins awarische Gebiet jenseits der Donau verschleppt wurden [48]. Die mit den dort wohnenden Awaren, Bulgaren und sonstigen Barbaren vermischte Gruppe rebellierte 60 Jahre später unter der Führung Kuvers gegen die awarische Herrschaft und überschritt die Donau mit dem Ziel, ihre alten Sitze zurückzugewinnen [49]. Aus dieser Episode wird gewöhnlich die Tatsache hervorgehoben, daß Kuver bis zur "Keramesischen Ebene", die schätzungsweise in Nordwestmakedonien lokalisiert wird, kommen konnte, ohne auf militärischen Widerstand zu stoßen [50]. Die

 

 

47. Von "La frontiere theoretique de l'empire" spricht Paul Lemerle, Les plus anciens recueils des Miracles de Saint Demetrius 11, Commentaire (Paris 1981) 61. Von "La frontiere fictive" spricht A. Konstantakopoulou, L' eparque de Thessalonique: Les origines d'une Institution administrative (VIIle-lXe siecles), in: Communications grecques presentees au Ve congres intern, des etudes du sud-est europeen (Athen 1985) 157-162, auf S. 160.

 

48. Lemerle (vgl. Anm. 47) 1, Le Texte (Paris 1979) 228, 4. Zum Datum siehe Commentaire (vgl. Anm. 47) 138tf.

 

49. Περάσαντα τόν αυτόν Κούβερ μετά του ε'ιρημένου συν αύτω παντός λάου τόν προαφηγηθέντα Δανούβιν ποταμόν και έλβεΐ,ν εις τά προς ήμας μέρη και κρατήσαι τόν Κεραμήσιον κάμπον, Lemerle 1 (vgl. Anm. 47) 22%> 28-30.

 

50. So argumentiert z.B. Η. Ditten (vgl. Anm. 26) 136.

 

 

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militärische Unzulänglichkeit der Byzantiner bzw. ihr Verteidigungssystem am Limes brachte es mit sich, daß man oft außerstande war, die Einfallenden aufzuhalten, bevor sie vor den Toren der großen Städte oder der Langen Mauer standen. Dieses für alle Zeiten der byzantinischen Geschichte belegte Phänomen darf jedoch m.E. nicht zu dem Schluß führen, die Nordgrenze hätte ihre politische Funktion eingebüßt. Wichtiger scheint mir aus der erwähnten Episode die Information zu sein, daß die Donau noch in den siebziger Jahren des 7. Jahrhunderts [51] als die Südgrenze des awarischen Reiches galt, wohl nicht, weil unterhalb des Stromes etwa die Sklavenen herrschten, mit denen die Awaren die Donau als gemeinsame Grenze hatten, sondern weil die Donau trotz der nachweisbaren Niederlassung der Sklavenen südlich des Flusses im Föderatenstatus [52] ihre politische Funktion nicht verloren hatte.

 

Die entscheidende Änderung an der Nordgrenze brachte die Niederlassung der Bulgaren im Gebiet zwischen der unteren Donau und dem Hämusgebirge. Ohne hier auf die Frage nach der Staats- und völkerrechtlichen Qualität des Staatsgebildes eingehen zu können, das mit dem Vertrag des Jahres 681 gegründet wurde und bald zu einem mächtigen Reich konsolidiert werden sollte [53], muß darauf hingewiesen werden, daß nach allen verfügbaren Indizien die politische Grenze des byzantinischen Reiches mit dem Vertrag von 681 von der Donau auf das Hämusgebirge verlegt wurde. Denn anders als im Falle der gentes der Sklavenen (= der Sieben Geschlechter und der Severen), die im Zustand von föderierten Reichsangehörigen im genannten Gebiet bis dahin gelebt hatten [54], gewinnt man den Eindruck, daß gleich nach der Befriedung der Bulgaren die byzantinische Grenze an die nächste mögliche natürliche Sperre verlegt wurde, nämlich das

 

 

51. Zum Datum Lemerle (vgl. Anm. 47) II, i46ff.

 

52. In diesem Sinne wird wohl jetzt von den meisten Gelehrten die Angabe des Theophanes, S. 359, interpretiert, die von Sklavenen ύπο πάκτον όντας in der Zeit der Befriedung der Bulgaren in Thrakien spricht. Vgl. H. Ditten, Zum Verhältnis zwischen Protobulgaren und Slawen vom Ende des 7. bis zum Anfang des 9. Jahrhunderts, in: H. Köpstein (Hrsg.), Besonderheiten der byzantinischen Feudalentwicklung (Berlin 1983) 85-95, auf S. 92ff.

 

53. Dazu zuletzt H. Ditten (vgl. Anm. 52) 95, wo mein diesbezüglicher Ansatz (Cyrillometho-dianum 2, 1972/73, 7-13) kurz referiert wird. Wenn Herr Ditten (ebd. Anm. 70) darauf hinweist, daß man "doch die Tatsachen von der Sicht durch die byzantinische Brille unterscheiden sollte", so wird man entgegenhalten müssen, daß für Fragen des byzantinischen Völkerrechts keine andere Brille zugänglich ist, als die, die von den byzantinischen Autoren getragen wurde. Das von ihnen vermittelte Bild wird sicherlich trotz der unvermeidbaren Retusche echter sein als das Bild, das wir Modernen glauben über die "Tatsachen" eruieren zu können.

 

54. Die an die betreffenden Sklavenen bezahlten Subsidien versteht Ditten (vgl. Anm. 52) 94 mit Recht als Entschädigung von Seiten der Byzantiner fur die Grenzverteidigung gegen die Awaren.

 

 

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Hämusgebirge [55]. Spätestens anläßlich des Friedensvertrages, den die Bulgaren mit Kaiser Konstantin V. im Jahre 774 schlössen, wird in den byzantinischen Quellen ausdrücklich und eindeutig belegt, daß im Rahmen von gegenseitigen Verpflichtungen der Kaiser beschwor, die byzantinisch-bulgarische Grenze nicht zu verletzen [56].

 

Weniger zuverlässig ist die Quellengrundlage für die byzantinisch-awarische Grenze an der Save und in Dalmatien im 7. und 8. Jahrhundert. Wenn man den Berichten des gelehrten Kaisers Konstantin VII. über die serbische und die kroatische Landnahme Glauben schenkt, haben sich die genannten gentes auf Geheiß und Betreiben des Kaisers Herakleios als "reichsangehörig" niedergelassen [57]. Es gibt freilich auch andere Stimmen, welche die serbische und die kroatische Landnahme ganz anders als im obigen Sinne und in einen viel späteren Zeitpunkt ansetzen [58]. Hier kann diese Frage natürlich nicht behandelt werden. Für das Thema der byzantinischen Nordgrenze ist nur nötig, darauf hinzuweisen, daß beide Theorien sich m.E. mit der Vorstellung vereinbaren lassen, daß bis zum 8. Jahrhundert die illyrische Reichsgrenze an der Save lag [59]. Die Frage muß allerdings weiter offen bleiben, weil die literarischen Quellen zu

 

 

55. Siehe demnächst P. Soustal, Bemerkungen zur byzantinisch-bulgarischen Grenze im 9. Jahrhundert, in: Mitteilungen des bulgarischen Forschungsinstituts in Österreich.

 

56. Μήτε τον βασιλέα έπιτηδεΟσαι εισέλθειν εις Βουλγαρίαν, Theophanes 447> 6.

 

57. Konst. Porph., de adm. lmperio, Kap. 30; 31; 32. Zuletzt darüber Radoslav Katicic, OL αρχές της κροατικής παρουσίας στην 'Αδριατική': 'Ηπειρωτικά Χρονικά 24, 1982, 36-72 und ders., Die Anfänge des kroatischen Staates, in: H. Wolfram u. A. Schwarcz (Hrsg.), Die Bayern und ihre Nachbarn 1 (Wien 1985) 299-312. Vgl. J. Ferluga, Archon. Ein Beitrag zur Untersuchung der südslavischen Herrschertitel im 9. und 10. Jahrhundert im Lichte der byzantinischen Quellen, in: Tradition als historische Kraft (Berlin - New York 1982) 254ff. und eine Reihe von Aufsätzen desselben in: Byzantium on the Balkans. Studies on the By-zantine Administration and the Southern Slavs from the VIIth to the Xllth Centuries (Amsterdam 1976). Jetzt auch der für unsere Fragestellung wichtige Aufsatz: Gli slavi del sud ed altri gruppi etnici di fronte a Bizanzio, in: Gli slavi occidentali e meridionali nell'alto medioevo. Settimane di studio del Centro italiano sull'alto medioevo 30 (Spoleto 1983) 303-343·

 

58. N. Klaic, Povijest Hrvata u ranom srednjem vijeku (Zagreb2 1975) und jetzt W. Pohl, Das Awarenreich und die "kroatischen" Ethnogenesen, in: H. Wolfram u. A. Schwarcz (vgl. Anm. 57) 293-298.

 

59. Die hier angeführten Beobachtungen über die politische Grenze im 8. Jahrhundert stehen gewiß im Widerspruch zu den Überlegungen, die H. Ditten dazu geführt haben, auf den Karten 3 und 4 des Sammelbandes Byzanz im 7. Jahrhundert (vgl. Anm. 25) auf S. 377 und 378 "Die Grenze des byzantinischen Reiches um 717" so zu markieren, daß fast alle Provinzen Ostillyrikums außerhalb der Reichsgrenze geraten sind, offensichtlich, weil diese Gebiete inzwischen verschiedene gentes von Sklavenen beherbergten. Gegen diese Überlegungen, die, wie mir scheint, von einer zu korrigierenden Vorstellung über die Bedeutung des Wortes "Sklavenia" ausgehen, nehme ich in meinem oben (Anm. 44) angekündigten Aufsatz Stellung.

 

 

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dürftig sind und andererseits die Archäologie trotz ihrer großen Bemühungen die Slawen für die Zeit bis ins 8. Jahrhundert im heutigen Jugoslawien südlich der Save faktisch immer noch nicht positiv nachweisen kann [60].

 

 

60. Lemerle (vgl. Anm. 47) 11, 65ff. referiert über die in Griechenland gefundenen "barbarischen" Fibeln und über den negativen Nachweis der Archäologie, nämlich die Zerstörung der Städte, das Verschwinden der byzantinischen Münzen usw., indem er hauptsächlich auf die einschlägigen Arbeiten von VL. Popovic aufbaut. Die Feststellung, daß im mittelbalka-nischen Raum der positive Nachweis für die slawische Landnahme erst wesentlich später zu führen ist, gehört jedoch m.E. ebenso ins Bild, vor allem, wenn es darum geht, die politische Funktion der Donau herauszufinden.

 

Für Quellen- und Literaturhinweise danke ich meinem Freund A. Katsanakis vom Glossar zur frühmittelalterlichen Geschichte im östlichen Europa. Ich bedanke mich ferner bei meinem Lehrer, Johannes Straub und meinem Freund, Peter Soustal für die Erlaubnis, Informationen aus ihren Manuskripten zu schöpfen.

 

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