Die Volker Südosteuropas im 6. bis 8. Jahrhundert

Südosteuropa Jahrbuch, 17. Band (1987)

 

 

1. Die Völker Südosteuropas im 6. bis 8. Jahrhundert, Probleme und Ergebnisse.

 

Kurt Horedt, München

 

- Zeitliche Begrenzung
- Germanen
- Slawen
- Onogurbulgaren. Kuvrat
- Sermesianoi und die albanischen Funde
- Der Schatzfund von Großsanktnikolaus
- Die Herkunft der Sekler
- Zur historischen Deutung der Bronzegußarbeiten
- Zum Begriff der "Awaren"
- Münzverkehr und der Solidifund vom Firtosch
- Die Herkunft der Rumänen
- Die Bodenschätze des Karpatenbeckens, Salz, Gold, Kupfer

 

Ein Versuch die "Probleme und Ergebnisse" des Rahmenthemas in einen einleitenden Vortrag aufzuzeigen, stößt auf beträchtliche Schwierigkeiten. Unvermeidlich ist ein solcher Titel ungenau und zu umfassend, doch kann andererseits nicht darauf verzichtet werden, den behandelten Fragenkreis abzugrenzen und die folgenden Ausführungen darauf einzustimmen. Es drängen sich jedem, der sich mit dem 6. bis 8. Jahrhundert und seinen Völkerschaften in Südosteuropa beschäftigt, Gedanken und Erkenntnisse auf, die hier gleichsam als Randbemerkungen aneinander gereiht und dargelegt werden sollen.

 

 

    Zeitliche Begrenzung.

 

Die beiden Eckwerte für die zeitliche Begrenzung des Rahmenthemas können genau festgelegt werden. Das Jahr 567/568 bezeichnet die Vernichtung des Gepidenreiches, die Niederlassung der Awaren in der Theißebene und den Abzug der Langobarden im folgenden Frühjahr nach Italien [1]. Das Ende ist durch die Vernichtung des Awarenreiches im letzten Jahrzehnt des 8. Jahrhunderts gegeben, das dem vereinten Angriff des fränkischen Reiches und der Bulgaren erlag. Auch diese absoluten Daten als zeitliche Einschnitte sind das Ergebnis von Entwicklungen, die bereits früher einsetzten und später noch nachwirkten. So sind die Ereignisse des Jahres 567 nur die Folge der bereits Jahrzehnte vorher beginnenden, von Byzanz geschürten Rivalität zwischen Gepiden und Langobarden. Als dann um 800 der gemeinsame Gegner beseitigt, das fränkische Reich bis an die mittlere Donau vorgedrungen war und die Bulgaren das Zwischenstromland und die Theißebene bis an die Waldkarpaten besetzt hatten, da kam es zwischen den beiden früheren Verbündeten zwei Jahrzehnte später unter Ludwig dem Frommen und dem Bulgarenkhan Omurtag wegen der Abgrenzung der Interessensphären und Einflußgebiete zu kriegerischen Auseinandersetzungen [2]. Erst das Erstarken des Großmährischen Reiches vereinte die beiden Gegner in der zweiten Hälfte des 9. Jhs. wieder gegen einen neuen gemeinsamen Feind.

 

 

1. L. Schmidt, Die Ostgermanen (München 1969) 541-542.

 

2. Monumenta Germaniae Historica, Scriptorum 1, 213; 214; 216.

 

 

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    Germanen.

 

Innerhalb der genannten zeitlichen Eckwerte sind anfangs noch germanische Stämme, Langobarden und Gepiden, die geschichtsbestimmenden Völkerschaften. Die Quellenlage ist bei ihnen jeweils verschieden. Nach der schriftlichen Überlieferung ist ein Fortleben von Langobarden westlich der Donau nach 568 zu verneinen [3]. Die spätere Anwesenheit von langobardischen Bevölkerungsteilen läßt sich nur archäologisch erschließen. Dieses wurde für das Gräberfeld von Vârpalota angenommen, wo auf das germanische Gräberareal bis zu dem awarischen Gräberteil eine schmale Zwischenzone folgt, von der angenommen wird, daß hier die von den Awaren versklavten Langobarden bestattet wurden. Wegen der verschiedenen Tiefe der germanischen und awarischen Gräber wird diese Deutung aber auch bestritten [4].

 

Bei den Gepiden ist die Quellenlage umgekehrt. Als der byzantinische Feldherr Priskus im Jahre 600 in das Banat eindrang, zerstörte er dort drei gepidische Dörfer, ebenso nahmen an der mißglückten Belagerung Konstantinopels durch die Awaren im Jahre 626 auch Gepiden teil [5]. In den früheren Wohnsitzen an der Theiß konnten aber bisher die literarisch bezeugten Gepiden archäologisch nicht erfaßt werden, und auch in Siebenbürgen ist in den Beigaben der Gräberfelder und Grabgruppen keine Fortdauer der Gepiden nach 567 zu erkennen. Wertet man aber wie in Vârpalota die horizontal stratigraphische Verteilung der Gräber nach sozialen Gesichtspunkten und Besitzverhältnissen aus, so lassen sich in einigen Gräberfeldern an der Theiß und in Siebenbürgen in gesonderten Randzonen die frühawarenzeitlichen Bestattungen der Gepiden abgrenzen. Dabei ist von der Überlegung auszugehen, daß die awarischen Sieger den unterworfenen Gepiden kaum noch das Tragen von Waffen und von Schmuck aus Edelmetall gestattet haben dürften und daß ihre veränderte Rechtsstellung und die ungünstigere Rechtslage auch in der Grabausstattung zum Ausdruck kommen. Arme und beigabenlose Gräber wären demnach spät einzustufen, wenn sie geschlossen in Kontaktzonen zu awarischen Gräbern oder in Randlage auftreten und sich von

 

 

3. Paulus Diaconus 11, 26 in: Monumenta Germaniae Historica, Scriptores rerum Langobardicarum et ltalicarum, saec. V1-1X, ed. G.H. Pertz, 1878, 86-87.

 

4. J. Werner, Die Langobarden in Pannonien (München 1972) 47-48; dagegen: 1. Bona, Acta Arch. Hung. 7, 1956, 239-242; ders., Acta Arch. Hung. 23, 1971, 291.

 

5. L. Schmidt a.a.O. (Anm. 1) 542-543.

 

  

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Kernbereichen mit reichen und mittleren Gräbern abheben. Dieses ist auf den Plänen der Gräberfelder von Szentes-Naghegy, Szöreg und Moresti klar zu erkennen [6].

 

Es gibt allerdings auch noch eine andere germanische Grabgruppe, die auch Waffen und Schmuck führt und nur in Siebenbürgen, anscheinend aber nicht an der Theiß vertreten ist [7]. Ihre kennzeichnenden Gräberfelder von Band, Noslac und Unirea-Vereşmort liegen alle in der Umgebung der großen Salzvorkommen von Uioara und Turda, und hier betreuten reiche germanische Salzherren den Abbau der Salzblöcke und ihre Verschiffung auf dem Mieresch. Sie konnten sich dadurch vermutlich eine günstigere Rechtsstellung bewahren, die ihnen auch gestattete, Waffen und Schmuck zu tragen. Der zeitliche Schwerpunkt dieser Gräberfelder liegt teilweise in der ersten Hälfte des 7. Jhs. und zeitlich entsprechen ihnen noch die frühawarenzeitlichen armen und beigabenlosen gepidischen Gräber. Das Ende der Gräberfelder aus dem Miereschbogen bezeichnet auch das Verschwinden der Germanen im Karpatenraum, das spätestens um die Mitte des 7. Jhs anzusetzen ist.

 

 

    Slawen

 

Das früheste Auftreten einer neuen Bevölkerungsgruppe bedeutet noch nicht, daß sie auch bereits geschichtswirksam in Erscheinung tritt. Die Slawen werden zuerst unter Justin 1. an der unteren Donau erwähnt [8], doch sind sie archäologisch erst viel später anscheinend in den sogenannten "slawischen" Fibeln zu erfassend. Zeitlich liegt der Schwerpunkt der slawischen Maskenkopffibeln in der ersten Hälfte des 7. Jhs., und da sie beinahe ausschließlich Einzelfunde sind, ist es nicht ausgeschlossen, daß sie in nicht beachteten Brandschüttungsgräbern lagen. Erst mehr als ein Jahrhundert nach der frühesten Erwähnung der Slawen an der unteren Donau treten sie in Mittel- und Westrumänien in der zweiten Hälfte des 7. Jhs. in Brandgräberfeldern in Erscheinung. Dem Aussetzen der germanischen Reihengräber mit Körperbestattung um die Mitte des Jahrhunderts

 

 

6. K. Horedt, Germania 63, 1985, 164-168.

 

7. K. Horedt, Dacia N.S. 21, 1977, 261-265; 267-268.

 

8. Pauly-Wissowa, Realenzyklopädie 3.A, Bd. 1 (1927), s.v. Slaweneinfälle (Enßlin).

 

9. J. Werner in: Reinecke-Festschrift (Mainz 1950) 150-172.

 

 

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entspricht der Beginn der Gräberfelder der sogenannten Mediaschgruppe mit slawischer Brandbestattung [10]. Im Vergleich zu dem dichten Netz der slawischen Ortsnamen ist ihre Zahl noch gering, erlaubt aber immerhin mit archäologischen Beweismitteln einen geschichtlichen Vorgang zu erfassen. Erstaunlich spärlich sind bisher slawische Brandgräber in Ungarn und im nördlichen Jugoslawien. In Verbindung mit den Bronzegußarbeiten stellt sich auch die Frage ihrer möglichen slawischen Zugehörigkeit. Reitervölker sind nicht zahlreich, ihre Gräberfelder haben einen geringen Umfang, und es ist durchaus begründet, für die etwa 30.000 "awarischen" Gräber mit Bronzegußarbeiten ihren ausschließlich reiternomadischen Charakter zu bezweifeln [11]. Allerdings ist es dann in gleicher Weise schwierig, sie in ihrer Gesamtheit für slawisch zu erklären, und methodologisch ist nicht geklärt, wie die Grenze zwischen slawischen und awarischen Gräbern mit Bronzegußarbeiten zu ziehen wäre. Die Annahme allerdings, daß diese Gräberfelder bereits vor ihrer Belegung parzelliert worden wären, um gleichsam für das Jenseits ein Spiegelbild vom sozialen Aufbau und der Gesellschaftsstruktur der Awaren zu geben, ist wenig wahrscheinlich [12].

 

 

    Onogurbulgaren. Kuvrat.

 

In einer geistvollen und anregenden Untersuchung wurde kürzlich der Grabfund von Malaja Pereščepina dem Khan der Onogurbulgaren Kuvrat zugesprochen und verstärkt die Aufmerksamkeit auf diesen Volksstamm und seine Bedeutung im ausgehenden 7. Jh. gelenkt [13]. Für die Zuweisung sprechen schlüssige Indizienbeweise, und die für Malaja Pereščepina  gegebene Deutung bietet auch eine Möglichkeit, geschichtlich und archäologisch die Überlieferung über die fünf Kuvratsöhne zu verfolgen und zu überprüfen. Nach dem Tode Kuvrats teilte sich unter dem Druck der innerasiatischen Chasaren der Volksstamm. Der älteste Sohn Bajan trat die Erbfolge seines Vaters an und wurde den Chasaren tributpflichtig, der zweite, Kotragos, wich nach Westen aus und ließ sich auf dem

 

 

10. K. Horedt, Zeitschr. Arch. 10, 1976, 35-57.

 

11. A. Toiik, Studijne zvesti AUSAV 16, 1968, 255-260.

 

12. Gy. Läszlö, Etudes archeologiques sur l'histoire de la societe des Avares. Arch. Hungarica 34 (Budapest 1955) 21-133.

 

13. J. Werner, Der Grabfund von Malaja Pereiščepina und Kuvrat, Kagan der Bulgaren. Bayer. Akad. Wiss., phil.- hist. Kl., Abhandl. N.F. 91 (München 1984).

 

 

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rechten Ufer des Don nieder und der dritte, Asparuch, überschritt 681 die Donau und gründete das balkanbulgarische Reich. Dieses historisch beglaubigte Ereignis stützt auch die Nachrichten über die Schicksale seiner beiden jüngeren Brüder. Der vierte Bruder Kuber zog nach Pannonien und unterstellte sich vorübergehend den Awaren, während der jüngste in der Umgebung von Ravenna unter byzantinische Oberhoheit gelangte [14]. Archäologisch läßt sich der Zug Kubers am klarsten durch den Horizont der goldenen Trinkhörner verfolgen, die von Malaja Pereščepina ausgehend im Schatzfund von Großsanktnikolaus, Sânnicolau Mare, Nagyszentmiklös am unteren Mieresch auftreten und dann im Zwischenstromland in Bocsa und Kunbabony weiter nach Westen führen. Sie stecken geradezu die Richtung ab, in der der onogurbulgarische Kuberzug in die Theißebene erfolgte.

 

 

    Sermesianoi und die albanischen Funde.

 

Kuber, der vierte Kuvratssohn, blieb allerdings nicht lange in Pannonien. Im zweiten Jahrzehnt des 7. Jhs. hatten die Awaren, vermutlich zu wiederholten Malen, Bewohner von Thessalonike und seiner Umgebung in den Bereich von Sirmium deportiert und etwa um 680 setzte der Awarenkhagan Kuber als Oberhaupt über diese Sermesianoi ein. Nach wenigen Jahren, jedenfalls noch im vorletzten Jahrzehnt des 7. Jhs., erhoben sie sich unter der Führung von Kuber gegen die Awaren und überschritten die Donau, um wieder in ihre Heimat zurückzukehren. Nachdem die Sermesianoi etwa Dreiviertel der Wegstrecke in der Richtung nach Thessalonike zurückgelegt hatten, ließen sie sich in der keramesischen Ebene (keramesios kampos) nieder. Diese wird in einer Entfernung von etwa 40 km von Stobi in Pelagonien lokalisiert, auf halbem Weg zwischen Stobi im Vardartal und Heraclea Lyncestis (Monastir, Bitola), jedenfalls liegt sie östlich des Ochridsees, durch den die Grenze zwischen Jugoslawien und Albanien verläuft [15].

 

Es wurde kürzlich versucht, zwei wichtige Funde aus Albanien, den seit langem bekannten aus Vrap und den später zum Vorschein gekommenen von Erseke mit diesen Ereignissen in Zusammenhang zu bringen und sie historisch zu datieren

 

 

14. S. Szadeczky-Kardoss, Antik tanulmänyok 15, 1968, 84-87.

 

15. P. Lemerle, Les plus anciens recueils des Miracles de Saint Demetrius et la penetration des Slaves dans les Balkans 2: Commentaire (Paris 1981) 137-150.

 

 

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und zu deuten [16]. Topographische und archäologische Erwägungen sprechen gegen einen solchen Versuch. Vrap in Albanien liegt südöstlich von Tirana, ungefähr auf gleicher Höhe mit dem Ochridsee und in einer Entfernung von etwa 130 km von den Wohnsitzen der Sermesianoi in der keramesischen Ebene. Der Fund kann also nicht mit diesen in Verbindung gebracht werden und das Gleiche gilt auch für den aus Erseke. Die Beschläge beider Funde sind einmal durch ihr Material bemerkenswert, da sie im Gegensatz zu den karpatenländischen Bronzegußarbeiten aus Gold gearbeitet sind und nördlich der Donau nur Einzelstücke von solchen Garnituren als seltene Unikate vorkommen. Die albanischen Funde weisen außerdem eine bereits vollentwickelte Rankenornamentik auf, die nach bisherigen Erkenntnissen erst im 8. Jh. ausgeführt wird [17]. Vertritt man die historische Datierung der Funde, so müßte vorher der Nachweis erbracht werden, daß die Ranken- und Greifenornamentik früher einsetzte, als bisher angenommen wurde, da Kuber mit den Sermesianoi sonst von den Awaren Funde geraubt hätten, die es damals nördlich der Donau überhaupt noch nicht gab. Es erscheint deswegen eher angezeigt, auf die angenommene historische Datierung der albanischen Funde in das vorletzte Jahrzehnt des 7. Jhs. zu verzichten und sie erst später in das 8. Jh. anzusetzen.

 

 

    Der Schatzfund von Großsanktnikolaus.

 

Von den Goldfunden mit Trinkhörnern nimmt der umfangreiche Schatzfund von Großsanktnikolaus eine Sonderstellung ein. 1917 gelang es V. Thomsen die mit griechischen Buchstaben geschriebene türkbulgarische Inschrift der Schale 21 zu übersetzen und historisch zu deuten. Er nahm an, daß die Inschrift der Schale im letzten Drittel des 9. Jhs. angebracht und der Schatz im letzten Jahrzehnt des 9. Jhs. während der ungarischen Landnahme verborgen worden sei [18]. Trotz der übereinstimmenden Meinungsbildung über den Schatzfund muß man ihn im 9. Jh. als einen Fremdkörper empfinden, da in diesem Zeitabschnitt für seine Zusammensetzung, die Form der Gefäße und ihre Ornamentik im Karpatenraum

 

 

16. J. Werner, Der Schatz von Vrap in Albanien. Österr. Akad. Wiss., phil.-hist. Kl. (Wien 1985)

 

17. Zur Forschungsgeschichte und zeitlichen Gliederung der awarischen Denkmäler siehe I. Kovrig, Das awarenzeitliche Gräberfeld von Alattyân (Budapest 1963) 224-241; vgl. auch den Beitrag von fi. Garam in diesem Band.

 

18. V. Thomsen, Samlede afhandlinger 3 (Kopenhagen/Oslo 1922) 325-353.

 

 

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und auch südlich der Donau Analogien fehlen. Von den 23 Gefäßen diente beinahe die Hälfte als Trinkgeschirr, das auch sonst einen beinahe konstanten Bestandteil der Ausstattung von reichen mittelawarenzeitlichen Gräbern bildet. Eine kürzliche Zusammenstellung verzeichnet 16 Fundorte, denen noch die beiden Funde aus Albanien, von Vrap und Erseke hinzuzufügen sind [19]. Die reichentwickelte und hochstehende Ornamentik der Gefäße von Großsanktnikolaus trägt eindeutig sassanidisches Gegräge. Eine zweite Komponente im Schatzfund ist byzantinisch und ergibt sich aus den griechischen Inschriften und den Kreuzzeichen. Den türkbulgarischen Auftraggeber erschließen die Inschrift in türkbulgarischer Sprache und die Runenschrift. Man darf annehmen, daß die Gefäße in einer sassanidischen Werkstatt oder von einem sassanidischen Goldschmied im 7. Jh. in einer Kontaktzone hergestellt wurden, wo sassanidische Einflüsse und die türkbulgarische Sprache sowie ihre Runenschrift bekannt waren und zusammentrafen. Besitzer des Schatzes von Großsanktnikolaus waren aber nicht späte Nachkommen von Asparuch, wie Thomsen annahm, sondern einer seiner beiden jüngeren Brüder oder ein Würdenträger von ihnen [20]. In der letzten umfassenden Veröffentlichung des Fundes wurde er der ungarischen Goldschmiedekunst und der ungarischen Kultur zugewiesen [21]), doch ist eine solche Spätdatierung erst um die Jahrtausendwende archäologisch und historisch weniger überzeugend.

 

 

    Die Herkunft der Sekler.

 

Die unwahrscheinliche Spätdatierung des Schatzfundes von Großsanktnikolaus um die Jahrtausendwende verbaut aber eine viel wichtigere Erkenntnis, die sich aus der hier vorgeschlagenen Frühdatierung in die zweite Hälfte des 7. Jhs. ergibt und die Möglichkeit bietet, die vielerörterte Herkunftsfrage der Sekler einer Lösung näherzubringen.

 

Nach ihrer Herkunftssage sind die Sekler Hunnen, die um Nachstellungen zu entgehen, nach dem Tode Attilas sich einen anderen Namen zulegten und auf das "Chiglefeld" und nach Siebenbürgen zogen. Als die Madjaren noch in Ruthe-nien weilten, nahmen sie die Verbindung zu ihnen auf und schlössen sich ihnen

 

 

19. E. Garam, Folia Arch. 27, 1976, 143; Für Trinkhörner in der Mittelawarenzeit: dies., Folia Arch. 33, 1982, 209-212.

 

20. K. Horedt, Arch. Korrbl. 13, 1983, 503-505.

 

21. Gy. Läszlo, Steppenvölker und Germanen (Wien/München 1970) 142; 143; Gy. Lâszlo u. I. Râcs, Der Goldschatz von Nagyszentmiklos (Wien/München 1983).

 

 

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Abb.1 Die Sekler Runenschrift nach der Nikolsburger Handschrift, 15.Jh.

 

 

an [22]. Ihr Name wird vom türkischen "Sikil" (von edler Herkunft) abgeleitet und zeigt, daß sie ursprünglich ein türkischer Volksstamm waren. Sie bewahrten bis in die Neuzeit eine eigene Runenschrift (Roväsiras), in der 16 Zeichen aus der türkischen Runenschrift und vier Buchstaben aus dem griechischen Alphabet entlehnt sind. Die Entstehung der Schrift wird in das Pontusgebiet verlegt und enthält in der Zusammensetzung der Schriftarten die gleichen Komponenten, die auch in den Gefäßen von Großsanktnikolaus vertreten sind. Die Sekler Runenschrift ist in den Chroniken des 13. Jhs. bezeugt, in der Nikolsburger Handschrift bereits im 15. Jh. aufgezeichnet (Abb. 1). Sie wurde bis in das 18. Jh. hinein verwendet [23]. Es muß aber betont werden, daß es keine madjarische sondern nur eine Sekler Runenschrift gibt. Ihr Stammesname, ihre Runenschrift und

 

 

22. Scriptores Rerum Hungaricarum 1, ed. E. Szentpetery (Budapest 1937) 162; Kezai I, 21, 278-279; Chronicon Pictum Vindobonense 21; J. Nemeth, Archivum Europae centro-orienta-lis 6 (Budapest 1940) 208-217.

 

23. Vgl. Anm. 22; J. Nemeth, Die Inschriften des Schatzes von Nagy-Szent-Miklos. Anhang 2: Die ungarische Kerbschrift (Berlin/Leipzig 1932) 60-84; E. Jakubovich, Ungarische Jahrb. 15. 1936, 440-451·

 

 

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ihre Herkunftslegende stellen kausal und ethnisch eine Verbindung der Sekler zu den Türkbulgaren her, wobei bedeutungslos ist, ob es sich um Reste der Kuvrat-oder Kuberbulgaren handelt und sie sich den landnehmenden Ungarn bereits außerhalb der Karpaten oder erst in der Theißebene anschlössen. Reiternomadischem Brauch entsprechend kämpften sie dann als Verbündete der Ungarn in der vordersten Schlachtreihe oder dienten als Grenzwächter.

 

 

    Zur historischen Deutung der Bronzegußarbeiten.

 

Bronzegußarbeiten sind überall im reiternomadischen Bereich vertreten und reichen von der Theißebene bis nach Minussinsk und dem Altaigebirge [24]. Ihr unvermitteltes Auftreten im Karpatenbecken etwa um 680 kann aber nicht durch kulturelle Mutation erklärt werden, sondern man erblickt in ihnen zutreffend die Anzeichen einer neuen Wanderwelle aus dem Osten, die einen ethnischen Träger voraussetzt [25]. Der Anstoß für diese Bewegung scheint wie in der Zeit der Hunnen von China ausgegangen zu sein. In der zweiten Hälfte des 6. Jhs. schließen sich die Türken zu einem west- und einem osttürkischen Khaganat zusammen, das für ein Jahrhundert die chinesische Nordgrenze bedroht. Das westtürkische Khaganat erstreckt sich westlich des lrtysch im Siebenstromland, und es gelang der Tangdynastie erst in der zweiten Hälfte des 7. Jhs., es so weit zu schwächen, daß es seine Einheit verlor und aufhörte, als selbstständiges Reich zu bestehen [26]. Es ist möglich, daß während dieser Kämpfe die Westtürken auch nach Westen auswichen, auf die Chasaren am Kaspischen Meer drückten, die ihrerseits nach dem Tode Kuvrats die Onogurbulgaren in Bewegung setzten. Als ein paralleler Vorgang könnten die Träger der Bronzegußarbeiten als eine neue, ethnisch gebundene Wanderwelle bis in den Karpatenraum vorgestoßen sein. In einer Kettenreaktion, an der Westtürken, Chasaren und Onogurbulgaren beteiligt sind, erreichen diese Bewegungen die Theißebene, wo sich ihre reiternomadische Dynamik bricht und wie vorher und nachher im Falle der Hunnen und Madjaren zum Stillstand kommt. Auf diese möglichen Zusammenhänge wurde in der Literatur bisher kaum hingewiesen und es soll auch hier nur mit der gebotenen Vorsicht und Zurückhaltung geschehen.

 

 

24. N. Fettich, Bronzeguß und Nomadenkunst (Prag 1929).

 

25. Gy. Laszlö a.a.O (Anm. 12) 179L; I. Kovrig a.a.O. (Anm. 17) 231.

 

26. O. Franke, Geschichte des chinesischen Reiches 2 (Berlin 1961) 247-248; 308-394.

 

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Wenig wahrscheinlich ist es aber, in dem Auftreten der Bronzegußarbeiten eine Vorwegnahme der ungarischen Landnahme vom Ende des 9. Jhs. zu erblicken und eine "doppelte Landnahme" zu konstruieren [27]. Ein bisher historisch anerkannter und eindeutiger Vorgang wird dadurch unnötig kompliziert, und die landnehmenden Ungarn gewinnen oder verlieren nichts, wenn man ihrer Geschichte zwei hypothetische und unsichere Jahrhunderte hinzufügt.

 

 

    Zum Begriff der "Awaren".

 

Überblickt man die Hinterlassenschaft der Awaren, so führte ihre archäologische Differenzierung zu einer Vielfalt von Erscheinungen. Auf die Preßarbeiten, die den Kutriguren zugewiesen wurden, folgen die mittelawarenzeitlichen onogurbulgarischen reichen Fürstengräber mit goldenen Trinkhörnern und schließlich die türkischen spätawarenzeitlichen Bronzegußarbeiten. Alle laufen unter der Bezeichnung "awarisch", es ist aber berechtigt zu fragen, ob die Awaren, die um 800 dem vereinten Angriff des fränkischen Reiches und der Bulgaren erlagen, noch die Nachkommen jener Awaren sind, die ihrerseits 567 das gepidische Reich vernichtet hatten [28]. Aus der Optik der byzantinischen Quellen könnte es sich um einen literarischen Topos handeln, unter dem sich wie im Falle der "Skythen" und "Hunnen" verschiedene Völkerschaften verbergen.

 

 

    nzverkehr und der Solidifund vom Firtosch.

 

Die Ereignisse aus der zweiten Hälfte des 7. Jhs. wirken sich auch auf das Wirtschaftsleben aus, dessen Wandlungen am besten in dem Münzumlauf zu erfassen sind. Dieser bricht unter Konstantin Pogonatus (668 - 685) in der zweiten Hälfte des 7. Jhs. ab, und es folgt für zwei Jahrhunderte eine münzlose Zeit, bis im 10. Jh. in den landnahmezeitlichen Gräbern dann wieder Dirhems und westliche Prägungen gehortet werden. Für das Aussetzen des Münzverkehrs werden zwei Erklärungen vorgeschlagen, die sich vermutlich ergänzen [29]. Nach der

 

 

27. Gy. Lâszlo, Arch firt. 97, 1970, 161-190.

 

28. Vgl. auch den Beitrag von W. Pohl in diesem Band.

 

29. D. Csalläny, Acta Arch. Hung. 2, 1952, 235-250; A.P. Kaschdan, Sovetskaja Arch. 21, 1954, 166-172.

 

 

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einen unterbrach die Errichtung des bulgarischen Reiches südlich der Donau die Münzzufuhr nach dem Norden. Nach einer anderen bedingte sie der allgemeine wirtschaftliche Niedergang des byzantinischen Reiches, das durch die Slawen und die arabischen Eroberungen geschwächt war.

 

Eine Sonderstellung nimmt in diesem Zeitabschnitt der Solidifund vom Firtosch ein, der weniger bekannt ist und auf den hier etwas eingehender hingewiesen werden soll [30]. Der Firtosch ist ein etwa 1000 m hohes Bergplateau zwischen den beiden Kokein in Ostsiebenbürgen, das nach Westen durch schwer zugängliche oder nicht besteigbare Steilhänge geschützt ist. Hier wurde 1831 der größte Solidifund des Karpatenbeckens entdeckt, der etwa 5000 Münzen enthalten haben soll und der so umfangreich war, daß einer der Finder seinen Anteil wie nassen Weizen auf einem Tuch trocknete. Nach den spärlichen bestimmten oder noch erhaltenen Exemplaren beginnt die Münzreihe bereits mit Aurelian, und von 379-565 ist die Herrscherfolge bis zu Justinian geschlossen. Sie weist erst nachher, bis zur Schlußmünze von 610 - 641 Lücken auf. Ohne Zweifel handelt es sich in Anbetracht der Größe des Schatzes um Subsidien, die von Byzanz zuerst an die Gepiden gezahlt wurden. Der Münzschatz wurde aber auch nach der Vernichtung des gepidischen Reiches noch ergänzt. Er könnte den reichen gepidischen Salzherren aus den Gräberfeldern am Miereschbogen gehört haben, die den Abbau der dortigen Salzvorkommen und die Verschiffung des Salzes auf dem Mieresch beaufsichtigten und sich dadurch den Awaren gegenüber eine günstigere Rechtsstellung bewahrt haben könnten. Ihre Gräberfelder brechen in dem zweiten Viertel des 7. Jhs. ab, in der gleichen Zeit, in der auch der Münzfund aufhört. In inneren Machtkämpfen zwischen den Awaren und Kutriguren gewannen gleichfalls um 630 die Awaren gegen die Kutriguren die Oberhand und vertrieben diese zu den Bayern nach Westen [31]. Wahrscheinlich wandten sich damals Kutriguren auch nach Osten, wenn sie nicht auch schon vorher hier gelebt hatten, da sich bereits in der Randzone des germanischen Gräberfeldes von Bandu, Mezöband reiternomadische Einflüsse bemerkbar machen. Das Ende der frühawarenzeitlichen germanischen Gräberfelder im Miereschbogen um und nach 630, die Vertreibung der Kutriguren und das Ende des Solidifundes hängen zusammen und müssen durch die gleichen Ursachen bedingt sein. Die Anwesenheit

 

 

30. St. Ferenczi, Siebenbürgische Vierteljahresschr. 62, 1939, 59-78; vgl. auch Mat. şi Cerc. Arh. 8, 1962, 636-640.

 

31. Monumenta Germaniae Historica, Scriptorum rerum Merovingicarum 11, 72; 157.

 

 

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der Kutriguren am Firtosch läßt sich aus zwei frühawarenzeitlichen Preßmodeln erschließen, die am nordöstlichen Fuß des Bergplateaus bei Corund zum Vorschein kamen [32]. Sie entsprechen zeitlich dem Ende des Münzfundes und es ist berechtigt, zwischen den Preßmodeln und dem Solidifund einen ursächlichen Zusammenhang herzustellen, da sie in einer sonst völlig fundleeren Landschaft entdeckt wurden.

 

Die Lage des Bergplateaus weist jedenfalls auf ein dramatisches und tragisches Geschehen hin. Ein Volksstammm oder verbündete Völkerschaften hatten hier eine äußerste Rückzugsstellung bezogen und gleichsam vor dem letzten Gefecht ihre wertvolle Habe der schützenden Erde übergeben. Ähnliche, gleichfalls nur archäologisch nachvollziehbare Ereignisse müssen sich im 5. Jh. bei der Verbergung der Schätze von Pietroasa und von Şimleu Silvaniei zugetragen haben. Das eindruckvollste, historisch überlieferte Beispiel für einen solchen Endkampf ist die Schlacht der Ostgoten gegen Narses am Vesuv, der nur Felix Dahn in seinem "Kampf um Rom" einen versöhnlichen Abschluß gab.

 

 

    Die Herkunft der Rumänen.

 

Viel stärker umstritten als der Ursprung der Sekler ist die Herkunft der Rumänen, für die zwei entgegengesetzte Lehrmeinungen vertreten werden. Nach einer festgefügten Kontinuitätstheorie wird die Bodenständigkeit der Rumänen und ihre Abstammung von den Dakern und Römern vertreten. Die entgegengesetzte Ansicht faßte R. Roesler in der Theorie zusammen, daß Dazien bei seiner Preisgabe völlig evakuiert wurde und die Rumänen erst im 13. Jh. in Siebenbürgen eingewandert seien. Über diese Streitfragen, die auch von politischen Erwägungen beeinflußt sind, gibt es ein umfangreiches, kaum mehr überschaubares Schrifttum [33].

 

Die völlige Romanisierung der Provinzialbevölkerung Daziens im Laufe von nur 170 Jahren, also von etwa sechs Generationen, ist wenig wahrscheinlich, besonders in Ostsiebenbürgen, wo es nur wenige Militärlager und keine Städte gab. In einer kürzlich erschienenen Arbeit wurde der Nachweis geführt, daß bei der

 

 

32. N. Fettich u. A. Marosi, Trouvailles avares de Dunapentele. Arch. Hungarica 18 (Budapest 1936) 92; 83 Abb. 35.

 

33. J. Banner u. I. Jakabffy, A Közep-Dunamedence regeszeti bibliografiäja (Budapest 1954-1981) Bd. 1, 465-478; Bd. 2, 210-211; Bd. 3, 201-203; Bd. 4, 304-308; N. Stoicescu, Continuitatea românilor (Bukarest 1980).

 

 

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Räumung der Provinz nicht die gesamte Bevölkerung abgezogen wurde und im 4. Jh. lassen sich archäologisch vor allem in den westlichen Teilen Romanen nachweisen, ebenso wie im mittleren Nordsiebenbürgen Goten lebten und in der östlichen Hälfte schwach oder nicht romanisierte Daker [34]. Zwischen diesen drei Siedlungsräumen bestehen begreiflicherweise kulturelle Wechselbeziehungen und keine festen Grenzen. Im 5. - 7. Jh. erhält das Fundgut ein einheitliches Gepräge und erlaubt unmittelbar keine ethnischen Unterscheidungen. Ähnliche Verhältnisse wie im Westen machen aber auch im früheren Dazien das Fortbestehen von Romanen in germanischer Zeit wahrscheinlich, das aber in der Quellenüberlieferung, archäologisch oder sprachwissenschaftlich nicht mehr nachweisbar ist. Vom 7. Jh. an wird dann Siebenbürgen als das zentrale Siedlungsgebiet des früheren Dazien völlig slawisiert und spätestens um die Mitte des Jahrhunderts verschwinden auch die Germanen. Wenn man eine romanische Kontinuität über die slawische Sperrmauer hinweg annimmt, so müssen vorher zwei bisher nicht widerlegte Einwände berücksichtigt und beseitigt werden. Es haben sich keine vorslawischen Ortsnamen im Sprachgebrauch erhalten und das einfache slawische Kulturgut läßt noch weniger als das germanische ethnische Unterscheidungen zu. Wenn in germanischen Gräberfeldern nach westlichem Vorbild auch Romanen zu vermuten sind, so können diese nicht unmittelbar darauf in slawischen Brandgräbern vertreten sein und Brandbestattung üben, wenn sie sich vorher in Körpergräbern beisetzten. Das Fehlen von vorslawischen Ortsnamen und der Wechsel im Grabbrauch sprechen gegen eine ununterbrochene romanische Kontinuität in slawischer Zeit im früheren Dazien.

 

Die Rumänen besitzen aber noch unmittelbare Kontakte zu den Slawen und haben slawische Orts- und Flußnamen, wie Bälgrad und Tîrnava übernommen. Einige rumänische Ortsnamen bewahren auch noch die slawischen Nasalvokale z.B. Glîmboaca Liridina, die nach dem übereinstimmenden Urteil der Slawisten nach dem 10./11. Jh. verschwinden [35]. Im 10. Jh. bestanden jedenfalls bereits sprachliche Kontakte zwischen Rumänen und Dakoslawen nördlich der Donau und dieses bestätigt auch die Quellenüberlieferung bei Anonymus, die mittelbar auch archäologisch gestützt werden kann.

 

 

34. K. Horedt, Siebenbürgen in spätrömischer Zeit (Bukarest 1982).

 

35. I. Kniezsa, Archivium Europae centro-orientalis 4 (Budapest 1938) 249-251; E. Petroviciu, Dacoromania, Buletinul "Muzeului limbii române" 10, 1938-1941, 235-237; 518-520.

 

 

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In letzter Zeit wurde den vorlateinischen Substratwörtern im Rumänischen besondere Beachtung geschenkt, von denen es etwa 160 gibt [36]. 75% davon treten auch in den rumänischen Dialekten südlich der Donau oder im Albanischen auf und weisen auf ursprünglich gemeinsame oder benachbarte Siedlungsgebiete hin, da die übereinstimmende Auslese der Substratwörter nicht zufällig sein kann. Die rumänischen Teilstämme müßten alle gemeinsam nördlich der Donau gelebt haben, wofür es keine Anhaltspunkte gibt oder umgekehrt sind die Dakorumänen aus dem Süden nach Norden gewandert.

 

Nach dem 10./11. Jh. verschwinden die Dakoslawen und lassen sich im 12. Jh. weder archäologisch, noch in der Quellenüberlieferung, in Urkunden oder sprachwissenschaftlich mehr nachweisen. Die um die Mitte des 12. Jhs. einwandernden Siebenbürger Sachsen weisen in ihren Ortsnamen keine unmittelbare sprachliche Berührung mehr zu den Slawen auf [37].

 

Nach der der Kontinuitätstheorie entgegengesetzten Lehrmeinung von R. Roesler sind die Rumänen erst im 13. Jh. aus dem Süden nach Siebenbürgen eingewandert. Ein so später Zeitansatz ist aber nicht wahrscheinlich, da ein nomadisierendes oder transhumantes Hirtenvolk nicht bereits in der Zeit seiner Einwanderung im Jahre 1210 über ein eigenes Aufgebot, urkundlich bezeugten Waldbesitz, und außerdem als frühe ungarische Lehen über selbstständige Gebietseinheiten (Länder-Tari) verfügen konnte [38].

 

Bei einer unvoreingenommenen Überprüfung der Beweislage scheint sich als Lösung für die Herkuhftsfrage der Rumänen zeitlich und sachlich ein Mittelweg abzuzeichnen, der den historischen Tatsachen am ehesten Rechnung trägt. Beide extremen Positionen, eine ununterbrochene Kontinuität oder eine späte Einwanderung erst im 13. Jh. sind kaum zu beweisen und müssen durch Zwischenlösungen ersetzt werden. Nach der einen, der von D. Onciu vertretenen "Admigrationstheorie", verstärkten Zuwanderungen aus dem Süden einen im Norden bestehenden romanischen Kern, doch müssen für seinen Nachweis dann die

 

 

36. I. I. Russu, Elemente autohtone in limba româna (Bukarest 1970); ders., Dacoromania, Jahrbuch für östliche Latinität 1, 1973, 189-196.

 

37. Α. Kisch, Korrbl. Ver. siebenbürgische Landeskunde 47, 1924, 2; W. Scheiner, Balkan-Archiv 2, 1926, 7-11; E. Petroviciu a.a.O. (Anm. 35) 526; 529.

 

38. Istoria României 2 (Bukarest 1962) 69; 112; Documente privind istoria României, C. Transilvania 1,1 (Bukarest 1951) 338 (für das Jahr 1210); 209 u. 384 (für das Jahr 1224); für die rumänischen "Länder" am Nordrand der Südkarpaten D. Prodan, Anuarul Inst. Istorie 6, 1963, 161; 1. Moga, Scrieri istorice (Cluj 1973) 56-88.

 

 

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erwähnten Einwände beseitigt werden, die sich aus dem Fehlen von vorslawischen Ortsnamen und dem unvermittelten Wechsel im Grabbrauch von Körper-zu Brandbestattung ergeben. Nach einer anderen Ansicht, die zuerst seinerzeit J. Chr. Engel aussprach, begann die Einwanderung der Rumänen aus dem Süden im Rahmen der bulgarischen Oberhoheit im 9. Jh. "Admigration" oder Einwanderung aus dem Süden im 9. Jh. scheinen gegenwärtig die beiden einzig möglichen und wissenschaitlich diskutablen Alternativen zur Klärung der Herkunftsfrage der Rumänen zu sein.

 

 

    Die Bodenschätze des Karpatenbeckens, Salz, Gold, Kupfer.

 

Es ist noch auf die Bedeutung der Bodenschätze des Karpatenbeckens für die Geschichte dieses Zeitraumes, von Salz, Gold und Kupfer hinzuweisen. Der Zusammenhang zwischen den frühawarenzeitlichen germanischen Gräberfeldern des Miereschbogens und den dortigen Salzvorkommen wurde bereits hervorgehoben. Von der oberen Theiß bei Sighetu Marmaţiei zieht sich über Ocna Dej, Cojocna, Turda und Uioara bis nach Südsiebenbürgen bei Ocna Sibiului-Salzburg neben Hermannstadt eine Synklinale von Salzvorkommen. Sie besaßen eine wirtschaftlich beherrschende Stellung, da es in der Theißebene und auf der Balkanhalbinsel keine Salzstöcke gibt. Einen überzeugenden Beleg für ihre Bedeutung bildet, allerdings erst vom Ende des 9. Jhs., eine Gesandtschaft, die der fränkische König Arnulf 892 zum Bulgarenkhan schickte. Sie durchquerte halb Europa und sollte nur über zwei Punkte mit den Bulgaren verhandeln: die früheren freundschaftlichen Beziehungen zwischen dem fränkischen und bulgarischen Reich zu erneuern und zweitens zu ersuchen, dem Großmährischen Reich kein Salz mehr zu liefern [39]). Die erwähnten westsiebenbürgischen Salzvorkommen lagen damals im bulgarischen Einfluß- und Herrschaftsgebiet.

 

In römischer Zeit wurden die Goldvorkommen des Siebenbürgischen Erzgebietes bergmännisch abgebaut, nach der Räumung der Provinz aber nur mehr als Waschgold ausgebeutet. Die Fingerringe aus dem ersten Fürstengrab von Apahida aus dem 5. Jh. sind aus rötlichem Solidigold gefertigt, mit Ausnahme des Namensringes von Omharus, der aus hellerem silberhaltigen siebenbürgischen

 

 

39. Monumenta Germaniae Historica, Scriptorum 1, 408 (1892).

 

 

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Waschgold hergestellt ist. Wie der Ortsname Zlatna, Zalatna (von sl. "zlato") belegt, war das Vorkommen des Schwemmgoldes auch den Slawen bekannt. Das Auftreten der Bronzegußarbeiten der späten Awarenzeit geht auf östliche Anstöße zurück, ihre besonders intensive Verbreitung im Karpatenraum ist aber durch die Kupferlagerstätten in der Slowakei und in Nordwestrumänien zu erklären, die die Voraussetzung für ihre Herstellung bildeten. Eine Karte ihrer quantitativen Verbreitung würde vermutlich zur Feststellung führen, daß entsprechend dem Abstand von diesen Vorkommen mengenmäßig auch die Häufigkeit der Bronzegußarbeiten abnimmt.

 

Gestatten Sie mir abschließend eine persönliche Bemerkung. Ich bin mir bewußt, daß meine Ausführungen nicht uneingeschränkte Zustimmung finden werden. Eine wissenschaftliche Veranstaltung dient aber auch dem Austausch von gegensätzlichen Meinungen und selbst auf die Gefahr hin, die Harmonie etwas zu beeinträchtigen, schien es mir trotzdem angebracht, mich an den bewährten Satz zu halten "sed magis amicus veritas".

 

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